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Faire Departments statt allmächtige Professoren

Professoren ohne Selbstbeherrschung, persönliche Beleidigungen, Mobbing. An deutschen Hochschulen und Forschungsinstituten arbeiten viele Doktoranden und Postdocs unter extrem schwierigen Arbeitsbedingungen – verursacht durch ihre Vorgesetzten: Machtvolle Lehrstuhlinhaber und Institutsleiter.

Nicht nur Nachwuchswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen, sondern auch viele junge Professoren und Professorinnen fordern inzwischen, dass sich am System etwas ändern muss. "Jeder, der in Deutschland Professor werden will, macht die gleichen Erfahrungen. Er wird ausgenutzt, ist befristet angestellt, hat Existenzängste", sagt Tilman Reitz, Soziologie-Professor an der Uni Jena. 

Ich habe noch bei einer Generation von Professoren studiert und promoviert, die stolz darauf war, wenn die Leute heulend aus ihrer Sprechstunde rauskamen.
Tilman Reitz

Auch Zusammenschlüsse junger Wissenschaftler wie die Junge Akademie oder das "Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft" fordern einen Strukturwandel. Sie wollen nicht länger hinnehmen, dass mehr als 90 Prozent des Mittelbaus befristet angestellt sind und Lehrstuhlinhaber Karrieren zerstören können.

Jule Specht, Psychologie-Professorin an der Humboldt-Uni und Mitglied der Jungen Akademie, fordert ein Ende der Lehrstühle. Sie plädiert für das Departmentprinzip, das an US-amerikanischen, englischen und skandinavischen Hochschulen gängig ist. Dort verfügen Professorinnen und Professoren über viel weniger Macht. Ihnen gehört kein Department, sie müssen es auch nicht managen, stellen keine Mitarbeiter ein. Dafür ist ein Chairman zuständig. Die Professoren teilen sich zudem Verwaltungsangestellte, Assistenten und Forschungsgeräte.

Doktoranden und Postdocs werden hier nicht einzelnen Professoren zugeordnet, sondern suchen sich ihre Betreuer aus. "So sind sie viel weniger weisungsgebunden", sagt Tilman Reitz. Sie haben im Department zudem meist sogenannte Tenure-Track-Stellen, die ihnen lebenslange Professuren in Aussicht stellen, wenn sie sich bewähren. Nach einer Probezeit ist den Nachwuchswissenschaftlern somit schon sehr früh klar, ob sie für eine Karriere in der Wissenschaft geeignet sind.

Dirk Brockmann, Biologie-Professor an der HU Berlin, hat einige Jahre in einem Department in den USA unterrichtet. "Wenn ein Prof schlechte Arbeit macht, schlecht unterrichtet oder betreut, dann muss er sich vor der Leitung des Departments oder anderen Kollegen rechtfertigen", sagt er. Wer seinen Job gut mache, bekomme eine Gehaltserhöhung.

Nur weil die Hochschulen in Deutschland öffentlich finanziert werden, heißt das nicht, dass wir die Studenten nicht als unsere Kunden betrachten müssen.
Dirk Brockmann

"Nur weil die Hochschulen in Deutschland öffentlich finanziert werden, heißt das nicht, dass wir die Studenten nicht als unsere Kunden betrachten müssen", sagt er. An Forschungsinstituten sei es noch schlimmer. Da setzten Gesellschaften stark auf die Macht einzelner Direktorinnen und Direktoren, die willkürlich entscheiden könnten. Das bedeutet absolute Hierarchie.

Doktoranden und Postdocs sollten eigene Forschungsgelder erhalten, um von ihren Betreuern unabhängiger zu sein, findet Brockmann. "Dann kann man sie nicht wie Idioten behandeln." Zudem müsse es die Möglichkeit geben, die Leistung von Professoren zu bewerten – öffentlich einsehbar im Internet.

Um die Situation zu verbessern, fordert Reitz für jedes Institut "Regeln guten wissenschaftlichen Arbeitens". Darin sollte etwa die Arbeitszeit abgeklärt werden und auch Verstöße dagegen. Es müsse gleichwertige Arbeitsbedingungen im ganzen Institut geben und es dürften keine unsichtbaren Fleißarbeiten an Mitarbeiterinnen des Mittelbaus übertragen werden.

Jule Specht von der HU Berlin fordert neben Gleichstellungsbeauftragten und Ombudspersonen mehr Anlaufstellen. "Als ich selbst junge Wissenschaftlerin war, wusste ich nicht, an wen ich mich hätte wenden können, wenn ich mich ungerecht behandelt fühlte." Diese Ansprechpartner könnten auch außerhalb der Unis oder Institute angesiedelt sein, beispielsweise in Fachgesellschaften.

Die Leibniz-Gemeinschaft hat bereits Maßnahmen getroffen, um Abhängigkeiten zu verringern. Wissenschaftler auf jeder Karrierestufe können anonym auf Missstände aufmerksam machen. "Besteht ein Anfangsverdacht, wird dieser geprüft", sagt Jan-Lucas Schanze, Sprecher des Leibniz PhD-Netzwerks.

Außerdem erhalten Doktoranden in der Regel ergänzend zum Vertrag eine Vereinbarung darüber, von wem sie in welchem Maße betreut werden und wie viel Zeit sie für ihre Doktorarbeit haben. Zudem stellen viele Leibniz-Institute dem Nachwuchs Mentoren und Mentorinnen zur Seite, die sie auf dem Weg zur Professur unterstützen sollen. "Mit einer zweiten Ansprechperson versuchen wir, die Abhängigkeit von einem Professor zu reduzieren", sagt Schanze.

Das PhD-Netzwerk lässt die jungen Wissenschaftler außerdem regelmäßig anonym eine Umfrage ausfüllen – unter anderem dazu, wie zufrieden sie mit der Betreuung sind. Im Ausland gibt es solche Umfragen auch an manchen Hochschulen: Etwa an den holländischen Universitäten Groningen, Utrecht, Leiden und Wageningen.

Moderne Strukturen gibt es in Deutschland erst an wenigen Hochschulen: So hat beispielsweise die Uni Bonn eine Departmentstruktur für den Fachbereich Wirtschaftswissenschaften eingeführt, die FU Berlin verfügt über ein Marketing-Department, in Tübingen ist das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung entsprechend organisiert und an der TU München die Physik.

Aber kann es gelingen, Hochschulen und Forschungsinstitute in Deutschland flächendeckend anders zu strukturieren? Tilman Reitz glaubt nicht, dass sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren etwas ändert. Erst, wenn die älteren Professoren abtreten, könnten ihre Nachfolger dazu beitragen, das System umzukrempeln. Womöglich bedürfe es auch entsprechender politischer Vorgaben.

Jule Specht sieht das Ende der Lehrstühle auch noch nicht gekommen. Das liege an der herausragenden Stellung der Professorinnen, die über zahlreiche Mitarbeiter und Ressourcen verfügen – und sich manchmal wie Sonnenkönige aufführten. Specht und ihre Mitstreiter setzen auf einen langsamen Umbruch. Wenn ein Lehrstuhlinhaber in Pension gehe, soll seine Ausstattung in ein  Department fließen. So ließe sich die Machtkonzentration in der Wissenschaft nach und nach aufbrechen.

Dieser Text ist zuerst bei SPIEGEL ONLINE erschienen.


Gerechtigkeit

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