Bild: Tiago Rosado Unsplash

Zwischen ständig wechselnden Kursen, Vorlesungen mit mehreren hundert Studierenden und einigen lausigen WG-Partys kann die Freundschaftssuche an der Uni anstrengend werden. Aber was ist mit der berüchtigten Ersti-Woche? Da müssten sich doch Freunde fürs Leben finden. Oder wie sieht es mit Projektwochen und Facebook-Gruppen aus? Wir haben mit Studierenden gesprochen, die ihre besten Freunde zwischen Beer Pong und Vorlesungen gefunden haben. Und haben sie gefragt: Wie habt ihr das gemacht?

Asli (24) studiert in Frankfurt Lehramt und kommt ursprünglich aus Freiburg.

Ich bin fürs Studium von Freiburg nach Frankfurt gezogen und kannte damals nur meine Mitbewohnerin, die die Wohnung ebenfalls neu bezog. Ich habe aber nach einer relativ kurzen Zeit einen sehr großen Freundes- und Bekanntenkreis in Frankfurt aufbauen können. In der Ersti-Woche habe ich direkt die Leute angesprochen, die um mich herum waren. Das hat super geklappt, weil alle neu waren und die Hoffnung hatten, neue Leute kennenzulernen. In den Semestern danach hat das aber nicht mehr funktioniert. 

Ich habe ab dem zweiten Semester mehrmals probiert, neue Leute in meinen Seminaren kennenzulernen, aber keiner war so offen wie in der Ersti-Woche. 

Ich glaube das liegt daran, weil man schon einen festen Freundeskreis hat. Das gute an Freundschaften an der Uni ist, dass man sich gegenseitig helfen kann. Allerdings versuche ich persönlich immer meine eigenen Sachen selbst zu erledigen, weil das oft zu Zweckbeziehungen führt, bei denen man nichts Privates bespricht oder unternimmt. Es geht immer nur um die Uni und es gibt auch einige Leute, die das ausnutzen, weil sie die Aufgaben nicht selber machen wollen.  

Ich bin die erste in meiner Familie, die studiert und ich wusste vieles deswegen vorher nicht

Zum Beispiel, dass es Hochschulgruppen oder Stipendien gibt. Ich habe durch verschiedene Hochschulgruppen im Laufe des Studiums sehr viele neue Freunde kennengelernt und meinen Freundeskreis sehr erweitert. Außerdem habe ich so auch ein Stipendium bekommen, wovon ich nur durch Freunde im Studium gehört habe. 

Simon (23) macht aktuell einen Freiwilligendienst in Namibia und hat zuvor in Gelsenkirchen studiert. 

Ich würde mich als einen sehr offenen Menschen bezeichnen. In der Regel gehe ich bei einer ersten Begegnung direkt auf Menschen zu, versuche irgendwie freundlich zu gucken und etwas zu fragen. Und dann entwickelt es sich und endet im besten Fall in einem Gespräch über Fußball oder Musik. 

An der Uni selbst war es sehr einfach für mich neue Freunde zu finden. 

Das lag daran, dass der Studiengang nicht so groß war, und wir eine sehr aktive und coole Fachschaft hatten.

Man hat schnell Freunde gefunden, mit denen man gemeinsam auf die ersten Partys ging. Aber darüber hinaus sitzt man ja auch gemeinsam in einer Vorlesung und arbeitet zusammen an Projekten. Persönlich fand ich es sogar leichter als in der Schule. Bei mir lag das wohl daran, dass ich mit einer überschaubaren Gruppe von Leuten zusammenkam, die sich mehr oder weniger alle für dasselbe interessierten und alle vor der Situation standen, am besten Freunde zu finden, um einfach eine geile Studienzeit zu haben. 

