Werden Leistungen trotz Abreise angerechnet? Und was ist mit der finanziellen Förderung?

Unialltag in einer fremden Stadt, interkultureller Austausch – etwa 800.000 Studierende nehmen jedes Jahr am Erasmus-Programm teil (Europa.eu). Neben neuen Sprachkenntnissen und Erfahrungen können die Stipendiaten eigentlich vor allem mit einem rechnen: der vollständigen Anerkennung der geleisteten Creditpunkte an der Heimatuniversität und einer finanziellen Förderung von mehreren hundert Euro im Monat.

Wegen COVID-19 ist jetzt alles anders. 

Universitäten schließen, Kurse finden online statt oder fallen gänzlich aus. Das akademische Austauschprogramm empfiehlt, sich an die weltweite Reisewarnung des Auswärtigen Amts zu halten und keine neuen Reisen anzutreten (Auswärtiges Amt). Rückholaktionen aus den europäischen Ländern gibt es bisher keine. Einige Studierende bleiben deshalb in ihrem Zielland, andere verlassen es fluchtartig, um schnell nach Deutschland zurückzukehren. Aber was bedeutet eine potenzielle Abreise für die finanzielle Förderung? Und werden die Leistungen trotz Rückreise anerkannt? 

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie werden vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) als höhere Gewalt eingestuft. Das erlaubt den zuständigen Stellen der Universitäten, flexibel zu handeln und individuelle Lösungen zu finden (DAAD). bento hat mit vier Studierenden darüber gesprochen, was das im konkreten Fall bedeutet. 

Jordy Kiel, 23, studiert Politikwissenschaft in Hamburg, war zu Gast in Göteborg, Schweden.

"Ich habe mich dazu entschieden, mein Gastland zu verlassen. Vor der Pandemie war ich mit Freunden noch für einige Tage in Lappland, erst als wir zurück nach Göteborg kamen, erfuhr ich von dem ganzen Ausmaß. Die Entscheidung, nach Deutschland zurückzukehren, fiel mir nicht leicht. Zwei Tage später kaufte ich mir dennoch ein Ticket für die nächste Fähre zurück, zu schlimm war der Gedanke, meine Familie in Hamburg eventuell nicht mehr unterstützen zu können, falls sich die Situation in Deutschland verschlimmert. Ich wollte nicht mit der Unsicherheit leben, vielleicht gar nicht mehr zurück zu können – die ersten Länder fingen an, Grenzen dicht zu machen. Wie man es von Schweden vielleicht erwartet, wurden dann innerhalb weniger Tage Seminare über Video angeboten. Das klappt super! Meine Wohnung in Hamburg ist noch untervermietet, deshalb lebe ich gerade wieder bei meinen Eltern und studiere vom Sofa aus am Laptop weiter. Durch den umstrittenen Weg Schwedens im Umgang mit der Krise fühlt sich die Entscheidung, das Land verlassen zu haben, für mich richtig an."

Und so beurteilt der DAAD seine Situation: Jordy hat sich dazu entschieden, sein Gastland zu verlassen, deshalb steht ihm grundsätzlich eine anteilige Förderung für die im Ausland tatsächlich verbrachte Zeit zu. Allerdings bietet seine Universität die Vorlesungen im Videoformat an, das bedeutet für ihn: Er kann seine Lernziele regulär von zu Hause aus erreichen und erhält daher dennoch für das gesamte Semester die volle finanzielle Förderung. (DAAD)

Stella Lueneberg, 22, ist gerade an der UCL für Internationale Beziehungen in London eingeschrieben, ihre Heimatuniversität ist in Hamburg.

