Bild: Simon Schröder
Besteck polieren, Wein nachschenken und Essen servieren. Wir haben einen Kellner einen Abend lang begleitet.

Als Max den ersten Cocktail des Abends schüttelt, rutscht ihm seine Maske bis zur Nasenspitze herunter. Immer wieder muss er innehalten und den Schutz hochschieben. 

Wie viele junge Leute arbeitet er in der Gastronomie und wie für viele ist seine Arbeit in der Coronakrise weggebrochen. Laut dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA Bundesverband) waren im März und April 95 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten im Gastgewerbe in Kurzarbeit. Das Gastgewerbe liege am Boden, sagte DEHOGA-Präsident Guido Zöllick in einer Pressemitteilung am 30. April. 

Doch seit dem 11. Mai haben viele Läden wieder auf. Allerdings nur unter bestimmten Auflagen. Je nach Bundesland müssen die Tische eineinhalb oder zwei Meter Abstand zueinander haben, für alle gilt die Abstandsregelung. Gäste müssen ihre Kontaktdaten hinterlassen und das Servicepersonal braucht einen Mundschutz. 

Wie fühlt sich das für die Kellnerinnen und Kellner an? Sind sie froh wieder arbeiten zu dürfen und was halten sie von den Auflagen an ihrem Arbeitsplatz? Um das herauszufinden, haben wir Max einen Abend in seiner Schicht begleitet. Er ist 27 Jahre alt und macht eine Ausbildung zum Restaurantfachmann im Restaurant Viscvle in Lüneburg.  

(Bild: Simon Schröder)

Um 17 Uhr tritt Max am Freitag hinter den Tresen. Es ist seine erste Schicht seit der Coronapause. Max kümmert sich als Barkeeper um die Getränke und bringt, wenn seine Kollegen Unterstützung brauchen, das Essen an die Tische. Während er sich zur Vorbereitung die Schürze umbindet, zündet eine Kollegin die Kerzen auf den Tischen an. Eine andere schreibt die Kreidetafel mit den Gerichten vor. Aufgrund von Corona gibt es zurzeit keine feste Karte. 

In der offenen Küche des Restaurants zischt das Fleisch auf der heißen Platte, in einem riesigen Topf köchelt Curry vor sich hin. Das Küchenteam rennt durch die Küche. Obwohl weniger Gäste eingeplant sind, scheint das Team im Stress zu sein. Nur Max nicht. Ganz entspannt bereitet er einen Rooibos-Gin vor. Während er den Tee aus einer Tüte in den Gin löffelt, erklärt er, wie daraus dann "eine Art Martini" wird. 

Seit dem 13. Mai hat das Restaurant wieder geöffnet. Sieben Wochen saß hier niemand an den Tischen. Als Azubi bekam Max in der Zwangspause sein Gehalt, ihm fehlte aber das Trinkgeld. "Man sagt ja nicht umsonst: Gastronomen leben von ihrem Trinkgeld. Das habe ich schon gemerkt."

Jetzt läuft der Betrieb – aber nur unter bestimmten Auflagen. Alle Tische haben zwei Meter Abstand zueinander, erlaubt ist eine maximale Auslastung von 50 Prozent, die Gäste werden gebeten, vorher zur reservieren, das Servicepersonal braucht einen Mundschutz, die Gäste am Tisch allerdings nicht – so formuliert es die Landesregierung in Niedersachsen.  

Viel Desinfektion und schwerer Atem

Kurz bevor die ersten Gäste um 18 Uhr kommen, zieht Max sich ein Tuch über Mund und Nase. Der Laden hat dem Team Halstücher zur Verfügung gestellt, die sie über ihre Gesichter ziehen können. "Das wird erst wieder abgesetzt, wenn Raucherpause oder Feierabend ist", sagt er.

Während er Cocktails mixt und Wein in Gläser schenkt, nimmt seine Kollegin die Gäste in Empfang. 49 Gäste haben an diesem Abend reserviert und der Ablauf ist immer der gleiche: Die Leute kommen mit Maske rein, warten am Eingang, nennen ihren Namen und gehen im Gänsemarsch mit der Kellnerin zum Tisch. Erst dann setzen sie ihren Mundschutz ab.

Jeder Gast bekommt am Anfang einen rosa Zettel und einen Stift in die Hand. Die Leute müssen ihre Kontaktdaten hinterlassen, damit sie im Falle einer Covid-19-Infektion kontaktiert werden können. 

