Bild: Gregor Fischer/dpa

Entsteht hier die Zukunft der Lieferbranche? In den Fluren des Künstlerhauses Bethanien in Berlin-Kreuzberg ist es bereits dunkel, als im ersten Stock des Seitenflügels noch ein Treffen beginnt. Vor dem Klinkerbau rauchen Jugendliche im Park, drinnen flackert ab und zu das Licht. An den cremegelben Wänden werben Plakate für linkes Programmkino und politische Diskussionsrunden. Doch die Fahrradkurierinnen und -kuriere, die sich am Sonntagabend hier versammeln, wollen nicht nur reden – sondern die Prinzipien des Silicon Valleys in Frage stellen.

Fast alle hier sind seit kurzem arbeitslos, der britische Lieferservice Deliveroo hat vergangene Woche seinen Geschäftsbetrieb in Deutschland eingestellt. 

Viele der Entlassenen dürften bald zum bisherigen Konkurrenten Takeway.com wechseln. Nach dem Deliveroo-Rückzug ist er der mit Abstand größte Anbieter von Essenslieferungen in Deutschland, das Unternehmen vereint die Angebote von Lieferando, Foodora und Lieferheld unter einem Dach. Doch längst nicht alle Fahrerinnen und Fahrer wollen in Zukunft für einen börsennotierten Großkonzern Pizza ausliefern. 

Für viele der selbstständigen Kuriere kam das Ende von Deliveroo überraschend – kurz zuvor hatte die Geschäftsleitung noch neue Dienstkleidung versprochen (SPIEGEL). Nach der Ankündigung blieben den Betroffenen nur noch wenige Arbeitstage, am vergangenen Freitag gegen 16 Uhr war Schluss. Deliveroo hat den etwa 1100 Kuriere noch "Kulanzpakete" angeboten, doch für den Großteil dürften die meist zwei- bis dreistelligen Einmalzahlungen kaum ein Trost sein. Weil fast alle als selbstständige Fahrer beschäftigt wurden, haben sie jedoch kaum Alternativen.

Zu seinem Abschied zeigte sich das Lieferimperium von Deliveroo ziemlich genau so, wie Kritikerinnen und Kritiker es zum Start prophezeit hatten.

Inzwischen sind nach Angaben von Beteiligten etwa 120 ehemalige Fahrerinnen und Fahrer aus Berlin in einer Whatsapp-Gruppe organisiert. 30 bis 40 von ihnen planen, ein eigenes Kollektiv zu gründen, das künftig Essen für Restaurants ausfährt. Sie wollen vieles besser machen. 

Arbeiten auf Augenhöhe statt am Limit, selbstbestimmt und eigenverantwortlich – und am Besten noch nachhaltig und ökologisch. Das sind die Ideen, um die es beim Treffen im Künstlerhaus Bethanien geht. 

Die Zahl der Beteiligten mag noch überschaubar sein, doch worüber in der Gig-Economy heute verhandelt wird, könnte morgen auch Andere betreffen. 

Denn die Platfform-Ökonomie, in der Aufträge und Jobs online flexibel vergeben werden, wächst immer weiter. Was vor einiger Zeit die Deliveroo-Fahrer waren, sind heute Lime-Juicer und Carsharing-Hilfsarbeiterinnen. Auch andere Ideen der Start-up-Szene färben längst auf klassische Unternehmen ab, deutsche CEOs und Abteilungsleiter pilgern seit Jahren ins Silicon Valley, um sich neue Ideen zu holen. 

Für die Beschäftigten in der Gig-Economy sieht der Alltag dagegen oft weit weniger glamourös aus. Der Wirtschaftswissenschaftler Christian Hopp von der RTWH Aachen sagt: “Ich denke, wir sehen aktuell die Grenzen und Probleme der Branche: die Aushöhlung von Arbeitnehmerrechten und ein race-to-the-bottom, was die Gehälter angeht.”

"Race-to-the-bottom, was die Gehälter angeht" – Essenslieferant am Potsdamer Platz in Berlin.

(Bild: Michele Tantussi/Getty Images)

Auch beim Treffen der ehemaligen Deliveroo-Kuriere erzählen fast alle Beteiligten von Problemen. Während die einen über zu viel Arbeit klagen, berichten die anderen von zu wenig Aufträgen. Fast alle kritisieren geringe Mitsprache-Möglichkeiten und eine immer schlechter gewordene Kommunikation.

Christian Hopp hat untersucht, wie mit Hilfe von Technologie neue Unternehmen gegründet werden und was ihre Entwicklung beeinflusst. Seiner Ansicht nach haben alternative Organisationsformen gegenüber klassischen Unternehmen durchaus Chancen. Um die Arbeitsbedingungen zu verbessern, empfiehlt Hopp, auch die Kundinnen und Kunden in die Verantwortung zu nehmen und an möglichen Liefer-Kollektiven oder -Genossenschaften zu beteiligen. 

Es sind solche großen Ideen, die die ehemaligen Deliveroo-Fahrerinnen und -Fahrer im Künstlerhaus Bethanien zusammengebracht haben. Doch erst einmal müssen die Kuriere schauen, wie sie überhaupt weitermachen können. 

