Eine Analyse über das oft schwierige Verhältnis zwischen Unternehmen und werdendem Vater

Für Jonathan bricht bald die bedeutendste Zeit seines Lebens an: Im November wird der 31-Jährige zum ersten Mal Vater. Jonathan will ein moderner Vater sein, einer, der Elternzeit nimmt, zu Hause mit anpackt und auch tagsüber auf das Kind aufpasst.

Sein Vorgesetzter konnte dem nichts abgewinnen. Jonathan hat Politikwissenschaften studiert und die vergangenen vier Jahre im Bundestag für verschiedene Abgeordnete gearbeitet. Ausgerechnet dort, wo täglich um Gerechtigkeit gerungen wird, sagte ihm sein letzter Arbeitgeber: "Sie haben zwar ein Recht auf Elternzeit, aber nicht in diesem Job."

Eine Woche später wurde ihm gekündigt.

Jeder dritte Vater geht heute in Elternzeit.

Die meisten bleiben nicht länger als zwei Monate zu Hause – das Minimum, um den Bezugszeitraum von 12 auf 14 Monate zu verlängern. Neben finanziellen Einbußen geben Väter als einer der Hauptgründe gegen die Elternzeit an, berufliche Nachteile zu befürchten (SPON). Laut Väterreport 2018 des Bundesfamilienministeriums seien allerdings keine langfristigen negativen Folgen im Beruf zu beobachten. Diese Aussage wird auf eine Befragung des Instituts für sozialwissenschaftlichen Transfer aus dem Jahr 2014 zurückgeführt – mit einer geringen Fallzahl von Vätern, die auch nur wenige Monate Elternzeit nahmen. Wie sich die Elternzeit bei Vätern tatsächlich auf die Karriere auswirkt, ist wenig erforscht.

Hinlänglich bekannt ist dagegen, dass Mütter nicht nur weniger Geld verdienen, sondern mit der Geburt eines Kindes auch Karriereeinbußen hinnehmen. Die Einführung der Elternzeit vor zwölf Jahren hat diese Nachteile nicht abgeschafft. Dafür haben sie sich möglicherweise auch auf Männer übertragen. Wer heute ein moderner Vater sein will, einer, der seine Kinder auch betreuen und nicht nur zu Bett bringen will, muss die Karriere – zumindest für eine Zeit – hinten anstellen. (SPON Podcast)

"In der Öffentlichkeit wird häufig darüber gesprochen, dass Männer Karriereknicks befürchten. Da schwingt immer mit, dass sie sich das einbilden und nicht die Eier haben", sagt Jonathan. Er möchte nicht unter seinem echten Namen sprechen, um sich nicht noch mehr Schwierigkeiten einzuhandeln. Dass die Verhandlung mit seinem Chef eine Herausforderung werden würde, hatte er zwar erwartet. Im vergangenen Sommer riss er sich das Kreuzband. Schon damals bat der Abgeordnete ihn, die OP nicht in die Sitzungswochen des Bundestags zu legen. Jonathan verschob sie um ein ganzes Jahr.

Die Regenerationszeit von drei Monaten fiel dann aber mit der Geburt seines Kindes zusammen. Eigentlich wollten Jonathan und seine Frau die Elternzeit einigermaßen gleichmäßig aufteilen – sie ist Grundschullehrerin und wollte acht Monate frei nehmen, er zwischen vier und sechs. Um auf der Arbeit nicht zu viele Probleme zu verursachen, bat er erst einmal nur um zwei Monate, reduzierte dann auf einen und bot an, schon nach der OP von zu Hause zu arbeiten.

Dem Chef reichte das nicht. Er sagte: "In der Politik gibt es keine Dankbarkeit und keine Freundschaft. Wenn Sie so lange ausfallen, muss ich Ihnen kündigen. Sie können nicht krank sein und dann auch noch Elternzeit nehmen. Was denkt ihre Frau eigentlich?" So erinnert sich Jonathan.

Vor allem der letzte Kommentar macht Jonathan wütend.

Weil er so deutlich zeigt, dass die Ungerechtigkeit nicht nur Frauen und ihre Karrierewünsche betrifft. Sondern auch Männer in eine Rolle drängt. Während sich diese in seinem beruflichen Umfeld kaum trauten, mehr als zwei Monate Elternzeit zu nehmen, blieben Kolleginnen häufiger ein ganzes Jahr weg. Das aber scheine akzeptiert zu sein. "Ich hatte das Gefühl, er hätte mehr Verständnis, wenn ich eine Frau wäre", sagt Jonathan. In der Kündigung stand natürlich nichts von alledem.

