Bild: Privat
Die beiden haben im Studium eine Familie gegründet und erziehen ihre Kinder in Etappen. Wie das funktioniert, haben wir sie separat gefragt.

Kathis und Joeys Familiengeschichte begann, bevor sie sich kennenlernten. Kathi war jung, 21, und studierte im ersten Semester Deutsch und Geschichte auf Lehramt, als ihre Tochter Leni* zur Welt kam. Lenis Vater war bei der Geburt nicht dabei, er hatte Kathi schon während der Schwangerschaft verlassen.

Kathi: Ich hatte nicht geplant, so früh Mutter zu werden – und dann auch noch alleinerziehend. Plötzlich musste ich mein Leben strukturieren. Zwei Wochen nach der Geburt saß ich wieder in der Uni, Leni nahm ich im Tragetuch mit. Als sie elf Monate alt war, gab ich sie in die Kita. Vormittags belegte ich nun Seminare, um 14 Uhr holte ich Leni ab und wir gingen in die Mensa. Ich lernte, meine Zeit effektiv zu nutzen: Wenn Leni ihren Mittagsschlaf hielt, schrieb ich an der Hausarbeit. Wenn sie abends schon im Bett war, machten wir nebenan im Wohnzimmer Gruppenarbeit.

Joey: Als ich Kathi im Oktober 2013 in einem Proseminar an der Uni kennenlernte, hatte sie schon ein anderthalbjähriges Kind. Damals war ich 20, studierte im ersten Semester Geschichte im Bachelor und lebte in einer WG. Anfangs hatten wir eher eine Affäre und ich lernte Leni nicht gleich kennen. Doch je länger wir uns trafen, desto mehr bekam ich vom Alltag der beiden mit. Ich sah Leni immer öfter und fing an, Kathi zu unterstützen. Als wir fest zusammenkamen, war Leni drei.

Mutter, Vater, drei Kinder

Kathi ist 29 und angehende Gymnasiallehrerin, Joey ist 27 und hat gerade seine Masterarbeit in Geschichte abgegeben. Die beiden haben drei Töchter: die siebenjährige Leni, die eigentlich nur Kathis leibliches Kind ist, und die 19 Monate alten Zwillinge Marie und Lea. Die Kinderbetreuung teilen sie sich in Etappen auf: Mal kümmert sich Joey mehr, mal Kathi – es ist ihre Interpretation eines gleichberechtigten Familienmodells. 

Wie klappt dieses Modell im Studium? Und kann es auch im Berufsalltag funktionieren? Diese und andere Fragen haben wir Kathi und Joey separat gestellt und ihre Antworten protokolliert.

Kathi: Joey wurde nicht nur mein Partner, sondern auch ein Papa für Leni. Wenn ich in der Bibliothek lernen musste, verbrachte er den Tag mit ihr auf dem Spielplatz oder ging mit ihr zum Musikkreis. Endlich hatte ich jemanden, mit dem ich mich in Erziehungsfragen austauschen konnte. Welche Jacke ist zu warm für den Spaziergang? Was soll Leni essen? Auf welche Schule soll sie später? Als Alleinerziehende hatte mir das immer gefehlt.

„Plötzlich war ich verantwortlich für ein Kind. Keiner meiner Freunde hatte Kinder, die dachten gar nicht daran.“
Joey

Joey: Ich habe die Entscheidung, eine Familie zu gründen, nie bewusst getroffen. Bevor ich Kathi kennenlernte, hätte ich es mir auch nicht vorstellen können – aber dann fand ich die Zeit mit ihr und Leni total schön. Das Laissez-faire-Studentenleben, jedes Wochenende Party, das fehlte mir nicht, das hatte ich ja in den ersten Semestern ausleben können. An den neuen Alltag in einer Patchwork-Familie musste ich mich trotzdem erst gewöhnen. Plötzlich war ich verantwortlich für ein Kind. Keiner meiner Freunde hatte Kinder, die dachten gar nicht daran.

Im Sommer 2016 zogen Joey, Kathi und Leni in eine gemeinsame Wohnung. Joey schloss seinen Bachelor ab und begann einen Master, Kathi fing an, sich auf das Staatsexamen vorzubereiten – und wurde noch einmal schwanger.

