Bild: rawpixel/Unsplash
Auch der Chef!

Es gibt Menschen, die können Staubkörner verkaufen, obwohl ihr Kunde einen Besen braucht. Auf eine Gehaltsverhandlung würden sie sich wahrscheinlich nicht mal fünf Minuten vorbereiten. Andere zu überzeugen ist ihr größtes Talent.

Und dann gibt es noch die anderen – und seien wir mal ehrlich, das sind die meisten: Ihnen zittern auch dann noch die Hände, wenn sie den Stift schon zum Arbeitsvertrag führen. 

Die letzte Frage: Welches Gehalt stellen Sie sich vor?

Beim Hamburger Getränkeproduzenten Premium wird diese Frage nie gestellt. Premium produziert und vertreibt eine eigene Cola. Das Unternehmen zahlt allen Menschen – vom Chef über Vertrieb bis hin zum LKW-Fahrer – einen Einheitslohn

Utopien der Arbeitswelt

Unbegrenzt Urlaub, gleiches Geld für alle, für immer Home Office – es gibt tatsächlich Unternehmen, die leben diesen Traum. Und ist da dann alles besser? 

Wir fragen nach.

Wir wollen von Geschäftsführer Uwe Lübbermann, 42, und seiner Kollegin Elena Tzara wissen: Was macht ein Einheitslohn mit den Menschen?

Die Höhe von Gehältern legen die meisten Unternehmen willkürlich fest. Das sieht man nicht nur an Millionenbeträgen für Manager, sondern auch daran, dass Frauen im Schnitt für die gleiche Arbeit noch immer weniger verdienen als Männer. 

Seit Januar dieses Jahres gibt es deswegen ein Gesetz: Es erlaubt, sich über die Durschschnittgehälter jener Gruppe von Kollegen zu informieren, die ähnliche Arbeit machen. Allerdings geht das nur in Firmen mit mehr als 200 Mitarbeitern. Wegen der Einschränkungen zweifeln Kritiker daran, ob das Gesetz wirklich zu mehr Lohngerechtigkeit führt. 

Uwe Lübbermann findet das Wirtschaftssystem, in dem wir leben, ohnehin ungerecht. Deswegen entschied er sich vor 13 Jahren, sein Getränkeunternehmen Premium ganz anders zu organisieren. Er holte alle Beteiligten, vom Konsumenten über den LKW-Fahrer bis zum Händler an einen Tisch. Gemeinsam entwarfen sie ein Modell, von dem alle profitieren sollen.

(Bild: privat)

"Normale Unternehmen halten ihre Kalkulationen geheim. So können sie Herstellungskosten drücken, aber auch Gehälter. Das System belohnt dich finanziell, wenn du dich daneben benimmst."

Bei Premium verdient daher jeder nach dem gleichen Modell – auch Uwe. Es gilt für alle, die nicht über Stückzahlen abrechnen, wie beispielsweise Händler. 

Garantiert werden 15 Euro Stundenlohn. Bei maximal 40 Stunden die Woche, sind das 2400 Euro brutto im Monat – mindestens. Zwei Euro Zuschlag pro Stunde gibt es für jedes Kind, bis zu 130 Euro im Monat für Arbeitsplatzbedarf. 

Menschen mit Behinderung können ebenfalls einen Zuschlag bekommen, der anhand des Behinderungsgrades berechnet wird. Bis zu fünf Euro werden außerdem rückwirkend für jede Stunde gezahlt, wenn das Unternehmen am Ende des Jahres Gewinne gemacht hat. Das nämlich ist vielleicht der größte Unterschied zu vielen Firmen: Premium will nicht wachsen. 

Die Kriterien für den Einheitslohn haben alle Beteiligten schon vor mehr als 13 Jahren gemeinsam erarbeitet. Gegründet hat Uwe Premium 2001. Über die Jahre wurde die Höhe des Lohns immer wieder angepasst. "Wir haben über Erfahrung gesprochen und Leistung – was ist das überhaupt? Es ging um Alter, Bedarf, wie direkt wirke ich auf den Umsatz ein? 

