Bitte sprengt den Altherrenklub.

Seit 100 Jahren dürfen Frauen wählen, und trotzdem ist Politik vor allem Männersache. Justizministerin Katarina Barley (SPD) findet diese Männerdominanz "beschämend". Ihre Forderung: das Wahlrecht ändern. Zum Beispiel, indem eine Quote für Wahllisten eingeführt wird. Klar, das ist notwendig, das zeigt schon der Blick auf den Frauenanteil: Nur ein Drittel der Abgeordneten im Bundestag ist weiblich.

Allerdings zeigt ein Blick auf die Zahlen noch etwas: Der Bundestag ist viel zu alt, im Durschnitt 49,4 Jahre. Damit sind die Abgeordneten etwa fünf Jahre älter als die normale Bevölkerung.

Die Alten machen die Gesetze, die Jungen leben später damit.

Das Parlament ist ein Altherrenklub. Er besteht größtenteils aus Menschen, die mit Fax, Schallplatten oder Miami Vice aufgewachsen sind. Und wir wundern uns, dass wichtige Zukunftsfragen verschleppt werden. Insofern: Ja, die Frauenquote ist eine gute Idee.

Aber wir brauchen auch eine Jugendquote! Wenn nicht für den Bundestag, dann halt für die Wahllisten der Parteien.

Zumindest 30 Prozent der Kandidatinnen und Kandidaten müssen unter 30 sein; Parteien, die sich nicht daran halten, wird die Parteienfinanzierung gekürzt – Problem gelöst. Warum 30 Prozent? Wir haben ja schließlich einiges aufzuholen.

Wie groß das Problem ist, zeigen die Zahlen.

  • Von 709 Abgeordneten waren zu Beginn der Wahlperiode 13 Menschen unter 30.
  • Das sind nicht mal zwei Prozent.
  • In der Gesamtbevölkerung sind etwa 14 Prozent zwischen 18 und 30. (16- und 17-Jährige beispielsweise also zählen wir an der Stelle nicht mit.)
  • Das ist immer noch nicht viel. Ältere Menschen sind deutlich in der Überzahl.
  • Aber das Missverhältnis ist krass. Im Bundestag sind junge Menschen viel seltener als in unserer Gesellschaft insgesamt.
(Bild: SPIEGEL ONLINE)

Was daran so schlimm ist: Im Bundestag werden Interessen repräsentiert. Die von Linken, Rechten, Konservativen, ein bisschen auch die von Frauen. Aber nicht wirklich die Interessen der Jungen. Das machen ältere Menschen für uns. Oder sie tun nur so.

Das Resultat: Wir leben in einer Welt, in der die Alten immer mehr Geld verdienen. Die Jungen sitzen tendenziell in befristeten Jobs und werden über den Tisch gezogen. Die 25-bis 35-Jährigen sind die einzige Bevölkerungsgruppe, deren Nettoeinkommen seit 1991 fast gleichgeblieben ist. Je jünger, desto größer das Armutsrisiko (SPIEGEL+).

Und dann ist da noch diese quälende Langsamkeit, die sich im Land ausbreitet: Deutschland erreicht die selbst gesteckten Klimaziele nicht. Die Reaktion der Mehrheit der Abgeordneten: ¯\_(ツ)_/¯. Bei der Rente denkt die GroKo bis 2025. Oder maximal 2040. Nach mir die Sintflut.

In ein paar Jahrzehnten könnten ganze Küstenstriche überflutet und Menschen wegen des Klimawandels aus ihrer Heimat vertrieben werden. Für Jüngere erscheint das Szenario wesentlich drängender. Sie werden es ja noch erleben.

60-Jährige blicken anders auf die Welt, als Menschen, die noch 60 Jahre zu leben haben.

Statt den Kohleausstieg knallhart durchzuziehen, wird der Hambacher Forst geräumt. Statt ernsthaft über das Rentensystem zu debattieren, plant die GroKo maximal so, dass sie bis zur übernächsten Wahl Ruhe hat.

Also: Quote. Weil es nicht anders geht.

Jetzt schon entscheiden Rentnerinnen und Rentner die Wahl. Sie sind mehr und gehen auch noch nahezu allesamt zur Wahl. Und es wird noch schlimmer. In den kommenden Jahren altern die Wählerinnen und Wähler weiter. 2035 kommen auf 100 Menschen im arbeitsfähigen Alter 50 Rentner (SPIEGEL+). Politik wird sich also noch stärker als jetzt schon an den Erfahrungen und Einstellungen der Alten ausrichten.

Wenn der Bundestag dann immer noch unter Ausschluss junger Leute über die Digitalisierung debattiert, werden wir bestimmt nicht auf die kreativsten Lösungen, auf die innovativsten Ideen kommen. Und niemand müsste sich wundern, wenn noch weniger junge Menschen sich in Parteien organisieren oder zur Wahl gehen.

Natürlich werden manche nun fragen: Sollte wirklich ein Haufen Quotenjugendlicher im Parlament sitzen?

Die Antwort ist: ja. Und keine Sorge. Es werden sich in Deutschland ein paar qualifizierte Kandidatinnen und Kandidaten finden. Viele von ihnen entscheiden sich derzeit gegen eine Karriere in der Politik. Oft aus Frust. Oder sie kommen nicht schnell genug an die wichtigen Posten.

Weil Menschen unter 30 in deutschen Parteien immer noch belächelt werden. Weil Politikerinnen und Politiker sich leider immer noch hochdienen und erst ein Netzwerk aufbauen müssen. Ochsentour wird das genannt. Hände schütteln, Grünkohl essen, jahrelang, manchmal dauert es auch Jahrzehnte. Es ist ein System, das junge Menschen systematisch von der Macht fernhält. Und so sitzen im Bundestag mehr Abgeordnete im Rentenalter als Menschen unter 30. Das sollten wir uns nicht länger leisten.


Today

Am Jahrestag der Reichspogromnacht: Junge CDU-Politiker singen Wehrmachtslied in Berlin
Warum das problematisch ist – drei Antworten dazu

Die Junge Union, Jugendorganisation der CDU, steht in der Kritik. In einem Video auf Twitter ist zu sehen, wie Mitglieder der JU in einer Berliner Kneipe den "Westerwald-Marsch" singen, ein Lied das auch schon von deutschen Wehrmachtssoldaten während des zweiten Weltkriegs gesungen wurde.

Was ist passiert?

Wie der "Tagesspiegel" berichtet, befand sich eine Gruppe der Jungen Union aus Rheingau-Taunus und Limburg am 9. November auf einer Exkursion in Berlin. Nach einem Treffen mit dem Bundesvorstand der JU sollen etwa 15 JU-Mitglieder in eine Berliner Kneipe gezogen sein. 

Dort angekommen sollen die Jungpolitiker immer wieder lautstark gegrölt und "C-D-U"-Sprechchöre angestimmt haben, wie die jüdische Künstlerin Alvizuri Sommerfeld berichtet, die an diesem Abend ebenfalls in der Kneipe war.

Sommerfeld begann die Gruppe zu filmen. Nach eigener Aussage auch, weil die jungen Männer immer wieder "Schwuchteln" beschimpft haben sollen.

Als die Gruppe bemerkte, dass sie gefilmt wird, sang sie die erste Strophe des "Westerwald-Marsches", einem mittlerweile aus der Bundeswehr verbannten Soldatenlied zu singen.