Im Interview erklärt er, was ETFs sind – und warum gerade in der Coronakrise viele ein Depot eröffnen.

Schwarze Haare, blau gemustertes Hemd, schlaksige Figur: Thomas Kehl sieht aus wie jemand, der gerade ein Start-Up gegründet hat. Und irgendwie hat er das ja auch. Seit fünf Jahren betreibt der 29-Jährige mit seinem Freund Arno Krieger den YouTube-Kanal "Finanzfluss". In zwei Videos pro Woche erklären sie, was ETFs sind, ob Geld auf dem Girokonto wirklich am besten aufgehoben ist oder welche Versicherungen junge Menschen brauchen. Mittlerweile hat "Finanzfluss" etwa 400.000 Abonnenten und zählt damit zu den größten Finanzkanälen in Deutschland.

Im Interview erzählt Thomas, was ihre Zuschauer besonders interessiert, wie sie mit "Finanzfluss" Geld verdienen und warum er in der Coronakrise sogar aus dem Urlaub gesendet hat.

bento: Thomas, in euren Videos stehst immer du vor der Kamera – und nicht dein Kollege Arno. Bist du derjenige mit der größeren Finanzexpertise?

Thomas Kehl: Tatsächlich ja. Ich habe mich schon während der Schulzeit für Finanzen interessiert, damals durchforstete ich mit meinem Vater Börsenbriefe und kaufte meine ersten Aktien. Nach dem Abitur zog ich nach Frankfurt, machte dort eine Ausbildung zum Bankkaufmann und parallel einen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften. Als wir mit "Finanzfluss" anfingen, hatte Arno dagegen keine Ahnung von der Börse oder Wertpapieren – und das war gut so. Unsere ersten Videos waren fünf Minuten lang, für die Aufnahme brauchten wir eine Stunde. Arno musste mich immer unterbrechen, wenn er einen Fachbegriff nicht verstand.

bento: Ihr habt "Finanzfluss" 2015 gestartet. Was war die Idee dahinter?

Thomas: Der Kanal sollte ein Finanzlexikon für junge Leute sein. In einem unserer ersten Videos erklären wir zum Beispiel, was Zinseszinsen sind. Die Grundidee kam von Arno. Der hatte sich mal bei YouTube als Accountmanager beworben und sich während des Bewerbungsprozesses damit beschäftigt, wie man auf der Plattform erfolgreich wird. Dabei stellte er fest, dass man Nischen mit Erfolgspotenzial im Blick haben muss. Und Finanzen waren damals genau so eine Nische.

bento: Wie habt ihr eure ersten Videos gedreht?

Thomas: Arno wohnte zu der Zeit noch in London und kam am Wochenende häufig mit dem Zug nach Paris, wo ich mit meiner Verlobten lebe. Gedreht haben wir die Videos in meiner Studentenwohnung, meist dauerte das bis weit nach Mitternacht. Inzwischen betreiben wir "Finanzfluss" von Berlin aus.

bento: Dort habt ihr ein ganzes Team.

Thomas: Mit uns sind zwölf Leute an dem Projekt beteiligt. Wir haben einen Kollegen für die Animationen in den Videos, ein anderer betreut die Social-Media-Kanäle. Und wir haben Redakteure, die Artikel für unsere Webseite schreiben.

„Wir dachten erst, es interessiert keinen, wenn wir zeigen, wie man Sparpläne anlegt.“
Finanz-YouTuber Thomas

bento: Habt ihr euch auch inhaltlich breiter aufgestellt?

Thomas: Nach den Lexikon-Beiträgen probierten wir uns an How-To's. Wir dachten erst, es interessiert keinen, wenn wir zeigen, wie man Sparpläne anlegt, und uns dafür gemeinsam durch einen Online-Broker klicken – also einen Dienstleister, der Kunden ermöglicht, mit Aktien zu handeln. Das Video aus dem Jahr 2016 hat bis heute aber knapp 250.000 Klicks gesammelt.

bento: Nehmen wir an, ich habe etwas Geld angespart. Was mache ich damit?

Thomas: Schau dir erst an, wie hoch deine monatlichen Fixkosten sind: Miete, Versicherungen, der Handyvertrag. Diese Kosten solltest du mal sechs nehmen und als Absicherung zur Seite legen. Alternativ kannst du mit drei Netto-Monatsgehältern rechnen. Den Notgroschen solltest du behalten – gerade jetzt, wo viele wegen Corona in Kurzarbeit sind. Mit dem Rest kannst du dich am Aktienmarkt versuchen und zum Beispiel in ETFs investieren.

bento: ETF steht für Exchange Traded Fund. Was ist das genau?

