Bild: Privat
Hier erzählen die beiden, warum sie ihren eigenen Weg gehen wollten – und warum das gar nicht so leicht ist.

In einer ihrer frühesten Kindheitserinnerungen sitzt Nadine Euler am Telefon. Es klingelt, sie nimmt den Hörer ab, am anderen Ende der Leitung meldet sich ein Mann. Seine Frau sei in der Nacht gestorben, sagt er. Nadine bekundet dem Anrufer ihr Beileid. Dann bittet sie ihn um seinen Namen und seine Telefonnummer. "Meine Eltern rufen Sie in den nächsten zehn Minuten zurück", sagt sie und legt auf.

Damals war sie etwa zehn Jahre alt, erzählt Nadine. Ihre Eltern waren einkaufen, sie war zu Hause geblieben und hatte den Telefondienst im Bestattungsunternehmen übernommen. Viel Verantwortung für eine Grundschülerin, doch für Nadine eine Selbstverständlichkeit: "Dass mein Bruder und ich im Familienbetrieb mithalfen, gehörte zum Alltag", sagt die heute 25-Jährige.

Auch Steffen Theiß weiß, wie es ist, wenn die Eltern einen eigenen Betrieb führen: Der 25-Jährige wuchs auf einem Bauernhof auf. "Unsere Kindheit war ein Traum", sagt er – und erzählt, wie er mit seinem jüngeren Bruder Tiere fütterte, Gemüse erntete; mit neun Jahren durfte er das erste Mal Traktor fahren.

Als er in die sechste Klasse kam, erzählt Steffen, kauften die Eltern ihnen zehn Hühner, fleißige Tiere. Die Eier, die sie legten, wurden bald zu viel für die vierköpfige Familie, also begannen die Brüder, sie an Nachbarn zu verkaufen. "Das Geschäft brummte", sagt Steffen. Sie kauften Hühner dazu, erst 50, dann 500, dann 3000. Und plötzlich war aus dem kindlichen Hobby ein Geschäft geworden, die Hühner sind heute die größte Einnahmequelle der Familie.

Will ich den Betrieb übernehmen?

Nadine Euler und Steffen Theiß haben nicht nur eine ähnliche Familiengeschichte, sie sind auch ein Paar. Dass beide aus Familienunternehmen stammen, hätten sie bei ihrem ersten Date lustig gefunden, sagen sie, heute schweiße es sie zusammen. Ein Familienbetrieb sei schließlich nicht nur eine Chance, er könne auch eine Last sein.

Denn irgendwann steht man zwangsläufig vor der Frage: Will ich den Betrieb übernehmen? Und falls ich mich dagegen entscheide, wie schaffe ich den Absprung?

Als Kind habe sie die Arbeit ihrer Eltern fasziniert, sagt Nadine, doch je älter sie geworden sei, desto mehr habe sie sich vom Familienunternehmen distanziert: "Mit 13 konnte ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen, den ganzen Tag mit trauernden Menschen zu verbringen." Anders als ihr drei Jahre jüngerer Bruder, der schon als Jugendlicher daran interessiert gewesen sei, die Firma zu übernehmen, habe sie vor allem eines gewollt: raus in die Welt. Ihren eigenen Weg gehen. "Ich wollte nicht mehr die Tochter von den Eulers sein, die Nadine aus dem Bestattungsunternehmen."

„Ich wollte mich in einem ganz neuen Bereich ausprobieren und sehen, ob ich auf eigenen Füßen stehen kann.“
Steffen Theiß

Wie eng man als Nachkomme eines Familienunternehmens mit diesem in Verbindung gebracht wird, hat auch Nadines Freund Steffen erlebt. "Für die Leute in meinem Umfeld war immer klar, dass ich Landwirtschaft studiere oder eine Ausbildung auf dem Hof mache und anschließend bei meinen Eltern einsteige." Doch Steffen entschied sich anders: Nach dem Abitur begann er ein Maschinenbau-Studium in Wetzlar, später einen Master in Friedberg. "Ich wollte mich in einem ganz neuen Bereich ausprobieren und sehen, ob ich auf eigenen Füßen stehen kann." Seine Freunde und Bekannten hätten verwundert reagiert: Warum fängst du bei null an, wenn du doch ein gut laufendes Unternehmen im Hintergrund hast?, hätten sie gefragt. Seine Eltern dagegen hätten Verständnis gezeigt: "Sie haben mir meine Zukunftsplanung immer selbst überlassen."

Auch ihre Eltern hätten keinen Druck auf sie ausgeübt, sagt Nadine. Nach dem Abitur studierte sie Tourismus-Management in Bad Honnef, verbrachte Auslandssemester in Paris und in Niagara Falls in den USA. Das Unternehmen war weit weg, Nadine hatte die Freiheit, die sie sich gewünscht hatte. Doch je mehr Kilometer zwischen ihr und der Firma gelegen hätten, desto näher sei sie ihr gewesen, sagt sie: "Plötzlich war da eine Verbundenheit, die ich vorher nicht kannte, eine Identifikation. Ich begann mich zu fragen, ob ich vielleicht etwas zum Erfolg des Unternehmens beitragen könnte."

