Bild: privat (bento-Montage)

Millennials wollen flexibel arbeiten, sich selbst verwirklichen, ihre Work-Life-Balance im Griff behalten – zumindest ist das das Ergebnis zahlreicher Studien (Zukunftsinstitut). Und es ist häufig der Gesprächstenor, wenn man sich mit seinen Freunden abends auf ein Bier trifft. Mehr Freizeit, weniger Arbeit. 

Aber warum nicht einfach das beruflich machen, womit man seine Freizeit so gerne verbringt? Würde das nicht die Selbstverwirklichung bringen, die sich alle so sehr wünschen? 

Den Schritt wagen die wenigsten. Aber warum? Den Tag mit seiner Leidenschaft verbringen und auch noch Geld damit verdienen – klingt doch eigentlich nach einer Traumvorstellung. 

Fünf junge Erwachsene erzählen von ihren Hobbys – und warum sie sie nicht zum Beruf machen wollen. 

Lena, 20, engagiert sich in der freiwilligen Feuerwehr.

(Bild: privat)

Seit zehn Jahren bin ich Mitglied der freiwilligen Feuerwehr Blumberg. Hauptberuflich mache ich gerade eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten. Früher war ich in der Jugendfeuerwehr, seit ich 18 bin, fahre ich als aktives Mitglied bei Einsätzen mit. Gerade, wenn ich mit Freunden über mein Hobby rede oder sie mich nach meinen letzten Einsätzen fragen, ist es oft Thema, warum ich mein Hobby nicht zum Beruf machen möchte. Meine Antwort: Mich erfüllt es, mich ehrenamtlich zu engagieren. Ob es am Samstagvormittag bei der Jugendfeuerwehr ist oder jemandem an einem Sonntag bei einem Verkehrsunfall zu helfen. 

Wenn nach einem langen Arbeitstag mein Pager geht, weiß ich, dass ich jetzt noch etwas Gutes tun kann. Dafür erwarte ich keine Gegenleistung.
Lena

In Blumberg sind wir bei der freiwilligen Feuerwehr in erster Linie Kameraden. Einige davon sind zu meinen engen Freunden geworden. Wir unterhalten uns viel über unsere Berufe, darüber, wie unser Alltag aussieht und helfen uns gegenseitig. Wären meine Kameraden meine Kollegen, würden viele Gesprächsthemen einfach wegfallen und ich wäre vielleicht sogar froh, sie nach einer anstrengenden 24-Stunden-Schicht nicht mehr sehen zu müssen. Deshalb bin ich glücklich darüber, dass wir ein gemeinsames Hobby teilen – aber nicht den gleichen Job.

Fabian, 24, schreibt eigene Songs und produziert Musik.

(Bild: privat)

Mein Hobby ist es, Musik zu machen, sie selbst aufzunehmen und am Ende ein fertiges Produkt in den Händen zu halten, das ich komplett selbst entwickelt habe. Dafür fahre ich an vielen Wochenenden aus Nürnberg zu meinen Eltern aufs Land, um in einem Gartenschuppen Songs aufzunehmen und ganz in Ruhe zu arbeiten. Dabei bin ich meist alleine, um möglichst unabhängig zu sein. 

Mittlerweile spiele ich alle Instrumente selbst, singe den Text ein und füge am Ende alles am Computer zusammen. Den fertigen Song am Ende immer wieder anzuhören und mit anderen teilen zu können, ist für mich das Schönste daran. Ich stecke fast meine komplette Freizeit in die Musik, designe auch meine Cover selbst und trete als "Big Gainer" gemeinsam mit befreundeten Musikern auf.

Obwohl die Musik einen so großen Teil meines Lebens einnimmt, will ich mein Hobby nicht zum Beruf machen. Ich studiere Design und will später auch als Designer arbeiten. Ich glaube, dass das Musikmachen ein undankbarerer Beruf ist. Man bekommt dafür nur sehr wenig finanzielle Wertschätzung. Streamingdienste zahlen quasi nichts, Verträge gibt es nur für etablierte Musiker, die trotzdem häufig nicht von ihrer Musik leben können. Mir ist die finanzielle Absicherung wichtiger als die Musik zu meinem Beruf zu machen. 

