Bild: Andrea Thode

Ursprünglich wollte Mirco Friemer mit einem Freund ein Burgerrestaurant aufmachen. Heute besitzen die beiden einen Foodtruck und verkaufen Hot Dogs. Den ersten Teil kannst du hier nachlesen. Im zweiten Teil erzählt Mirco, wie er sich durch Behördendschungel gekämpft hat.

Januar 2015. Fast ein Jahr war seit unserer ersten Idee mit dem Burgerladen vergangen. Alles dauerte länger als geplant. Wir hatten noch nicht mal einen Namen. Wir sprachen mit Anwälten und machten uns mit Markenrecht vertraut. Ein trockenes Thema, ein noch langwieriger Prozess – aber schließlich waren wir uns einig: Wir wollten "Holy Dogs" heißen.

Mein Partner Tilman und ich wären die Holy Brothers und wir würden in Hamburgs Kathedrale des guten Geschmacks durch die Gegend rollen. Nachdem sicher war, dass der Name in Deutschland noch zu haben war, wurde es ernst: Wir meldeten die Marke an, sicherten uns die Domains und erstellten die Profile in sozialen Netzwerken.

Parallel dazu versuchte Tilman, das Notwendige auf den Ämtern zu regeln: Wir brauchten eine Reisegewerbekarte, eine Belehrung nach dem Infektionsschutz und unser HACCP-Konzept – eine Art Hygiene-Plan. Das wussten wir. Mehr aber auch nicht. Von den Behörden schlug uns ebenfalls Ratlosigkeit entgegen: Kaum einer der Sachbearbeitenden konnte sich unter einem Foodtruck etwas vorstellen. Niemand fühlte sich so richtig für uns verantwortlich, wir wurden von einem Schreibtisch zum nächsten geschickt.

Nachdem sich endlich herausstellte, wer unser zuständiger Lebensmittelkontrolleur ist, hatten wir zumindest einen Ansprechpartner. Ich hatte unser HACCP-Konzept ausgearbeitet – darin stand, wie wir unsere Ware geliefert bekommen, sie lagern, verarbeiten und als fertige "Holy Dogs" raus geben.

Bürokratie vs. Eröffnung

Jeden noch so kleinen Arbeitsschritt, der bei uns durchgeführt werden sollte, musste von uns so präzise wie möglich und nach Hygienestandards beschrieben werden. Auf mögliche Fragen des Kontrolleurs hatte ich mich so gut wie möglich vorbereitet. Trotzdem hatten wir Angst – es stand schließlich einiges auf dem Spiel. Und die Zeit war knapp: Spätestens im März wollten wir auf Hamburgs Straßen unterwegs sein und Geld verdienen.

Jeder Betrieb, der in Deutschland Lebensmittel verarbeitet, ist verpflichtet, das HACCP-Konzept anzuwenden. Lebensmittelkontrolleure überprüfen, ob die Hygienestandards eingehalten werden.(Bild: dpa / Oliver Berg)

Wenigstens wussten wir, was wir bei einer späteren Kontrolle vorweisen müssen: Erstens waren da jede Menge Einrichtungsgegenstände wie Mülleimer und Papierspender. Zweitens Gesundheitszeugnisse aller Mitarbeiter. Um Kreuzkontaminationen vorzubeugen, brauchten wir außerdem klar voneinander getrennte Bereiche für Fleisch, Rohkost und Nonfood – jeweils mit eigenen Küchenutensilien. Ein separater Fleischkühlschrank. Ein eigenes Thermometer in jedem Kühlschrank, um die Kühlkette jederzeit überprüfen zu können. Ein zusätzliches Fleischthermometer. Die Liste war lang.

Doch dann ging alles ganz schnell. Nach einem Kaffee und 20 Minuten Gespräch war erstmal alles geregelt: Wir sollten den Ausbau nach unseren Vorstellungen durchführen und uns kurz bevor wir starten noch mal bei ihm melden.

Tilman hatte den Wagen bereits von Köln nach Hamburg geholt und sich um die Versicherung gekümmert. Der nächste große Schritt sollte die Verwandlung des alten Marktwagens in unseren Holy-Dogs-Foodtruck sein. Für das Styling unseres Wagens hatten wir ein Wochenende lang eine Halle in Bremen angemietet. Ich ging noch mal die Einkaufsliste durch:

  • 24 mattschwarze Spraydosen
  • 20 Meter mattschwarze Klebefolie
  • 10 Meter mattweiße Klebefolie
  • Zwei 5m² große Digitaldrucke für die Fenster
  • Drei Atemschutzmasken
  • Latexhandschuhe
  • 10 Pakete Abdeckfolie
  • Spachtelmasse und Silikon
  • reichlich Klebeband, Schleifpapier und Lösungsmittel
  • einen Kasten Bier

Mit Farbe, Folie und Pils machte ich mich auf den Weg nach Bremen. Für die Halle hatten wir 250 Euro bezahlt, das Material kostete uns weitere 400 Euro. Zwei Freunde und ich hatten genau zweieinhalb Tage Zeit für das Außendesign.

(Bild: STUDIO CHAPEAUX)

Freitag putzen, spachteln, schleifen und polieren. Samstag folieren und lackieren. Sonntag wollten wir fertig werden. Alles lief nach Plan. Als letztes warteten die Folien mit den Kirchenfenstern. Doch die Drucke waren zu groß. Ich konnte es nicht fassen. Wir hatten doch alles fünfmal gemessen. Wir entschieden uns schließlich, die Drucke von Hand zuzuschneiden. Tatsächlich ging das leichter als gedacht und um 20 Uhr fuhr ich den fertigen Wagen vom Hof.

(Bild: STUDIO CHAPEAUX)

Nach drei Tagen war ich völlig fertig und wollte einfach nur ins Bett. Vor mir lagen 150 Kilometer Autobahn. Nach kaum 200 Metern kam die erste Kurve, meine Wasserflasche fiel in den Fußraum. Ich verriss das Lenkrad und kam knirschend zum Stehen. Ich schaute mich um. Vor dem Truck lag ein umgenageltes Verkehrsschild flach auf dem Boden, die Stoßstange war komplett zerschmettert. Meine Schläfen pochten, ich fühlte mich elend. Ich setzte mich neben den Wagen auf den Boden, tippte drei Zahlen in mein Handy und wartete.

Die Polizei erlaubte mir nur mit fixierter Stoßstange weiterzufahren. Nach einer Stunde hielt die Stange irgendwie am Wagen und ich fuhr Richtung Hamburg. Ich kam aber nur bis Lüneburg. Dort, rund 60 Kilometer von Hamburg entfernt, musste ich den Wagen erstmal abstellen, weil unsere Kurzzeitkennzeichen ausliefen. Als ich um kurz nach eins den Truck geparkt hatte, war der letzte Zug Richtung Hamburg bereits abgefahren. Die Karre sprang auch nicht mehr an. Frustriert wickelte ich mich in meine Jacke und schlief ein.

Es war halb sechs, als ich endlich zu Hause ankam. Kurz vor dem Einschlafen wurde mir der Ernst der Lage bewusst: Im März wollten wir durch Hamburgs Straßen rollen. Wir hatten noch keinen Innenausbau, ich hatte gerade die Stoßstange ruiniert, der Wagen stand in Lüneburg und sprang nicht mehr an – und es war bereits Ende Februar.

Fortsetzung folgt!

Hier geht's zum ersten Teil der Story:

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