(Bild: Simon Schröder)

Die Gerichte stellen seine Kollegen und Kolleginnen bei jedem Tisch mit Hilfe der Kreidetafel vor. Die Getränkekarten sind laminiert und werden nach jedem Kontakt desinfiziert. In gelben Flaschen steht das Desinfektionsmittel bereit und wird andauernd benutzt. Oberflächen, das EC-Gerät und immer wieder die Hände des Personals – ständig wird irgendetwas besprüht und abgerieben. 

Für Max ist das nichts Neues. "Bei mir an der Bar gibt es immer ein Fläschchen mit Handdesinfektion. Hygiene wurde bei mir und dem Laden schon vor Corona großgeschrieben." Mehr Aufwand durch die Zettel und das ständige Vorstellen der Gerichte hätten seine Kollegen aber schon. 

Ihn nervt am meisten der Mundschutz. Max läuft hinter seinem Tresen auf und ab, zapft Bier, trägt Kisten hin und her, wechselt eine große Flasche mit Kohlensäure für den Zapfhahn, schenkt Wein in Gläser ein, bringt Tabletts zum Gast. Dann gibt es schon wieder eine neue Bestellung und er schüttelt in einem Metallbecher Cocktails auf und ab und gießt sie in Gläser. Bei so viel Bewegung kommt man aus der Puste und durch sein Tuch fällt das Atmen schwer. "Gestern meinte ein Kollege: Wenn ich zu Boden geh, lass mich fünf Minuten liegen. Es ist nur Atemnot", fasst Max das Problem zusammen. 

Den anderen geht es ähnlich. Ein Kollege reißt sich den Mundschutz nach Feierabend hinter der Bar vom Gesicht und holt so tief Luft, als wäre er gerade fast ertrunken. Außerdem reibt der Schutz in Max Bart. "Ich habe auch schon überlegt, unter der Lippe alles abzurasieren. Gerade da schabt der Schutz und das ist schon sehr unangenehm."

Das Personal soll Kontakt vermeiden

Die Gäste bekommen davon nichts mit. Sie genießen ihren Abend, umarmen sich, teilen sich ein Dessert und reichen das Smartphone mit Bildern rum. Die Leute gönnen sich eine Corona-Pause und an Covid-19 scheint an den Tischen niemand zu denken. Richtigen Kontakt mit dem Personal gibt es nur beim Servieren der Getränke und der Teller. "Die 1,5 Meter Abstand kann beim Einsetzen des Tellers niemand einhalten", sagt Max.

Tatsächlich sollen Kellner und Kellnerinnen so wenig Kontakt wie möglich mit den Gästen haben. Deswegen gibt es an diesem Abend auch keinen Weinservice. "Wir sollen nicht mehr nachschenken beim Gast. Das müssen die jetzt selber machen. Denn wenn ich dreimal nachschenke, war ich dreimal öfter am Tisch," sagt Max. 

Ganz überzeugt ist er von dieser Regelung nicht. "Ich kann ja verstehen, dass wir Bestimmungen brauchen. Aber wenn ich sowieso am Tisch bin, Teller abräume oder frage, ob alles in Ordnung ist, wieso soll ich dann keinen Wein nachschenken?" Das verstehen auch einige Gäste nicht. Als er zwei Frauen direkt am Tisch erklärt, dass sie sich gerne selber nachschenken sollen, gucken sie ihn verwirrt an. 

Eine Ansteckung wird dadurch nicht verhindert

Solche Regeln und der entspannte Umgang der Gäste untereinander lassen Max am Sinn der Auflagen zweifeln. "Das ist nur damit die Leute sich sicher fühlen und damit die Regierung sagen kann: Aber wir haben doch was getan. Wenn einer im Restaurant jetzt Corona hat, dann haben wir es wahrscheinlich auch. Wir sind ja alle in einem geschlossenen Raum", fasst er die Situation zusammen. 

Immerhin nehmen einige Leute die Situation auch mit Humor. "Max, wir müssen unbedingt noch ein Foto mit dir im Hintergrund und mit Maske machen", sagt ein Stammgast gegen 22 Uhr und lädt ihn zu einem Schnaps ein. 

Sie trinken ihn aber nicht wie gewohnt zusammen. Anstoßen geht noch, doch bei Max ist die Maske im Weg. "Meinen Mundschutz nehme ich am Tisch nicht ab. Dem Gast wäre das aber egal, der hätte auch dort mit mir getrunken", sagt er, lächelt durch die Augen und lüftet für den Schnaps nur ganz kurz die Maske hinter dem Tresen. 


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