Ich glaube, wenn man von etwas leben muss, verändert das am Ende auch das Produkt. Weil man es an den Markt anpasst und nicht mehr macht, was man eigentlich will.
Fabian

Musik macht mir Spaß. Deshalb ist es mir egal, ob ich damit Geld verdiene oder nicht. Die Freiheit, es nicht tun zu müssen, sondern es zu machen, weil es mir Spaß macht, ist mir wichtiger als alles andere.

Louisa*, 26, schreibt erotische Geschichten.

*Louisa heißt eigentlich anders. Sie möchte anonym bleiben, ihr echter Name ist der Redaktion bekannt.

(Bild: privat)

Ich bin Medizinstudentin im vierten Semester, stehe kurz vor dem Physikum und schreibe in meiner Freizeit erotische Romane. Von meinem Hobby wissen nicht besonders viele Menschen, nur mein Mann und eine Handvoll Freundinnen. Meine Familie weiß nur, dass ich eigene Geschichten verfasse, aber nicht genau, worum es geht. Deshalb schreibe ich ab und zu "Alibi"-Texte ohne erotische Handlungen, die ich ihnen zeigen kann, wenn ich von meinem Hobby erzähle.

Mit den erotischen Texten habe ich in meiner Pubertät begonnen. Damals habe ich Fanfictions anonym im Internet veröffentlicht, in denen es um ausgedachte Geschichten von realen Bands oder Musikern ging. Mit 16 war ich in einer Fanfiction-Community sogar richtig erfolgreich. Meine Texte wurden oft gelesen und kommentiert. Zwei Romane sind in der Schulzeit fertig geworden, einer während des Studiums und momentan arbeite ich an zweien gleichzeitig. Veröffentlicht habe ich aber noch keinen davon.

Ich habe schon darüber nachgedacht, unter einem Pseudonym zu veröffentlichen. Aber ich denke, Autorinnen und Autoren sind erfolgreicher, wenn sie als reale Person auftreten und man ihnen zum Beispiel bei Instagram folgen kann. 

Das kommt für mich als angehende Ärztin aber nicht in Frage. Vielleicht würden meine zukünftigen Patientinnen und Patienten mir dann nicht mehr uneingeschränkt vertrauen.

Ich fürchte, dass Patienten an meiner Kompetenz und Professionalität zweifeln könnten.
Louisa*

Mein Hobby macht mir Spaß und entspannt mich. Ich schreibe häufig an meinen Geschichten, wenn ich gerade gestresst bin. Im Endeffekt schreibe ich mir selbst die Bücher, die ich gern lesen möchte. Manchmal träume ich zwar davon, eine berühmte Autorin zu werden. Aber ich weiß nicht, ob ich irgendwann so viel Mut und Kraft finde, das tatsächlich anzugehen. Die Hemmschwelle, mein Hobby öffentlich zu machen, ist für mich einfach zu hoch. Deshalb stehen meine Romane heute immer noch nur in meinem Regal. 

Mario, 30, nimmt mit seinem besten Freund eigene Hörspiele auf

(Bild: privat)

Eigentlich arbeite ich als Industriemechaniker. Aber seit 15 Jahren produziere ich neben meinem Beruf eine eigene Hörspielreihe gemeinsam mit meinem besten Freund. Angefangen haben wir in der zehnten Klasse, weil wir beide immer noch gerne Hörspiele wie "Die drei Fragezeichen" gehört haben. Früher haben wir die Folgen im Kinderzimmer aufgenommen, heute machen wir das in einem umgebauten Gartenpavillon, den wir provisorisch mit Decken schallisoliert haben. Mittlerweile versuchen wir, zwei Folgen von "Samy und Scott" im Jahr aufzunehmen, die wir online über YouTube und eine eigene Website anbieten. 

Dabei haben wir nie den Anspruch, Geld zu verdienen. Dann müssten wir viel mehr Mühe und Zeit in dieses Projekt stecken. Wir machen es für uns, weil wir Spaß daran haben. 