Da hat jede Gruppe Gründe gefunden, warum sie mehr verdienen müsste als andere
Uwe Lübbermann

Die Buchhalterin meinte, ein Großteil der Verantwortung läge bei ihr. Der LKW-Fahrer antwortete, er müsse 40 Tonnen heile von A nach B bringen. Das sei Verantwortung. Und belastend zudem, er sei selten zuhause. "Das Fazit war: Jeder leistet einen Beitrag, der unverzichtbar ist. Und keiner ist wichtiger als der andere."

So ist Premium organisiert:

Bei Premium gibt es keine Arbeitsverträge, Büros oder feste Dienstzeiten. Formal gesehen ist Uwe Lübbermann sein einziger Mitarbeiter. Er beschäftigt eine Reihe freie Auftragnehmer und arbeitet mit anderen Firmen zusammen, die für ihn produzieren, abfüllen, transportieren und vertreiben. 

Tatsächlich aber versteht sich Premium als "Kollektiv" und alle Beteiligten als "Kollektivisten und Kollektivistinnen" – von der Konsumentin und dem Konsumenten bis hin zu Uwe selbst. Sie können bei jeder Entscheidung, die das Unternehmen betrifft, mitbestimmen. Dafür gibt es ein Online-Forum. Eintreten kann, wer schon mal Premium getrunken und mit mindestens einem Mitglied des Kollektivs gesprochen hat. 

Entscheidungen trifft das Kollektiv nach dem Konsensprinzip. Das bedeutet, es wird so lange nach einer Antwort gesucht, bis alle mit ihr einverstanden sind. Dadurch will Premium auch ohne Verträge maximale Arbeitsplatzsicherheit garantieren. Denn: Bevor eine Person oder eine andere Firma ausgeschlossen wird, müssen alle Mitglieder dieser Entscheidung zustimmen. 

Mitarbeiter hat Uwe formal keine. Er nennt sich selbst gern "Moderator", statt Chef. "Das würde bedeuten, ich hätte irgendeine Weisungsmacht. Die habe ich nicht. Wir organisieren uns und treffen Entscheidungen gemeinsam." Alle gehören zum Kollektiv, alle können mitbestimmen: über Absatz, neue Produkte, Preise. Auch die Käuferinnen und Käufer können mitdiskutieren und entscheiden.

"Es ist schon vorgekommen, dass jemand sagte: Auch 20 Euro die Stunde sind zu wenig. Da habe ich gesagt: Wenn wir mehr Umsatz machen, können wir mehr zahlen. Das wurde in der Gruppe diskutiert und es stellte sich heraus: Das würde höheren Druck bedeuten und den wollte keiner."

Von dem Lohn werde niemand reich, sagt der Gründer – auch er nicht. "Aber es reicht. Wir brauchen ohnehin eine neue Diskussion darüber, wie viel man braucht, um zufrieden zu sein."

(Bild: Premium)

Gleichwohl hat das Unternehmensmodell von Premium seinen Preis. Selbstständigkeit bedeutet weniger formale Sicherheit. Als Auftraggeber zahlt Uwe für seine Auftragnehmer nicht in die Sozialversicherungen ein. Sie haben weder gesetzlichen Anspruch auf bezahlten Urlaub, Fortzahlung im Krankheitsfall oder weitere Aufträge.

In Deutschland gibt es mehr als zwei Millionen Solo-Selbstständige ohne eigene Mitarbeiter. Die meisten verdienen im Schnitt weniger als Festangestellte. Dafür zahlen sie doppelt so viel in die Krankenkasse ein, weil sie den Arbeitgeberanteil selbst stemmen müssen. Laut einem OECD-Bericht sind Solo-Selbstständige besonders von Altersarmut gefährdet. (BR)

Die Vize-Chefin der Linksfraktion, Sabine Zimmermann, sagte dazu bereits im vergangenen Herbst: "Der Weg in die Selbstständigkeit ist für viele auch ein Weg in eine prekäre Tätigkeit, von der man nicht leben kann." (Handelsblatt)

Eine andere Unternehmensform aber komme für Premium nicht in Frage, sagt Uwe. Denn das würde auch ihre Arbeitskultur verändern. "Ich wäre als Gründer verpflichtet, Weisungen zu geben. Das würde eine Hierarchie erzeugen. Ich müsste Arbeitsplätze für alle schaffen – und sie ihnen damit auch aufzwingen." 

