Bild: Arno Burgi/dpa

Die meisten Menschen, die ich kenne, schauen sich ihre Gehaltsabrechnung nie genau an. Sie überprüfen vielleicht kurz, ob das Gehalt mit dem übereinstimmt, was ihnen mal vom Chef versprochen wurde und werfen einen Blick auf die finale Auszahlung aufs Girokonto. Dann verschwindet der Gehaltszettel im Ordner.

Auch ich habe meine Abrechnung während der ersten Berufsjahre immer direkt zur Seite gelegt, weil ich die kryptischen Rechenwege und das Bürokratendeutsch nicht verstanden habe. Außerdem war es mir lästig, mich damit zu beschäftigen.

Young-Money-Blog

Die Börse fasziniert Henning Jauernig, 27 Jahre alt, seit der Kindheit. Seine erste eigene Aktie kaufte er, als er 20 war, der erste eigene Aktienfonds folgte ein paar Jahre später. Seine Finanzen regelt er seitdem selbst. Immer wieder löchern ihn seine Freunde mit Finanzfragen: Wie kann ich mein Geld richtig anlegen? Welche Versicherungen brauche ich? Und wie mache ich meine Steuer? Über Antworten auf all diese Fragen schreibt er im Young-Money-Blog.

Es ist aber wichtig, dass sich vor allem Berufseinsteiger zumindest einmal im Jahr in Ruhe ihre Gehaltsabrechnung anschauen. 

Es geht immerhin um bares Geld, wenn bei der Berechnung Fehler gemacht wurden, die das Nettogehalt verändern könnten.

Zudem bekommen Berufstätige ein Gefühl dafür, wie der deutsche Sozialstaat funktioniert, weil sie nachvollziehen, wofür all die Gehaltsabzüge verwendet werden. Das Verständnis ist wichtig, wenn wir bei politischen Debatten über Steuern oder Sozialabgaben mitreden wollen.

In dieser Young-Money-Folge schauen wir uns deshalb die Gehaltsabrechnung einer fiktiven Berufseinsteigerin an und gehen sie gemeinsam Schritt für Schritt durch. 

Unsere Beispielperson nennen wir Marie McMoney. Sie ist 22 Jahre alt und arbeitet als Bürokauffrau bei der Young Money GmbH. Ihre Gehaltsabrechnung für Januar 2018 hat der Dienstleister Datev am 22. Oktober 2018 erstellt.

(Bild: Katja Braun / SPIEGEL ONLINE)

1 Bruttobezüge

Marie verdient als Berufseinsteigerin 2700 Euro brutto im Monat. Zusätzlich übernimmt ihr Arbeitgeber die Kosten für ihr ÖPNV-Ticket in Höhe von 25 Euro. Der Betrag wird zum Bruttogehalt addiert und am Ende wieder vom Nettolohn abgezogen, da der Arbeitgeber die Zahlung dafür abwickelt (siehe Punkt 11). Da das Ticket weniger als 44 Euro monatlich kostet, muss Marie diesen sogenannten Sachbezug nicht versteuern.

2 Lohnsteuer

Von ihrem Bruttogehalt muss Marie 350,58 Euro Lohnsteuer zahlen - es ist der größte Abzug, den die Berufseinsteigerin monatlich verkraften muss. Als Single ist Marie der Lohnsteuerklasse I zugeordnet. Die Höhe der Lohnsteuer hängt in Deutschland außerdem von der Höhe des Einkommens ab: Wer mehr verdient, muss auch mehr Steuern zahlen. Marie zahlt bei einem Jahresbruttoeinkommen von 32.400 Euro rund 13 Prozent Lohnsteuer.

12,98 % (Lohnsteuer) von 2700 Euro (Bruttoeinkommen) = 350,58 Euro

3 Kirchensteuer

Marie ist evangelisch, also muss sie Kirchensteuer zahlen. Die Kirchen finanzieren mit diesem Geld etwa ihr Personal, den Erhalt von Kirchen und karitative Zwecke wie Pflegedienste.

Die Höhe des Abzugs hängt zum einen vom Gehalt und zum anderen vom Bundesland ab, in dem der Arbeitnehmer arbeitet. Marie arbeitet in Bayern:

8 % (Kirchensteuer) von 350,58 Euro (Lohnsteuer) = 28,04 Euro

4 Solidaritätszuschlag (Soli)

Seit 1991 zahlen deutsche Arbeitnehmer einen Solidaritätszuschlag, der auch als Soli bekannt ist. Er dient als Zusatzabgabe, um die deutsche Einheit zu finanzieren. Marie muss dafür 5,5 Prozent der Lohnsteuer an das Finanzamt abgeben:

5,5 % (Solidaritätszuschlag) von 350,58 Euro (Lohnsteuer) = 19,28 Euro

5 Steuerrechtliche Abzüge

Insgesamt belaufen sich Maries steuerrechtliche Abzüge damit auf:

350,58 Euro (Lohnsteuer) + 28,04 Euro (Kirchensteuer) + 19,28 Euro(Solidaritätszuschlag) = 397,90 Euro

6 Krankenversicherung (KV)

Die Krankenversicherung in Deutschland ist eine sogenannte Pflichtversicherung, weil sie für alle Menschen gesetzlich vorgeschrieben ist. Ab einer bestimmten Einkommensgrenze (4.950 Euro im Monat) kann man selbst entscheiden, ob man sich bei einer gesetzlichen oder einer privaten Krankenkasse versichert.

Marie ist gesetzlich versichert und der Beitrag ihrer Krankenkasse liegt bei 15,5 Prozent. Der Beitragssatz, der von Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu gleichen Anteilen übernommen wird, liegt derzeit bei 14,6 Prozent. Zusätzlich muss Marie einen Zusatzbeitrag von 0,9 Prozent übernehmen, sodass sie insgesamt 8,2 Prozent ihres Gehalts für die Krankenkasse zahlt.

8,2 % (Krankenkassenbeitrag) von 2700 Euro (Gehalt) = 221,40 Euro

7 Rentenversicherung (RV)

Deutsche Arbeitnehmer sind verpflichtet, in die gesetzliche Rentenversicherung einzuzahlen. Damit haben sie im Alter einen Anspruch auf Rente. Marie zahlt dafür einen Beitrag von 9,3 Prozent ihres Bruttolohns, ihr Arbeitgeber zahlt den Betrag in gleicher Höhe. Sie teilen sich also die insgesamt 18,6 Prozent Rentenbeitragssatz zu gleichen Teilen.

9,3 % (Beitrag für die Rentenversicherung) von 2700 Euro (Gehalt) = 251,10 Euro

8 Arbeitslosenversicherung (AV)

Damit Marie im Falle der Arbeitslosigkeit abgesichert ist und Arbeitslosengeld beziehen kann, muss sie monatlich einen Beitrag in Höhe von 1,5 Prozent für die Arbeitslosenversicherung zahlen. Auch hier übernimmt ihr Arbeitgeber die andere Hälfte der insgesamt drei Prozent.

1,5 % (Beitrag zur Arbeitslosenversicherung) von 2700 Euro (Gehalt) = 40,50 Euro

9 Pflegeversicherung (PV)

Wer irgendwann einmal pflegebedürftig wird, braucht Hilfe. Deshalb gibt es die Pflegeversicherung. Der Beitragssatz beträgt derzeit einheitlich 2,55 Prozent. Auch diese Beiträge teilen sich Marie und ihr Arbeitgeber:

1,275 % (Beitrag zur Pflegeversicherung) von 2700 Euro (Gehalt) = 34,43 Euro

10 Sozialversicherungsrechtliche Abzüge (SV-rechtliche Abzüge)

Insgesamt belaufen sich Maries sozialversicherungsrechtliche Abzüge damit auf:

221,40 Euro (Krankenversicherung) + 251,10 Euro (Rentenversicherung) + 40,50 Euro (Arbeitslosenversicherung) + 34,43 Euro (Pflegeversicherung) = 547,43 Euro

11 Auszahlungsbetrag

Damit bleibt Marie ein Nettoeinkommen von 1779,67 Euro, abzüglich der Kosten für das ÖPNV-Ticket (siehe Punkt 1), bekommt Marie 1.754,67 Euro auf ihr Konto überwiesen.

Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.

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Gerechtigkeit

Busfahrer wirft alle Leute aus dem Bus – weil sie einem Rollstuhlfahrer keinen Platz machten

Pendeln kostet nerven: Der Bus ist zu spät, zu voll, zu langsam. Doch dabei können sich die meisten Pendlerinnen und Pendler noch glücklich schätzen – denn wer das Ganze auch noch im Rollstuhl erlebt, hat es oft noch schwerer

So zum Beispiel François Le Berre: Durch seine Multiple Sklerose sitzt der Franzose im Rollstuhl und hat immer wieder damit zu kämpfen, überhaupt in einen Bus zu kommen. Nun sorgte genau dieses Problem in Paris für großes Aufsehen.

Was ist passiert?

Fahrgäste eines vollen Busses haben Le Berre einfach keinen Platz zum Einsteigen gemacht. Normalerweise haben Pariser Busse ein bis zwei behindertengerechte Plätze – die aber niemand für Le Berre räumen wollte. (Le Point)

Immerhin hat der Busfahrer cool reagiert: Er warf die anderen Fahrgäste einfach aus dem Bus und nahm Le Berre als einzigen Fahrgast mit.