Homeoffice, digitale Meetings, weniger Dienstreisen – auf einmal klappt’s. Das soll auch so bleiben, findet unser Autor.

Können wir das schaffen? Puh, könnte schwierig werden. Wenn es um den digitalen Wandel im eigenen Unternehmen ging, standen sich viele Firmen in den vergangenen Jahren selbst auf den Füßen (SPIEGEL). An bestehenden Strukturen sollte so wenig wie möglich geruckelt werden. Videokonferenzen, Software zur digitalen Zusammenarbeit, Homeoffice – alles nicht so einfach.

In der Coronakrise zeigt sich: Natürlich können wir das schaffen. Und müssen es sogar. Ohne digitale Tools und flexible Arbeitsmodelle wären etliche Firmen und Institutionen momentan nicht arbeitsfähig. Klar, viele Menschen müssen weiter auf die Baustelle oder ins Krankenhaus fahren, andere können gar nicht mehr arbeiten. Aber zumindest was durchschnittliche Bürojobs angeht, lernen wir gerade: Ein modernes Unternehmen zu werden, ist leichter, als viele dachten. Und: Betriebe sollten öfter mal auf das hören, was die Generationen Y und Z vorschlagen.

Mit ihnen klettern gerade Digital Natives auf den Hierarchieleitern nach oben, junge Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind und wissen, dass man überall leben, lieben, arbeiten kann. Oft stehen ihnen Chefinnen und Chefs gegenüber, die vor dem Aufkommen des Internets geboren wurden. Auch sie lernen nun die Vorteile digitaler Vernetzung kennen – und können von den Jungen in ihrem Unternehmen profitieren.

Bürojobs nach Hause verlagern? Kein Problem!

Wer sieht, wie viele Menschen gerade wegen des Coronavirus im Homeoffice arbeiten, mag sich fragen: Warum ist das Modell nicht schon längst in allen Firmen selbstverständlich? Vermutlich, weil es an einer der folgenden Stellen hakte: an der Firmenleitung, die nicht glauben konnte, dass auch zu Hause produktiv gearbeitet wird, an den Datenschutzbeauftragten, die Angst vor Ausspähung durch Konkurrenten hatten, an den IT-Verantwortlichen, die nicht genügend technische Möglichkeiten sahen, oder am Betriebsrat, der Mehrarbeit fürchtete.

Jetzt sind die Unternehmen auf einmal gezwungen, ihren Mitarbeitenden Laptops und VPN-Zugänge zur Verfügung zu stellen und auf das Pflichtbewusstsein der Angestellten zu vertrauen. Millionen Menschen haben ihren Arbeitsplatz innerhalb weniger Tage aus dem Büro nach Hause verlegt (SPIEGEL). Die Umstellung ging, weil sie gehen musste. Sie hätte schon vor einiger Zeit gelingen können.

Für viele junge Leute ist Homeoffice eine Selbstverständlichkeit. Ohne die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten, würden 40 Prozent der nach 1994 Geborenen – also der Generation Z – einen Job nicht annehmen, mehr als in jeder anderen Generation. Das zeigt die "Recruiting Trends"-Studie der Universitäten Bamberg und Erlangen-Nürnberg, für die mehr als 3500 Menschen befragt wurden. (Recruiting Trends)

Homeoffice hat nicht nur Vorteile, das stimmt. Der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen fehlt, man sitzt allein zu Hause – oder mit quengelnden Kindern am Küchentisch. Lustlosigkeit, Konzentrationsprobleme und Schlafstörungen plagen Menschen im Homeoffice häufiger als die im Büro (bento). Außerhalb von Krisenzeiten muss jeder für sich entscheiden, ob die Arbeit von zu Hause das Richtige ist. Dass Unternehmen die Rahmenbedingungen dafür schaffen, ist im Jahr 2020 aber das Mindeste.

