Bild: Mandy Rotter
Berufe für Eltern erklärt: Warum Victoria ihren Job liebt – und wie viel man in dem Bereich verdienen kann

Berufe so erklärt, dass auch deine Eltern sie verstehen

Als wir klein waren, fragten unsere Eltern, was wir werden wollen. Feuerwehrmann vielleicht? Oder Lehrerin? Traditionsberufe, unter denen sich jeder etwas vorstellen kann. Nun haben wir Berufe mit Namen wie Data Scientist oder Junior SEO Analyst. Und unsere Eltern fragen ratlos: Was machst du eigentlich? In dieser Reihe erklären wir es ihnen.

Victoria Osterloh, 29, arbeitet als Data Scientist für ein großes Online-Modeunternehmen.

bento: Victoria, wie haben deine Eltern reagiert, als du sagtest, dass du Data Scientist wirst?

Victoria Osterloh: Sie waren erst überrascht, denn ich habe etwas – scheinbar – ganz anderes studiert: Meteorologie. Sie haben aber schnell den Zusammenhang zwischen den Jobs erkannt. Meine Großeltern haben da größere Probleme, die konnten mit der Vorstellung von mir als Wetterfee mehr anfangen. Wenn man sie heute fragt, was ich mache, würden sie antworten "irgendwas mit Daten".

bento: Und was machst du genau?

Victoria: Mein Job ist es, Daten zu aufzubereiten, auszuwerten und die betriebswirtschaftlichen Zusammenhänge herzustellen. Also aus Zahlen Handlungsempfehlungen für das Unternehmen zu ziehen. Welche Daten wie ausgewertet werden, kommt ganz darauf an, wo wissenschaftliche Datenanalyse eingesetzt wird. Ich bin für den Bereich Marketing zuständig und analysiere unter anderem, wie Kunden auf unsere Werbung reagieren.

bento: Und warum ist dein Job wichtig?

Victoria: Unternehmen müssen die Bedürfnisse ihrer Kundinnen und Kunden kennen – und zwar im Idealfall besser als die Konkurrenz und früher als die Kundin oder der Kunde selbst. Eine wissenschaftliche Datenanalyse macht das möglich.

bento: Wie sieht ein typischer Arbeitstag von dir aus?

Victoria: Morgens checke ich meine E-Mails und meinen Kalender und bekomme so einen Überblick über meinen Tag. Dann haben wir eine Teambesprechung, in der wir über unsere Erfolge und Herausforderungen des Vortages reden und darüber, was heute ansteht. Der Rest des Tages kann ganz unterschiedlich aussehen, je nachdem, an welchem Projekt ich gerade arbeite. 

Mein Tag kann auch aus vielen Meetings bestehen. Darin präsentiere ich die Ergebnisse meiner Datenanalysen. Oder wir besprechen im Team, was wir noch herausfinden wollen und wie wir das am besten angehen. Wie können wir die Algorithmen oder unsere statistischen Methoden optimieren, um unsere Daten zu bekommen und sie auszuwerten? Wenn außerdem aktuell ein Test von mir läuft, kontrolliere ich, ob alles plausibel aussieht. Oder ich bereite einen weiteren Test vor.

bento: Wie kann ich mir so einen Test von dir vorstellen?

Victoria: Wir machen das ganze Jahr über viele A/B-Tests. Eine unserer primären Testmethoden sind Geo-Experimente, wir testen also Regionen gegeneinander. Ein Beispiel: Ich möchte wissen, wie erfolgreich unsere Werbung ist. Dafür mache ich einen Geo-Split, das heißt, ich errechne zwei vergleichbare Gruppen. Ich sage zum Beispiel: Bayern ist unsere Test- und Berlin unsere Kontrollgruppe. Dann schalten wir in Bayern unsere Online-Werbung aus. Der Test dauert vier Wochen. In der Zwischenzeit überprüfe ich, ob der Test wie geplant läuft, ansonsten widme ich mich anderen Projekten oder bereite schon den nächsten A/B-Test vor. Nach diesen vier Wochen werte ich die Ergebnisse aus: Ich schaue, ob die ermittelten Zahlen einen Sinn ergeben. Ob sich die Besucherzahlen auf unserer Seite und das Kaufverhalten in Bayern im Vergleich zu Berlin stark verändert hat – und ob mir sonst noch etwas auffällt. Daraus ziehe ich, wenn möglich, Handlungsempfehlungen für das Unternehmen.

bento: Was hast du gelernt, um Data Scientist zu werden? Bist du eine Quereinsteigerin als Meteorologin?

