Bild: Maximilian Senff/bento
Ein Rundgang durch die Stadt zeigt, wie die Pandemie in das Leben junger Menschen eingreift.

Bevor Theresa Maier dieser Tage mit ihrer Arbeit beginnt, zieht sie nicht nur Schürze und Haube über, sondern auch einen hellblauen Einweg-Mundschutz. Das ist jetzt Vorschrift in der Mensa der Universität Passau, wegen Corona. Mit 15 hat Theresa ihre Kochausbildung in der Mensa begonnen. Seitdem arbeitet die heute 27-Jährige dort, im Herbst werden es 13 Jahre. Und nie hatte sie so wenig zu tun wie zurzeit.

Normalerweise bereiten Theresa und ihre Kollegen jeden Mittag 2.500 Gerichte zu. An diesem Mittwoch Anfang Juni, mitten im Semester, sind es nur knapp 100. Denn zwischen zwei Seminaren schnell mit dem ganzen Kurs in der Mensa essen, das geht für die Studierenden in Passau und überall sonst in Deutschland momentan nicht.

Das fehlende Unileben verändert das Stadtbild

Wegen des Coronavirus findet das Sommersemester 2020 größtenteils digital statt. Studierende sitzen zu Hause vor dem Laptop, schauen sich Online-Vorlesungen an und besuchen Zoom-Seminare. Sie dürfen nicht in den Hörsaal oder die Mensa, nur unter strengen Auflagen in die Bibliothek, nur mit Personen aus einem anderen Haushalt ins Café und überhaupt nicht in den Club. Manche sind deshalb gar nicht in ihre Studienstadt zurückgekehrt, sondern nach den Semesterferien bei den Eltern geblieben. Ein Haus mit Garten ist schließlich komfortabler als ein Zimmer im Wohnheim.

Dass das Unileben in diesem Sommer quasi ausfällt, macht auch etwas mit den Städten, in denen die Unis stehen. Städte wie Passau. Knapp ein Viertel der Einwohner dort sind Studierende, sie prägen das Bild und die Stimmung der Stadt. Wer heute durch Passau geht, sieht, wie die Coronakrise das Leben junger Menschen verändert – auf dem Campus, aber auch abseits davon.

Theresa Maier, 27, ist Köchin in der Mensa der Uni Passau. Noch nie hatte sie so wenig zu tun wie zurzeit.

(Bild: Maximilian Senff/bento)

Von Mitte März bis Mitte Mai war die Passauer Mensa geschlossen. Theresa war in der Zeit zu Hause, Kurzarbeit. Inzwischen verteilt sie wieder Essen, allerdings nicht in der eigentlichen Mensa, sondern in zwei weißen Zelten mit spitzen Dächern. Sie stehen im Schatten des Bibliotheksgebäudes, in dessen Untergeschoss die Mensaküche liegt.

Studierende können ihr Essen online vorbestellen und mittags an der neuen Ausgabestelle abholen. Das Küchenteam bereitet die Gerichte drinnen in der Großküche vor, trägt sie durch einen Hintereingang in die Zelte und stellt sie hinter provisorischen Plexiglaswänden in Styropor- und Pappverpackungen bereit. Heute gibt es Weißkohlcurry, Bio-Schweinenackensteak und eine bunte Spätzlepfanne, außerdem selbstgemachte Pizzen.

"Vielleicht verlegen wir die Ausgabe wieder nach drinnen, wenn die Prüfungen vorbei sind", sagt Theresa, "bis dahin müssen die Studierenden die Speisen mit nach Hause nehmen oder draußen essen." Im eigentlichen Speiseraum, zweistöckig und mit Holzbalken an der Decke, schreiben zurzeit Lehramtsstudierende ihr Staatsexamen. In den Hörsälen wäre es laut Pressestelle der Uni nicht möglich, die Abstandsregeln einzuhalten. Das Audimax fasst zwar mehr als 600 Menschen, die Sitzreihen stehen aber so eng zusammen, dass physische Distanz unmöglich ist. Wo sich sonst Studierende drängeln, sieht es jetzt aus, als sei gerade frisch renoviert worden: keine leeren Wasserflaschen unter den Klappstühlen, keine Papierreste auf den schmalen Tischen, alles wirkt unangetastet, leblos.

Auch die Lesesäle der Bibliothek drüben über der Mensaküche sind leer – Studierende dürfen nur zur Ausleihe vorbeikommen, mit vereinbartem Termin. Das Personal legt die vorbestellten Bücher an einem Schalter für sie bereit, die Studentinnen und Studenten holen sie ab und müssen das Gebäude sofort wieder verlassen. Vor der Bibliothek, wo normalerweise Studentengruppen ratschen, kehrt gerade ein Unimitarbeiter frischen Kies in die Fugen zwischen den Steinplatten, ein anderer streicht die grünen Geländer an den Treppen, die runter zum Fluss führen.

629 Sitzplätze gibt es im Audimax, dem größten Hörsaal der Uni Passau. Im Sommersemester 2020 finden hier wegen des Coronavirus keine Vorlesungen statt.