Väter wie Mütter in Elternzeit genießen besonderen Kündigungsschutz. Unternehmen dürfen ihnen in dieser Zeit nicht kündigen. Bei Frauen beginnt der Schutz bereits während der Schwangerschaft, bei Männern acht Wochen vor Antritt der Elternzeit. Beantragen müssen sie die Freistellung mindestens sieben Wochen vorher. Das bedeutet: Jungen Vätern bleibt eine Woche, um Elternzeit mit besonderem Kündigungsschutz zu beantragen. Bekommt der Arbeitgeber vorher davon Wind, kann er ihm kündigen. (bento/elternzeit.de)

Im Normalfall brauchen Unternehmen hierfür eine Begründung. Für das Abgeordnetenbüro, in dem Jonathan arbeitet, entfiel diese Regelung: Als Kleinbetrieb mit weniger als zehn Mitarbeitern gilt hier auch kein normaler Kündigungsschutz. Jonathans Arbeitgeber musste das Ende des Arbeitsverhältnisses nicht mal begründen.

Er hätte rechtlich dagegen vorgehen können, entschied sich aber dagegen – weil er nicht rechtsschutzversichert ist und mit der Arbeitsstelle Bundestag abschließen möchte.

Zwar wollen Männer Verantwortung übernehmen: Zwei Drittel der Väter von morgen zählen die Betreuung des Babys zu ihren Pflichten und erwarten, dass ein Vater nachts aufsteht, um dem Baby das Fläschchen zu geben, dass er die Windeln wechselt oder den Kinderwagen schiebt. (Väterreport 2018) Aber Unternehmen halten wacker am alten Modell fest.

Laut einer Untersuchung der hkk Krankenkasse und dem Bremer Institut für Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung (BIAG) von 2017 wünschten sich 41 Prozent der Väter mehr Unterstützung vom Arbeitgeber, beispielsweise in Form von flexiblen Arbeitszeiten (hkk, Väterstudie). In einer Pressemitteilung sagt Studienleiter Bernard Braun: "Nach wie vor fehlt in vielen Betrieben das Verständnis für Väter, die ihr krankes Kind pflegen oder sich während der Ferienzeit aktiv um ihre Kinder kümmern möchten. Dabei besteht dringender Nachholbedarf."

Viele Unternehmen bemühen sich. Konzerne wie SAP oder die Deutsche Bahn werben mit familienfreundlichen Angeboten auch für Väter. Dazu gehört die reibungsfreie Elternzeit ebenso wie Teilzeit- und Gleitzeit-Programme, interne Papagruppen oder Vater-Kind-Events. Im bundesweiten Väternetzwerk tauschen sich Firmen wie Lufthansa, Sanofi oder Otto untereinander aus und vernetzen ihre Angestellten. Dahinter steht die Väter gGmbh, die seit mehr als zehn Jahren Unternehmen und Mitarbeiter zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus Sicht von Vätern berät.

Und auch kleine Unternehmen werden flexibler. Florian leitet eine Berliner Digitalmarketing-Agentur im Angestelltenverhältnis. Der 32-Jährige ist im Juli vergangenen Jahres Vater geworden und ging drei Monate in Elternzeit. Sein Unternehmen hat 35 Mitarbeiter, die meisten Anfang bis Mitte 30 – genau das Alter, in dem viele Kinder bekommen. Dass Florian Elternzeit nehmen wollte, war für seine Chefs kein Problem – er war nicht der erste. Ein Kollege hatte bereits die nötige Aufklärungsarbeit geleistet. „Es ging dann nur noch darum, wie wir die Aufgaben verteilen.“

Sie stellten einen weiteren Mitarbeiter ein, die Suche dauerte drei Monate. Das war aufwändig und seine Abwesenheit für die Kollegen trotzdem eine enorme Belastung. Florian fühlte sich etwas schuldig, aber: „Diese Zeit mit meinem Kind kommt nie wieder.“ Er hätte sich auch vorstellen können, eine längere Auszeit zu nehmen. Die Entscheidung dagegen sei aber eine rein persönliche gewesen, zwischen seiner Frau und ihm.