Kathi: Da Joey und ich den Familienalltag schon eine Weile gelebt hatten, dachten wir, wir könnten gleich ein zweites Kind bekommen. Wobei, eigentlich war ich es, die den Wunsch zuerst äußerte. Ich wollte nicht, dass der Altersunterschied zu Leni zu groß wird. Und ich dachte: Familiengründung und Berufseinstieg müssen doch gleichzeitig funktionieren!

Joey: Als Kathi mich fragte, ob ich mir vorstellen könnte, das nächste Kind noch im Master zu bekommen, war ich sofort im Boot. Wir lebten eh schon als Familie zusammen, waren es gewohnt, unseren Alltag durchzustrukturieren, uns abzustimmen, früh aufzustehen und abends meistens zu Hause zu sein.

Familiengründung abgeschlossen – mit nicht mal 30 Jahren

Kathi: Bei meinem Staatsexamen im Sommer 2018 trug ich eine große Kugel vor mir her. Ich war hochschwanger im siebten Monat – und das noch mit Zwillingen. Kurz nach dem Examen kamen Marie und Lea zur Welt.

Joey: Dass es gleich zwei Kinder werden würden, damit rechneten wir nicht. Aber es hatte auch etwas Gutes: Unsere Familienplanung war mit nicht mal 30 Jahren abgeschlossen, ich war sogar erst 25.

Kathi: Als fünfköpfige Familie mussten wir uns noch mehr organisieren: Wir führten einen Terminkalender ein und nutzen die App "Wunderlist", um aufzulisten, was im Familienalltag erledigt oder besorgt werden musste.

Joey: Kathi wollte mindestens ein Jahr mit dem Referendariat warten und mich den Abschluss machen lassen. Während ich meine Masterarbeit schrieb, übernahm sie den Großteil der Kinderbetreuung. Der Haushalt war dafür oft meine Aufgabe: Ich räumte abends noch auf, putzte und machte die Wäsche. Vor der Geburt der Zwillinge hatten wir es umgekehrt gemacht: Während Kathi für das Staatsexamen lernte, war ich bei Leni, im Master konnte ich die Kurse ja frei wählen und meine Aufgaben dann erledigen, wenn es passte.

Inzwischen sind die Zwillinge 19 Monate alt, sie sollen ab September in die Kita. Leni ist sieben und geht zur Schule. Joey hat seine Masterarbeit Ende April abgeben und bewirbt sich nun auf Promotionsstellen, Kathi wird im Januar mit dem Referendariat an einem Gymnasium beginnen.

Kathi: Da ich in den vergangenen Monaten tagsüber bei den Kleinen war, sind sie gerade auf mich fokussiert, meist rufen sie nach ihrer Mutter. Das ist in Ordnung, weil es sich bald ändern wird, wenn Joey die Betreuung übernimmt.

Joey: Wenn Kathi ins Referendariat startet, werde ich mich wieder mehr um die Kinder kümmern. An den Unis gibt es ohnehin kaum volle Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter und die Arbeitszeit kann man als Promovend frei planen. Kathi und ich teilen uns so auf, wie es gerade zu unserer Lebenssituation passt.

„Ich genieße die Zeit mit den Kindern, aber mein Beruf ist mir wichtig. Ich will mich selbst verwirklichen und meine Ziele verfolgen.“
Kathi

Kathi: Ich möchte, dass wir als Eltern dieselben beruflichen wie auch privaten Möglichkeiten haben. Ich genieße die Zeit mit den Kindern, aber mein Beruf ist mir wichtig. Ich will mich selbst verwirklichen und meine Ziele verfolgen. Mit Joey habe ich da den Richtigen gefunden, er kennt es so aus seiner Familie. 

Joey: Mein Bruder und ich wurden großteils von unserem Vater großgezogen. Ich glaube, ihm war der Job einfach weniger wichtig als meiner Mutter. Also blieb unser Vater zwei Jahre lang mit uns zu Hause und arbeitete dann wieder halbtags als Erzieher. Ich definiere mich zwar stärker über meinen Beruf als er. Aber ich finde auch: Mann und Frau sind gleichberechtigt, so steht es im Grundgesetz, und das muss prinzipiell auch bei der Familiengründung gelten.

Kathi: Bei uns übernimmt im Alltag jeder seinen Part: Ich denke zum Beispiel an die Geburtstage in der Familie oder im Bekanntenkreis, besorge die Geschenke und bastle Karten. Joey vergisst das schon mal.

