Bild: WHU
Auch in Deutschland ist jetzt eine Hochschule wegen des Coronavirus zu: die WHU in Rheinland-Pfalz. Was das für die Studierenden bedeutet und wie es weitergeht, erklärt Rektor Markus Rudolf im Interview.

In Österreich werden wegen des Coronavirus alle Universitäten geschlossen: Spätestens ab Montag dürfen sie keine Vorlesungen oder Seminare mehr abhalten, Präsenzveranstaltungen sollen durch Online-Kurse ersetzt werden. Im Nachbarland Italien sind Schulen und Universitäten bereits seit Anfang März zu. (SPIEGEL)

Auch in Deutschland reagieren die Universitäten und Hochschulen auf das Coronavirus. Das bayerische Staatsministerium zum Beispiel hat alle Universitäten aufgefordert, Vorbereitungskurse und Blockseminare in der vorlesungsfreien Zeit bis auf Weiteres auszusetzen. Schon zuvor waren Hochschulen für angewandte Wissenschaften, Technische Hochschulen und Kunst- sowie Musikhochschulen angewiesen worden, ihren Semesterstart um fünf Wochen nach hinten zu schieben, auf den 20. April. (StmWK)

Komplett schließen musste bis jetzt erst eine deutsche Hochschule: die WHU – Otto Beisheim School of Management in Vallendar in Rheinland-Pfalz. Dort darf seit Montag niemand mehr auf den Campus, weil sich ein Studierender mit dem Coronavirus infiziert hat. Am Freitag zuvor hatte die Hochschule zudem bekannt gegeben, dass ein ehemaliger Studierender über seine WHU-E-Mailadresse Krankenhäusern Atemschutzmasken zu überteuerten Preisen angeboten hatte.

Wir haben mit dem Rektor Markus Rudolf über die Situation vor Ort gesprochen. 

Prof. Markus Rudolf, Rektor der WHU

(Bild: WHU)

bento: Herr Rudolf, wie haben Sie von dem Coronafall an Ihrer Hochschule erfahren?

Markus Rudolf: Der Betroffene rief mich am vergangenen Sonntag gegen Mittag an und teilte mir den Befund mit, anschließend bestellte ich die Hochschulleitung ein. Nachmittags meldete sich das Gesundheitsamt bei mir, und ordnete an, die Uni bis einschließlich Freitag zu schließen. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten gerade im Homeoffice, den Studierenden stellen wir die Inhalte digital zur Verfügung.

bento: Sind jetzt alle in Quarantäne?

Rudolf: Nein, wir dürfen uns frei bewegen, das Amt hat lediglich den Campus geschlossen. Wir dürfen also gerade niemanden auf das Hochschulgelände lassen.

bento: Wieso gilt die Schließung nur bis Freitag?

Rudolf: Das Gesundheitsamt benötigt fünf Tage, um alle persönlichen Kontakte der infizierten Person nachzuvollziehen. Wer mit ihr in Verbindung stand, muss sich testen lassen. So soll verhindert werden, dass sich das Virus weiter ausbreitet. Wenn dieser Prozess abgeschlossen ist, kann das Unileben weitergehen. Ich gehe davon aus, dass der Betrieb ab Samstag wieder normal läuft.

bento: Und wenn nicht? Droht den Studierenden ein verlorenes Semester?

Rudolf: Anfangs dachte ich, dass wir das Semester nicht zu Ende bringen können und die verlorene Zeit – bis jetzt nur eine Woche – am Ende anhängen müssen. Mittlerweile bin ich deutlich zuversichtlicher. Wenn das Gesundheitsamt entscheidet, dass wir öffnen dürfen, werden wir das auch tun. Sollte die Hochschule für einen längeren Zeitraum schließen müssen, werden unsere Studierenden auch von zu Hause aus lernen können, zum Beispiel durch Videovorlesungen und E-Learning.

bento: Sind Sie darauf wirklich vorbereitet?

Rudolf: Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten gerade Tag und Nacht an möglichen Lösungen. Stand jetzt würde ich sagen, dass wir einen guten Notfallplan für zu Hause entwickelt haben.

bento: Wie sieht der aus?

Rudolf: Wir wollten unser Center of Digitalization, mit dem Lehre und Forschung digitalisiert werden sollen, eigentlich langsam und stetig weiter aufbauen. Das geht in dieser Ausnahmesituation jetzt deutlich schneller. Lehrende haben bereits die Möglichkeit, Inhalte zu Hause aufzunehmen und online zur Verfügung zu stellen. Außerdem können sie interaktive Live-Vorlesungen per Videokonferenz oder Webcast halten. Den Studentinnen und Studenten steht dabei eine Chatfunktion zur Verfügung.

bento: Wie kommen Ihre Studierenden mit der aktuellen Lage klar?

Rudolf: Sie müssen sich natürlich einschränken. Vorletzte Woche wurde die Erstsemester-Party gestrichen, mittlerweile haben wir Partys wegen des Ansteckungsrisikos grundsätzlich verboten. Außerdem wurden drei Konferenzen abgesagt, die von Studierenden organisiert wurden. Es gibt aber keine Diskussionen. Als Universitätsfamilie sind wir uns einig, dass wir der Politik, den Behörden und dem Robert Koch-Institut – die aktuell meiner Meinung nach großartig arbeiten – Folge leisten.

bento: Ist der Wissenschaftsbetrieb besonders anfällig für Corona?