Väterzeit scheint häufig noch immer als Privileg zu gelten, statt Verpflichtung. Von Frauen hingegen wird die Auszeit nach der Geburt geradezu erwartet. Jungen Familien macht das umso schwerer, ihren eigenen Weg zu finden – einen, der nicht von der Gesellschaft vorgegeben ist. Und auch die EU geht erste kleine Schritte. Eine Richtlinie, die Anfang Juli in Kraft trat, garantiert Vätern zehn bezahlte Tage Vaterschaftsurlaub rund um die Geburt ihres Kindes. Drei Jahre haben die Länder Zeit, die Vorgabe umzusetzen. (Tagesschau)

Es gibt Lösungsvorschläge.

Nina Straßner, Fachanwältin für Arbeitsrecht, äußerte den Gedanken, einen verpflichtenden Vaterschutz einzuführen (SZ, Bezahlschranke). Wären Männer grundsätzlich sechs Wochen nach der Geburt ihres Kindes freigestellt, könnten sie sich zu Hause von Anfang an stärker beteiligen. Mit der Zeit würde es zudem irrelevant, ob ein Arbeitgeber nun einen Mann oder eine Frau einstellt. Die Bundestagsfraktion der Grünen schlägt vor, das Elterngeld auf acht Monate für je Mutter und Vater, sowie acht Monate zur freien Aufteilung innerhalb der ersten drei Jahre auszuweiten.

Unternehmen begrüßen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zwar grundsätzlich, beklagen aber die Schwierigkeit, geeigneten Ersatz für zunehmend ausfallende Mitarbeiter zu finden. In einer Stellungnahme mahnt die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände insbesondere die 2015 eingeführte ElternzeitPlus an, mit der Paare ihren Elternzeitanspruch verdoppeln können, wenn sie Teilzeit arbeiten – und zwar in drei Abschnitten bis zum achten Lebensjahr ihres Kindes. "Der Arbeitgeber muss bis zu drei Mal für jedes Kind eine Vertretung organisieren, die die entsprechende Qualifikation mitbringt und bereit ist, eine nur befristete Stelle anzutreten, gegebenenfalls nur in Teilzeit", heißt es in der Stellungnahme. Das belaste vor allem kleinere und mittlere Betriebe.

Es verwundert kaum, dass die Elternzeit gerade im Gesundheits- und Sozialwesen hohe Anerkennung findet. Im Handel und Baugewerbe sei das Verständnis hingegen besonders gering, heißt es in der Studie der hkk-Krankenkasse. "Die Betreuung eines Kindes oder die Pflege eines kranken Kindes werden in diesem Arbeitsumfeld kaum gebilligt", sagte Studienleiter Braun.

Junge Väter spüren hier auf umgekehrte Weise, womit Mütter sich schon lange herumschlagen: Die Tücken der Vereinbarkeit zwischen sozialen Rollen und persönlichen Wünschen. "Es werden heute viele Erwartungen an uns gestellt, die an unsere Väter nicht gestellt wurden", sagt Jonathan. Die Karriere hinten anzustellen, zum Beispiel. "Aber wir haben auch Angst vor dem Karriereknick, dem Jobverlust."

Es fehlen, wie so oft, die Vorbilder. Jonathan wäre gern eins gewesen, das kostete ihn den Job. Immerhin kann er jetzt bei seiner Frau sein, wenn das Kind geboren wird. "Vor Januar stellt mich eh niemand ein."


Gerechtigkeit

Lars Klingbeil über Digitalwüsten und Alte-Männer-Politik: "Horst Seehofer blockiert da alles"

Lars Klingbeil, 41, Generalsekretär der SPD, wurde früher gern als junger Rockstar unter den SPDlern verkauft – weil er mal ein Augenbrauenpiercing hatte (er hat es rausgenommen, weil es ihn nervte, immer nur danach gefragt zu werden), weil er mal in einer Band mitgespielt hat (Sleeping Silence) und vor allem, weil er sehr jung in den Bundestag eingezogen ist. Er ist Mitglied des "Seeheimer Kreises", ein Zusammenschluss der eher konservativen SPD-Politiker.

Wir treffen ihn zum Gespräch in der sogenannten "Fraktionsebene" im Bundestag, vor dem Besprechungsraum der SPD. Der wird gleich frei, im Moment belagert ihn noch der Finanzminister, der ohnehin Anschlusstermine habe, heißt es.