Victoria: Ja, ich würde mich schon als eine Quereinsteigerin bezeichnen. Aber auch Meteorologie hat viel mit Datenanalyse, Statistik und Mathe zu tun – Bereiche, in denen ich immer gut war und gerne mehr machen wollte. Meine Zwillingsschwester arbeitete schon in dem Unternehmen, in dem ich jetzt bin, und erzählte mir von der Data-Science-Stelle. Ich fand das interessant, also bewarb ich mich nach meinem Abschluss. 

Meine Kolleginnen und Kollegen haben Unterschiedliches studiert: Psychologie, Statistik oder Mathematik. Inzwischen gibt es auch spezielle Data-Science-Studiengänge an vielen Unis, denn der Job ist extrem gefragt – er wurde sogar mal zum "sexiest job of the 21. century" ernannt (Harvard Business Review). Bisher gibt es aber keinen typischen Werdegang in der Data Science, jeder Studiengang, der auf Mathematik und Statistik basiert, bietet einen Eingang. 

bento: Welche besonderen Fähigkeiten braucht man für den Job?

Victoria: Natürlich sollte man analytisch denken und gut mit Zahlen umgehen können. Aber am wichtigsten ist, dass man diese Zahlen auch verständlich rüberbringen kann. Kommunikationsstärke ist sehr wichtig.

bento: Ist der Job überall gleich?

Victoria: Die Grundstruktur ist gleich: Man analysiert mit wissenschaftlichen Methoden Daten und zieht daraus Handlungsempfehlungen. Was man herausfinden will, welche Daten dafür gebraucht und wie sie analysiert werden, kann extrem unterschiedlich sein. Es gibt Data Scientists in vielen Bereichen, auch in der Medizin oder im Finanzwesen.

bento: Wie viel verdient man als Data Scientist?

Victoria: Da der Job gerade sehr gefragt ist, können die Vergütungen recht hoch ausfallen. Ab 45.000 Euro brutto im Jahr ist aufwärts alles möglich.

bento: Macht es dir Spaß?

Victoria: Ja, sehr. Ich wollte die Datenanalyse, wie ich sie im Studium gelernt habe, praktisch anwenden. Wissenschaftliches Arbeiten dauert oft lange und ist sehr theoretisch. Nicht selten landen deine erarbeiteten Ergebnisse in irgendwelchen Schubladen und werden da vergessen. Im Business-Kontext siehst du gleich, wie die Ergebnisse deiner Arbeit auch angewendet werden. Das finde ich toll.


Gerechtigkeit

29,95 Euro für einen Tag Demokratie: Was soll der "Petitionstag" im Olympiastadion?
Und was sagt er über unser Verständnis von Teilhabe aus?

Für manche klingt es nach Utopie, für andere nach Dystopie: Am 12. Juni 2020 sollen im Berliner Olympiastadion mehrere zehntausend Menschen die deutsche Politik verändern. Indem sie Petitionen live unterzeichen, es könnte mal eine sein, die den Bundestag zwingt, über einen schärferen Klimaschutz zu debattieren, dann eine über das bedingungslose Grundeinkommen oder eine zum Thema Seenotrettung. 

Damit eine Petition im Bundestag diskutiert wird, braucht es 50.000 Unterschriften (Bundestag). Im Olympiastadion könnten sich 90.000 Aktivistinnen und Aktivisten zusammenfinden – sie könnten gemeinsam ihre Handys zücken und die nötigen Stimmen in nur wenigen Sekunden beisammen haben.

Genau das soll kommenden Sommer im Berliner Olympiastadion passieren.

Auf Startnext wirbt seit Donnerstag ein Bündnis mehrerer Klima- und Bürgerrechtsbewegungen für den Aktionstag "Deutschlands größte Bürger*innenversammlung". Dabei sind unter anderem "Fridays for Future", "Mein Grundeinkommen e.V." und das Kondom-Startup "Einhorn". Via Crowdfunding sollen Tickets zum Preis von 29,95 Euro verkauft werden, um das Event realisieren zu können. 

Wissenschaftlerinnen und Aktivisten sollen eingeladen werden, dann sollen die Anwesenden vorher erarbeitete Petitionen blitzunterschreiben. Was genau, steht noch nicht fest. "In den kommenden Monaten wollen wir mit euch zusammen Maßnahmen [...] entwickeln, die unsere gemeinsame Zukunftsvision um Handlungsempfehlungen ergänzt und damit umsetzbar wird", heißt es im Aufruf.