"Ich habe meinen Aufenthalt im Ausland vorübergehend unterbrochen. Die Entscheidung der britischen Regierung, auf Herdenimmunität zu setzen und einfach nichts zu machen, war für mich untragbar. Außerdem wohne ich in London in einer großen WG und als meine Mitbewohnerinnen nach und nach gingen, fühlte ich mich nicht mehr wirklich wohl. Jetzt habe ich mein Zimmer in London für eine kurze Zeit gegen das Schlafsofa bei meiner Mama in Freiburg getauscht. Gerade stehen bei mir Essays an, die Literatur dazu finde ich online. Das Studium an der UCL ist unglaublich arbeitsintensiv, deshalb spielt es keine Rolle, ob ich den ganzen April in der Bibliothek in England sitzen würde oder jetzt in Süddeutschland am Küchentisch. Was mich natürlich ärgert, ist die hohe Miete, die ich gerade in London für ein ungenutztes Zimmer bezahle. Sobald sich die Lage aber etwas beruhigt hat, freue ich mich zurückzukehren."

Und so beurteilt der DAAD ihre Situation: Zurzeit befindet sich Stella wieder in Deutschland und schreibt an den Essays, die notwendig sind, um ihre vereinbarten Lernziele regulär zu erreichen. Zusätzlich laufen im Ausland noch Kosten für Strom, aber vor allem die teure Miete in London für ihr WG-Zimmer weiter. Aus diesen beiden Gründen wird sie auch während der Unterbrechung in vollem Umfang mit dem vorgesehenen Zuschuss gefördert. (DAAD)

Kira Merle Petrasch, 27, studiert Kulturwissenschaften in Leipzig im Master und war zum Erasmussemester in Rom.

"Für meinen Freund und mich war es seit langer Zeit ein großer Traum, in Italien zu studieren. Tatsächlich wurden wir beide in Rom angenommen, fanden eine günstige Wohnung, kauften uns ein Auto und fuhren hin. Die Uni besuchte ich dann nur für zwei Wochen, bis die Krise Italien erreichte. Ab dem Zeitpunkt fühlte sich vor Ort niemand mehr für mich verantwortlich – keine Mails, keine Informationen. Die einzigen Updates erhielt ich über WhatsApp von einer Kommilitonin und schließlich von meinen Dozentinnen. Sie fragten, was ich hier noch suchen würde. Nervös wurde ich, als wir hörten, dass die ersten Studierenden aus Bologna und Mailand nach Hause geschickt wurden. Über Nacht und völlig übermüdet setzte ich mich mit meinem Freund ins Auto und fuhr zurück nach Deutschland. Meine Erasmuszuständige aus Leipzig war super hilfsbereit und fand mit mir eine individuelle Lösung. Das Studium an der italienischen Uni konnte ich nicht fortsetzen, ich war selten so frustriert."

Und so beurteilt der DAAD ihre Situation: Kira Merle musste ihren Aufenthalt abbrechen, alternativlos. Konkret bedeutet das für sie vor allem der Wegfall des Stipendiums. Da jedoch die Regelungen der höheren Gewalt greifen, konnte sie in einer Kostenaufstellung alle bisherigen Ausgaben wie Reise, Miete und Tickets gegenüber ihrer Universität geltend machen und erhielt das Geld hierfür nach kurzer Zeit. Durch eine Sonderregelung verliert Kira außerdem kein Semester, sie kann das Studium wieder in Leipzig aufnehmen(DAAD)

Elif Çakmak* studiert Medizin in Köln, ihr letztes Hochschulsemester verbringt sie in Istanbul.

"Ich wollte auf jeden Fall in Istanbul bleiben. Die Situation ist in jedem Land gerade ähnlich, ich fühle mich in der Türkei sicher und wer gerade reist, trägt ohnehin dazu bei, dass sich das Virus weiterverbreitet. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, in meinem Wohnheim zu bleiben. Um mich herum sind viele internationale Studierende: Wir lernen voneinander und verbringen hier drinnen viel Zeit. Da ich in meinem letzten Semester bin, ist es gleichzeitig die letzte Chance für mich, eine Zeit lang hier zu leben. Ich kann nicht einfach sagen, 'Ich mach das nächstes Jahr nochmal'. Im Medizinstudium haben wir viele praktische Seminare – die Kurse am Patienten selbst wurden auf einen späteren Zeitraum in den Sommer verlegt, einzelne Praktika verkürzen sich. Theoretische Kurse finden dagegen online statt, die Universität in Istanbul hat da sehr schnell reagiert. Die Entscheidung zu bleiben hat sich für mich als richtig bewiesen. Vor allem, als mir meine Freunde in Köln erzählt haben, dass die Uni dort in Sachen Digitalisierung viel langsamer ist als hier in der Türkei."

