Was sich Kritiker unter Homeoffice vorstellen: Auf dem Sofa lümmeln, Shopping Queen gucken und nebenbei eine E-Mail beantworten. Wie sich Vorgesetzte Homeoffice wünschen: Am Schreibtisch sitzen, nur eine kurze Mittagspause machen, doppelt so viel Arbeit schaffen. Aber was bedeutet die Arbeit in der eigenen Wohnung wirklich? Wie haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für dieses Modell gekämpft und wie reagieren Unternehmen?

Wir haben mit jungen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern gesprochen, die bereits jetzt hin und wieder von zu Hause aus arbeiten. 

Sie erzählen, welche Vor- und Nachteile das Homeoffice hat – und warum auch der Arbeitgeber davon profitiert.

Home Office in der aktuellen Debatte

Laut einer Studie des Bundesarbeitsministeriums würden gerne 40 Prozent der Deutschen zumindest ab und zu im Homeoffice arbeiten – doch viele von ihnen haben diese Möglichkeit nicht. In der Realität arbeiten nur zwölf Prozent auch mal von zu Hause aus. Das könnte sich in Zukunft ändern.

Björn Böhning, Staatssekretär im Arbeitsministerium, arbeitet derzeit an einem Recht auf Homeoffice. Allen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern soll es dann möglich sein, auch von zu Hause aus zu arbeiten, sofern ihr Job das zulässt. In den Niederlanden gibt es eine ähnliche Regelung bereits, dort dürfen Arbeitgeber nur mit schwerwiegenden Gründen Anträge auf Homeoffice ablehnen. (SPIEGEL ONLINE)

Britta, 32, arbeitet als E-Commerce-Managerin bei einem Kosmetikhersteller in Ahlen, Westfalen.

Wir sind ein Unternehmen mit sehr starren Strukturen, jahrelang war die Geschäftsführung sehr ängstlich, wenn es um Homeoffice ging, das Vorhaben wurde eingestampft. Skepsis herrschte wegen der Arbeitsmoral und Gerechtigkeit unter den Mitarbeitern: Arbeiten die Kolleginnen und Kollegen von zu Hause aus auch genug? Was passiert mit den Mitarbeitern in der Produktion, die unsere Artikel nun mal nicht von zu Hause aus verpacken können?

Meine Vorgesetzten sind aber sehr flexibel: Vor etwa drei Jahren hat die ganze Abteilung Laptops bekommen, wir arbeiten mit Skype und digitaler Rufumleitung. Wir greifen von zu Hause aus auf unsere Netzwerke und Dateien zu. Prinzipiell ist es nichts anderes als im Büro auch.

Es gab eine Zeit, da mussten wir noch umständlich Formulare ausfüllen, wenn wir mal einen Laptop mit nach Hause nehmen wollten. Das ist seit etwa einem Jahr vorbei, Homeoffice gehört zum Alltag. 

Ich kümmere mich um Kampagnenplanung für unseren E-Shop. Ich gucke, welche Produkte wie beworben werden – basierend auf aktuellen Umsatzzahlen. Oft muss ich lange Excel-Tabellen durcharbeiten. Das ist Arbeit, die sich prima von zu Hause aus erledigen lässt. Dort klingelt viel seltener das Telefon, persönliche Gespräche mit Kollegen fallen weg, ich kann länger am Stück produktiv arbeiten. Aber ich bin kein Fan davon, dauerhaft von zu Hause zu arbeiten – irgendwann fehlt mir die Gemeinschaft. 

Ein typischer Arbeitstag sieht genauso aus, wie im Büro – nur das ich eben nicht für die Kollegen sichtbar bin. Ich fahre den Rechner hoch, ich stemple mich ein, checke die ersten Zahlen, die E-Mails, koche mir dabei eine Tasse Kaffee, gucke, was so auf dem To-Do-Zettel steht und arbeite das ab. Statt mit den Kollegen in der Küche zu stehen, stelle ich dann auch mal eine Maschine Wäsche an. Die Mittagspause fällt deutlich kürzer aus, nach einer Viertelstunde bin ich meist fertig. Und pünktlich Feierabend mache ich auch nicht unbedingt – wenn man gerade vertieft arbeitet, was beim Homeoffice schon häufiger vorkommt. 

Ich arbeite vom Esstisch aus, extra vom Wohnzimmer abgewandt. Hauptsache die Kaffeemaschine ist in der Nähe. Vielleicht läuft etwas Radio – im Büro habe ich es nicht an, da stört es mich. Ich spare mir 35 Kilometer Fahrt am Morgen und am Abend und ich arbeite auch schon mal in Jogginghose.

