Dass die Berufsschulen geschlossen sind, ist nur ein Problem.

Unter normalen Umständen würde Berat seine Tage jetzt, Anfang Mai, in der Berufsschule verbringen, mit Englisch, Geschichte und Wirtschaft, und seine Abende und Wochenenden beim Fußballspielen oder auf WG-Partys. Stattdessen verbringt er die Tage auf einer Baustelle, Hunderte Kilometer von zu Hause entfernt, und die Abende in einem Hotelzimmer, alleine, mit Fast Food und Serien.

Als im März die Schulen wegen der Corona-Pandemie geschlossen wurden, betraf das nicht nur Grundschülerinnen, Realschüler, Gymnasiastinnen. Es betraf auch 1,3 Millionen Auszubildende in ganz Deutschland. Junge Menschen wie Berat, deren Pläne plötzlich durcheinandergeworfen wurden. Auch jetzt, fast zwei Monate später, ist ihre Situation noch immer doppelt unklar: Wie geht es mit der Schule weiter – und wie im Betrieb?

„Wir gehen davon aus, dass die Coronakrise voll auf die Azubis durchschlägt.“
Matthias Anbuhl vom Deutschen Gewerkschaftsbund

"Wir gehen davon aus, dass die Coronakrise voll auf die Azubis durchschlägt", sagt Matthias Anbuhl, Leiter der Abteilung Bildungspolitik beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Wie konkret, das hänge stark von der Branche ab: "Besonders betroffen sind Bereiche, in denen viele Betriebe noch immer nicht wissen, wann sie wieder im Normalbetrieb öffnen können: Hotels, Gastronomie, Tourismus, Dienstleistungen mit Kontakt am Menschen. Aus anderen Branchen hören wir, dass Azubis jetzt oft für Hilfsarbeiten eingesetzt werden und die Ausbildungsqualität leidet." Bei den Berufsschulen wiederum sei es wie bei anderen Schulen auch: Manche bekämen Fernunterricht und E-Learning gut hin, andere nicht; manche Schüler meisterten die Situation gut, andere kämpften zu Hause mit schlechter technischer Ausstattung oder fehlendem Rückzugsraum. Bei der DGB-Onlineberatung "Dr. Azubi" würden sich in der Coronakrise deutlich mehr Menschen melden, sagt Anbuhl.

Arbeit statt Berufsschule

Berat ist im dritten Jahr der dreieinhalbjährigen Ausbildung zum Industriemechaniker, im Februar 2021 soll er seinen Abschluss machen. Er heißt in Wirklichkeit anders, denn sein Arbeitgeber weiß nichts von seinem Gespräch mit bento. Als die Berufsschule schloss, erzählt er, habe seine Klasse gerade in einem der zweiwöchigen Schulblocks gesteckt, die sich mit vier- bis sechswöchigen Praxisblocks abwechseln. Die letzten vier Tage des Schulblocks seien entfallen, die Azubis nach Hause geschickt worden. "Wir haben zwar Aufgaben bekommen, von Lehrern und vom Betrieb, aber mit der Berufsschule kann man das nicht vergleichen." Sein nächster Schulblock hätte planmäßig Anfang Mai beginnen sollen, doch er wisse bis jetzt nicht, wann es für ihn weitergeht.

In seinem Betrieb, einem Maschinenbaukonzern in Baden-Württemberg, habe sich ebenfalls einiges verändert, sagt Berat. "Letzte Woche war ich kurz im Büro, da saßen in einem Stock, wo normalerweise 50 Leute arbeiten, nur zwei." Auch Kurzarbeit sei geplant.