Videokonferenzen statt Geschäftsreisen

Dazu gehört auch, Meetings digital abzuhalten. Dass man nicht zwingend am gleichen Ort sein muss, um produktiv arbeiten zu können, zeigt der derzeitige Boom an Videokonferenzen (SPIEGEL). Nicht nur privat treffen sich Menschen nun virtuell (bento), auch Geschäftstermine werden einfach ins Internet verlegt. Für viele Firmen etwas Neues. Für junge Menschen nicht – und dafür müssen sie nicht mal jahrelang remote gearbeitet haben. Wer im Ausland studiert oder Work and Travel gemacht hat, für den gehören Skype-Calls zur täglichen Routine. Und der weiß auch, dass man die Kamera ausschaltet, wenn die Internetverbindung schlecht ist. Und das Mikrofon, wenn man gerade nichts zu sagen hat.

Mehr Videokonferenzen führen übrigens auch zu weniger Geschäftsreisen. Und damit zu weniger CO2. Im Jahr 2018 waren mehr als ein Drittel der Passagiere an Deutschlands größtem Flughafen in Frankfurt Geschäftsreisende (Statista). Ein Großteil dieser Flüge fällt jetzt weg (SPIEGEL). Und das könnte auch nach Corona so bleiben: Laut einer Umfrage des Verbands Deutsches Reisemanagement gehen über 70 Prozent der Befragten aus Unternehmen momentan davon aus, dass sie künftig sorgfältiger überprüfen werden, ob Firmenreisen wirklich notwendig sind (VDR).

Dass man das tun sollte, auch darauf weisen junge Menschen schon lange hin: die Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future. Plötzlich sind ihre Forderungen gar nicht mehr so unrealistisch.

In der Coronakrise ist unübersehbar, wie essenziell digitale Vernetzung ist. Endlich werden alle technischen Möglichkeiten genutzt. Wer dachte, Homeoffice bedeute, ohne Hose am Schreibtisch zu sitzen, fällt nun wichtige Entscheidungen in digitalen Meetings. Wer früher nur aus dem Business-Koffer lebte, merkt, dass es nicht immer notwendig ist, für ein Meeting quer durchs Land oder die Welt zu reisen.

Es heißt oft, man müsse im Job von der Erfahrung der Älteren lernen. Aber gerade was neue Formen des Arbeitens angeht, sollten Firmen lieber öfter mal auf die Jungen hören. Klappt irgendwas nicht, gibt man sich übrigens keine Blöße, wenn man die jungen Kolleginnen und Kollegen um Hilfe bittet.


Gerechtigkeit

Wie es sich als schwuler Rom in Orbáns Ungarn lebt
Wir haben mit Joci Márton über seine Heimat gesprochen – und ihn gefragt, warum er sie nicht verlässt.

Knapp drei Wochen ist es her, dass Ungarns Staatschef sich mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet hat. Viktor Orbán hat aufgrund der Corona-Pandemie den Notstand im Land ausgerufen – auf unbestimmte Zeit. Konkret bedeutet das: Er kann per Dekret am ungarischen Parlament vorbeiregieren, bis er selbst beschließt, dass die Krise vorbei ist. Der Notstand gibt ihm das Recht, "außergewöhnliche Maßnahmen einzuführen, um die Stabilität des Lebens, der Gesundheit, der persönlichen und materiellen Sicherheit der Bürger wie der Wirtschaft zu garantieren". Viele Staatschefs kritisierten, dass Orbán die aktuelle Krise nutze, um seine Macht auszuweiten. (DER SPIEGEL I/ DER SPIEGEL II)

Besonders hart könnte das Minderheiten treffen. Sie werden unter der Fidesz-Regierungspartei von Orbán aktiv diskriminiert, unter anderem will die Regierung nur noch das "Geschlecht bei Geburt" erfassen (queer.de) und der Zentralrat der Sinti und Roma warnt vor der Stimmungsmache in Südosteuropa (Tagesspiegel). 

Rom und schwul in Ungarn

Joci Márton gehört zu gleich zwei Minderheiten in Ungarn: Der 34-Jährige ist Rom und schwul. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie er in Ungarn lebt, ob er sich dort noch sicher fühlt und wo er seine Zukunft sieht.