Gegen Ende des Studiums habe ich allerdings auch gemerkt, dass sich einige Freundschaften auseinandergelebt haben. Viele waren im Auslandssemester und danach hatten wir keine gemeinsamen Pflichtkurse mehr. Dazu kam noch, dass viele schon nebenbei gearbeitet haben oder ihre Bachelorarbeit geschrieben haben. Man hat sich nicht mehr so häufig wie am Anfang gesehen und einige Freundschaften sind daran kaputt gegangen. Ich glaube, die größte Schwierigkeit ist nicht Freunde zu finden, sondern Freundschaften aufrecht zu erhalten.

Daniella (24) studiert Jura in Würzburg.

Als ich mich eingeschrieben habe, habe ich gesehen, dass es für die höheren Semester Facebook-Gruppen gibt, aber keine für mein Semester. Ich habe dann ein paar Tage gewartet und geschaut, ob jemand so eine Gruppe für mein Semester erstellt, aber es kam nichts. Dann habe ich einfach selber so eine Gruppe erstellt. Die ersten 50 Leute sind selbstständig in die Gruppe beigetreten. Wir haben uns in der Gruppe vorgestellt und uns dann auch ein paar Wochen vor Beginn des Studiums verabredet und getroffen. 

Ich habe durch die Gruppe relativ schnell Freunde gefunden, die auch bei mir in der Nähe gewohnt haben und mit denen ich dann viel unternommen habe. Ich bin fürs Studium nach Würzburg gezogen und kannte gar keinen. Die Facebook-Gruppe wurde übrigens größer, nachdem die Fachschaft die Gruppe teilte. 

Wir waren dann fast 700 Leute.

Jura ist als Studienfach bereits sehr hart ist und es herrscht ein sehr starker Konkurrenz-Druck, auch unter Freunden. Ich kann verstehen, dass man sich schlecht fühlt, wenn die anderen bessere Noten haben, schließlich hört man an vielen Unis im ersten Semester immer noch als erstes den Satz "Gucken Sie links, gucken Sie rechts, am Ende des Studiums wird Ihr Sitznachbar nicht mehr da sein". 

Ich habe im Studium trotzdem beste Freunde gefunden und für mich ändert sich nichts dadurch, dass sie zum Teil bessere Noten haben als ich. Ich finde das sogar besser, schließlich kann man sich dann gegenseitig unterstützen, sich austauschen und so gemeinsam besser werden. 

 

Moritz, 20 Jahre alt, studiert Informatik und Mathe auf Lehramt in Potsdam.

Ich bin fürs Studium nach Potsdam gezogen und kannte hier gar keinen. Ich habe aber relativ schnell Anschluss gefunden, aber nicht direkt durch das Studium, sondern durch studentische Clubs oder Vereine. Ich bin in einem Zeitungsclub und in der Grünen-Hochschulgruppe und habe dadurch Freunde gefunden. Bevor ich mit dem Studium anfing, wusste ich noch gar nicht, dass es so etwas an der Uni gibt. 

Aber in der Einführungswoche haben sich verschiedene Hochschulgruppe vorgestellt und so habe ich dann davon erfahren. Ich war auch mal in einem Filmclub, wo ich aber nicht mehr aktiv bin. 

Ich habe mich ein bisschen ausprobiert, weil ich mich für viele Sachen interessiere.

Ich glaube, manchmal interessiere ich mich sogar für zu viele Sachen, weil ich vieles gleichzeitig machen will. Aber solche Hochschulgruppen sind eine sehr gute Chance, Freunde an der Uni zu finden und neue Leute kennenzulernen.

Ich habe auch schon in meinen Kursen oder Vorlesungen verschiedene Leute kennengelernt, aber da haben sich nicht wirklich Freundschaften gebildet. Im Lehramt sind die Fächerkombinationen sehr vielfältig und deswegen sieht man nicht immer dieselben Personen. Da ist es schwieriger, Freunde zu werden. Ich grüße zwar meine Kommilitonen, aber ich würde mit den meisten nicht abends was trinken gehen. Mit meinen Freunden aus den Hochschulgruppen sieht das anders aus. Vor allem in dem Zeitungsclub hat sich eine gute Freundschaft gebildet. Wir unternehmen viel, treffen uns abends oder nehmen auch mal an Informatik-Wettbewerben teil.


