Unternehmen suchen händeringend nach Fachkräften. Manche Berufsgruppen können sich vor Anfragen kaum retten. Wie ist es, so begehrt zu sein?

Es war ein Freitag im vergangenen März, als Christopher Röskes und seine Kommilitonen und Kommilitoninnen sich für einen Abend ein bisschen wie Prominente fühlen durften: Seine Hochschule, die Code University in Berlin, hatte ein Treffen mit Start-ups und deren Technikchefs organisiert, um den Studierenden einen Einblick in die Arbeitswelt zu geben.

Am Ende der Veranstaltung hatte Christopher nicht nur viel über die Tätigkeit der jungen Unternehmen erfahren, sondern auch Dutzende von Händen geschüttelt, zehn Visitenkärtchen eingesammelt – und die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bei einem bekannten Finanztechnologie-Unternehmen bekommen.

"Die Veranstaltung", so erinnert sich Christopher, "hatte etwas von einem Speed-Dating – nur auf beruflicher Ebene." Die Studenten wurden heiß umworben, jeder Technikvorstand präsentierte sich und sein Unternehmen von der besten Seite, denn alle hatten eines gemeinsam:

Sie waren auf der Jagd nach neuen Mitarbeitern.

Nur wenige Tage später unterschrieb Christopher einen Werkstudenten-Vertrag – und arbeitet seitdem zwei Tage die Woche neben seinen Vorlesungen und Seminaren als Data Scientist.

(Bild: Privat)

Christopher ist gerade einmal 20 Jahre alt, er hat sein Studium nicht einmal beendet und weiß jetzt schon, dass er mit ziemlicher Sicherheit niemals in seinem Leben ohne Job dastehen wird.

Der Grund: Christopher ist angehender Programmierer und damit einer der begehrtesten Arbeitnehmer im ganzen Land.

Der Branchenverband Bitkom hat berechnet, dass der Mangel an IT-Fachkräften im Jahr 2018 mit 82.000 offenen Stellen einen neuen Höchststand erreicht hat. Das entspricht einem Anstieg um 49 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – und man geht davon aus, dass die Nachfrage in Zukunft noch steigen werden. Laut Dekra-Arbeitsmarktreport werden vor allem Softwareentwickler, Softwarearchitekten und Programmierer gesucht: Im Durchschnitt dauert es 158 Tage bis eine Firma eine freie Stelle in diesen Bereichen besetzen kann.

Christopher und seine Kommilitonen sind Profiteure des sogenannten Fachkräftemangels. 

Von dem spricht man, wenn eine große Anzahl von Arbeitsplätzen für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit bestimmten Fähigkeiten über einen längeren Zeitraum nicht besetzt werden kann, weil auf dem Arbeitsmarkt schlicht keine entsprechend qualifizierten Personen zur Verfügung stehen.

Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln hat ausgerechnet, dass dieses Problem etwa 400 Berufe trifft, darunter Heizungs- und Klimatechnikerinnen, Altenpfleger und Ärztinnen.

Stark nachgefragt sind auch Bauingenieurinnen. Wer im Netz das Stichwort "Bauingenieur gesucht" eingibt, findet Stellenanzeigen aus Bremen, Siegen, Ingolstadt, Gießen – oft versehen mit dem Zusatz "dringend". Die Bundesagentur für Arbeit gab an, dass 2017 zum ersten Mal mehr Stellen für Bauingenieure ausgeschrieben wurden, als Bauingenieure arbeitslos waren. Seitdem kommen fünf offene Stellen auf einen Arbeitssuchenden in dieser Branche. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen klagen über die schwierige Suche nach Mitarbeitern.

Schon jetzt fürchten sich viele vor dem Jahr 2025: Dann nämlich gehen die Babyboomer, also die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit, in Rente – und werden eine noch größere Lücke hinterlassen.

