Bild: Kristin Hermann
Warum gibt es diese Bürogemeinschaft und was wollen die zwei Gründer erreichen?

Die Motzstraße im Berliner Ortsteil Schöneberg ist in der LGBTQ-Community über die Grenzen der Hauptstadt bekannt. Dort findet jeden Sommer das lesbisch-schwule Motzstraßenfest statt, etliche Lokale und Geschäfte unterstützen die Szene. Mittendrin hat vor einigen Wochen ein Coworking Space eröffnet. 

Davon gibt es in Berlin zwar einige, aber während andere Bürogemeinschaften auf Goodies wie Gratis-Getränke oder Yoga-Klassen setzen, geht es bei "Darna" um einen sicheren Arbeitsplatz für die queere Community. Das sagen zumindest die Gründer. Darna heißt auf Altarabisch so viel wie "Unser Zuhause". So versteht der 28-jährige Sharif Altwal auch den Platz, den er zusammen mit seinem Freund Alexander Prill für die Mitglieder geschaffen hat.

Auf den ersten Blick ist das Vorhaben der beiden gelungen. Wer die 150-Quadratmeter große Altbauwohnung betritt, bekommt Hausschuhe mit dem Logo der Firma überreicht. Im Coworking Space herrscht eher Wohnzimmer- als Bürofeeling: Jedes Möbelstück ist aufeinander abgestimmt, indirektes Licht, viele Pflanzen. Die Gründer haben aufwendig renoviert, zum Teil mithilfe der ortsansässigen Community. An den Wänden hängen Bilder, die die Künstlerin Hala Twal aus Jordanien, dem Heimatland von Sharif Altwal, in den vergangenen Wochen angefertigt hat. Ein Kontrast zur glänzenden, perfekten Einrichtung: Auf den Bildern geht es um Diskriminierung, Unterdrückung und den Wunsch, sich selbst ausleben zu dürfen. 

Die Gründer wollen ein Zu-Hause-Gefühl in ihrem Coworking Space

Im Prinzip läuft es bei "Darna" wie in vielen anderen Bürogemeinschaften. Die Mitglieder können innerhalb der Öffnungszeiten einen festen Schreibtisch oder flexiblen Arbeitsplatz buchen, zudem gibt es die Option, sich tageweise einzumieten. Darüber hinaus wollen Sharif und Alexander Raum für Austausch schaffen. Sie selbst arbeiten nahezu täglich von dem Büro aus. "Es gibt hier zwar etliche Cafés und Bars, aber keinen geschützten Platz, wo man zum Beispiel über sein Coming-Out sprechen oder Veranstaltungen planen kann", sagt Sharif, der sich selbst als Aktivist seit Jahren für die LGBTQ-Szene engagiert. 

Dass ein Ort für solche Gespräche wichtig sein kann, zeigt eine Studie der Boston Consulting Group (BCG). Dafür wurden rund 4000 Studierende und Berufsanfänger weltweit zum Thema LGBT am Arbeitsplatz befragt. Rund 31 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz geben an, dass sie an ihrem Arbeitsplatz nicht offen mit ihrer sexuellen Orientierung umgehen. Und das, obwohl rund 84 Prozent bereit dafür wären. Fast die Hälfte gibt sogar an, zu lügen, wenn er oder sie nach einem Partner oder einer Partnerin gefragt werde. (BCG)

Einer, der "Darna" nutzt, ist Stefan Hasse. Der 33-Jährige arbeitet in der Seniorenbetreuung und hat für seine Firma einen Arbeitsplatz im Stadtteil gesucht. "Ich bin selbst schwul und fühle mich hier sehr willkommen. Außerdem habe ich für Beratungsgespräche einen geschützten Raum, was ich sehr wichtig finde“, sagt er.

Sharif sagt, in anderen Coworking Spaces ginge es häufig unpersönlich zu, was dazu führe, dass viele Mitglieder sich aus Scheu an ihr Umfeld anpassten. Das soll bei "Darna" anders sein. "Bei uns kann man auch als Dragqueen auflaufen. Jeder, wie er mag", sagt Sharif.

Er selbst habe sein ganzes Leben mit Diskriminierung gekämpft. Aufgewachsen ist Sharif in Jordanien, als Sohn eines jordanischen Vaters und einer russischen Mutter, die als Christen eine Minderheit in dem arabischen Land darstellten. "In Jordanien gibt es offiziell keine Homosexuellen. Ich war schon immer anders, durfte es aber nie offen zeigen", sagt er. Er habe unter starkem Übergewicht und Depressionen gelitten. Als er zum Studieren nach Russland ging, wurde es nicht besser. Auch dort werden Homosexuelle diskriminiert. 

In einer Studie der "Proud at Work"-Stiftung aus dem Jahr 2017 gibt fast ein Dreiviertel der rund 2900 befragten Teilnehmerinnen und Teilnehmer an, bereits Diskriminierungserfahrungen am Arbeitsplatz gemacht zu haben. Rund acht Prozent geben dort an, aufgrund ihrer sexuellen Orientierung keinen Job bekommen zu haben. 