Gerechtigkeit

Ein offener Brief an Andrea Nahles: "Es wird Zeit, dass ihr Platz macht"
Unser Gastautor ist SPD-Mitglied und wütend auf Andrea Nahles. In einem offenen Brief erklärt er, warum.

Liebe Andrea,

ich bin wütend auf dich. Vor gut anderthalb Jahren standst du am Rednerpult des SPD Parteitages und hast uns mit Schwung und unter tosendem Applaus eine Erneuerung in der Regierung versprochen. Ich habe dir geglaubt. Seitdem durfte ich erst mit Martin Schulz meine Ideen für die SPD auf Pappschilder schreiben, dann mit dir als Vorsitzende beim Debattencamp reden. Diesmal waren wir nicht mehr in einer muffigen Berliner Hotelhalle, sondern ganz hip im Funkhaus. Auf einmal sah es so aus als wäre alles ganz neu und wir so innovativ wie ein Start-Up. Doch geändert hat sich nichts. Im Kern sind wir die alte Partei geblieben. Die Pappschilder sind auch längst wieder im Keller des Willy-Brandt-Hauses gelandet und die erarbeiteten Ideen des Debattencamps sind in Vergessenheit geraten. 

Vor fast zehn Jahren bin ich in die SPD eingetreten. Damals war gerade Frank-Walter Steinmeier Kanzlerkandidat. Er hat die Wahl haushoch verloren. Aber das war mir egal. Ich habe ein SPD-T-Shirt angezogen, mich unter einen SPD-Schirm gestellt und die Partei immer wieder verteidigt. Heute lache ich, wenn ich die Fotos von damals sehe. 

Nach dem Wahlkampf habe ich mich ins Parteileben gestürzt. Ich habe mich um das Thema Digitalisierung gekümmert, bin Ortsvereinsvorsitzender geworden und habe weiterhin die SPD fortwährend verteidigt. Und ich habe es immer gerne gemacht. Ich bin gerne nach der Arbeit zu Sitzungen gegangen. Während andere im Kino oder in der Bar waren, saß ich im Hinterzimmer und habe mich über Rentenkonzepte gestritten. Ich habe mich an der Demokratie beteiligt und das fühlte sich gut an. 

Doch heute frage ich mich, welchen Einfluss man als Parteimitglied überhaupt noch hat. Wir reden über vieles, beschließen etwas und am Ende landen die Beschlüsse zusammen mit den Pappschildern und den Ideen des Debattencamps verschlossen im Schrank. Doch wenn ich in einer Partei eh nichts ändern kann, warum soll ich dann überhaupt mitmachen?

Heute liegt unsere Partei mit 15 Prozent am Boden. Und auch mir fällt es immer schwerer, diese Partei zu verteidigen. Nehmen wir das Beispiel Klima. Obwohl wir seit Jahrzehnten Bescheid wissen über die nahende Klimakatastrophe, machen wir nichts. Wir stellen in dieser Regierung die Umweltministerin und trotzdem weiß man nicht, wofür wir hier stehen. Auch du, Andrea, betonst immer, dass wir beim Umweltschutz Rücksicht auf die einfachen Leute nehmen müssen. Das Ganze dürfe nicht zu Lasten von jemandem gehen. Es ist aber ein inhärenter Bestandteil des Umweltschutzes, dass irgendjemand belastet wird. Und was sollen wir als Partei den Jugendlichen sagen? Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden sie unter den Folgen des Klimawandels leiden. Große Teile der Erde werden unbewohnbar. Das ist die Realität für Menschen die heute 15 sind. Es geht hier nicht um die Befindlichkeiten einer Generation. Ihr verhandelt über das Leben von Jugendlichen. Und dafür ist diese Generation wirklich noch nett zu uns. 