Eine Chance, sich einzubringen

Was für Nadine überraschend kam, erlebt Reinhard Prügl immer wieder. Prügl forscht am Institut für Familienunternehmen der Zeppelin Universität in Friedrichshafen, seit Jahren verfolgt er mit seinem Team die Gedanken und Ansichten junger Firmenerben. "Oftmals kann sich eine Ablehnung im Zeitablauf verändern, was heute nicht infrage kommt, kann morgen ganz anders aussehen", sagt er. Besonders die Digitalisierung sei für die nachrückende Generation eine Chance, sich einzubringen und das Unternehmen weiterzuentwickeln: Die Eltern seien in dem Bereich oft dankbar für Hilfe, die Kinder könnten ohne einen direkten Vergleich mit den erfahrenen Eltern vergleichsweise frei agieren und so einen eigenen Weg gehen.

Auch bei Nadine waren es neu erlernte Fähigkeiten, die sie plötzlich mit dem Unternehmen ihrer Eltern verbanden. Als sie nach dem Bachelorabschluss ihren Master im Fach Marketing in Gießen begann, fing sie an, PR-Strategien für die Firma zu entwickeln. "Da war auf einmal etwas Konkretes, mit dem ich helfen konnte – ein Angelpunkt, der meine neue Welt mit meiner Vergangenheit verband." Nadine richtete eine Facebook-Seite ein und plante einen Tag der offenen Tür. Und ihre Eltern? Die hätten sie nach anfänglichem Zögern machen lassen, sagt sie: "Aber sie waren schon sehr überrascht, dass ich mich plötzlich für das Unternehmen interessiert habe."

Mittlerweile hat Nadine ihr Studium abgeschlossen und arbeitet in der Marketingabteilung eines großen Busunternehmens. Nebenberuflich betreut sie Firmen bei Social-Media-Projekten – auch das Bestattungsunternehmen ihrer Eltern. Eine vorsichtige Annäherung?

Nadine denkt kurz nach, bevor sie antwortet. "Tatsächlich habe ich in den letzten Jahren immer mal wieder gedacht, dass mich das Bestatterhandwerk auch interessiert hätte. So sehr ich mich einige Zeit dagegen gewehrt habe, das Unternehmen ist einfach ein Teil von mir. Gar nichts mehr damit zu tun zu haben, kann ich mir zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorstellen."

Auch Steffen wird nachdenklich, wenn man ihn auf seine berufliche Zukunft anspricht. Noch sind seine Eltern nicht in einem Alter, in dem sie in den Ruhestand gehen, aber in spätestens 15 Jahren wird die Frage unweigerlich im Raum stehen: Wer übernimmt den Hof? Wird er in fremde Hände übergehen? Eine endgültige Antwort kann Steffen zum jetzigen Zeitpunkt nicht geben. Er zögert, dann sagt er: "Aber bevor meine Eltern den Hof aufgeben oder verkaufen, würde ich es mir wahrscheinlich doch noch mal überlegen."


Gerechtigkeit

Lieferando-Fahrer warten seit Wochen auf ihr Trinkgeld – oder den Lohn

Die Bezahlung ist schon in Ordnung, sagt Max Beernbaum. Das Problem sei eher, dass sie so unzuverlässig ankomme. Der 27-Jährige fährt für Lieferando Essen in einer deutschen Großstadt aus. Die Corona-Krise hat auch seinen Alltag verändert – und den vieler anderer Essenskuriere (bento). Seit mehreren Monaten müssen Max und Kollegen Abstand halten, wenn sie ihre Lieferungen übergeben. Damit sie dennoch Trinkgeld erhalten können, hat Lieferando Mitte Mai eine digitale Trinkgeldfunktion in die Bestell-App integriert. Die Funktion wird inzwischen rege genutzt.

Fahrer warten seit Wochen auf Trinkgeld

Das Problem ist nur: Bei den Fahrern kommt davon oft wenig an. Viele warten seit Wochen auf die Auszahlung des versprochenen Trinkgeldes. Seit gut zwei Monaten kämpft Deutschlands größter Lieferdienst mit Schwierigkeiten bei der Lohnabrechnung. In ganz Deutschland berichten sogenannte Rider davon, bislang nur unvollständiges oder gar kein Trinkgeld erhalten zu haben. Damit sie keine Nachteile erfahren, hat Max hier einen anderen Namen erhalten. 

Denn die Probleme reichen offenbar noch weiter: bento vorliegende Dokumente zeigen, dass es auch bei der Lohnabrechnung offenbar seit langem immer wieder zu Unregelmäßigkeiten kommt. Immer wieder mussten Lieferando-Lohnzettel neu ausgestellt und nachträglich korrigiert werden. Mal fehlten geleistete Arbeitsstunden, ein anderes Mal Urlaubsgeld oder 100 Euro Bonuszahlung für neu geworbene Mitarbeiter. In einem Fall wurden allein für die Abrechnung im Februar bislang drei nachträgliche Korrekturen ausgestellt. In einem anderen beklagt ein Mitarbeiter eine dreistellige Zahl an nicht abgerechneten Arbeitsstunden. Betriebsräte berichten von einem Fall, in dem ein Lieferando-Kurier sogar sechs Revisionen einer einzelnen Lohnabrechung erhalten habe. 

