Was passierte, als ich einfach lieber meinen eigenen Weg ging

Ich bin 27, habe meinen Vater und meine Mutter in Frührente geschickt, meinen Opa endgültig in den Ruhestand entlassen und meiner Familie ihrer Identität beraubt.

Nach mehr als 75 Jahren wurde die Metzgerei A. Hauk geschlossen, weil ich lieber Radiomoderator werden wollte, als hinter der Theke zu stehen. Ich wollte nicht, dass mein Traum an mir vorbei wandert.

Ich bin aufgewachsen in Mannheim, zwischen Leberwurst und Lende. Zum Frühstück gab es jeden Morgen eine Wurstplatte, am Abend Fleisch, ans Vegetarisch-Sein hat damals noch keiner gedacht. Mein Ur-Opa eröffnete nach dem Krieg die Metzgerei Hauk, mein Opa führte sie weiter, mein Vater machte sie groß. 

Ich war der legitime Nachfolger, der Sohn, von dem nichts anderes erwartet wurde, als diese Dynastie weiter zu führen. 
Basti mit Metzger-Kittel

Anfangs nahm auch alles den erwarteten Lauf: Mir schmeckte alles aus der Wursttheke, egal ob Sülze oder Bierschinken, ich fühlte mich in meiner Rolle als Metzgersohn wohl

Sogar mein eigener Vorname war den Menschen nicht so geläufig wie mein Spitzname. "Woschdzibbl" – so wird in Mannheim das Ende der Wurst, also der Wurstzipfel, genannt – tönte es von überall.

Betrieb Hauk: Aufwachsen zwischen Leberwurst und Lende

Ganz gleich, ob beim Einkaufen, im Fußballverein oder in der Schule. Als kurz vor dem Wechsel auf das Gymnasium auch noch meine Körperform sehr stark der meines Vaters ähnelte, sah ich wie der heranwachsende Bilderbuch-Metzger aus. 

Ich wartete auf die klassische Frage, mit der sich jeder Nachwuchs eines familiären Handwerkerbetriebes irgendwann auseinandersetzen muss: "Wirst du irgendwann mein Erbe fortführen?" Ein Ja wäre in meinem Fall die unkomplizierte Variante gewesen, ich hätte mir viel ersparen können.

Wer bin ich, wer will ich sein? Unsere besten Texte über Identität:
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Doch ich merkte bald, dass ich trotz leckerer Wurst nicht der Richtige für diesen Job war. Meine Eltern hätten es merken müssen. Mein Vater forderte mich oft auf, morgens ab 5 Uhr in der Wurstküche dabei zu sein, die Abläufe kennenzulernen, allmählich in seine Fußstapfen zu treten.

Abgesehen von der Uhrzeit interessierte mich das einfach nicht. Ganz im Gegenteil, ich ekelte mich sogar. Ich hasste es, Fleisch anzufassen, ich konnte den permanenten Wurstgeruch nie wirklich leiden. Alles, womit ich meinen Eltern dienlich sein konnte: Ich stellte mich jeden Samstag an die Kasse, rechnete die Kunden ab und sorgte für gute Stimmung.

Mit 14 fragte mich mein Vater zum ersten Mal im ernsten Ton, was ich denn später werden möchte. In meiner jugendlichen Leichtigkeit sagte ich direkt, was mir in den Sinn kam: "Ich mache mein Abitur, danach fang ich vielleicht an zu studieren und werde dann Schauspieler oder Moderator, so irgendetwas".

Ich ekelte mich
Basti

Rumms! Ich hatte es tatsächlich ausgesprochen. Mit 14 signalisierte ich erstmals, dass ich wohl ein bisschen anders bin als der Rest der Familie. Ich war der Paradiesvogel: Als erster der Familie hatte ich vor, die allgemeine Hochschulreife abzulegen, ein Studium hatte in der Familie noch keiner gewagt und dann auch noch Schauspieler, irgendetwas mit Medien.