Wenn uns Leute sagen, dass sie das, was wir machen, gut finden, dann gibt uns das eine innere Befriedigung, die uns Geld vielleicht niemals geben könnte.
Mario

Viel wichtiger als die Hörspiele hauptberuflich zu produzieren oder von den Einnahmen leben zu können, ist mir, dass ich und mein bester Freund immer noch regelmäßig Zeit miteinander verbringen. Ich glaube, dass wir uns dadurch häufiger sehen, als wenn wir uns nur so verabreden würden. Es ist nicht selbstverständlich, seine Freunde aus der Schulzeit zu behalten und sich nicht aus den Augen zu verlieren. Deshalb bin ich froh, dass wir dieses gemeinsame Hobby teilen. 

Hanna, 19, hat schon als Kind am Theater gesungen

(Bild: privat)

Ich habe fast zehn Jahre lang am Aalto-Theater in Essen gesungen. Offiziell darf man als Kind dabei kein Geld verdienen, es gab aber Aufwandsentschädigungen, die höher waren als die Bezahlung bei anderen Schülerjobs. Irgendwann habe ich angefangen in einer Bigband, in Chören, Ensembles und sogar in einer Rockband zu singen. Bei Auftritten gab es zwar gelegentlich ein bisschen Geld, das Singen war für mich aber immer nur ein Hobby. Ob ich für einen Auftritt bezahlt wurde oder nicht war mir immer egal. Mir geht es bis heute nur um den Spaß.

Obwohl das Singen meine große Leidenschaft ist, möchte ich es nicht beruflich machen. Ich habe mich dagegen entschieden, weil mir das Einkommen nicht sicher genug ist. Aber auch wegen der Arbeitszeiten: Die Auftritte wären abends, ich müsste danach abbauen und käme erst spät nach Hause. Das ist für mich ein großes Argument gegen den Beruf der Sängerin. Weil die meisten anderen Menschen tagsüber arbeiten, wären die Zeitfenster, in denen ich mich um soziale Kontakte bemühen könnte, sehr klein.

Angst davor, mein Talent zu verschwenden, habe ich nicht.
Hanna

Ich glaube zwar, dass das Singen das einzige ist, was ich wirklich gut kann. Mein Ziel ist es jetzt aber, entweder als PR-Beraterin zu arbeiten oder Jura zu studieren. Meine Eltern haben mir immer gesagt, ich solle etwas Vernünftiges machen und die Musik lieber als Hobby neben meinem eigentlichen Beruf sehen. Meine Freunde sagen mir hingegen immer wieder, dass ich unbedingt Sängerin werden müsse und mit meinem jetzigen Berufsziel meine Berufung ignorieren würde. Der Gesang bleibt aber trotzdem mein Hobby – das ist einfach sicherer. 


Gerechtigkeit

"Wir wollten nicht, dass unser Nachbar abgeschoben wird"
Warum eine Abschiebung in Leipzig eskalierte

Flaschenwürfe, Schlagstöcke und Tränengas: Hunderte Menschen gingen gegen eine geplante Abschiebung in Leipzig auf die Straße, die Situation eskalierte. Wie konnte es so weit kommen? Und wie konnte sich der Protest so schnell organisieren?

In der Nacht auf Mittwoch versuchten Dutzende Menschen, mit einer Sitzblockade die Abschiebung eines 23-jährigen Syrers zu verhindern. Laut Polizei sammelten sich Hunderte weitere im Umfeld und protestierten gegen den Polizeieinsatz. Der Mann hatte in Spanien Asyl beantragt und sollte im Rahmen des Dublin-Systems dorthin abgeschoben werden. Seine Familie lebt offenbar in Leipzig. 

Nachdem der junge Mann in einem anderen Polizeifahrzeug weggebracht worden war, flogen Steine und Flaschen in Richtung der Polizei. Diese ging mit Schlagstöcken und Tränengas gegen die Anwesenden vor. Die Journalistin Helke Ellersiek, die für die taz aus Leipzig berichtet, beschrieb auf Twitter, wie sie mit Pfefferspray angegriffen wurde.