Rudolf: Dass das Virus an der WHU auftritt, überrascht mich, ehrlich gesagt, nicht. Wir sind eine internationale Hochschule mit Studierenden und Lehrenden aus aller Welt. Die gesamte Wissenschaftscommunity trifft sich am laufenden Band. Professorinnen und Professoren und auch Studierende sind viel unterwegs und haben Kontakt zu anderen Menschen, ich reise selbst ständig.

bento: Wie haben Sie vor der Schließung versucht, eine Ausbreitung des Virus an Ihrer Hochschule zu verhindern?

Rudolf: Bereits seit dem 5. Februar haben wir eine sogenannte Corona-Policy, einen Leitfaden, der immer wieder der Situation angepasst wurde. Darin steht zum Beispiel, dass Studierende nicht in Risikogebiete reisen dürfen. Auch wer aus betroffenen Gebieten zurückkehrt, darf nicht sofort wieder auf den Campus. Wir setzen die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts vollständig um.

bento: Ein ehemaliger Studierender Ihrer Hochschule hat versucht, Atemschutzmasken zu überteuerten Preisen über das Internet an Krankenhäuser zu verkaufen – das haben Sie inzwischen selbst öffentlich gemacht. Die WHU ist bekannt als Talentschmiede für angehende Führungskräfte. Trainieren Sie Ihre Studierenden dazu, aus allem Geld zu machen?

Rudolf: Dem widerspreche ich. Moral ist immer wichtiger als Geld, moralisches Handeln steht über Profitorientierung. Der ehemalige Studierende hat seine alte WHU-Mailadresse genutzt, um den Krankenhäusern Angebote zu machen. Das ist der einzige Punkt, an dem uns die Sache berührt. Sonst ist es seine Privatangelegenheit. Außerdem ist es in diesen Zeiten zwar eine Dummheit aber kein Wucher, Masken für 6,50 Euro zu kaufen und dann für 9,99 Euro anzubieten. Das ist eine Preissteigerung von etwa 50 Prozent. In einem Facebook-Post über diese Angelegenheit war urpsrünglich die Rede von 1000 Prozent und das war sachlich falsch.

bento: Krankenhäuser bezahlen für diese Masken normalerweise um die 70 Cent.

Rudolf: Unser ehemaliger Studierender hat die Masken für 6,50 Euro pro Stück eingekauft. Das steht auch auf den Lieferscheinen, die er vorgelegt hat.

bento: Trotzdem hat er eine Notsituation ausgenutzt, um Profit zu machen. Hat das gar kein Nachspiel?

Rudolf: Wir haben ihn auf sein Fehlverhalten, den Missbrauch der Mailadresse, hingewiesen und sie sofort gesperrt.

bento: Nachdem der Fall bekannt wurde, haben Sie Ihren Studierenden mit Konsequenzen gedroht, sollten sie ähnlich handeln. Muss man sie extra auf ethisches Handeln und Wirtschaften hinweisen?

Rudolf: Wir sind eine Bildungsinstitution, dazu gehört auch, moralische Hinweise zu geben.


Gerechtigkeit

"Die Gewalt ist mir wie ein Welle gefolgt." Faisal ist Inder - und Muslim. Jetzt fürchtet er um sein Leben
Muslime und andere Minderheiten können durch neue Gesetze ihre Bürgerrechte verlieren.

Faisal sagt, er habe sich früher frei durch Delhi bewegt. Jetzt fürchtet er jeden Schritt auf die Straße. "Immer wenn ich plane rauszugehen, frage ich Freunde, ob sie mich begleiten. Zur Sicherheit."

Faisal ist 26, er lebt seit drei Jahren in Delhi, ist Doktorand an einer großen Universität. Er wohnt in einer WG mit zwei Feunden. Sie alle stammen aus Kaschmir. Sie sind Muslime. Und sie fürchten sich vor Übergriffen.

Mit ihrer Angst sind sie nicht alleine. Denn einige Viertel Delhis glichen in den vergangenen Tagen einem Kriegsschauplatz. Ausgebrannte Autos und Häuser säumen Straßen, auf denen Steine und Geröll liegen. In den schlimmsten Unruhen des Landes seit den Achtzigerjahren starben mindestens 20 Menschen, die meisten von ihnen Muslime. (SPIEGEL) Der Anlass:

Dem indischen Premierminister Narendra Modi wird vorgeworfen, die größte Demokratie der Welt zu einem Hindu-Staat machen zu wollen (SPIEGEL). Besonders benachteiligt wären die Muslime im Land, die schon vor zehn Jahren rund 14 Prozent der Bevölkerung ausmachten und damit die größte Minderheit im Land sind. Deshalb zogen Tausende auf die Straßen, vielerorts verlief der Protest friedlich - aber nicht überall. Denn Modi hat treue Anhänger. (Guardian

"Da ist diese ständige Furcht in meinem Herzen, dass jeder Zeit ein neuer Ausbruch passieren kann. Wir alle haben panische Angst", erklärt Faisal gegenüber bento.

In seiner Kindheit und Jugend lebte Faisal in Kaschmir. Das im Himalaya gelegene Gebiet ist von Indien, Pakistan und China umkämpft, der junge Mann kennt unsichere Lebensumstände: "Die Region, in der ich groß geworden bin, ist voller Menschenrechtsverstöße. Alle paar Monate kommt es dort zu schrecklichen Verbrechen." 

Eigentlich wollte er all das hinter sich lassen. Der 26-Jährige sagt, die Gewalt fühle sich für ihn wie eine Welle an, die ihm aus Kaschmir gefolgt sei. Über ihn und seine Kolleginnen und Kollegen an der Universität, die aus Delhi stammen, seien die Vorfälle unvorhergesehen hereingebrochen. "Die Angst fühlt sich an wie unerträglich drückende Hitze. Und das mitten in dem Teil des Landes, den ich für am sichersten gehalten habe", erzählt er.