Für Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), ist der Fachkräftemangel die Achillesferse des deutschen Mittelstandes: "Früher waren in erster Linie Branchen wie der Maschinenbau, andere technische Berufe oder die Gesundheitsbranche betroffen. Inzwischen bleibt praktisch keine Branche und keine Region verschont", sagt er. In einer Unternehmerumfrage des BVMW gab knapp die Hälfte der Mittelständler an, dass sie aufgrund des Fachkräftemangels keine geeigneten Arbeitskräfte mehr für ausgeschriebene Positionen finden. Nahezu jeder zweite musste deshalb sogar schon Aufträge ablehnen.

(Bild: Privat)

Dass sie in einem stark umworbenen Beruf arbeitet, weiß auch Sabrina Friedrich. Seit ihrem Studienabschluss vor sieben Jahren hatte sie durchgängig attraktive Jobangebote – jede Bewerbung, die sie schrieb, führte zu einem Vorstellungsgespräch, jedes Vorstellungsgespräch zu einer Zusage:

„Das gleiche weiß ich auch von meinen Kommilitonen, ich kenne niemanden, der mit mir studiert hat, und heute arbeitslos ist.“
Sabrina

Tatsächlich war sie nach dem Studium eine der ersten aus ihrem Freundeskreis, die eine Stelle in der Tasche hatte: "Nicht einmal meine beiden besten Freundinnen, die Grundschullehramt studiert haben, hatten so schnell einen Arbeitsvertrag unterschrieben wie ich."

Sabrina arbeitet in der Bauabteilung des Bistums Münster und kümmert sich dort unter anderem um die Renovierung des St.-Paulus-Doms. Kollegen, die schon länger dabei sind, haben ihr erzählt, dass die Zahlen der Bewerberinnen in den letzten 15 Jahren stark zurückgegangen sind. 

Damals habe man sich als Arbeitgeber den passenden Kandidaten auswählen können – heute sei es andersherum: Die Bauingenieurin suche sich das Unternehmen aus.

Diese Entwicklung beobachtet auch Mario Ohoven vom Bundesverband mittelständischer Unternehmen: "Das Selbstbewusstsein der Bewerber ist gestiegen und mit ihm auch die Ansprüche an den potentiellen Arbeitgeber. Dabei steht das Gehalt gar nicht an erster Stelle, es geht insbesondere um flexibleres und mobiles Arbeiten, die Work-Life-Balance muss stimmen. Bewerber achten auch darauf, dass sie sich in ihrem Job frei entfalten, sich selbst verwirklichen können."

Sabrina hat bei der Wahl ihres Arbeitgebers vor allem darauf geachtet, dass ihr neben dem Job ausreichend Zeit für die Betreuung ihres kleinen Sohnes bleibt. Weil das Bistum Münster ihr die dafür notwendige Flexibilität bietet, kann momentan kein anderes Angebot sie von ihrer Traumstelle weglocken – und das, obwohl sie immer wieder Anfragen bekommt: "Kürzlich traf ich zufällig meinen alten Chef, der mich sofort fragte, ob ich nicht zurückkommen wolle, und ein Kommilitone, der sich selbstständig gemacht hat, schrieb mich an, um zu fragen, ob ich mir vorstellen könnte, zu ihm zu wechseln."

Noch ausgeprägter als Sabrina spürt der Computer-Experte Christopher die Nachfrage des Marktes. Über das Karrierenetzwerk LinkedIn, bei dem er ein Profil hat, erhält er wöchentlich mindestens eine Mail von Headhuntern, die ihn für ihre Auftraggeber gewinnen wollen. "Kürzlich schrieb mir eine Schweizer Firma, das sie gerne die Kosten für mein Masterstudium übernehmen würde, wenn ich mich im Gegenzug dazu verpflichte nach dem Abschluss bei ihnen einzusteigen", erzählt er.

Die Schweiz kann ihn allerdings momentan nicht locken: Er möchte auch nach seinem Studium in Berlin bleiben. Was danach kommt? Man wird sehen. Schließlich wisse man nie, wie sich die Branche entwickle. "Von Umbrüchen im Jobmarkt können schließlich auch wir betroffen sein", sagt er.

Überraschend, aber wahr: Sogar ein viel gefragter IT-Experte bleibt von Zukunftsängsten an manchen Tagen nicht verschont.


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