Im Gespräch mit bento sagte sie, der Polizeieinsatz sei aus ihrer Sicht unverhältnismäßig und brutal gewesen. "Das harte Vorgehen wurde nicht angekündigt. Ich hatte das Gefühl, man wollte nach den Protesten bewusst ein Zeichen setzen." Beamte seien "mit Kriegsgeheul" in Nebenstraßen gerannt, außerdem habe sie gesehen, wie auf bereits am Boden liegende Menschen mehrfach eingetreten worden sei.

Dass Pfefferspray auch Unbeteiligte getroffen habe, kann Polizeisprecher Alexander Betram im Gespräch mit bento nicht ausschließen, Pfefferspray sei allgegenwärtig in der Luft gewesen. Auf die Darstellungen von Ellersiek angesprochen sagte er, er wisse davon nichts, weshalb er sie "weder bestätigen noch dementieren" könne.

Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) beklagte dagegen "Wut und Gewalt" gegen die Polizei: "Jedem in diesem Land muss klar sein: Wer Einsatz- und Rettungskräfte behindert oder gar mit Steinen und Flaschen bewirft, gefährdet Menschenleben und greift unseren Rechtsstaat an." (Freie Presse

Am Mittwochabend fand am gleichen Ort erneut eine Kundgebung mit Hunderten Teilnehmenden statt. Der junge Mann wurde Polizeiangaben zufolge inzwischen nach Spanien abgeschoben.

Felix* hat die Entwicklung den Abend über unmittelbar verfolgt – der 23-jährige Student war selbst Teil der Sitzblockade, mit der die Abschiebung verhindert werden sollte. 

bento hat mit ihm über den Protest gesprochen und ihn gefragt, wie das Asylsystem ohne Abschiebungen eigentlich noch funktionieren soll.

bento: Sachsens Innenminister hat nach den Ausschreitungen "Wut und Gewalt" gegen die Polizei kritisiert. Tatsächlich dürften sich viele Menschen nach den Bildern die Frage stellen: Was haben Flaschenwürfe auf Einsatzkräfte mit friedlichem Protest zu tun? 

Felix: Natürlich nichts. Ich finde Gewalt gegen Andere auch nicht richtig und verstehe gut, dass viele sich so etwas fragen. Gleichzeitig machen mich solche Sätze aber auch wütend. Auch die Abschiebung war, vor allem in dieser Form, ein Akt der Gewalt. Die Polizei hat Hunderte Menschen auseinander getrieben, um einen 23-Jährigen nach Spanien bringen. Das ist doch unmenschlich. 

Die Ausschreitungen begannen in der Nacht, nachdem der Mann schon weggebracht war. Die Polizei hat uns mit Gewalt auseinandergetrieben, um ihn wegzubringen. Die Beamten sind dabei mit großer Härte gegen uns vorgegangen. Das rechtfertigt natürlich keine Flaschenwürfe, aber der Einsatz mit Schlagstöcken und Pfefferspray war sehr hart und traf auch Unbeteiligte wie mich.

Wie war die Situation vorher?

Da war es angespannt, aber friedlich. Das waren nicht die Leute vom schwarzen Block oder so. Ich sehe den Leuten ihre Einstellung nicht an, aber die meisten waren Menschen mit Migrationshintergrund und Studenten, die nicht wollten, dass ein junger Mensch aus ihrem Viertel abgeschoben wird. 

Die Eisenbahnstraße ist eine Gegend, in der sehr viele unterschiedliche Menschen leben. Lange Zeit haben hier vor allem Menschen mit Migrationshintergrund gelebt, inzwischen ziehen aber auch viele Studierende hierhin. Mittlerweile gibt es viele neue Kneipen, Hausprojekte und Initiativen aus der Nachbarschaft. Das hat man auch gestern gesehen. Meine halbe Nachbarschaft war da. Irgendwann haben Leute ja auch Sofas auf die Straße getragen. Man kannte sich.