So arbeitet Premium

Alle Kollektivistinnen und Kollektivisten sind selbstständig. Sie arbeiten auf Rechnung und schreiben Arbeitsstunden auf. Viele arbeiten von zuhause, manche haben auch gemeinsame Büroräume angemietet. Niemand darf mehr als 40 Stunden pro Woche in Rechnung stellen. Dadrunter kann jeder entscheiden, wie viel oder wenig er oder sie arbeiten will – Hauptsache die Aufgaben werden erledigt. Möchte jemand weniger oder mehr arbeiten, werden Aufgaben abgegeben, getauscht oder auch neue gefunden. Das alles passiert über das Online-Forum oder im direkten Austausch mit Kolleginnen und Kollegen.

Mit dem Risiko allein wolle Premium aber niemanden lassen. Das liegt einerseits am Konsensprinzip: Wer einmal einen Platz eingenommen hat, muss schon mehrere Hundert Kollektivistinnen und Kollektivisten gegen sich aufbringen, um ihn freigeben zu müssen. Keine zwei Prozent der Partner oder Menschen aus dem Orgateam hätten seit der Gründung 2001 gewechselt, sagt Uwe.

Das Wirtschaftsmodell sei zudem auf Stabilität ausgerichtet, nicht auf Wachtum. "Kunden, die uns zu groß sind, lehnen wir ab, damit wir nicht abhängig von ihnen werden. Kleinen Kunden gewähren wir einen Anti-Mengenrabatt." 

Die Idee: Je stabiler das Kollektiv, desto sicherer sein Einkommen – sogar ohne Verträge. 

"Unsere Aufgabe ist es, sich um einander zu kümmern und neue Ansätze in die Welt zu tragen. Wenn das klappt, kommen Getränke bei raus.
Uwe Lübbermann
Dass das Premium-Modell nicht auf alle Unternehmen passe, sei keine Frage. Ob und wie Konsensmechanismen in großen Organisationen funktionieren können, wisse er nicht. "Es gibt nicht die eine richtige Organisationsform oder Entscheidungsmethode. Jedes Unternehmen muss herausfinden, was die sozialste und stressfreiste Variante für alle ist." 


Aus Dialogen mit anderen Firmen aber habe er mitgenommen: Der Austausch unter Betroffenen – also nicht nur Mitarbeitenden, sondern auch Geschäftspartnern und Konsumenten – könne viel Potenzial freilegen.

Elena Tzara, 30, lebt in Hamburg und arbeitet seit 4,5 Jahren bei Premium. So geht es ihr mit dem Lohnmodell:

(Bild: privat)

Elena, wie kamst du zu Premium?

Ich habe eigentlich Design studiert und vorher in der Filmbranche gearbeitet. Die Atmosphäre und wie dort mit Menschen umgegangen wird, hat mich frustriert. Nebenbei habe ich mich immer dafür interessiert, wie wir anders wirtschaften können. 

Unser Wirtschaftssystem ist die Ursache vieler Probleme. Aber es ist auch schwer zu greifen. Über einen Freund habe ich von Premium gehört. Das Konzept war für mich eine konkrete Antwort auf ein abstraktes Problem.

Was sind deine Aufgaben?

Im Moment halte ich vor allem Vorträge und gebe Workshops in Konsensdemokratie. Ich bin auch zuständig für das interne Kommunikationsportal, für die Ettikettenkunst und Anlaufstelle für viele Orga-Dinge.

Ihr verdient alle das Gleiche beziehungsweise nach demselben Modell. Gibt es deswegen manchmal Unmut – weil andere denken, sie sollten mehr bekommen?

Im Gegenteil. Ich finde, es schafft ein besseres Teamgefühl – weil wir uns alle gleichwertig fühlen. Ich fände es unfair, wenn beispielsweise jemand mit anderen oder monotoneren Aufgaben weniger verdienen würde. Ich entscheide mich ja bewusst gegen diese, weil sie mir weniger Spaß machen. Trotzdem muss jemand sie erledigen. Da ich selber entscheiden kann in welcher Aufgabe ich arbeiten möchte, finde ich einen Einheitslohn die einzig sinnvolle Lösung. Neben dieser Entscheidung kann ich auch selber bestimmen, wann, wie viel und von wo aus ich arbeite.

