Bild: Pexels/Moose Photos
Unsere Forderungen zum Weltfrauentag

Frauen haben seltener Führungspositionen als Männer, sie sind in Expertenrunden nicht so häufig vertreten und setzen sich in Job-Meetings weniger duch. Daran sind oft Strukturen schuld, die es Frauen erschweren, im Beruf voranzukommen. Doch häufig ist noch etwas anderes ein Problem.

Frauen trauen sich selbst im Beruf weniger zu als Männer. 

Das war auch bei mir schon der Fall. Ein Beispiel: In meinem Bachelorstudium wurde mir an der Uni ein Job als studentische Mitarbeiterin angeboten. Ich sollte das Layouten eines Newsletters übernehmen und die Social-Media-Kanäle betreuen. Da ich beides noch nie gemacht hatte, schlug ich das Angebot aus, weil ich dachte, ich könnte es nicht. 

Wenig später rief mich der Chef an und sagte, wie verwundert er über meine Entscheidung sei. Er war überzeugt von mir und überredete mich, den Job anzunehmen. Es stellte sich schnell heraus: Ich war überhaupt nicht überfordert und musste auch nicht bereits alles können. 

Mit meinem anfänglichen Zögern bin ich allerdings nicht allein.

Bevor Frauen eine Beförderung einfordern oder als Expertin an einer Diskussionsrunde teilnehmen, müssen sie sich schon extrem sicher sein. Das ist oft nicht der Fall: Frauen reden etwa 20-mal häufiger über ihre Schwächen als über ihre Stärken (Zeit Online) und sie sind häufiger vom sogenannten Hochstaplersyndrom betroffen als Männer – also dem unbegründeten Gefühl, eigentlich für ihren Job nicht qualifiziert genug zu sein und damit bestimmt irgendwann aufzufliegen (Georgia State University).

Als Journalistin erlebe ich es häufig, dass Frauen, die ich als Expertinnen anfrage, absagen, weil sie sich für nicht qualifiziert genug halten. Von außen betrachtet völlig unverständlich – hier ein paar Beispiele:

  • Eine Journalistin, mit der ich über Frauen im Investigativjournalismus sprechen wollte, war sich nicht sicher, ob sie wirklich die richtige Ansprechpartnerin dafür sei. Sie arbeite schließlich noch nicht so lange in dem Bereich, sagte sie. Wenige Wochen später gewann genau diese Frau einen der größten deutschen Journalistenpreise für ihre Investigativrecherche. Wer wenn nicht sie, hätte eine bessere Gesprächspartnerin sein können?
  • Eine andere Reporterin schreibt seit vielen Jahren über die italienische Mafia. Sie kennt sich in dem Themenfeld besonders gut aus, recherchiert oft vor Ort, hat Kontakte und spricht die Sprache fließend. Sie erzählte mir, es habe ewig gedauert, bis sie sich als "Mafia-Expertin" bezeichnete. Ihre männlichen Kollegen hätten dies schon nach zwei Recherchen getan.
  • Und auch Radiomoderatorin und Autorin Sophie Passmann schreibt in ihrem neuen Buch, dass sie Anfragen zu Podiumsdiskussionen ausschlage, zu denen sie nichts beizutragen habe. SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Sascha Lobo entgegnet ihr, sie solle es eher wie manch ein männlicher Kollegen sehen: Trotz wenig Ahnung, säßen die schließlich in jeder Talkshow. 

Ich finde: Wir Frauen müssen lernen, unsere Präsenz als Selbstverständlichkeit ansehen. 

Unsere Meinung ist genauso wichtig, wie die der Männer. Auch wenn letztere meist dominiert: Selbst wenn Frauen in der Überzahl sind, haben Männer in beruflichen Konferenzen oder Gesprächsrunden meist den höheren Redeanteil – und das bedeutet Macht, denn wer viel redet, mit dem assoziiert man einen hohen Status (Süddeutsche Zeitung). 

Das beudetet nicht, dass wir nun die Eigenschaften annehmen müssen, die mit Männern verbunden werden, aber es gibt Möglichkeiten, wie wir Frauen uns gegenseitig unterstützen und fördern können. 

Einige retweeten zum Beispiel jeden Tag mindestens einen Beitrag von einer anderen Frau auf Twitter. Manche nennen bei der Absage einer Podiumsdiskussion andere weibliche Stimmen als Ersatz. Wieder andere schlagen Frauen für freie Positionen in ihrer Firma vor oder fragen die Kolleginnen in der Konferenz nach ihrer Meinung, bevor ein Mann das Wort ergreift.

Männer, die sich selbst als Eperten betrachten, werden von sich aus vermutlich den Platz auf dem Talkshow-Sofa nicht räumen – ebenso wenig wie den Chefsessel. Brauchen sie auch nicht, wir müssen uns diese Positionen selber nehmen. 

Also, liebe Frauen: Trauen wir uns mehr zu! 

Um uns endlich als Expertinnen zu sehen, brauchen wir nicht die zehnte Fortbildung, sondern ein Ende der Selbstzweifel. Denn wenn wir für ein Podium angefragt werden, sind wir genau die richtige Person dafür – und selbst wenn wir es mal nicht sind, fällt uns sicher eine andere Frau ein. Dasselbe gilt für Führungspositionen: Wir sollten nicht länger zögern, Verantwortung zu übernehmen. Wenn uns jemand einen Job anbietet, sollten wir ihn nicht ausschlagen, nur weil wir Angst haben, den Anforderungen nicht gerrecht zu werden. Und wenn ihn uns niemand anbietet, sollten wir selbst dafür eintreten.

Damit tun wir nicht nur uns selbst einen Gefallen, sondern auch anderen Frauen. Denn Studien zeigen, dass die Sichtbarkeit von Frauen auch andere motiviert (Uni Mannheim). Ungekehrt heißt das: Wenn sich Frauen nicht trauen und dadaurch weniger sichtbar sind, führt es dazu, dass andere Frauen auch denken, sie seien nicht wichtig genug. 

Wir können diesen Teufelskreis also nur brechen, indem wir uns mehr zutrauen – jede einzelne.


Gerechtigkeit

3 Gründe, warum es sich für Männer lohnt, Feministen zu sein
Ein Gastbeitrag

Feminismus ist unter Männern noch immer kein wahnsinnig beliebtes Wort. Viele denken dabei an verkniffene Frauen, die Männern nichts gönnen, alles verbieten wollen und einfach keinen Humor haben. Das ist nicht nur Quatsch, sondern auch sehr schade, denn wenn Männer Feministen sind, gewinnen dabei alle – auch die Männer.