Bild: Privat
Sarah-Julia Kriesch steht kurz vor dem Abschluss ihres Informatikstudiums. Ihren Traumjob hat sie danach schon sicher.

Sie hatten einen Plan für ihre Zukunft, dann kam Corona: Junge Erwachsene treffen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie besonders hart, Jobs und Ausbildungsplätze brechen weg. In unserer Serie "Generation Corona" berichten einige von ihnen, wie sie die Krise erleben. In dieser Folge: Sarah-Julia Kriesch, 33, muss nur noch ihre Bachelorarbeit abgeben, dann ist sie fertig mit dem Informatikstudium. Danach wird sie bei einem Tech-Konzern arbeiten, den Arbeitsvertrag hat sie schon unterschrieben – trotz Corona.

Generation Corona

Im Alter zwischen 20 und 30 sortiert sich für viele Menschen das Leben: Ausbildungen werden abgeschlossen, erste und zweite Jobs ausprobiert, man investiert Geld in Wohnungen, Autos oder Aktien, findet Freunde oder Partner fürs Leben. Was bedeutet es für eine Generation, wenn dieser Prozess dramatisch verlangsamt wird – weil Corona das Leben lahmlegt? 

In unserer Serie "Generation Corona" beschäftigen wir uns mit dieser Frage. Wir lassen Betroffene zu Wort kommen, sprechen mit Expertinnen und analysieren politische Entscheidungen. Du hast einen Hinweis? Dann schreib uns an redaktion@bento.de.

"Mit Anmeldung meiner Bachelorarbeit hatte ich den ersten Job bereits in der Tasche. Ich studiere Informatik an der Technischen Hochschule Nürnberg. Dort wurde uns empfohlen, die Abschlussarbeit in einem Unternehmen zu schreiben, um hinterher bessere Jobchancen zu haben. Zuerst wollte ich mit einem IT-Dienstleister in Nürnberg zusammenarbeiten, das kam wegen Corona allerdings nicht mehr zustande. Also habe ich mich bei einem US-Technologiekonzern in einer anderen Stadt beworben. Um meine Arbeit dort schreiben zu dürfen, musste ich gleich den Vertrag für eine feste Stelle im Anschluss unterschreiben – das habe ich natürlich gern gemacht! 

Traumjob in der Linux-Entwicklung

Eigentlich müsste ich gerade täglich mit dem Auto in die Firma pendeln, knapp drei Stunden sind es pro Strecke. Doch wegen der Pandemie arbeite ich komplett im Homeoffice. Da ist Corona für mich sogar ein Vorteil. Ich habe den Computer nach Hause geschickt bekommen und programmiere von hier.

In meiner Abschlussarbeit untersuche ich, wie der Konzern Open-Source-Technologien nutzen kann. Open Source bedeutet, dass etwas im Netz frei verfügbar ist. Jeder Code wird online veröffentlicht und gemeinsam weiterentwickelt, man teilt sein Wissen also mit anderen. Eines der bekanntesten Open-Source-Projekte ist Linux, ein alternatives Betriebssystem zu etwa Windows. Ich wollte immer schon in die Linux-Entwicklung, und jetzt stehe ich kurz davor.

„Auf meinen Berufseinstieg wirkt sich Corona kaum aus.“
Sarah-Julia

Ab Oktober, wenn ich die Arbeit abgegeben habe, werde ich nämlich weiter als Open Source Linux Full-Stack Developer für den Konzern arbeiten. Der Vertrag für die Stelle ist unbefristet, ich werde gut verdienen, monatlich 4.350 Euro brutto. Beschweren kann ich mich also nicht, auf meinen Berufseinstieg wirkt sich Corona kaum aus. Bei einigen Tech-Konzernen werden zwar auch Stellen gekürzt (SPIEGEL), aber im Vergleich zu anderen Branchen sieht es für Informatikerinnen und Informatiker noch ganz gut aus. Aktuell bekomme ich über Karriereplattformen immer noch Jobangebote.

Erst Ausbildung, dann Hochschule

Doch meine Karrierechancen sahen nicht immer rosig aus: Nach dem Realschulabschluss machte ich eine Ausbildung zur Fachinformatikerin bei einem Ingenieurdienstleister, danach arbeitete ich vier Jahre lang als Linux-Systemadministratorin. In der Branche arbeiteten hauptsächlich Männer, in den Führungspositionen sogar ausschließlich. Ich war gut in meinem Job, nur aufsteigen hätte ich nicht können. Das sagte man mir zumindest – und schob es auf den fehlenden akademischen Abschluss oder mein Alter. Meine Chefs sahen in mir vermutlich nur eine Frau mit Berufsausbildung, die mit Ende 20 sicher bald Kinder bekommen würde (bento). Aber ich wollte mehr!

Also entschloss ich mich, zu studieren. An der Hochschule lernte ich ein ganz anderes Arbeitsumfeld kennen. An meinem Institut spielte es offenbar keine Rolle, dass ich eine Frau war. In der freien Wirtschaft hatte ich das anders erlebt, leider. Ich bekam ein Stipendium, erst 815 Euro und später 930 Euro im Monat, damit konnte ich mein gesamtes Studium finanzieren. Nebenher engagierte ich mich in der Fachschaft, im Senat und im Hochschulrat. Während des Studiums überlegte ich sogar kurz, in der Forschung zu bleiben. Doch die Arbeitsbedingungen dort sind nicht gut, viele Stellen an Unis sind befristet und werden schlecht bezahlt. Deshalb wollte ich zurück in ein Unternehmen.

Der Tech-Konzern, bei dem ich nun arbeite, bietet mir viel – zum Beispiel die Möglichkeit, nächstes Jahr einen Master an der Standford University zu machen. Die Firma hat eine Partnerschaft mit der Uni, dadurch habe ich bessere Chancen, dort aufgenommen zu werden. Das ist jetzt mein Ziel: Ich will an der Eliteuni studieren. Dann würde ich parallel weiter in Teilzeit arbeiten, schließlich finanziert der Konzern das Studium. Arbeit mit Forschung zu kombinieren, finde ich gut – davon profitieren alle."


Fühlen

Aktivismus-Burn-out: Ausgebrannt für die gute Sache
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Burn-out, damit verbindet man Stress und Leistungsdruck. Als Risikogruppe gelten Workaholics, Menschen, die zeitintensiver und zwischenmenschlich fordernder Arbeit nachgehen. Doch nicht nur Top-Manager sind gefährdet, auszubrennen, sondern auch Aktivistinnen und Aktivisten. Diese setzen sich jeden Tag mit globalen Ungerechtigkeiten auseinander und leisten meist unbezahlt wertvolle politische Arbeit – bekommen aber in der Regel keine extra Urlaubstage für ihren Beitrag zum Gemeinwohl.

Ashley Forsson, die sich öffentlich besonders auf ihrem Instagram-Profil für feministisches Empowerment und gegen Rassismus einsetzt, kennt den Konflikt zwischen ihrem politischen Engagement und der eigenen Selbstfürsorge: "Oftmals ist es schwer, mitten im Aktivismus aufzuhören", sagt sie. Auch im Zuge der "Black Lives Matter"-Bewegung erlebt sie eine Welle von Anfragen, denen sie gerecht werden will. Die permanente Abrufbarkeit Sozialer Medien und der Wille zur Veränderung übertönen zuweilen ihren inneren Radar, der Pausen einfordert. "Zum Glück erinnern mich Freunde und auch meine Community daran, zur Ruhe zu kommen. Sie merken es manchmal eher als ich selbst."