Freundliches Händeschütteln im Gang. Klingbeil ist groß, hat den genau richtigen Profi-Händedruck und hält den üblichen Berlin-Hamburg-Smalltalk aufrecht. Das Besprechungszimmer ist vor allem schlicht, die berühmten Hinterzimmer, man stellt sie sich glamouröser vor. 

Erste Frage, die es zu klären gilt: bei bento duzen wir prinzipiell alle Gesprächspartner. Ist das auch für den Generalsekretär ok? Ja, sagt der, bei der SPD sei das auch so. Na dann mal los. 

bento: Es war dir wichtig mit bento zu sprechen. Warum?

Lars Klingbeil: Ich habe ein bisschen Angst vor einer Sprachlosigkeit zwischen jungen Generationen und der Politik – besonders, wenn es um das Internet und die Netzkultur geht.

Das Thema war in den vergangenen Monaten ja stark: Angefangen mit der Europawahl und Rezo, davor die Uploadfilterdebatte. Jetzt, nach diesem furchtbaren rechtsradikalen Anschlag in Halle, geht es wieder um die Frage, ob die die Gamerszene Schuld ist. Sowas nervt mich, seit ich Digitalpolitiker im Parlament war. 

Wie bist du Digitalpolitiker geworden?

Als ich mit knapp über 30 ins Parlament kam, wurde ich sofort gefragt, ob ich mich um das Thema kümmern will. Ich war gefühlt der Einzige mit einer Facebookseite. Und dann hieß es: Mach du mal Digitalpolitik. Am Anfang bestand das darin, dass ich Kolleginnen und Kollegen sagen musste, wie man das Handy neu startet oder ich wurde gefragt, ob ich noch ein Ladekabel dabei hab. 

Die Ladekabel-Anekdote erzählt Lars immer wieder gern in verschiedenen Interviews. Sie ist aber auch praktisch: Jeder junge Mensch, der Eltern an Weihnachten besucht, kann sich damit identifizieren; und kein älterer fühlt sich vor den Kopf gestoßen. Dabei zeigt sie auch, wie wenig es braucht, um als jüngerer Mensch in der "Digtalexperten-Ecke" zu landen. Und wie groß die Verweigerungshaltung vieler älterer Kollegen bei dem Thema ist.

Dann sprechen wir doch mal über die Repräsentation der jungen Themen: Bei der Debatte um Uploadfilter gab es große Aufmerksamkeit, Tausende junge Menschen waren auf den Straßen. Ist das deiner Meinung nach angemessen in der Politik aufgenommen worden?

Ich pack jetzt mal die Debatte um Uploadfilter mit dem Rezo-Video in einen Topf. Ich habe vorher oft erlebt, dass Digitalthemen belächelt wurden. Dann war man im politischen Berlin erschrocken, dass da auf einmal europaweit 200.000 junge Menschen auf der Straße standen. 

Ich habe zusammen mit Kevin Kühnert und Tiemo Wölken spontan in einem Video ein Gesprächsangebot gemacht und wir haben zum Glück nicht reagiert wie die Kollegen von der Union.

In der ganzen Frage um Uploadfilter wurde der SPD großes Heuchlertum vorgeworfen. Da habt ihr keine bessere Figur gemacht als die Union.

Ne, da haben wir uns meiner Meinung nach falsch verhalten. Ich hätte mir von der SPD eine klare Ablehnung gewünscht. Ich musste dann zur Kenntnis nehmen, dass Bundeskanzlerin Merkel auf etwas anderes gepocht hat – und wir den Konflikt nicht gesucht haben.

Als wir zur Gegenfrage ansetzten, unterbricht er, entschuldigt sich, aber den Punkt will er gern machen, denn darum geht es ihm ja: Die jungen Leute sollen verstehen, dass sie gar nicht alle gleich sind, bei der SPD und im Bundestag.

Es gibt diese Debatte auch innerhalb der Parteien. Und das ist die Chance für die jungen Leute, zu sehen, sie haben Verbündete. Auch in den großen Parteien, mit denen sie nicht zufrieden sind. Ich sehe meine Rolle als jemanden, der sich in beiden Szenen bewegt. Ich kenne viele Youtuber, ich bin mit ihnen im Kontakt.