Wer wegen des verschobenen Semesters Zeit hat, sollte sich engagieren – aus Solidarität mit den Älteren. Ein Kommentar.

Man stelle sich vor: Tafeln, Telefonseelsorge, Tierheime, Bewährungs-, Behinderten- und Obdachlosenhilfe – nichts davon existiert mehr, weil Helferinnen und Helfer fehlen, die wichtige Aufgaben übernehmen, ohne dafür bezahlt zu werden. Klingt gruselig? Wäre es auch. Hungrige bekämen nichts zu essen, Menschen mit psychischen Erkrankungen wären zu Hause auf sich allein gestellt, ausgesetzte Tiere liefen einfach so umher.

Viele Bereiche des öffentlichen und sozialen Lebens würden ohne Menschen, die ehrenamtlich arbeiten, nicht funktionieren. Gerade in der Coronakrise braucht die Gesellschaft freiwilliges Engagement. Doch das Ehrenamt leidet, jetzt besonders. Denn in vielen wichtigen Bereichen sind es ältere Menschen, die sich engagieren – diejenigen, bei denen das Risiko einer schweren Covid-19-Erkrankung mit am größten ist (Robert Koch-Institut).

Gut ein Viertel aller Ehrenamtlichen in Deutschland ist 70 Jahre oder älter; sie sind die Bevölkerungsgruppe, die sich anteilig am meisten einbringt (Statista). Ältere Menschen engagieren sich dabei besonders häufig sozial, beispielsweise unterstützen sie bedürftige oder einsame Menschen (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend). Dies ist für eine funktionierende Gesellschaft essenziell. 

Die älteren Helferinnen und Helfer gehören nun aber selbst zur Coronarisikogruppe und müssen deshalb besonders geschützt werden, sprich: zu Hause bleiben. Also müssen junge Menschen einspringen.

Tafeln müssen schließen

Der Semesterbeginn an vielen deutschen Hochschulen und Universitäten wurde vorerst auf nach Ostern verschoben, Bibliotheken und Rechenzentren sind geschlossen (SPIEGEL). Ob es in diesem Sommer überhaupt Vorlesungen und Seminare geben wird, ist offen – und noch gibt es nicht überall E-Learning-Ersatz. Das bedeutet: Viele Studierende haben frei. Einige müssen noch Hausarbeiten schreiben und letzte Projekte einreichen. Für alle anderen gilt: Wer jetzt frei hat, hat Zeit zu helfen. 

Die Tafeln zum Beispiel brauchen Unterstützung. Normalerweise sammeln Freiwillige Tag für Tag nicht-verkaufte Lebensmittel bei Supermärkten ein und geben sie an Bedürftige weiter. Wegen des Coronavirus haben mehr als 300 Tafeln im gesamten Bundesgebiet ihre Lebensmittelausgabe nun vorübergehend eingestellt, mehr werden folgen. (Die Tafeln)

Die Schließungen sind zu einem großen Teil präventiv. Zum Einen könnten sich die Kundinnen und Kunden beim Abholen der Lebensmittel mit dem Coronavirus infizieren, denn die Lebensmittelausgabe findet häufig in engen Räumen statt. Zum Anderen gehören rund 90 Prozent der 60.000 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer zur Risikogruppe. Sie müssen geschützt werden – und ohne sie können die Tafeln nicht arbeiten.

Etwa 1,65 Millionen Menschen sind auf die Tafeln angewiesen, in der Coronakrise besonders – denn die ist gerade für bedürftige Menschen eine Herausforderung. Tafeln, die noch geöffnet haben, brauchen deshalb Unterstützung, zum Beispiel um Lieferdienste einzurichten oder Lebensmittel in Tüten zu packen und unter freiem Himmel auszugeben. Junge Menschen können diese Aufgaben jetzt übernehmen und die Lücke im Ehrenamt schließen.

Es geht nicht nur um Vor-Ort-Hilfe – und nicht nur um die Tafeln. In vielen Bereichen sind jetzt kreative, konstruktive Lösungen wichtig. Wer seine Wohnung lieber nicht verlassen will oder unsicher ist, ob er oder sie andere Menschen anstecken könnte, kann von zu Hause helfen. Wer sowieso ständig durch Facebook und Instagram scrollt, kann dort zum Beispiel Helferinnen und Helfer finden und koordinieren. Hilfe anzubieten ist wichtig. Natürlich, ohne sich aufzudrängen – und mit angebrachter Demut gegenüber denen, die sich schon lange täglich für andere einsetzen, auch ohne Krise.

Jetzt ist nicht die Zeit, ein bereits bestehendes System von Freiwilligenarbeit komplett umzukrempeln. Jetzt ist die Zeit, es irgendwie am Laufen zu halten.

Soziales Engagement junger Menschen funktioniert auch in Krisenzeiten

Dass in der Coronakrise Zwischenmenschlichkeit nicht verloren geht, sondern im Gegenteil zunimmt, zeigen die Initiativen zur Nachbarschaftshilfe, die in den vergangenen Tagen gegründet wurden (SPIEGEL). Junge Menschen bieten älteren Nachbarn an, für sie einkaufen zu gehen oder in die Apotheke. Übrigens: Auch wer dringend Geld braucht, kann etwas tun – Supermärkte zum Beispiel suchen ausdrücklich nach Studierenden, die Aushilfsschichten übernehmen.

Natürlich muss man bei alledem vorsichtig sein. Gerade junge Menschen können das Coronavirus unbemerkt in sich tragen. Auch sie sollten Kontakte zu anderen Menschen so weit wie möglich vermeiden. Das sagen Experten des Robert Koch-Instituts, auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat das in ihrer Fernsehansprache am 18. März betont (SPIEGEL). Risikogruppen müssen geschützt werden, aber sie brauchen auch Hilfe.

Wie kann es also funktionieren, sich in diesen Zeiten sozial zu engagieren? Mitarbeitende bei der Tafel könnten Lebensmittel beispielsweise im Freien verteilen statt in geschlossenen Räumen. Das funktioniert auch ohne direkten Kontakt mit anderen Menschen. Genauso kann man Lebensmittel verpacken, ohne dass man in unmittelbarer räumlicher Nähe zueinander sein muss. Klar, das kann umständlich sein. Aber es kann klappen.

Es gibt sie, ehrenamtliche Hilfe, die jeder junge Mensch leisten kann – ohne sich selbst und andere in Gefahr zu bringen.


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