In den letzten 10 Jahren ist die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander gegangen. Mittlerweile leben wir in einem perversen System. Wer in eine arme Familie hineingeboren wurde, hat kaum noch Chancen gesellschaftlich nach oben zu kommen. Ich hatte Glück beim Geburtsbingo. Dazu habe ich aber nichts beigetragen. Sozialpolitik sollte doch eigentlich unsere Kernkompetenz sein. Gerechtigkeit und Solidarität sind zwei unserer drei Grundwerte. Aber was haben wir in dem Bereich in den letzten Jahren gemacht? Klar haben wir den Mindestlohn eingeführt und ihr kämpft gerade um die Mindestrente. Sicherlich alles gute Schritte. 

Aber jetzt mal ehrlich: die ganzen Maßnahmen ändern doch nichts an der Grundsituation. Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer. Parallel nimmt die Chancengerechtigkeit dramatisch ab. Und wir kämpfen dann für ein klein wenig Umverteilung was wir anschließend noch bei der Union gegen eine Asylverschärfung eintauschen müssen. Ihr habt einfach Angst, an die Wurzel des Problems zu gehen. Und wenn Kevin Kühnert einmal ausspricht, dass das System gewisse Ungerechtigkeiten beinhaltet, dann wird er von euch öffentlich vorgeführt.

Ich bin wütend. In unserer Partei gibt es so viele tolle junge Menschen. Personen, die für etwas stehen, die sich tief in Themen eingearbeitet haben und auch wissen, wie man kommuniziert. Wenn ich mir dann deinen Parteivorstand anschaue, dann kommt davon niemand oben in der Partei an. Wir bekommen es nicht mal hin, auch nur eine Person unter 30 in den über 50-köpfigen Parteivorstand zu schicken. Wundert es dich da wirklich, dass die jungen Menschen lieber eine andere Partei wählen?

Bei der zurückliegenden Europawahl hat uns konsequenterweise auch kaum noch ein Erstwähler gewählt. Bei den Jungen kämpfen wir mittlerweile auf einem Niveau mit der Satirepartei "die Partei". So kann es nicht weitergehen. Die junge Generation ist eine Generation der Ungewissheit, eine Generation mit Existenzängsten und wir streiten uns derweil um Kommastellen. Die Asymmetrie der Größe unserer angebotenen Lösungen und die Größe der Herausforderungen tritt immer offensichtlicher hervor. Hier klafft eine große Lücke zwischen der SPD und den Jungen. Eine Lücke die in den letzten Jahren immer weiter auseinandergeht.

Es muss sich etwas verändern. Es wird Zeit, dass ihr Platz macht. Es wird Zeit, dass ihr diese Partei in neue, in jüngere Hände gebt. Es liegt jetzt an uns, diese Partei zu retten. Es liegt jetzt an uns, zu definieren, was Sozialdemokratie im 21 Jahrhundert heißt. Ich glaube, meine Generation hat da ausreichend Ideen.

Eine neue Generation würde auch wieder eine dringend notwendige neue Radikalität mitbringen. Als die SPD vor über 150 Jahren gegründet wurde, war die Idee der Arbeiterbewegung eine radikale Idee. Als Willy Brandt in den 70er-Jahren seine Ostpolitik durchführte, da war diese eine radikale Lösung. Heute steht die SPD aber vor allem für Stillstand und den kleinsten gemeinsamen Nenner. Bei der Wirtschaft müssen wir jetzt die Systemfrage stellen. Wir müssen an die Erbschaftssteuer ran. Bei der Klimapolitik ist die Zeit der Kompromisse vorbei. Wir müssen den Kohlekompromiss noch einmal aufmachen. Bei der digitalen Wirtschaft wird es Zeit das Wort Zerschlagung klar und deutlich in den Mund zu nehmen. Wir müssen die Lust an der Sozialdemokratie wieder mit radikalen Ideen entfachen.

Im Jahr 2021 ist Bundestagswahl. Ich will dann wieder im SPD-T-Shirt unter einem SPD-Schirm stehen. Und ich will, dass es dann wieder aufregend ist, SPD zu wählen.

Ein Gastbeitrag von Yannick Haan