Simone und Vivien sind für ihr Studium durch Europa gezogen. Jetzt fürchten sie, dass die europäische Idee zerbricht.

Sie hatten einen Plan für ihre Zukunft, dann kam Corona: Menschen zwischen 20 und 30 treffen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie härter als jede andere Altersgruppe, Jobs und Ausbildungsplätze brechen weg. In unserer Serie "Generation Corona" berichten einige von ihnen, was die Krise für sie bedeutet. In dieser Folge: Simone Santalucia, 23, Student aus Rom, und Vivien Hülsen, 28, Studentin aus Hamburg, sind seit eineinhalb Jahren ein Paar. Die beiden fürchten um ihre Freiheit – und, dass die europäische Idee zerbricht.

Generation Corona

In der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL geht ein Autorenteam der Frage nach, was die Coronakrise für Auszubildende, Studentinnen und Berufseinsteiger bedeutet. Auf bento.de erzählen einige der Protagonisten und weitere junge Menschen ihre ganze Geschichte. Du hast auch etwas zu sagen? Dann schreib uns an uniundarbeit@bento.de

Den SPIEGEL-Text findest du hier.

Simone: Bis vor zwei Monaten habe ich versucht, so effizient und schnell wie möglich zu studieren – wie es eben von uns verlangt wird. Jetzt hat sich mein Leben auf ein Schneckentempo verlangsamt. Ich warte, alles ist so langsam. In meinem Alter ist man aktiv, man denkt, dass man alles in der Hand hat. Stattdessen muss ich alles hinnehmen, wie es kommt. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich nicht mehr Herr über das, was ich mache. 

Vivien: Ich bin erst im März aus Kopenhagen zurückgekommen, wo ich sechs Monate für ein Praktikum war. Mein Bett stand noch eine Weile länger dort, wegen der Grenzschließungen durfte ich erst diese Woche zurück, um es abzuholen. Eigentlich wollte ich meine Masterarbeit jetzt so schnell wie möglich fertigschreiben und im Juli meinen Abschluss machen. Doch das verzögert sich nun. Sogar meine Uni rät uns, so lange wie möglich eingeschrieben zu bleiben. 

Simone: Vivien und ich studieren beide Entwicklungsökonomik in Göttingen und Florenz, die Unis kooperieren miteinander. So haben wir uns kennengelernt. Für die letzten beiden Semester meines Masters bin ich nach Deutschland gekommen, jetzt hänge ich hier fest. Ich würde gern meine Familie in Italien besuchen, weiß aber nicht, ob ich das Land dann wieder verlassen dürfte. Ich kann mich nicht frei in Europa bewegen, wie ich es mein ganzes Leben lang gemacht habe. Die Welt ist auf den Kopf gestellt, das ist ein wirklich seltsames Gefühl.

„Wenn ich auf mein Land schaue, kriege ich manchmal keine Luft mehr, weil ich mir solche Sorgen mache.“
Student Simone Santalucia

Vivien: In den vergangenen drei Jahren habe ich in vier Ländern gewohnt: in Dänemark, Italien, Deutschland und Indonesien. Nach maximal zehn Monaten bin ich weitergezogen. Jetzt ist alles anders. Das Gemeinwohl wird vor die individuelle Bewegungsfreiheit gestellt. Das ist natürlich richtig – aber die Situation ist für uns Junge völlig neu. Man bittet Menschen, die es gewohnt sind, mit ihrem Personalausweis durch ganz Europa zu fahren, so wenig wie möglich zu reisen, am besten ganz zu Hause zu bleiben. Das ist schwierig zu akzeptieren.

Simone und Vivien haben sich in Florenz kennengelernt, jetzt leben sie zusammen in Deutschland.

(Bild: Privat)

Simone: Ich spreche oft mit meinen Freunden in Italien. Viele von ihnen erfahren die Wirtschaftskrise am eigenen Leib. Manche hatten gerade ihren Job begonnen, plötzlich waren sie die ersten, die nach Hause geschickt wurden, in Kurzarbeit. In Italien war es schon vorher schwierig, sich ein Leben, eine Zukunft aufzubauen – jetzt kam noch der letzte Schlag. Wenn ich auf mein Land schaue, kriege ich manchmal keine Luft mehr, weil ich mir solche Sorgen mache. In Deutschland merke ich, dass noch nicht alles verloren ist. 

Vivien: Die deutsche Jugend hat mehr Möglichkeiten und wird sie hoffentlich auch in Zukunft haben. Ich hoffe, wir kommen irgendwann an den Punkt zurück, an dem Menschen die Freiheit haben, einen Job zu wählen, den sie auch machen wollen.

„Wir sollten mit 23 unseren Master und fünf Jahre Berufserfahrung haben, in Zukunft reicht vielleicht nicht mal mehr das.“
Studentin Vivien Hülsen

Simone: Ich bin da pessimistischer, ich bin von der italienischen Situation geprägt. In Süditalien liegt die Jugendarbeitslosigkeit in einigen Regionen bei 50 Prozent. Jetzt wurde ausgerechnet die Exzellenz-Region im Norden, die Lombardei, am stärksten vom Virus getroffen. Wenn die Krise vorbei ist, wird man von unserer Generation verlangen, kreativ zu sein, neue Gedanken zu entwickeln, die Gesellschaft zu verändern. Aber man wird auf junge Menschen treffen, die ärmer sind, ihre Arbeit verloren haben.

