Bild: Unsplash/Banter Snaps
Wie Dual Career Services die Arbeitswelt verändern wollen – zumindest für Paare.

Der erste gemeinsame Abend in Deutschland war ein Desaster. Um elf Uhr nachts kamen Gabriele Ciaramella, 34, und Mariagiovanna Schettini, 32, aus Mailand mit ihrem vollgepackten Auto in Konstanz an. Die beiden waren erschöpft von der Fahrt, wollten mit ihrem Umzug einfach nur fertig werden. Sie trugen die ersten Kisten nach oben – und sperrten sich aus Versehen aus. Alle Versuche, wieder in die Wohnung zu kommen, scheiterten. Das Paar musste für eine Nacht ins Hotel ziehen. So erinnert sich Gabriele heute, ein Dreivierteljahr später.

Der 34-Jährige ist Juniorprofessor am Institut für Mathematik der Universität Konstanz. Schon während seiner Studien- und Doktorandenzeit wohnte er in Deutschland, seit zwei Jahren lebt er wieder hier. Gabriele zog zuvor bereits mehrmals ohne Mariagiovanna um. Das sollte sich jetzt ändern. Er schlug seiner Freundin vor, mit ihm nach Konstanz zu ziehen.

Die Italienerin hatte Respekt vor der Jobsuche in einem fremden Land, auch ihr Deutsch war noch schlecht. 

Sie bekam Hilfe: von einem Dual Career Service. Der Dienst unterstützt die Partnerinnen und Partner neu ankommender Wissenschaftler in Deutschland bei der Jobsuche und der Planung ihres Umzugs.

Dabei ist es egal, ob das Paar aus dem Ausland kommt oder innerhalb Deutschlands in eine neue Stadt zieht. Schon bei Gabrieles Vorstellungsgespräch in Konstanz wurde ihm vorgeschlagen, dass er das Angebot für sich und seine Freundin nutzen könnte.

Yvonne Eder

Sie ist Sprecherin des Dual Career Netzwerks Deutschland. Außerdem ist sie Referentin des Kanzlers der Universität Erlangen-Nürnberg und Koordinatorin des dortigen Dual Career Services.

"Die Verantwortung für die Jobsuche bleibt beim Paar selbst. Wir sind jedoch gerne als Coaches und Türöffner behilflich", sagt Yvonne Eder vom Dual Career Netzwerk Deutschland. Das deutschlandweite Dual Career-Netzwerk ist eine Dachorganisation, unter der sich mittlerweile 48 einzelne Career Services zusammengeschlossen haben. Sie haben ihre Büros meist an Universitäten, selten auch außerhalb der Hochschulen.

Hochrangige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollen so für Deutschland begeistert werden.

Die kostenlose Initiative wurde 2010 gestartet. Sie kooperiert mit Firmenpartnern und regionalen Handelskammern, das soll das Angebot noch attraktiver machen. Schließlich konkurrieren Universitäten und Hochschulen international um spezialisiertes Fachpersonal. Hilfe für die Partner, vor allem bei der Jobsuche in der neuen Stadt, wird von gefragten Forscherinnen und Forschern oft als Bedingung für die Vertragsunterzeichnung vorausgesetzt.

„Wir machen quasi Lobbyarbeit für Paare, damit sie ihre Karrieren am gleichen Ort fortsetzen können“
Yvonne Eder

Am Morgen nach dem missglückten Einzug lief es für Mariagiovanna und Gabriele deutlich besser: Sie erreichten den Nachbarn, bei dem der Ersatzschlüssel lag, und konnten die letzten Kisten ausladen. In Italien hatte Mariagiovanna eine feste Stelle als Mitarbeiterin in einer Firma, die sich um die Zulassung von Medizinprodukten kümmert. Mit dem Dual Career Service besprach sie ihre Vorstellungen für den neuen Job in Deutschland. Gemeinsam erstellten sie einen Lebenslauf, anschließend bekam die 32-jährige Italienerin eine Liste mit Stellenangeboten. Nachdem sie ihre Bewerbungen abgeschickt hatte, wurde sie auf die Vorstellungsgespräche vorbereitet. Heute arbeitet sie als Regulatory Affairs Managerin, eine Art Produktmanagerin für neue Medizinprodukte, in einer höheren Position als zuvor in Italien. An der Universität ist Gabriele zeitlich flexibler als Mariagiovanna. Er passt seinen Tagesablauf an ihren an, unterstützt sie im Alltag und beim Deutschkurs.

Viele Paare wollen und müssen für ihre Karrieren erstmal Einschränkungen ihrer Beziehung in Kauf nehmen.

Aber: Wenn sie länger zusammen sind, im Laufe der Zeit an Heirat oder Kinder denken, kein Leben in einer Ein-Zimmer-Wohnung mehr führen wollen, werden die Themen Liebe und Partnerschaft wieder wichtiger. Eine Fernbeziehung ist dann für viele keine Option mehr.

Cawa Younosi, Personalchef beim Softwarekonzern SAP, sagt: "Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist einer der wichtigsten Faktoren für die Entscheidung für einen Arbeitgeber geworden." 