Geld kann ja auch ein Ansporn sein. Fehlt dir das manchmal?

Ich glaube, Menschen sind intrinsisch motiviert, sich weiterzuentwickeln gemeinsam etwas zu bewegen. Geld braucht man in meinen Augen nur dann als Motivation, wenn die Aufgabe oder das Team sie nicht leisten können. 

Aber es gab schon mal die Diskussion darüber, ob der Bildungsstatus unterschiedlich entlohnt werden sollte. Sollte jemand, der gerade die Schule abgeschlossen hat, wirklich so viel verdienen wie jemand, der sieben Jahre studiert hat? Wir haben in einer kleineren Gruppe mal lange darüber diskutiert und haben am Ende doch alles wieder verworfen. Ein Ausbildungsweg ist ja eine individuelle Entscheidung und hat vielleicht nicht mal was mit der Tätigkeit zu tun, die du bei Premium machst. 

Arbeiten, wann, wo und wie viel man will – schön wär's.

Bildungswege sind ja auch häufig durch soziale Herkunft bedingt.

Wer sich leisten konnte, sieben Jahre zu studieren, verdient später mehr. Das schafft weiter Ungleichheit. Und wenn wir anfangen, solche Kriterien einzurechnen, müssen wir auch fragen: Wie schnell lernst du, wie schnell arbeitest du? Nur weil jemand studiert hat, heißt das ja nicht, dass die Person auch schneller oder besser arbeitet als andere. 

Man ist also ganz schnell bei einer Diskussion über individuelle Kompetenzen, auch unabhängig von Ausbildung, aber wir wollen Menschen nicht unterschiedliche Wertigkeiten zuordnen und haben uns dann wieder auf die vielen Vorteile unseres Einheitslohns besonnen.

Trotzdem: Du könntest mit deiner Ausbildung woanders sicher mehr verdienen. Denkst du nicht manchmal darüber nach, wie das wäre?

Nicht wirklich. Ich kann gut von dem Geld leben und der Job lässt mir die Freiheit, nebenbei ehrenamtlich zu arbeiten. Ich bin beispielsweise im Bundesvorstand von Foodsharing, das ich auch mitgegründet habe.

Ich finde den Gedanken auch einfach toll: Jedes Unternehmen könnte schon jetzt Teil einer Veränderung sein.
Elena Tzara

Außerdem bin ich extrem flexibel, kann mir aussuchen, wo ich wann und wie viel arbeite. Ich stecke in keiner festen Rolle. Wenn ich Abwechslung brauche, kann ich das unbürokratisch mit den anderen besprechen und wir tauschen oder ich darf eine neue Aufgabe übernehmen. Und obwohl wir keine Verträge haben, habe ich maximale Arbeitssicherheit. Solange Premium Menschen bezahlen kann und ich dort arbeiten will, bin ich mir meines Jobs hundert Prozent sicher. 

Das liegt an unserer Konsensdemokratie. Wenn ich nicht vorsätzlich irgendeinen Mist baue, werden sich niemals alle Kollektivistinnen und Kollektivisten – aktuell mehr als 200 – darüber einig sein, mich rauszuschmeißen.

Ihr arbeitet alle von unterschiedlichen Orten aus. Fehlt dir da manchmal das Teamgefühl?

Am Anfang war das so, ja. Dann habe ich mit den Workshops und Vorträgen angefangen. Dadurch fahre ich viel herum, treffe immer andere Menschen und arbeite auch mit anderen Kollektivistinnen und Kollektivisten  zusammen. Außerdem habe ich regelmäßige Telefonkonferenzen ins Leben gerufen und mich für mehr Orgateam-Treffen eingesetzt. In dieser Kombination fühle ich mich wohl.


Streaming

Die 17 witzigsten Tweets zur Vox-Sendung "Eine Nacht mit dem Ex"
Oder auch "How to get not away with murder"

Stell dir vor, du müsstest eine Nacht mit deiner oder deinem Ex verbringen. Horror, oder? Und jetzt stell dir auch noch vor, du wirst dabei von zig Kameras begleitet!!! Auf Vox gibt es die neue Sendung "Eine Nacht mit dem Ex", wo Ex-Paare genau das mit sich machen.