Vivien: Auch in Deutschland wurden viele Studierende vergessen. Sie bekommen vielleicht kein Bafög und sind auf Nebenjobs angewiesen, die sie reihenweise verloren haben, trotzdem müssen sie weiter die Miete bezahlen. Teilweise sitzen fünf Menschen in einer WG, die Online-Vorlesungen folgen müssen. Das funktioniert so nicht. Es war immer schwierig für uns. Wir sollten mit 23 unseren Master und fünf Jahre Berufserfahrung haben, in Zukunft reicht vielleicht nicht mal mehr das.

Simone: Ich habe Angst vor einer Rückkehr zur Normalität. Die Normalität hat dazu geführt, dass ich mein Land verlassen habe, um so weit wie möglich nach Norden zu gehen. In Italien erleben wir schon seit Jahren einen Konflikt der Ärmsten: Arbeitslose streiten sich mit Studierenden und Migranten um schlechte Jobs mit geringen Gehältern. Diese Normalität gibt mir nichts.

Vivien: Ich kann schon irgendwie verstehen, dass uns die Politik als Letzte berücksichtigt. Wir sind jung, man erwartet von uns, dass wir anpassungsfähig sind. Unsere Fixkosten sind nicht hoch, wir haben in der Regel kein Haus, keine Familie, wir sind beweglich. Wenn es sein muss, ziehen wir für einen Job auch quer durch Deutschland. Wer flexibel ist, tritt in den Hintergrund, ich kann das nachvollziehen. Schön ist es trotzdem nicht.

Simone: Meine größte Angst ist, dass an der ganzen Situation die Idee von Europa zerbricht. Wir waren europäische Jugendliche, bevor wir italienische oder deutsche Jugendliche waren. Wenn es diese Reisefreiheit nicht mehr gibt, wenn jeder nur auf sich schaut, wie sollen wir als Generation dann irgendeinen Wandel vorantreiben? Im Moment ist Europa nicht mehr grenzenlos, die Grenzen sind bis an unsere Häuser herangerückt.

Vivien: Die EU hat sich für uns unantastbar angefühlt. Alle Unsicherheiten und auch Krankheiten waren immer so weit weg. Das ist jetzt anders. Und es wird erstmal so bleiben. 


Uni und Arbeit

Die virtuelle Harvard-Abschlussfeier: Rührseliger, als jede Campus-Serie es sein könnte
Unser Autor hat es sich gemütlich gemacht und den Elitestudierenden bei ihrer Graduation zugeschaut.

Das Schicksal der Menschheit steht auf dem Spiel. Darunter machen sie es nicht, dieses Jahr, bei den Harvard-Commencements. Commencements, so heißen die Abschlusszeremonien, bei denen Absolventinnen und Absolventen englischsprachiger Unis feierlich ihre Zeugnisse überreicht bekommen, und die im Vergleich zum schnöden Vorgehen hierzulande eine weitaus höhere Strahlkraft besitzen. Erhält man an einer deutschen Uni am letzten Tag mit Glück vielleicht eine Ladung Kopien am Drucker gratis, den der Vorgänger mit zu viel Münzen gefüttert hat, schneien in Harvard, dem wohl prestigeträchtigsten aller Ivy League Colleges, auch schon mal Bill Gates oder Kofi Annan persönlich zur Rede vorbei, oder, wie letztes Jahr, Angela Merkel

Damit diese Strahlkraft trotz Corona-Pandemie auch in diesem Jahr erhalten bleibt, toben in den USA derzeit große Debatten: Wie sollen bloß die Abschlussfeiern stattfinden? Nicht nur an Colleges, sondern auch an High Schools im ganzen Land wird über Hologramm-, Drive-In- und Sportplatzlösungen gestritten, werden Petitionen verfasst und pathetisch auf die Identität ganzer Jahrgänge verwiesen. In Harvard entschied man sich, die Commencements in physischer Form auf unbestimmte Zeit zu verschieben und vorerst eine Ersatzform im Internet anzubieten – sodass man auch als deutscher, permanent netflixender Nicht-Elitestudent teilhaben kann. Und nebenbei noch Masken bügeln. Gar nicht viel anders als Netflix also.

Wie viele Vorteile die aktuelle Situation bietet, hebt auch Harvard-Präsident Lawrence Bacow hervor, der vor einem klischeehaft heilen Parkhintergrund spricht. Niemand muss zu Hause bleiben, da man sowieso keine Eintrittskarten braucht, niemand muss um die besten Plätze kämpfen, niemand muss um die besten Parkplätze kämpfen. Und wenn es regnet, macht das auch nichts! Alles hat sein Gutes. Wer tot ist, kann sich nicht mehr in die Hose pinkeln.