30 Arbeitsplätze gibt es im Coworking Space "Darna"

Erst als Sharif 2014 zunächst nach München und wenig später nach Berlin zog, habe er eine tolerantere Gesellschaft kennengelernt. Doch auch in seinen vorherigen Firmen, in denen er Internettechnologien vertrieb und Studenten im Ausland rekrutierte, gab es immer wieder Beleidigungen und Mobbingversuche. "Es fing damit an, dass ich morgens lautstark als 'gay guy' begrüßt wurde. Ich bin nach außen stark geblieben, aber abends habe ich oft geweint. Ich hatte einfach keine Lust mehr, ständig ein Label zu bekommen", sagt er. 

Seine Erfahrungen decken sich mit den Ergebnissen einer Studie des Marktforschungsinstitus YouGov, die von LinkedIn in Auftrag gegeben wurde: Die häufigsten Formen von Diskriminierung seien Witze oder sexualisierende Kommentare (46 Prozent), physische Gewalt oder Mobbing (28 Prozent) und eine Veränderung des Teamzusammenhaltes oder Ausgrenzung (28 Prozent). (queer.de

Alexander und Sharif hören seit der Öffnung Anfang September immer wieder ähnliche Erfahrungen von ihren Mitgliedern. Wer bei "Darna" einen Vertrag unterschreibt, unterzeichnet automatisch auch eine Antidiskriminierungsvereinbarung. Die verpflichtet dazu, niemanden in der Gemeinschaft auszugrenzen. Wer es doch tut, muss gehen. Bisher sei es dazu aber nicht gekommen.

Aber ist ein gesondertes Büro für queere Menschen noch zeitgemäß? 

Was halten Menschen aus der Coworking Szene von dem speziellen Angebot in Berlin? Christian Cordes ist Vorstandsmitglied im Bundesverband "Coworking Deutschland", der die Interessen der etwa 500 Coworking Spaces vertritt. Er findet das neue Angebot in Berlin grundsätzlich gut. Aber er sagt auch, dass eigentlich in allen Coworking Spaces die Werte Offenheit, Transparenz und Diversität gelebt werden sollten. "Daher halte ich es grundsätzlich für kritisch, wenn bestimmte Personengruppen ausgeschlossen werden", sagt er.

Unabhängig von der Arbeit in Coworking Spaces wird Diversität auch in Unternehmen zunehmend wichtig: Um queere Menschen zu integrieren und nicht auszuschließen, bieten immer mehr Unternehmen in Deutschland sogenannte LGBT-Netzwerke an. Queere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen dort eine Anlaufstelle für ihre Interessen haben. Einige Firmen bieten auch Jourfix-Termine für einen regelmäßigen Austausch an. (Sticks and Stones)

Andreas Hartwig steht aus diesem Grund einem Angebot wie "Darna" zwiegespalten gegenüber. Er arbeitet in Berlin als Diversity-Trainer und berät Unternehmen und Organisationen zum Thema Vielfalt. Ja, auch 2019 gebe es noch Vorurteile gegenüber queeren Menschen in Unternehmen, da seien auch Großstädte wie Berlin oder Hamburg nicht vor gefeit – obwohl die Vielfalt dort deutlich größer sei, sagt er. Aber langfristig lösten Angebote wie Darna die Probleme nicht. "Natürlich benötigen Menschen der Queer-Community geschützte Räume, in denen sie beispielsweise über Mobbing oder Diskriminierung sprechen können. Das versuchen wir Firmen in unseren Schulungen auch immer wieder zu vermitteln. Arbeitsplätze für spezielle Personengruppen zementieren jedoch die Unterschiede und führen zu einer sichtbaren Trennung."

Eine solche Abgrenzung wollen die Gründer nicht. "Unser Space ist für alle offen, auch für Menschen, die nicht aus der Queer-Szene kommen", sagt Sharif. Bislang kommmt das Angebot gut an. Aktuell seien bereits alle 30 Plätze vergeben, allerdings verteilen die Freiberufler und Selbstständigen sich auf unterschiedliche Zeiten und Tage, weshalb es noch Kapazitäten gebe. Und – natürlich – planen Sharif und Alexander längst noch Größeres: "Wir haben mehrere Angebote für Franchise-Standorte", sagt Alexander. "Aber das muss sich noch etwas gedulden."


Gerechtigkeit

Lobbyist Jeff Klein über Antirassismus: "Es darf gern auch mehr weh tun"
Ein Interview unserer Reihe "Radikal jung"

Im Berliner Wedding, zwischen Afroshops und türkischen Gemüseläden, im Souterrain einer Kirche, liegt das Büro von Jeff Klein. Ein kleiner Schreibtisch, ein großes Sofa und Regale voller Bücher.

Die letzten Monate ist Jeff, 32, zwischen hier und Brüssel gependelt. Er hat Jesse Jackson, eine Ikone der US-Bürgerrechtsbewegung nach Auschwitz begleitet gleichzeitig organisiert sein Verein Selbstermutigungs-Jugendgruppen für schwarze Teenager im Berliner Wedding. 

Jeff ist Lobbyist für Antirassismus. Er berät EU-Gremien, Politikerinnen und Aktivisten. Zuvor war er Angestellter in der Berliner Bibliothek "Each One Teach One", die ausschließlich Bücher schwarzer Menschen verleiht.