Joey: Seit Leni in der Schule ist, kümmere ich mich hauptsächlich darum: Ich kenne Lenis Lehrer, weiß über Hausaufgaben Bescheid und mache Frühstück mit den anderen Eltern.    

Gleichberechtigt ins Berufsleben einsteigen

Kathi: Wie wir Kinderbetreuung und Haushalt nach dem Referendariat aufteilen, wissen wir noch nicht. Ich werde jedenfalls nicht auf einer Vollzeitstelle bestehen. Ein 80/80-Modell könnte ich mir gut vorstellen, dann arbeiten Joey und ich beide vier Tage die Woche. So bleibt uns noch Zeit mit den Kindern.

„Der Mann wird noch immer oft als Ernährer der Familie gesehen. Bei uns soll es anders sein.“
Joey

Joey: Väter arbeiten immer noch eher in Vollzeit und Mütter in Teilzeit, da kann man noch nicht von Gleichberechtigung sprechen. Der Mann wird noch immer oft als Ernährer der Familie gesehen. Bei uns soll es anders sein. Dass wir im Studium Kinder bekommen haben, hat es uns leichter gemacht, als Eltern gleichberechtigt zu leben. Wir hatten zwar weniger Geld, dafür aber mehr Zeit und waren selbstbestimmt, wir mussten nicht mit Vorgesetzten über die Elternzeit oder das Meeting am Abend diskutieren.  

Kathi: Beim Jobeinstieg könnte ich sogar einen Vorteil haben: Ich habe nicht vor, noch mal schwanger zu werden. Wenn die Kinder dann groß sind, haben Joey und ich die Hälfte des Lebens noch vor uns. Wir können unsere 40er als Paar auskosten, viel reisen. Und ich kann mich voll auf die Arbeit konzentrieren.

Joey: Kathi und ich wissen, wie es ist, den Alltag mit kleinen Kindern zu bestreiten, deshalb werden die kommenden Jahre im Berufsleben womöglich sogar einfacher. Die Kinder sind dann älter, schlafen durch und gehen zur Schule. Ich freu' mich drauf!

*Die Eltern möchten zum Schutz ihrer Kinder nicht, dass deren richtige Namen im Text genannt werden. Die Vornamen der drei Mädchen sind deshalb geändert.


Fühlen

Nach der Isolation: Hat uns die Coronakrise zu Einzelgängern gemacht?
Marie fällt es schwer, jetzt wieder unter Leute zu gehen. Ist das Grund zur Sorge?

Morgens mit einer Freundin joggen, in der Mittagspause mit den Kollegen essen und nach der Arbeit ein paar Freunde auf ein Bier treffen. So sah der Alltag von Marie* vor der Coronakrise aus. Doch seit wir angehalten wurden, uns voneinander fernzuhalten, ist Marie viel allein. Aber einsam ist sie nicht, sondern genießt die Zeit mit sich selbst sehr – zu sehr, wie sie inzwischen befürchtet.

Langsam kehrt ein bisschen Normalität in unser soziales Leben ein, wir können uns wieder mit Freunden treffen, in einzelnen Bundesländern sind bereits Treffen in Gruppen erlaubt. Auch bei Marie steht Ende des Monats das erste gesellschaftliche Ereignis an: Sie ist auf eine Geburtstagsfeier eingeladen. Und würde am liebsten jetzt schon absagen.

Wenn sie in den vergangenen Monaten nicht allein war, ging sie höchstens mal mit einer anderen Person spazieren oder war mit ihrer WG zusammen. "Die Vorstellung, mich mit mehreren Leuten zu treffen, zur Arbeit zu gehen und wieder ins 'normale Leben' zu starten, macht mir Angst und überfordert mich." Auf dem Geburtstag würde sie viele Leute treffen, die sie lange nicht gesehen hat. Eigentlich ein schönes Ereignis. "Aber ich habe einfach keine Lust", sagt Marie.

Woran liegt das? Hat uns die Coronakrise zu Einzelgängern gemacht?

Mit dieser Frage beschäftigt sich Diplom-Psychologin Raffaella Dirks aktuell intensiv. Die Coronakrise ist natürlich auch in ihrer Praxis Thema. Manche Menschen leiden stark unter der sozialen Isolation. Doch ebenso fragen sich – wie Marie – einige, warum sie die Zeit alleine so sehr genießen.