Und so beurteilt der DAAD ihre Situation: Die Universität von Elif in Istanbul wurde geschlossen. Dennoch bleibt sie im Zielland und hat die Möglichkeit, an virtuellen Aktivitäten wie online stattfindenden Seminaren teilzunehmen. Da sie ihr Auslandssemester regulär weiterführt und ihre Lernziele, wie mit dem DAAD vertraglich festgelegt, voraussichtlich erreicht, wird sie weiterhin in voller Höhe finanziell gefördert. (DAAD)

*Elif ist nicht ihr echter Name. Sie möchte lieber anonym bleiben. Ihr vollständiger Name ist der Redaktion bekannt. 


Fühlen

Gemeinsam allein: Was wir (und die Welt) aus der Corona-Zeit lernen können
Faschos, Furcht, Forschung: Ein Kommentar über gemeinsame Ängste und Chancen

Den letzten Hausarrest bekamen mein bester Freund und ich mit 16 Jahren, nachdem wir auf einer Kellerparty viel zu viel getrunken hatten und später meiner Mutter ins Blumenbeet spuckten. Jeder von uns bekam eine Woche. Ein verbindendes Erlebnis – obwohl wir getrennt voneinander waren. 

Heute ist gefühlt die ganze Welt im Hausarrest

Ob in Rio, Kapstadt, Bangkok, Chicago oder Paderborn: Menschen sind dazu angehalten, so viel wie möglich zu Hause zu bleiben, Kontakte zu anderen zu reduzieren, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Auch wenn die Maßnahmen teils drastisch anders durchgesetzt werden, ähneln sich die Bilder in den Nachrichten. Während wir in Deutschland leicht angenervt über Klopapier- und andere Hamsterkäufe scherzen, passiert dasselbe in den USA (CNN) und Hongkong (Guardian). Lustige Quarantäne-Memes aus Österreich funktionieren in Australien und Argentinien ebenso. 

Ja, das Scherzen ist nur möglich, weil wir uns hier noch in einer priviliegierten Lage befinden. Weil wir davon ausgehen, dass alles weitestgehend gut wird, wenn man nur zu Hause wartet und sich die Hände wäscht. Ein Luxus, den viele nicht haben, weil sie weder ein Dach über dem Kopf noch Zugang zu Hygieneeinrichtungen haben. Diese Einstellung ist vor allem in reichen Industrienationen möglich, wo Krankenhäuser zumindest die Chance haben, einen Großteil der Erkrankten zu retten, wenn die Pandemie ihr Land erreicht. 

Trotzdem sind dieses Witzeln und die Sicht auf das kollektive Problem vieler Menschen eine Chance. 

Denn während die Pandemie einerseits bestehende Ungleichheiten verstärkt und weiter verstärken wird – durch steigende Lebensmittelpreise, geschlossene Asylzentren oder ungerechte Verteilung von medizinischer Versorgung – wird durch sie in anderen Bereichen sehr vieles gleich. 

Auf einmal haben Milliarden Menschen gleiche Gefühle, gleiche Ängste, gleiche Wünsche. Die Angst, dass den Verwandten etwas passieren könnte. Dass der Job der Rezession zum Opfer fallen könnte – und dann vielleicht auch die eigene Wohnung. Dass man doch nicht genug Essen im Vorratsschrank hat. Auf einmal sind wir uns alle emotional sehr nah. "Was hast du während des Lockdowns gemacht?" könnte das neue "Wo warst du am 11. September?" werden.