Bild: Jasper Finkeldey
Unser schrecklicher Wellness-Wahn

Im sicheren Schutz meiner blickdichten Sonnenbrille verharre ich mit meinem Blick auf den Nippeln eines jungen Mannes. Sein Brustkorb hat kaum Platz in seinem Muskelshirt, das soll wohl auch so. Ich stelle mir vor, wie er grün angemalt, die Rolle des jungen Hulk spielen könnte – sein Kopf ist schon jetzt zu klein für den Körper. Aber anders als das grüne Monster liest dieses Muskelwunder die „Einführung in die Makroökonomie“ im Schatten eines Baumes auf seinem Tablet.

Vor wenigen Jahren hätte man sich über die Kombination aus Prolo-Bizeps und akademische Ambition noch gewundert, heute tut man das längst nicht mehr. Heute fällt eher der Hoodie-Schluffi auf im Seminarraum: Unter Studenten grassiert das Wellness-Syndrom.

Das allgegenwärtige Smartphone hat die digitale Kontrolle über unsere Körper ermöglicht. Unseren Lernerfolg im Studium haben wir per App in Echtzeit im Auge, vom Mittagsschlaf wachen wir immer fit auf, denn wir werden in der richtigen Schlafphase geweckt und jedes Feierabendbier erscheint in der rot blinkenden Promille-Graphik auf unserem Display.

Frederik promoviert an der Berliner Humboldt-Universität, geht jeden Nachmittag joggen und nach Feierabend ins Fitnessstudio. Körperliche Optimierung und berufliche Leistung sind für ihn unzertrennlich. „Hochprofitable Unternehmen wie Google machen es vor: nur wer auf sich und seine Mitarbeiter körperlich wie mental Acht gibt, kann volle Leistung dauerhaft abrufen.“

Wise-Drinking-App: Die Anstandsdame in der Hosentasche

Ambitionierte Karrierepläne und Disziplin in der Sporthalle sind für Frederik zwei Seiten einer Medaille. Nach dem Sport „kann ich nochmal angreifen“. Für ihn heißt das vor dem Einschlafen noch mindestens einen akademischen Artikel zu lesen. Wenn Frederik keinen Sport mehr macht, dann bricht seine Welt zusammen. „Nach zwei bis drei Tagen ohne Sport kommt alles zusammen: schlechtes Gewissen, das Zwicken im unteren Rücken und die Konzentrationsfähigkeit lässt nach.“

Bei der Selbstdisziplin helfen Frederick Apps, mit denen er sogar Geld etwas dazuverdient. Regelmäßig schließt er mit GymPact wöchentliche Verträge ab. Zu Beginn verpflichten sich Nutzer dazu, ihren selbst erstellten Trainingsplan einzuhalten. Geld wird am Ende jeder Woche von GymPact von denjenigen, die ihre Pläne nicht einhalten konnten, zu den Fleißigen umverteilt. Die App straft und belohnt.

Die Argus-App: Gesundheits- und Fitnesstracker in einem

Ähnlich funktioniert heute auch Fredericks Karriere. Wer in der Uni nach ganz oben will, muss fleißig in wissenschaftlichen Magazinen publizieren. Online hat Google Scholar ein Auge darauf, wie oft wissenschaftliche Artikel zitiert werden. Grübler, die zu lange fackeln, werden karrieretechnisch bestraft. In der Fitnessbude wie im Beruf bekommen wir ständig Feedback in Echtzeit.

Im digitalen Zeitalter wird der Kampf gegen den inneren Schweinehund daher zum entscheidenden Schlachtfeld. Dieser Kampf wird spielerisch ausgetragen. So verspricht die App Fitocracy „süchtig machende Gamification“ beim Workout. Fitocracy wirbt in einem Video damit, wie ein Schwächling gegen seine Couch boxt und heftig einstecken muss.

Als die App in sein Leben kommt, verändert sich alles. In einer Art Pixel-Spiel kommuniziert er seine Ergebnisse an seine virtuellen Trainingskollegen in aller Welt und zeigt es seiner Couch jetzt so richtig.

Die Herrschaft der Fitness: Die Fitocracy-App

Studentische Tugenden wie Rauchen und Saufen geraten durch die Wellness-Doktrin in Gefahr. Drogen aller Art werden nur konsumiert, sofern sie Stress abbauen. „Um abends auszuspannen und auf Durchzug zu schalten, gehört natürlich auch ein Bierchen oder Wein“, erzählt mir eine schüchtern an ihrem Kölsch nippende Literatur-Studentin im dritten Semester. "Dabei ist die Abwägung klar: wird der Durst zu groß, wird der nächste Tag am Schreibtisch ein Krampf."

Die Londoner "Open University" will die Dauerkontrolle noch weiter treiben: Ab diesem Herbst wird die große britische Fernuni die Leistung ihrer Studenten in Echtzeit überwachen. Die Universität will schon nach einer Woche berechnen können, welche Abschlussnote Studenten am Ende erreichen werden und welche das Studium wahrscheinlich abbrechen. Die Berechnung ermittelt sich daraus, wie oft Studenten ihre E-Books lesen und wie intensiv sie in Lernforen aktiv sind.

Marathonläufer Patrick: Mit Freunden gegenseitig motiviert(Bild: Jasper Finkeldey)

Ständige digitale Disziplinierung hält zwar fit und macht leistungsbereit, setzt uns aber dem ständigen Druck aus, uns gegenüber anderen zu verbessern. Wie oft bei sozialen Medien ist die Zugehörigkeit zu einer Gruppe nur scheinbar, in Wahrheit treten die Trainingsbuddies schnell in Konkurrenz um den besten Trainingsplan. Wir vereinsamen durch unsere obsessive Selbstbeobachtung.

Dagegen hilft nur echte Zusammenarbeit: Patrick, der in Politik promoviert, ist schon nach drei Monaten Training einen Marathon gelaufen – ganz ohne App. „Meine Freunde wollten einen Marathon laufen, da bin ich mit ins Training eingestiegen. Wir haben uns gegenseitig motiviert, dass wir das schaffen können.“ Gewonnen hat er nicht.

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