Um Punkt viertel nach zwölf sitzen die Kinder mit ihren Eltern zusammen am Tisch, stochern in ihrem Essen herum und erzählen, wie ihr Tag bisher so lief. Es wird gefragt, gekichert, geschrien. Die Erwachsenen quatschen, die Kinder hantieren mit Messer und Gabel, einige nippen zufrieden an ihrer Limo.

Diese Szene könnte sich in vielen Elternhäusern abspielen, doch die Kinder sitzen in der Kantine bei Sipgate, einer Düsseldorfer IT-Firma. Was für viele Unternehmen nach einem einmaligen Ereignis klingt, ist bei Sipgate Alltag – zumindest in den Ferien. Denn der Internet-Telefonie-Anbieter organisiert seit etwa zwei Jahren eine Kinderbetreuung, die Eltern in den Ferien oder bei Anlässen wie einem Kita-Streik über Betreuungs-Engpässe hinweghilft.

Utopien der Arbeitswelt

Unbegrenzt Urlaub, gleiches Geld für alle, für immer Home Office – es gibt tatsächlich Unternehmen, die leben diesen Traum. Und ist da dann alles besser? 

Wir fragen nach.

Die Belegschaft hat dafür einen Konferenzraum zum Kinderzimmer umgebaut, auf dem Boden liegen bunte Matten, in einer Ecke türmen sich riesige Bausteine und ein kleiner Tisch mit Stühlen lädt zum Basteln ein. Um die Kinder kümmern sich mittlerweile acht Betreuer, die außerhalb der Ferien selbst als Lehrer oder Erzieher arbeiten oder Pädagogik studieren. Sipgate ist nicht die einzige Firma mit so einem Konzept in Deutschland, wohl aber einer der ersten Mittelständler.

Umgebauter Konferenzraum

(Bild: Nils Wischmeyer)

Eigentlich ist der Kita-Besuch in Düsseldorf kostenlos. Während der Schulferien aber schließen viele Einrichtungen, teilweise für drei Wochen. Und auch wenn die Kinder eingeschult werden, liegen zwischen letztem Kita- und erstem Schultag oft mehrere Wochen.

Für die Eltern ist das ein Problem, für das es kaum Lösungen gibt. Zu wenige Tagesstätten oder Schulen bieten eine Ferienbetreuung an und nicht bei allen Familien wohnen die Großeltern um die Ecke. Zwar bemüht sich die Politik eigenen Angaben zufolge, mehr Raum für die Ferienbetreuung zu schaffen, die Zahl der Angebote steigt. Doch stoßen die Politiker immer wieder an ihre Grenzen: zu wenige Erzieher, zu wenig Platz, zu wenig Geld.

So geht es bei Sipgate zu

Sipgate verdient sein Geld mit Internet-Telefonie, im vergangenen Jahr machte es mehr als 30 Millionen Euro Umsatz. Die 150 Angestellten arbeiten alle in der Firmenzentrale in Düsseldorf. Mitarbeiter bestimmten, welche Bewerber das Unternehmen einstellt. Es gibt keine festen Budgets und auch keine festen Teams. Auch sonst hat Sipgate eine besondere Unternehmens-Kultur: Wenn die Mitarbeiter einen Kicker kaufen wollen, dann tun sie das – die Firma zahlt. Den Chef muss niemand fragen, wichtig ist nur, sich vor den anderen Kollegen zu rechtfertigen. 

Um die Eltern in dieser Situation zu unterstützen, stieg Sipgate in den Osterferien 2016 im kleinen Rahmen in die Kinderbetreuung ein. Nicht alles lief von Anfang an glatt. "Wir haben schnell gemerkt, dass wir einiges anpassen müssen", sagt Initiator Markus Monka. Die Kinder fuhren auf dem Flur in kleinen Elektroautos umher, die öfter mal gegen die Wand donnerten.

"Das ging dann immer so: sssss - bumm, ssssss - bumm."
Markus Monka

"Das ging natürlich nicht, so kann niemand arbeiten", sagt Monka. Auch dass die Eltern anfangs oft gerufen wurden oder die Kinder zu Mama oder Papa ins Büro liefen, sei zwar niedlich, aber eben auch störend gewesen. Über die vergangenen zwei Jahre habe man all das nach und nach angepasst.

Lukas Hejniak ist einer der Mitarbeiter, der heute von dem Projekt profitiert. Normalerweise müssten er und seine Frau abwechselnd Urlaub nehmen, damit immer einer bei den zwei Söhnen ist. Sie wären ihren Jahresurlaub los. "Den wollen wir aber mit den Kindern verbringen und zusammen wegfahren. Deshalb ist das Angebot bei Sipgate für uns perfekt", sagt er, während er mit Sohn Noah kickert.