Wie eine konkrete Alternative zu Deliveroo und Co. aussehen könnte, weiß Jérôme Lühr. Der 36-Jährige war selbst Lieferbote für das Unternehmen, als Community-Manager verantwortete er das Anwerben neuer Fahrerinnen. Damals, so erzählt er, sei Deliveroo noch an einem Austausch interessiert gewesen. Jérôme gründete örtliche Gruppen und vernetzte die Fahrer, die bis dahin ihre Touren oft alleine abstrampelten. Doch nach einiger Zeit stieg der Wettbewerbsdruck – vom Community-Versprechen blieb nicht mehr viel übrig, erzählt Jérôme im Bethanien. Schließlich kündigte er.

Seit 2017 ist er Mitgründer des Crow-Kurierkollektivs, das mit Fahrrädern vor allem Lastenfahrten für Restaurants und Handwerker durchführt, Wein und Audiogeräte durch die Stadt bringt. Seine heutigen Arbeitsbedingungen beschreibt Jérôme so, wie viele Deliveroo-Fahrer sie sich vermutlich wünschen: Ökologisch, hierarchiefrei, gleichberechtigt. Und möglichst bald auch sozialverträglich – so, dass alle Beteiligten gut davon leben können. Kann die Gig-Economy auch eine Chance sein, neue Arbeitsmodelle auszuprobieren?

Viele Kunden, gerade in Berlin, schätzten die direkte Zusammenarbeit und fairen Arbeitsbedingungen, sagt Jérôme. Manche arbeiteten statt mit großen Lieferdiensten bewusst nur noch mit den Fahrrad-Kurieren zusammen.

Statt auf Disruption und Business Angels setzt das Kollektiv auf die Kraft von Waden und gemeinsamen Ideen. 

Weil die Hürden für die Gründung einer Genossenschaft hoch sind, ist das Kollektiv noch als GbR organisiert, doch Jérôme legt Wert darauf, dass alle, die dort arbeiten, sich auch aktiv einbringen. Das Geld für den Start des gemeinsamen Lieferservice kam aus Nebenjobs und Ersparnissen. Anstelle eines Chefs gibt es jetzt drei Arbeitsgruppen, die sich um Finanzen, Kundschaft und Organisation kümmern. Entscheidungen trifft die Gruppe mithilfe einer Online-Plattform. Auch Aufträge und Fahrten werden online abgewickelt. 

Die Software dafür kommt vom französischen Netzwerk CoopCycle, das von ehemaligen Deliveroo-Fahrern gegründet wurde. Die Fahrradkurriere wollten eine nicht-kommerzielle Alternative zu den Start-up-Monopolisten entwickeln, Gründerinnen und Gründer kommen aus dem linken Spektrum. "Wir vergesellschaften Fahrrad-Lieferungen", heißt es auf der Internetseite. In Deutschland steht die anarchistische Minigewerkschaft FAU dem Netzwerk nahe, viele Kurier-Fahrerinnen und -Fahrer sind traditionell stolz auf ihre Eigenständigkeit, der Job verkörpert für sie oft auch eine Art Lebensgefühl. 

(Bild: Stephanie Pilick/dpa/lbn)

Inzwischen verbindet CoopCycle Kollektive und Genossenschaften in mehreren europäischen Ländern. In Barcelona fahren Kurierinnen Mittagessen aus, in Lyon transportieren sie Pakete und in Brüssel Bio-Lebensmittel. Die Software bekommt aber nur, wer die Werte des Verbundes unterstützt und sich an der Weiterentwicklung beteiligt. 

Das Kollektiv von Jérôme tut das. Nach etwas mehr als einem Jahr schreibt es angeblich inzwischen schwarze Zahlen, viel mehr als den Mindestlohn verdienen die Mitglieder allerdings bislang noch nicht. Für die aktuell zwölf Kuriere sei es dennoch ein Erfolg, ebenso wie für die Kunden, sagt Jérôme. Weil es zeige, dass auch eine andere Form des Arbeitens möglich sei, auch, wenn es immer noch (oder erst Recht) Arbeit sei.

Die größte Herausforderung ist nicht die Technik oder das Geld, sondern der Zusammenhalt. Es braucht Leute, die immer wieder den Ofen anmachen, wenn Anderen die Puste ausgeht.
Jérôme

Tatsächlich sehen darin auch viele Beteiligten im Künstlerhaus Bethanien ein Risiko. Nicht jedem gefällt die Idee, nach der Entlassung erst einmal eigenes Geld in die Gründung einer Kooperative zu stecken. Andere haben dagegen bereits Namensvorschläge für einen mögliches Zusammenschluss. Die Fülle der Ideen scheint fast so groß wie die Vielfalt der Rennräder vor der Tür. Am nächsten Tag erzählen Beteiligte, dass sie noch bis zwei Uhr in der Nacht zusammengesessen hätten, auch wenn viele Entscheidungen immer noch offen seien. 

Anstatt sofort etwas zu gründen, empfiehlt Jérôme der Gruppe deshalb, erst einmal andere Jobs zu suchen und dann in Ruhe die eigenen Ziele zu besprechen. "Wenn ihr eure eigenen Chefs seid, gibt es niemanden mehr, auf den ihr die Verantwortung abwälzen könnt." 

Die Gruppe will sich in den kommenden Tagen weiter beraten, wie eine gerechte Alternative zur Start-up-Ökonomie aussehen könnte. Weitere Mitglieder werden gesucht.

Video: Inken Dworak


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