Es gibt diverse Kollegen, die nicht so begeistert sind. Sie haben das Gefühl, dass man an Homeoffice-Tagen nicht erreichbar ist, was nicht stimmt. Es kommt ein bisschen aufs Alter an. In meinem Alter und jünger, da ist es an der Tagesordnung, aber bei Älteren ist die Skepsis noch größer. Offline getriebene Abteilungen sind vorsichtiger. Das Arbeitsklima ist wichtig, dass von allen Homeoffice akzeptiert wird – auch wenn man es selbst vielleicht nicht umsetzt.

Es ist total typabhängig, ob jemand für Homeoffice geeignet ist. Manche fühlen sich im Großraumbüro wohler und brauchen den ständigen Austausch, die anderen brauchen mehr Ruhe. Mir helfen einzelne Tage enorm – vier bis fünf sind es etwa im Monat. Und es braucht Vorgesetzte, die einem vertrauen und nicht ständig nachfragen, wie lang man für was gebraucht hat – meine tun das Gott sei Dank nicht.

In ein paar Wochen wechsle ich meinen Job, dort habe ich die Möglichkeit nicht. Ich möchte mich aber dafür einsetzen.

Julian, 27, arbeitet als Videograf und Cutter.

Ich arbeite in einem sehr kleinen Betrieb, lediglich mit zwei Geschäftsführern. Wenn ich keine Lust habe, ins Büro zu kommen, dann kann ich auch bei mir arbeiten, was ich etwa einmal in der Woche mache. Zu Hause kann ich mir für kreative Prozesse mehr Zeit lassen, dann ist da niemand, dem ich zwischendurch berichte, wie ich mein Projekt angehe. 

Die Herangehensweise ist dann anders: Am Ende liefere ich einfach ein Ergebnis, ohne große Absprachen. Je nach Projekt ist das manchmal von Vorteil. Wenn ich dann aber auf Feedback warte, kann es sein, dass die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit verschwimmen. Wenn um 20 Uhr noch jemand anruft und ich eigentlich nicht mehr am Rechner sitze, dann arbeite ich zum Beispiel Änderungen trotzdem noch ein. 

Für mich hat das Homeoffice dennoch viele Vorteile: Ich bin verfügbar, beispielsweise falls im privaten Umfeld etwas ist – ich betreue noch eine Basketballmannschaft, da kommt es vor, dass da mal jemand etwas braucht. Außerdem kann ich mir im Homeoffice die Zeit so einteilen, wie ich möchte: Mittags kaufe ich ein, koche mir etwas. Ansonsten gestalte ich mir meinen Arbeitsplatz, wie er mir gefällt und höre beim Arbeiten Musik. 

Bei meinem aktuellen Job habe ich Homeoffice selbst angeregt, weil ich nachts viel besser arbeiten kann. Ich glaube, die Leute werden deutlich produktiver, wenn sie dann arbeiten, wann sie es möchten.

Grundsätzlich kann ich deshalb die Idee des Anspruchs auf Homeoffice nur unterstützen. Die Arbeitszeit von 9 bis 18 Uhr passt einfach nicht in den natürlichen Rhythmus vieler Menschen.

Teresa, 27, arbeitet als Pressesprecherin.

Ich arbeite in einem Unternehmen mit rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Jeder konnte bei uns eine Homeoffice-Regelung unterschreiben, demnach dürfen wir bis zu zwei Tage pro Woche zu Hause arbeiten. Der Montag und Dienstag sind davon ausgenommen, da muss jeder ins Büro kommen. 

Zu Hause bin ich natürlich flexibler als im Büro, gleichzeitig bleiben aber Besprechungen mit den Kollegen auf der Strecke. Wenn es etwas Wichtiges zu besprechen gibt, dann telefoniert man, aber manches bekommt man einfach nicht mit. 

Im Homeoffice arbeite ich vielleicht effektiver, weil ich mehr Ruhe habe und nicht von Kollegen abgelenkt werde, gleichzeitig habe ich dort aber nur einen Bildschirm. Im Büro ist man einfach schneller, da habe ich zwei Bildschirme und meine Unterlagen. 

Da ich auch einen sehr kurzen Arbeitsweg habe, arbeite ich im Homeoffice eigentlich nur, wenn etwas ansteht, beispielsweise ein Arzttermin, wenn eine wichtige Lieferung oder Handwerker kommen. 

Homeoffice per Gesetz zu regulieren finde ich etwas schwierig. Das ist etwas, das glaube ich nur branchenspezifisch funktioniert. Das hängt zum Beispiel auch davon ab, wie groß ein Unternehmen ist – wenn bei zehn Mitarbeitern am Ende neun im Homeoffice arbeiten, ist das für den Arbeitgeber auch keine Lösung. 

Ich würde da mehr auf die Initiative von Arbeitgebern setzen, gerade in Zeiten von Fachkräftemangel ist das vielleicht auch ein Argument, Mitarbeiter zu gewinnen.

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