Lieferando räumt intern Probleme ein

In einem internen Schreiben räumt das Unternehmen ein, dass es bei der Umsetzung der neuen Trinkgeldfunktion zu technischen Schwierigkeiten gekommen sei. Die Funktion sei "schnellstmöglich" eingeführt worden. Grundsätzlich sieht das Unternehmen bei der Lohnabrechnung jedoch kein Problem. "Im seltenen Fall, dass es ein Problem mit der Abrechnung gab und Gehalt oder Trinkgeld einmal nicht korrekt an einzelne FahrerInnen ausgezahlt wurde, können diese sich selbstverständlich direkt an den jeweiligen Vorgesetzten wenden", heißt es von Lieferando dazu auf Nachfrage. 

Wie viele Lohnabrechnungen in diesem Jahr bislang korrigiert werden mussten, teilt das Unternehmen nicht mit. Insgesamt sei die Zahl jedoch "extrem gering". Betriebsräte aus einzelnen Standorten schätzen den Anteil der seit Mai fehlerhaft ausgestellten Trinkgeld-Abrechnungen dagegen auf einen zweistelligen Prozentsatz. Die technischen Probleme hätten dazu geführt, dass bislang oft noch nicht einmal klar sei, wie viel Geld den Fahrern noch zustehe, heißt es. "Da wurde teilweise einfach nicht erfasst, wann ich gearbeitet habe", sagt ein Betroffener. "Die Summen sind aber so hoch, dass klar ist, dass es keine Rundungsfehler sind."

Um wieviel Geld es dabei geht, hängt stark vom Arbeitspensum der Fahrerinnen und Fahrer ab. Bislang werde die digitale Trinkgeldfunktion bei etwa zehn Prozent aller Bestellungen genutzt, heißt es von Lieferando. Die durchschnittliche Höhe liege meist bei einem Zehntel des Bestellwertes – also etwa zwei Euro pro Auftrag. Vor allem Fahrer, die hauptberuflich, als Werkstudierende oder als Mini-Jobber für Lieferando arbeiten, erreichen so pro Monat schnell dreistellige Summen. 

Auch Max geht es so. Für ihn bedeutet die neue Trinkgeldfunktion bislang vor allem, dass er weniger Trinkgeld in bar bekommt – und auf den Rest bislang vergeblich wartet. Pro Monat verdient er etwa 800 bis 1200 Euro, je nach Arbeitszeit. Das zusätzliche Trinkgeld, so sagt er, sei bislang eine zuverlässige Ergänzung gewesen. Jetzt fehle es ihm.

Probleme sind teilweise hausgemacht

Dass es bei den Abrechnungen öfter zu Fehlern kommt, dürfte auch mit den Strukturen von Lieferando zu tun haben. Der heutige Mutterkonzern eroberte den deutschen Markt in den vergangenen Jahren Stück für Stück durch Übernahmen und Zusammenlegungen. Schon der offizielle Name "Just Eat Takeaway" verweist auf ein unübersichtliches Geflecht aus Marken, Unternehmen und Vertragsverhältnissen. In Deutschland tritt heute nur noch Lieferando öffentlich in Erscheinung, doch in den orangenen Jacken stecken oft Mitarbeiter ganz verschiedener Unternehmen. Wer früher bei Foodora war, arbeitet oft noch heute zu einem anderen Stundenlohn in einem anderen Unternehmen als neuer Lieferando-Kurier. 

Dazu kommen Tausende Fahrer, die über Lieferando bestelltes Essen ausfahren, aber direkt bei Restaurants beschäftigt sind. Etwa 90 Prozent der über Lieferando getätigten Bestellungen würden so zugestellt, heißt es aus dem Unternehmen. Die vermittelten Fahrer kommen nicht selten im PKW, ihr digital überwiesenes Trinkgeld wird von der Plattform direkt an die Gastronomen überwiesen – und soll von dort an die Mitarbeiter ausgezahlt werden. "Hierbei ist es den Restaurant-Partnern freigestellt, das Trinkgeld direkt an die FahrerInnen auszuzahlen oder unter dem gesamten Personal, inklusive des Küchenpersonals aufzuteilen", heißt es seitens Lieferando. 

Wie unübersichtlich diese Verhältnisse sind, zeigt ein Zettel, den die Linken-Politikerin Sonja Neuhaus aus Essen in der vergangenen Woche veröffentlichte und der rasch von Parteifreunden und hunderten Anderen geteilt wurde. "Wir als Pizza-Lieferanten bekommen leider keines", heißt es darin mit vielen Auszufezeichen zum neu eingeführten Online-Trinkgeld. Wer seinen Essenskurier zusätzlich belohnen wolle, solle lieber bar zahlen, so der Aufruf.