Thomas: Nehmen wir das Beispiel Dax. In den kann ich aktiv investieren, also Aktien von Dax-Unternehmen selbst auswählen und kaufen. Dabei versuche ich, durch meine Auswahl den Dax-Wert – also die Kurve, die man aus dem Fernsehen kennt – zu übertrumpfen. Ein ETF bildet dagegen einen Index wie den Dax ab. Alle Unternehmen, die im Dax sind, werden in einem ETF also gleich gewichtet. Geht es mit dem Dax aufwärts, läuft meist auch mein ETF gut. Das nennt man dann passives Investieren und es eignet sich gerade für Anfänger.

Besparen kann man solche ETFs schon ab 25 Euro im Monat. Man sollte aber langfristig investieren – nicht nur ein Jahr, sondern lieber fünfzehn. Außerdem sollte man sich vor einem Börseneinstieg überlegen, wie risikobereit man ist. Halte ich es aus, wenn die Kurse sinken und aus meinen angelegten 500 Euro plötzlich 200 werden? Denn runter geht es immer mal.

„Da heißt es dann, man könne gerade jetzt billig einsteigen – wie beim Winter- oder Sommerschlussverkauf.“
Finanz-YouTuber Thomas

bento: In der Coronakrise dürften davor viele Menschen Angst haben.

Thomas: Lustigerweise wurden die Online-Broker in der Krise überrannt. Ein Depot zu eröffnen – also eine Plattform, auf der Wertpapiere gelagert werden – dauerte bis zu sechs Wochen. Normalerweise ist sowas meist noch am Tag der Anmeldung fertig. Wir haben uns die Kundenstatistik der Anbieter angeschaut: Es sind überwiegend junge Leute dazugekommen, die vorher noch nie Aktien gekauft hatten.

Ein Grund könnte sein, dass Privatanleger zwar im Fernsehen von einem Wirtschaftseinbruch hören, auf YouTube und in vielen Finanz-Communities aber beruhigt werden. Da heißt es dann, man könne gerade jetzt billig einsteigen – wie beim Winter- oder Sommerschlussverkauf. Auch unser Kanal wurde in der Krise von Anfragen überschwemmt. Anfang März war ich gerade im Urlaub auf Tahiti, als Arno mich anrief und sagte, ich müsse unbedingt was zu Corona machen. Ich hatte zum Glück meine Kamera dabei und drehte ein Video, in dem ich die häufigsten Fragen zum Corona-Crash an den Börsen beantwortete. Das landete in den YouTube-Trends auf Platz 13, inzwischen hat es fast 400.000 Klicks.

bento: Das ist viel. Wie aber verdient ihr mit solchen Videos Geld?

Thomas: Geld bekommen wir durch Werbung, die während oder vor unseren Videos geschaltet wird. Außerdem bauen wir in die Videobeschreibungen Affiliate-Links ein. Wer darauf klickt, landet zum Beispiel bei einem Buch auf Amazon. Kauft er das Buch, erhalten wir eine Provision. Dann gibt es noch unseren "Finanzfluss-Campus" – ein Webinar für Menschen, die sich tiefer in Finanzthemen einarbeiten wollen. Das Programm kostet 544 Euro, dafür bekommt man unter anderem neun Videomodule. 

bento: Und das reicht für zwölf Gehälter?

Thomas: Davon bezahlen wir alles, ja.


Gerechtigkeit

Die Regierung spendiert 130 Milliarden Corona-Hilfe. Was steckt für die Jungen drin?
Ausbildung, Studium, Jobeinstieg – das Leben der Jungen sollte beginnen, aber wegen Corona steht vieles still. Was tut die Regierung?

Insgesamt 130 Milliarden Euro sollen helfen, Deutschland nach der Coronakrise wieder flott zu machen. Darauf haben sich die Spitzen von CDU, CSU und SPD am Mittwoch geeinigt. Das Geld steckt in einem Konjunkturpaket für dieses und kommendes Jahr, darin soll es darum gehen, die Wirtschaft wieder anzukurbeln, von der Coronakrise betroffene Menschen zu unterstützen und auch den Klimaschutz nicht zu vernachlässigen. 

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte das Anti-Corona-Folgen-Kraftpaket am Mittwochabend auf einer Pressekonferenz vorgestellt – und betont, dass auch Familen und junge Menschen besonders gestützt werden sollen. "Jedes Kind, jeder Jugendliche, der ausbildungswillig ist, soll auch dazu die Möglichkeit bekommen", versprach Merkel dabei. (Bundesregierung)

Die Jungen leiden am meisten unter der Coronakrise

Das Versprechen ist nicht unwichtig: Die Jungen leiden unter der Coronakrise in besonderem Maße. Schul- und Uniabschlüsse verschieben sich, der Einstieg in den Arbeitsmarkt ist wegen fehlender Ausbildungsangebote schwer. Gleichzeitig arbeiten viele junge Menschen häufiger in prekären oder befristeten Jobs. Nicht nur Azubis könnten gerade Unterstützung gebrauchen.