Die Firmen stehen unter Druck. Sie müssen sich immer mehr anstrengen, um gefragtes Personal für sich zu gewinnen. Die Entscheidung für oder gegen einen Arbeitgeber hängt, wie an den Unis, dabei oft davon ab, ob auch der Partner einen Job in der neuen Region findet.

Cawa Younosi findet, Empathie sollte im Arbeitsleben einen hohen Stellenwert haben, er sehe Menschen als "emotionale Wesen".

„Dazu gehört auch die Rücksichtnahme der Arbeitgeber auf Partner und Familie. Wer diese Arbeitnehmer-Orientierung für einen Hype hält, wird spüren, dass er nicht mehr attraktiv für junge Talente ist und auch die bestehenden Mitarbeiter verlieren.“
Cawa Younosi

Zunächst versucht SAP, Angehörige im eigenen Unternehmen anzustellen. Klappt das nicht, suchen sie bei anderen Firmen in der Nähe nach freien Stellen.

Ellen Hilf

Sie ist Diplom-Politologin und stellvertretende Direktorin der Sozialforschungsstelle an der Technischen Universität Dortmund. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehört unter anderem die Erforschung von "Wechselwirkungen zwischen betrieblichem und privatem Lebenszusammenhang".

Ellen Hilf ist stellvertretende Direktorin der Sozialforschungsstelle an der Technischen Universität Dortmund. In einer Studie hat sie gemeinsam mit anderen Wissenschaftlerinnen untersucht, wie Unis und Unternehmen Doppelkarrierepaare gewinnen und an sich binden können. Sie analysierten die Bedürfnisse von wissenschaftlichen Einrichtungen, Kommunen und Wirtschaftsakteuren und führten Experteninterviews. Dabei stellten sie fest, dass sich Unternehmen stärker für Paare engagieren, wenn sie im Wettbewerb um Führungskräfte stehen und die Entscheider im Betrieb für das Thema sensibilisiert sind.

Neben dem Personalbedarf sei die Entwicklung von Doppelkarriere-Strategien vor allem wichtig für das Ansehen eines Unternehmens.

„Für junge Menschen ist die Vereinbarkeit ihrer Erwerbsarbeit mit ihrem Privatleben ein wichtiger Maßstab bei der Berufs- und Stellenwahl“
Ellen Hilf

Sie stellten in der Berufseinstiegsphase in einem höheren Maß Forderungen an die Unternehmen, um ihr Leben in einer gewissen Balance zu halten, so die Professorin.

Das Dual Career-Modell sei ein gutes Vorbild für junge Frauen, da der Druck für sie sinke, sich der Karriereplanung ihres Partners unterzuordnen. Es sei so möglich, gleichberechtigt an einem Ort zu arbeiten. Im Moment gehe die Entwicklung allerdings meistens noch zu Lasten von Frauen. Es sei immer noch so, dass sie öfter umziehen als Männer.

Wann funktioniert die Vermittlung eines Partners oder einer Partnerin nicht? Und welche Rolle spielt der Ort des Unternehmens?

Yvonne Eder vom Dual Career Service weicht auf diese Fragen aus. "Der Erfolg unseres Dienstes ist nicht an Zahlen gebunden", sagt sie. "Uns geht es darum, eine umfassende Beratung und Unterstützung anzubieten, die den einzelnen Personen bei der Fortsetzung ihrer Karriere weiterhilft." Die endgültige Entscheidung für oder gegen bestimmte Bewerber liege bei den Unternehmen. "Dort sind unterschiedliche Faktoren ausschlaggebend", ergänzt Ellen Hilf. Oftmals gebe es zum Beispiel interne Regeln, dass Paare nicht im gleichen Bereich angestellt werden dürften oder die Arbeitsmarktlage sei zeitweise einfach schlecht.

Dass die Region eine besondere Rolle spielt, verneint die Expertin von der Uni Dortmund. Allerdings ziehen hierzulande massenweise junge Leute vom Land in die Stadt, nicht zuletzt wegen attraktiverer Jobs (DER SPIEGEL). Ellen Hilf sagt aber: "Was ein Gebiet attraktiv macht, bewertet jeder anders." Für die einen seien urbane Metropolregionen attraktiv, andere schätzten eher kleinere Städte und den ländlichen Raum, wegen der vermeintlichen Überschaubarkeit und Sicherheit sowie des bezahlbaren Wohnraums. Vor allem Familien legten Wert auf eine gute Kinderbetreuung, gute Schulen und eine gute Gesundheitsversorgung. Auf der Gegend liege jedoch grundsätlich nicht das Hauptaugenmerk bei der Entscheidung eines Dual Career Couples. "Es geht eher darum, dass niemand Rückschritte beim Gehalt oder den Arbeitszeitbedingungen machen möchte", erklärt Ellen HIlf.

Hätte es bei Gabriele und Mariagiovanna mit der Doppelkarriere in Deutschland nicht geklappt, wäre er zurück nach Italien gezogen. Falls er dort keine Stelle als Wissenschaftler bekommen hätte, hätte er sich einen neuen Job gesucht. "Das Wichtigste war für mich der Gedanke, dass wir heute zusammen an einem Ort sind", sagt Gabriele. Kurz nach Mariagiovannas Umzug nach Deutschland haben sich die beiden verlobt. Nächstes Jahr wollen sie heiraten.


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