Bild: Jannis Große
Was wir vom öffentlichen Dienst lernen können.

Wir alle müssen wohl bald "stempeln", "loggen" oder "chippen". Am Fließband, im Büro, in der Großküche. Das hat der Europäische Gerichtshof heute beschlossen. Denn Arbeitgeber müssen zukünftig die Arbeitszeiten ihrer Angestellten systematisch erfassen. (SPIEGEL ONLINE)

Ich habe sechs Jahre im öffentlichen Dienst gearbeitet. Während der Studienzeit im Nebenjob, danach in Vollzeit. 

Als jemand, der jahrelang gestempelt und später mit einem Chip seine Zeit erfasst hat, freue ich mich über dieses Urteil. 

(Bild: Arno Burgi / dpa)

Eine spanische Gewerkschaft hatte geklagt, weil sie für Angestellte der Deutschen Bank in Spanien eine Zeiterfassung erstreiten wollte. Gültig wird das Urteil nun für alle EU-Mitgliedsstaaten, da es sich beim Arbeitsschutz um ein Grundrecht aller Europäerinnen und Europäer handelt. (EU Gerichtshof)

Für die Arbeitgeber bedeutet das Einbußen: 2017 und 2018 haben Arbeitnehmer allein in Deutschland laut Daten der Bundesregierung jeweils rund eine Milliarde Überstunden geleistet, ohne dafür entlohnt zu werden. Man könnte auch sagen: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben ihren Firmen massiv Arbeitszeit geschenkt.

In meinen Behördenjobs hingegen chipte oder stempelte ich mich morgens an einer (digitalen) Uhr ein, vor und nach Pausen oder zum Feierabend ging ich immer an dieser Uhr direkt bei der Tür vorbei. Als jemand, der zuvor nur projektbasiert gearbeitet hatte ("Wir gehen heim, wenn wir fertig sind"), fühlte sich das ungewohnt an – nach mehr Kontrolle, nach weniger Freiheit, doch auch gerechter. Wer mehr Überstunden machte, feierte sie auch ab. Der, der länger blieb, war nicht automatisch der Streber.

Als Auszubildender mit einem Einkommen von unter 1000 Euro war ich froh darüber, immerhin für meine geleistete Mehrarbeit auch fairen Ausgleich zu bekommen. Denn obwohl jede Raucherpause und jedes Kaffeeholen ausgeloggt werden musste, standen am Ende einer besonders intensiven Arbeitsjahres fast drei Wochen an Überstunden auf der Tabelle. Den letzten Monat meiner Anstellung nahm ich mir deshalb fast komplett frei. Hätte ich unterbezahlter Azubi diese drei Wochen verschenken sollen? 

In vielen Branchen und Firmen ist das so.

Meine Familie, Freundinnen und Freunde erzählen mir, wie es ihnen ohne vorgegebene Zeiterfassung im Arbeitsleben ergeht. Wer pünktlich nach Hause geht und seine Zeiten zur Kontrolle schriftlich erfasst, wird von der Chefin komisch angeschaut. Das passe nicht zur "Start-Up-Mentalität", heißt es dann. Andere haben in ihren Verträgen bereits 20 Prozent Überstunden als "abgegolten" enthalten und halten diese noch nicht mal fest. Soll heißen: Selbst, wenn man 48 statt 40 Stunden arbeiten muss, soll man sich nicht beschweren. Da die Zeiterfassung fehlt, weiß aber eh niemand, ob es vielleicht auch 50 oder 60 Stunden gewesen sein könnten.

Und dann gibt es diejenigen, die sich selbst kontrollieren und mit Vertrauen des Chefs ihre Überstunden eigenhändig eintragen. Aber auch hier erzählen mir meine Freunde, dass sie oft in ihrer Freizeit Mails checken, telefonische Anfragen beantworten oder Social-Media-Kommentare auf Facebook-Seiten moderieren. Noch ist nicht klar, wie die Arbeitszeiterfassung in Zukunft genau aussehen wird, aber solche Nebenbei-Arbeit bleibt dann nicht mehr ungesehen. 