Das immerhin würde Berat erst mal nicht betreffen, denn Azubis, die ja ohnehin wenig verdienen, sind gesetzlich geschützt: Bevor ein Ausbildungsbetrieb einen Azubi in Kurzarbeit schicken kann, muss er alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft haben. Das kann zum Beispiel heißen, dass er den Ausbildungsplan umstellen, den Azubi in einer anderen Abteilung einsetzen oder ihm Projektarbeiten nach Hause mitgeben muss. Auch die Ausbilderinnen müssen von der Kurzarbeit ausgenommen oder so eingeteilt werden, dass die Azubis jederzeit eine Ansprechpartnerin haben. Werden Azubis doch in Kurzarbeit geschickt, bekommen sie für mindestens sechs Wochen weiter ihre volle Ausbildungsvergütung. Sie dürfen in der Coronakrise auch weder freigestellt noch in Zwangsurlaub geschickt werden. (Arbeitsagentur, IHK Berlin)

„Jetzt arbeite ich entweder oder bin allein im Hotelzimmer, es ist sehr einsam.“
Berat, Auszubildender

Statt in der Berufsschule zu sitzen, arbeitet Berat jetzt also, im Moment ist er auf Montage. Auch auf der Baustelle sei durch Corona vieles anders als sonst, erzählt er: "Wenn man morgens kommt, wird die Temperatur gemessen, überall gibt es Händedesinfektionsmittel, man muss Abstand halten oder eine Maske tragen, darf nur zu bestimmten Zeiten in die Kantine." All das störe ihn nicht allzu sehr. Die Abende in der fremden Stadt allerdings seien hart: "Normalerweise geht man auf Montage abends mit Kollegen was essen, vielleicht noch was trinken. Jetzt arbeite ich entweder oder bin allein im Hotelzimmer, es ist sehr einsam."

Seit 4. Mai öffnen die Berufsschulen zwar wieder, allerdings nur schrittweise. Einige seiner Kollegen würden schon wieder zur Schule gehen, sagt Berat: Jene, die eine um ein halbes Jahr verkürzte Ausbildung machen. Ihre Abschlussprüfungen waren ursprünglich für April und Mai angesetzt und sollen nun im Juni und Juli nachgeholt werden.

Betriebe wollen weniger Azubis einstellen

Berat hofft, dass er seine Abschlussprüfung wie geplant im Februar ablegen kann. "Wenn unsere Ausbildung um einen Monat verlängert wird, wäre das schon okay, aber über alles darüber hinaus würde ich mich beschweren", sagt er. Der Unterschied zwischen der Azubi-Vergütung und dem Gesellengehalt beträgt immerhin mehrere hundert Euro netto im Monat. Bis jetzt sei eine Verlängerung der Ausbildung, wie sie manche Azubis fürchten, in seinem Umfeld aber kein Thema, sagt Berat.

In einer Pressekonferenz mit Bundesbildungsministerin Anja Karliczek am Mittwoch vor einer Woche erklärte auch Friedrich Hubert Esser, der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung, alle Azubis sollten ihre Ausbildung wie geplant abschließen können. Das koste zwar Geld, weil etwa größere Räume für die Prüfungen organisiert werden müssten, aber er sei zuversichtlich, dass es klappe, sagte Esser.

Matthias Anbuhl vom Deutschen Gewerkschaftsbund macht sich gerade vor allem um die Jugendlichen Sorgen, die auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind. In einer Umfrage des Zentralverbands des deutschen Handwerks Ende April gab gut ein Drittel der etwa 1.900 teilnehmenden Ausbildungsbetriebe an, im Herbst weniger neue Azubis einstellen zu wollen als im Vorjahr. Das werde vor allem jene treffen, die ohnehin schon schlechte Chancen haben, fürchtet Anbuhl: "Dann würde die Coronakrise die soziale Spaltung zwischen den Azubis noch verstärken." Wer nur einen Hauptschulabschluss habe, dem sei schon bisher nur etwa die Hälfte aller Ausbildungsplätze offen gestanden. Und das seien meist Plätze in Hotels und der Gastronomie gewesen – jene Branchen, die die Krise nun besonders hart trifft.

Berat fragt sich indessen, was nach der Ausbildung passiert, was aus seiner Übernahme wird. Er habe schon eine Idee, in welchen Bereich seiner Firma er möchte, er habe auch schon Gespräche dazu geführt, und wenn die Firma weiterhin einigermaßen gut durch die Krise kommt, rechne er sich gute Chancen aus. "Aber wenn nicht, dann kann ich es vergessen. Da haben wir Azubis natürlich schlechte Karten: Es ist einfacher, einem Azubi keinen Vertrag zu geben, als jemandem zu kündigen, der seit 20 oder 30 Jahren bei der Firma arbeitet."


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