Lukas Hejniak mit seinem Sohn

(Bild: Nils Wischmeyer)

Nach dem Essen geht es für den Nachwuchs zurück in den großen, umgebauten Konferenzraum. An diesem Mittwoch im August turnen sechs Kinder durch den Mini-Club, wie die Ferienbetreuung offiziell heißt. An anderen Tagen sind es bis zu 40. Jetzt sitzen viele schon wieder in der Schule, nur die Kita-Kinder und diejenigen, die bald eingeschult werden, sind noch da.

Für Hejniaks Sohn Noah ist heute ein besonderer Tag, er ist vorerst das letzte Mal im Mini-Club. Morgen wird er eingeschult. Freuen würde er sich schon, sagt der Sechsjährige, aber er würde auch gerne im Mini-Club bleiben. Dass er im Herbst wieder in der Ferienbetreuung kommen wird, ist für ihn eine ausgemacht Sache.

Das freut auch Vater Lukas, er kann so viel mehr Zeit mit seinem Sohn verbringen. Alle paar Stunden schaut der Vater bei Noah vorbei und winkt, sie essen zusammen zu Mittag, nach Feierabend wird gekickert, und dann geht es mit dem Auto wieder nach Hause.

"Das stärkt natürlich unsere Vater-Sohn-Beziehung."
Lukas Hejniak

Das Konzept bei Sipgate ist zwar noch neu, mittlerweile aber hochprofessionell – und vor allen Dingen umsonst. Eltern zahlen bisher keinen Cent, weder für Betreuung, noch für die Verpflegung. Die Betreuer sind wahlweise Lehrer, Erzieher oder Pädagogik-Studenten. Das Essen ist Bio und wird von den Sipgate-Köchen frisch für den Nachwuchs zubereitet. Und auch an Ausflügen mangelt es nicht.

Wand bei Sipgate

(Bild: Nils Wischmeyer)

In diesem Sommer standen unter anderem Besuche im Odysseum in Köln an, im Krefelder Zoo und beim 3D Minigolf. Ausflüge, die sich ein normaler Kindergarten kaum leisten kann und für die bei Sipgate das Unternehmen zahlt. Deshalb geben einige Eltern ihre Kinder sogar in den Mini-Club, obwohl ihr heimischer Kindergarten geöffnet hat. Die kinderlosen Mitarbeiter unterstützen das Experiment, zum Teil mit dem Wissen, dass sie eines Tages auch davon profitieren könnten.

Die Idee stammt auch aus der Belegschaft.

Entstanden ist die Idee bei einem sogenannten "Open Friday", den es in der Firma alle zwei Wochen gibt. Das Tagesgeschäft ruht dann, stattdessen geben die Mitarbeiter in kleinen Gruppen Workshops oder halten Vorträge. Manchmal geht es um Pizza oder um den Gemüseanbau im Schrebergarten – manchmal eben auch um Betreuungsprobleme.

Ideengeber Markus Monka hatte Ende 2015 das gleiche Problem wie die Hejniaks heute: Er hätte seinen Jahresurlaub für die Betreuung seiner Kinder opfern müssen. Bei einem Vortrag am "Open Friday" stieß er auf andere Eltern, denen es ähnlich ging.

"Wir haben uns dann gefragt, was wir brauchen und gemerkt, dass ziemlich viel da ist."
Markus Monka

Sipgate hatte bereits eine Versicherung, die Schadensfälle abgedeckt, wenn etwas bei der Betreuung schiefgeht. Ein Konferenzraum war auch schon vorsorglich mit Spielzeug eingedeckt – falls mal wieder die Kita streikt. Und auch eine Betreuerin habe man schnell gefunden, sagt Monka.

Markus Monka

(Bild: Nils Wischmeyer)

Die Firma lässt sich das Ganze mittlerweile einen fünfstelligen Betrag kosten.

Doch es lohnt sich, sagt Monka. Eltern seien weniger gestresst, fielen in der Ferienzeit seltener aus und seien am Ende produktiver. Für Bewerber sei das Programm teils ausschlaggebend. Und wenn die Kinder durch Kantine oder Büro laufen, verändere das das Denken positiv. "Die Mitarbeiter gehen kreative Projekte anders an", glaubt Initiator Monka.

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Einen Kindergarten, wie ihn viele große Dax-Firmen haben, fände er aber unpassend. Viele Kinder und auch Eltern knüpfen im Kindergarten wichtige Kontakte in die Nachbarschaft. Das könnten sie nicht, wenn man die Kinder ausschließlich bei Sipgate betreuen würde, sagt Initiator Monka. Vor allem, weil viele Mitarbeiter nicht aus Düsseldorf, sondern aus der Umgebung kommen, etwa aus Duisburg oder Köln.

"Wir denken im nächsten Schritt sicher über Nachmittagsbetreuung oder ähnliche Angebote für Kinder aus der Umgebung nach, aber nicht über einen eigenen Kindergarten", sagt Monka.

Die Firma, sie denkt eben ein wenig anders.


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