Unten, drei Minuten zu Fuß von der Bibliothek entfernt, liegt die Innwiese. Normalerweise treffen sich die Passauer Studierenden hier zum Picknicken, Feiern und Grillen. Wäre das ein normaler Sommer, könnte man aus den Fenstern der Philosophischen Fakultät beobachten, wie sie sich in die Sonne legen und das Gras mit Decken und Bierkästen plattdrücken. Jetzt ist die Wiese ringsherum mit Bauzäunen abgesperrt. Uni und Stadt fürchteten zu Beginn der Ausgangsbeschränkungen, als die Sonne wochenlang verlässlich vom Himmel schien, dass sich die wenigen Studierenden, die gerade in Passau sind, dort treffen und den nötigen Mindestabstand nicht einhalten würden. 

Wo Studierende sonst nachmittags zusammenkommen, herrscht jetzt Tristesse: keine Spotify-Playlists, die aus Bluetooth-Boxen scheppern, kein Grillgeruch in der Luft und keine Studigruppen, die sich beim Flunkyball so schnell wie möglich Bier in die Kehlen pressen. An einer Längsseite hängen Plakate an den Bauzäunen, "Klimanotstand" steht darauf oder "Leave No One Behind". Stiller Protest junger Menschen, die im vergangenen Jahr laut auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam gemacht haben und das jetzt nicht mehr können.

Die Innwiese auf dem Passauer Campus ist derzeit wegen der Kontaktbeschränkungen gesperrt. An den Bauzäunen haben Protestierende Klimanotstands- und Anti-Rassismus-Plakate aufgehängt.

(Bild: Maximilian Senff/bento)

Die Innwiese steht auch für den Übergang vom einen Zustand des Unilebens zum anderen, vom ernsten Studium zur ausgelassenen Party. Wenn die Bierkästen leer sind, ziehen die Passauer Studierenden von hier durch die Fußgängerzone rüber zur Donau. Ein Fußweg von zehn Minuten, auf dem es nahezu unmöglich ist, niemand zu treffen, mit dem man nicht schon einmal auf einer WG-Party bis zum Sonnenaufgang die weltpolitische Lage diskutiert hat. Man kennt sich in Passau. 

Zu Coronazeiten ist die Szenerie in der "Fuzo" eine andere: Familien mit Kindern und Rentnerpaare bestimmen das Bild, Studierende sieht nur, wer sie wirklich sucht – und weiß, dass er sie an Vintage-Fahrrädern und Ray-Ban-Sonnenbrillen erkennt.

Die legendären Bootspartys fallen aus

Am anderen Ende der "Fuzo" liegt der Donaukai, dort starten im Sommer die Passauer Bootspartys, die Alumni gern als "legendär" bezeichnen. Auf den Oberdecks der Ausflugsschiffe treffen sich dann bis zu 1000 Menschen, fahren gemeinsam flussabwärts und tanzen zur Musik von DJs wie Alle Farben, auch Samy Deluxe stand schon auf der Boots-Bühne.

Heute ist die Donau ruhig, im dunkelblauen Wasser spiegelt sich die Sonne. An Anlegestelle A12, dort wo die Schiffe normalerweise starten, steht Nico Nagel, 30, kurze Hose, weißes T-Shirt, in der Hand hält er seinen Rollerhelm. Vor fünf Jahren begann Nico, Bootspartys zu veranstalten. Heute betreibt er eine eigene Eventagentur und organisiert auch Feiern auf Schiffen in Österreich und der Schweiz, sein Jurastudium läuft nebenher. 

Nico Nagel, 30, veranstaltet seit fünf Jahren Bootspartys auf der Donau. Er sagt: "Sie sind ein fester Bestandteil des Passauer Sommers."

(Bild: Maximilian Senff/bento)

"Es gibt nichts, was das Passauer Studentenleben so gut beschreibt, wie die Bootspartys", sagt Nico und blickt auf ein vorbeifahrendes Frachtschiff. "Sie sind ein fester Bestandteil des Passauer Sommers." In anderen Städten würden viele Berufstätige nach der Arbeit auf den Bootspartys feiern. "In Passau bestehen die Gäste zu über 90 Prozent aus Studierenden. Für sie ist es quasi unvorstellbar, nüchtern zu kommen." Etwa 20 Partys finden jährlich auf der Donau statt, neben Nico gibt es ein halbes Dutzend weiterer Organisatorinnen und Organisatoren.

Die erste von drei Bootspartys, die er im Sommer 2020 veranstalten wollte, sei bereits im Frühjahr ausverkauft gewesen, erzählt Nico. Während des Vorverkaufs für das zweite Event habe die Coronakrise begonnen, für die dritte hätte er nicht mal mehr Tickets angeboten. "Gerade sind keine Studenten in Passau", sagt er, "sollte es dieses Jahr noch eine Feier auf einem Schiff geben – was eher unwahrscheinlich ist – würden viele bestimmt extra für den Tag anreisen."

Dass gerade zumindest deutlich weniger Studierende in der Stadt sind, zeigt auch der Blick in die Passauer Wohnheime. In den vier Wohnanlagen sind 60 Zimmer frei, zehn Prozent aller Appartements – laut Studierendenwerk so viele wie noch nie. Alle Veranstaltungen in den Unterkünften wurden abgesagt, auch die Einführungstage für neu zugezogene Studierende.

Sie tun sich nun schwer, Anschluss zu finden, sagt das Studierendenwerk. Gäbe es das Virus nicht, würden sie ihre Tage am Wasser verbringen, über den Campus laufen, gemeinsam in der Mensa essen oder in einem der kleinen Läden in den engen Passauer Gassen jobben. Das Virus lähmt nicht nur sie – es legt die ganze Stadt lahm.


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Jack Denis Mensah, 26, Künstler