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Was sich jetzt ändern muss, damit wir nicht bald ständig zum Kopierer rennen müssen.

Wenn es richtig schief geht, können wir in der Unibib bald alle Musikvideos auf YouTube anschauen, aber keine Texte mehr lesen. Zumindest nicht mehr auf dem Laptop. Denn an fast allen Unis läuft 2017 das Recht aus, Texte auf digitalen Lernplattformen bereitzustellen. Schuld ist ein komplizierter Streit.

Das ist das Problem

Bislang konnten die Unis die meisten digitalen Texte für ihre Studenten pauschal bezahlen. Diese Regelung läuft im kommenden Jahr aus. Danach soll jede Seite einzeln abgerechnet werden. Pro Student. Und für jeden Download. Verantwortlich dafür ist die Verwertungsgesellschaft Wort, die VG Wort kümmert sich um die Urheberrechte von Autoren.

Doch die neue Regelung gilt als extrem bürokratisch und unpraktisch. Die meisten Unis verweigern sich deshalb diesem neuen Deal. Ohne den dürfen sie in Zukunft allerdings nur noch Texte auf Papier anbieten. Damit droht Studenten also der hundertfache Gang zum Kopierer.

Der Urheberrechts-Experte: Das muss sich jetzt ändern
(Bild: David Pachali)

David Pachali sagt, dass es eigentlich Aufgabe der Bundesregierung wäre, den Hochschulen eine moderne Arbeitsweise zu ermöglichen. Schließlich sind die Unis nicht am Gewinn orientiert, sondern arbeiten für die Allgemeinheit:

An den Unis geht es ums Lernen und Forschen. Und nicht darum, ständig das Urheberrecht zu verletzen. Das will ja niemand. Deshalb brauchen wir Regeln, die für diesen Bereich eine Ausnahme machen, damit Texte und Bücher auch digital problemlos genutzt werden können.
Einfach erlauben!

Der Journalist und Urheberrechtsexperte beschäftigt sich beim Fachdienst irights.info mit dem Thema. Seine Forderung: Eine gesetzliche Regelung, die es Hochschulen ermöglicht, digitale Texte für Studenten und Wissenschaftler pauschal abzurechnen. Für die Verwendung von Videos und Musik in Schulen gibt es bereits solche Regelungen. Für Unis leider noch nicht, sagt Pachali:

Die Lösung wäre eine sogenannte Bildungs- und Wissenschaftsschranke. Das klingt kompliziert, heißt aber einfach, dass es eine klare und einheitliche Regel gibt, wie Universitäten urheberrechtlich geschützte Texte nutzen können. Die bisherigen Regeln sind völlig unübersichtlich und voller Ausnahmen.

Und:

Man könnte auch einfach sagen, dass man das per Gesetz erlaubt. Weil es uns wichtig ist, dass unsere Universitäten Texte auf eine zeitgemäße Art nutzen können. Das geht.

Das Justizministerium hat bereits eine solche Regelung angekündigt. Nur wann sie kommt, ist unklar. Dass sich etwas ändern muss, steht für Pachali außer Frage. Denn die Uhr tickt.

Für die Unis geht es gerade darum, wie sie am 1. Januar ein Desaster verhindern können.
David Pachali
Die Wissenschaftlerin: So könnte es klappen
(Bild: Lilli Iliev [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons)

Ein neues Gesetz, ein neuer Rahmenvertrag – Christina Riesenweber ist skeptisch, ob das auf Dauer ausreicht. Die junge Wissenschaftlerin will mehr. Sie fordert einen Kulturwandel.

Viele sagen, wir machen Forschung mit den Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts und publizieren die Ergebnisse dann mit den Methoden des 19. Jahrhunderts
Christina Riesenweber, Open-Access-Expertin

Sie arbeitet in Berlin hauptberuflich an diesem Kulturwandel – Riesenweber ist "Open-Access"-Expertin, das Modell beschreibt sie so:

Das Ziel von Open Access ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse für alle kostenfrei und barrierefrei zugänglich zu machen. Jeder soll unabhängig von seinem Wohnort, seinem Reichtum oder seiner Institution auf Wissen zugreifen können. Das wäre für die Gesellschaft ein enormer Vorteil. Und Wissenschaftler würden davon profotieren, dass ihre Ergebnisse leichter wahrgenommen werden können.
Wissenschaftliche Werke sollen kostenfrei genutzt werden können

Das "Open Access"-Modell ist bislang vor allem in den Naturwissenschaften verbreitet. Studenten können wissenschaftliche Zeitschriften oft ohne Gebühren oder besonderen Zugang aufrufen. Riesenweber wünscht sich, dass es bald grundsätzlich Verbreitung findet. Nur mit wirklich neuen Regeln könnten Universitäten verhindern, dass ihre Studenten bald wieder zum Kopierer rennen müssen. Im aktuellen Streit sieht sie sich bestätigt:

Wir sehen gerade, dass die alten Regeln überhaupt nicht mehr zu den Nutzungsgewohnheiten passen. Es ist heute einfach normal geworden, Text digitalisiert zu nutzen. Die bisherigen Verträge gehen oft an den Bedürfnissen der Lehrkräfte und Studierenden vorbei.

Inzwischen scheinen das auch Politiker und die VG Wort einzusehen. Um den Streit zu schlichten, wollen sie jetzt erneut mit den Universitäten verhandeln. Bis zum kommenden Wintersemester sollen deshalb doch noch die alten Regeln gelten. Das ist keine Lösung – aber immerhin haben wir nun mehr Zeit, eine zu finden.

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