Wie verrückt musste das klingen? Ob ich mit diesem Job überhaupt Geld verdienen könne? Wie ich denn Schauspieler oder Moderator werden könnte? Alles Fragen, auf die ich keine Antwort hatte. 

Mein Vater schwärmte immer davon, wie hoch die Gewinnspanne bei der Herstellung von Leberwurst sei. Es war ein lukrativer, aber auch harter Job, definitiv aber nicht meiner. 

Ich schaffte es ohne Ehrenrunde in die 12. Klasse, meine Einstellung zum Thema "Übernahme der Metzgerei" änderte sich nicht. Mein Vater signalisierte, dass er nach fast 30 Jahren den Laden nicht mehr weiterführen möchte, meine Zeit war gekommen. Die Metzgerei musste aufgrund neuer EU-Richtlinien umgebaut werden, allerdings nur, wenn feststeht, dass ich sie weiterführe. Unerwartet musste ich mich entscheiden. 

Meine Zeit war gekommen
Basti

Ich grübelte, tagelang, wochenlang, monatelang. Sollte ich meine Familie glücklich machen, die Metzgerei übernehmen, die Tradition fortführen und dafür selbst unglücklich sein? Oder sollte ich meinen Weg gehen, meine Familie vermutlich enttäuschen und irgendwas mit Medien machen? Wobei ich natürlich immer noch nicht wusste, wie das gehen soll?

Ich entschied mich für Zweiteres: Mit 18 machte ich meinen Eltern klar, dass es mit mir keine Metzgerei Hauk mehr geben würde. 

Den Blick meines Vaters werde ich nie vergessen. Es war eine Mischung aus Enttäuschung und gänzlicher Leere, doch das war erst der Beginn des Trauerspiels. 

Drei Metzger-Generationen auf einem Bild vereint
Die komplette Belegschaft weinte, als das Aus verkündet wurde.

Ich stand dabei, fühlte mich schuldig. Mein Opa arbeitete auch noch mit Mitte 70 in der Metzgerei, er liebte es, Wurst abzubinden und seine Unterarme im Brät zu baden. Er, mein Vater und ich saßen an einem Tisch, mein Opa bekam die Botschaft verkündet und ging wortlos. 

So beendete ich eine 75-jährige Ära, um meinen Weg zu gehen. Anfangs war ich davon überzeugt, einen Fehler gemacht zu haben. Mein Abitur war geschafft – doch wie werde ich nun Schauspieler oder Moderator? 

Mein erstes Studium in Heidelberg brach ich nach vier Semestern ab, meine Eltern wurden nervös. Mein Vater, mittlerweile Frührentner und offenbar dezent gelangweilt, machte mir einen letzten Vorschlag: "Wollen wir nicht gemeinsam ein Café oder ein Bistro aufmachen? Du kümmerst dich um die Gäste, ich mache das Essen." Tolle Idee! Aber meinen Traum wollte ich nach wie vor nicht aufgeben. 

Anfangs war ich davon überzeugt, einen Fehler gemacht zu haben
Basti

Nach einem Praktikum und einer kurzen Zeit als Animateur im Ausland platzte der Knoten: Ich gewann ein Moderatoren-Casting beim Radio und bekam eine Show mit meinem eigenen Namen. Ich selbst konnte es nicht glauben, meine Familie noch viel weniger. Ich verdiente sogar Geld mit "Nichtstun", wovon mein Vater bis heute überzeugt ist.

Im vergangenen Jahr wurde ich für einen Medienpreis in der Kategorie "Beste Morningshow" nominiert. Ich nahm meine Eltern mit auf die Gala, für sie bis heute noch ein unfassbar aufregender Abend.

Den Preis gewann ich nicht, doch mein Vater nahm mich danach in den Arm und sagte etwas zu mir, das mehr als jeder Preis dieser Welt wert war: "Junge, du hast alles richtig gemacht."


Grün

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