Viele Menschen lieben die Flexibilität eines Home Offices, in dem sie ihre Arbeitszeit eigenständig und ohne bürokratischen Aufwand um Kinderbetreuung und Freizeit herum gestalten können. Wichtig ist ihnen und ihren Firmen meist, dass ein Projekt fertig wird – nicht, ob es nun sechs oder zehn Stunden gedauert hat. (SPIEGEL ONLINE)

Das Engagement all dieser Angestellten ist großartig für Kunden und Unternehmen, oft aber nicht für die Angestellten selbst. Denn zu wenige Ruhepausen – körperliche und mentale – machen krank. (Studie der Uni Nürnberg) Auch für die Arbeitgeber ist das mittelfristig schlecht, da kranke und ausgebrannte Arbeitnehmer nicht effektiv mit anpacken können. Die Dauererreichbarkeit durch Smartphones sorgt laut Leibniz-Institut für Arbeitsforschung der TU Dortmund zudem für messbar sinkende Konzentrationsfähigkeit und höhere Empfindlichkeit. (Heise)

Ich finde: Wer regelmäßig 50 Stunden arbeitet, aber nur für 40 Stunden bezahlt wird, beutet sich damit selbst aus. Das darf kein Standard sein. 

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) ist wenig begeistert. "Auf die Anforderungen der Arbeitswelt 4.0 kann man nicht mit einer Arbeitszeiterfassung 1.0 reagieren", schrieben sie in einer Stellungnahme. Nehmen wir nur aber allein das Modell des Home Offices: Selbst dort dürfte es kein Problem sein, seine Zeit mit einem Online-Tool oder App erfassen zu können. Das ist 4.0.

(Bild: Gyfcat )

Der EuGH erkennt in seinem Urteil auch an, dass in vielen Ländern gar keine klare Datenlage besteht, wie viel Arbeitszeit wirklich unbezahlt geleistet wird. Eben, weil es keine Systeme gibt, um die Zeit genau zu erfassen. Das fördert sowohl das Schummeln von faulen Kollegen, die alle 30 Minuten zehn Minuten rauchen gehen, als auch das unfaire Ausbeuten von Menschen, die sich für diese Kollegen doppelt ins Zeug legen müssen. Eine systematische Zeiterfassung soll daher auch dafür sorgen, mehr Daten darüber zu bekommen, wieviel Zeit in allen EU-Ländern mit Arbeit verbracht wird und für Gerechtigkeit sorgen.

Ein Problem wird dabei sein, dass es vielen Branchen schwer fällt, Arbeitszeit als solche zu erkennen:

  • Ist es Arbeitszeit, wenn eine Führungskraft ein Buch über Unternehmensleitung liest? 
  • Ist es Arbeitszeit, wenn eine Köchin sich zu Hause neue Rezepte überlegt? 
  • Ist es Arbeitszeit, wenn ein Taxifahrer vor dem Bahnhof auf neue Fahrgäste wartet? 

Schon heute sind Systeme trotz vorgegebener Erfassung nicht immer fair: Bei einigen Lieferdiensten und in Fast-Food-Küchen etwa müssen sich Lieferanten und Köche in "Zwangspausen" ausloggen, wenn gerade keine Bestellungen reinkommen, erzählte mir kürzlich ein Kumpel. Das Gelände verlassen dürfen sie aber nicht, falls doch etwas passiert. Aber ist das wirklich Freizeit? 

Und auch vor sich selbst werden Mitarbeiterinnen durch die neue Vorgabe nicht geschützt: In einem meiner alten Jobs stempelte sich eine engagierte Kollegin nach einem Rüffel der Personalstelle ("Zu viele Überstunden!") abends pünktlich aus und arbeitete dann mehrere Stunden ohne Erfassung weiter.  Wer sein Leben dem Unternehmen schenken möchte, wird das wohl auch weiterhin tun können.

Aber ich lasse mein Mailprogramm nach Feierabend gerne geschlossen – und verbringe Zeit mit meiner Familie und nicht mit der Arbeit.

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Future

Eine Auszubildende erzählt: Darum sind auch 515 Euro Mindestlohn im Monat zu wenig

Auszubildende sollen besser bezahlt werden. Wenn es nach der Bundesregierung geht, sollen sie ab 2020 eine Mindestvergütung von 515 Euro pro Monat erhalten. Bis 2023 soll der Betrag auf 620 Euro steigen. Ziel ist es, unter anderem die Attraktivität der beruflichen Bildung zu erhöhen. Die Gesetzesreform des Bundesbildungsministeriums soll am Mittwoch vom Kabinett beschlossen werden (SPIEGEL ONLINE).

Der Zentralverband des deutschen Handwerks sieht die Mindestvergütung kritisch. Sie würde den regionalen wie betrieblichen Besonderheiten nicht gerecht, heißt es in einem Statement. "Was in einer Region oder einem Betrieb finanziell noch zu stemmen ist, das ist andernorts dann einfach zu viel." Sie befürchten, dass einige Firmen dann keine Ausbildung mehr anbieten.

Wir haben mit einer angehenden Friseurin über den geplanten Mindestlohn gesprochen. Wofür reicht ihr Verdienst in einer Großstadt wie Hamburg?