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"Man kann Probleme nicht mit der Denkweise lösen, mit der sie entstanden sind", sagt ein Zukunftsforscher im Interview.

Die Coronakrise ist auch eine Krise der Jungen: Berufseinsteiger, Studierende, Auszubildende – sie alle fragen sich, wie es nach der Pandemie weitergehen könnte. Zukunftsforscher Florian Kondert, 39, beschäftigt sich genau damit. Im Interview erklärt er, welche Chancen die Zukunft bietet, wie sich Arbeit verändern wird und was er Menschen mit Zukunftsangst rät.

bento: Viele junge Menschen machen sich gerade Gedanken darüber, welchen Einfluss die Coronakrise auf ihr weiteres Berufsleben haben wird. Müssen sie Angst haben?

Florian Kondert: Mittelfristig nicht. Man kann sich gerade ruhig unsicher fühlen, das ist ganz normal bei einer weltweiten Pandemie. Aber man muss auch sehen, dass wir in kurzer Zeit schon sehr viel geschafft haben. Die Politik hat schnell Regeln eingeführt, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Auch die Arbeitswelt hat sich innerhalb weniger Wochen verändert. Wir erleben in der derzeitigen Extremsituation, dass Dinge wie mobiles, flexibles und fragmentiertes Arbeiten zur Normalität werden. Und dass Unternehmen sich ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft bewusst werden. Mittelfristig ist das eine sehr positive Entwicklung.

Florian Kondert

Der 39-Jährige forscht zur Zukunft von Technologie, Bildung und Leadership. Er ist Mitglied der Geschäftsführung des Zukunftsinstituts und externer Experte des Arbeitskreises "Arbeit der Zukunft" der Bundesregierung.

bento: Aber wie sieht es kurzfristig aus?

Florian: In den kommenden Monaten werden viele Unternehmen versuchen, den Normalzustand von vor der Krise wiederherzustellen. Aber sie werden schnell merken, dass es diesen alten Normalzustand nicht mehr geben kann. Noch ist unklar, was stattdessen kommt. Insofern verstehe ich eine gewisse Zukunftsangst vieler junger Menschen. Aber Angst ist ein schlechter Ratgeber. Wir brauchen ein positives Zukunftsbild, sonst haben wir keine Energie, uns mit kreativen und konstruktiven Lösungen auseinanderzusetzen.

bento: Das leuchtet ein. Trotzdem lässt sich Zukunftsangst nicht so leicht ablegen.

Florian: Das stimmt. Angst kann unterschiedliche Quellen haben und ist sehr individuell. Nehmen wir den Klassiker: Jemand hat richtig Gas gegeben im Studium oder in der Ausbildung und freut sich jetzt darauf, im Arbeitsleben durchzustarten. Er hat sich seinen Lieblingsarbeitgeber und die nächsten zehn Jahre im Job schon ausgemalt. Ich behaupte, dass diese Menschen gerade am meisten Angst haben.

bento: Warum das?

Florian: Weil die Sicherheit, die sie sich vermeintlich aufgebaut haben, jetzt weg ist.

bento: Was also können sie tun?

Florian: Sich mit ihrer Idee von Zukunft nochmal neu auseinandersetzen. Die Annahmen über Zukunft haben sich radikal verändert, Sicherheit als Begriff wird künftig anders aufgeladen sein. Und zwar nicht mehr mit einer linearen Vorstellung von Karriere und Eigentumswohnung. Es wird mehr um den Gedanken gehen, dass alles irgendwie gut werden wird, das "Wird schon werden"-Dogma. Zukunft ist ein chaotisches System, wie das Wetter.

„Im Gegensatz zum Wetter können wir Zukunft durch unser Handeln beeinflussen.“
Zukunftsforscher Florian Kondert

bento: Wie viel kann man dann überhaupt über die Zukunft sagen? 

Florian: Im Gegensatz zum Wetter können wir Zukunft durch unser Handeln beeinflussen. Diese Erkenntnis müssen wir annehmen, wenn wir gestalten wollen. Wenn ich mich nicht mit einem Problem auseinandersetze, dann macht es jemand anders. Sollte diese Person eine bahnbrechende Idee haben, gestaltet sie die Zukunft mit – und nicht ich. Zudem hängt viel von Trends ab: Wenn eine größere Gruppe eine Sache für besonders relevant hält, dann prägt sie einen Trend. Diesen Entstehungsmechanismus sollte man sich bewusst machen. Es gibt verschiedene Arten von Trends – Hypes, die nur kurz andauern, saisonale Trends wie in der Modeindustrie, und sogenannte Megatrends wie Urbanisierung und New Work, die unsere Gesellschaft verändern.

bento: Welche Trends werden die Arbeitswelt nach Corona prägen?

Florian: Einiges wird sich zu neuen Routinen entwickeln. Das beste Beispiel ist Homeoffice, das wird nach der Krise viel unkomplizierter möglich sein. Außerdem wird sich verändern, welche Skills und welches Mindset jemand innerhalb einer Organisation braucht, um eine tragende Rolle zu spielen. Man kann Probleme nicht mit der Denkweise lösen, mit der sie entstanden sind. Bis jetzt wurden viele Unternehmen und Organisationen durch festgefahrene Strukturen am Laufen gehalten, die niemand hinterfragt hat. Künftig werden Adaptivität, Weitsicht, Mut, Pioniergeist und Empathie wichtig sein. Für Arbeitnehmer ist die Chance größer, dass sie nach der Krise an Unternehmen geraten, die diesen Wandel kapiert und daraus gelernt haben.

„Als Jobeinsteiger hat man gerade wenig selbst in der Hand, aber daran ist man nicht selbst schuld.“
Zukunftsforscher Florian Kondert

bento: Wenn man nicht in die Zukunft schaut, sondern in die Gegenwart, sieht man, dass Corona die Jobsuche extrem erschwert. Was kann man tun, wenn man jetzt nichts findet?

Florian: Es gibt das Konzept der radikalen Akzeptanz. Und ein Tool, das Circle of Influence heißt. Man malt zwei Kreise, einen außen, einen innen – und schreibt alles auf, was für einen persönlich gerade problematisch ist. Dann ordnet man: Was man beeinflussen kann, kommt in den inneren Kreis, was man nicht beeinflussen kann, in den äußeren. Als Jobeinsteiger hat man gerade wenig selbst in der Hand, aber daran ist man nicht selbst schuld. Also muss man es akzeptieren. Man kann lediglich seinen Geldaufwand auf das Notwendigste reduzieren.

bento: Und was macht man mit der ganzen Zeit, in der man beruflich nichts tun kann?

Florian: Man kann sich zum Beispiel Tutorials anschauen, die einen nach der Krise im Job weiterbringen. Oder unbezahlt an einem Projekt mitarbeiten, das einem am Herzen liegt. Außerdem sollte man die Augen offenhalten, ob man vielleicht sogar die Branche wechseln kann.

Generation Corona

In der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL geht ein Autorenteam der Frage nach, was die Coronakrise für Auszubildende, Studentinnen und Berufseinsteiger bedeutet. Auf bento.de gibt es zusätzliche Stücke dazu, zum Beispiel dieses Interview.

Den SPIEGEL-Text findest du hier.

bento: Welche Branchen könnten künftig verstärkt nach Personal suchen?

Florian: Das hängt davon ab, wie sich der Umgang mit der Pandemie und der Krise entwickelt. Der Rückzug ins Private und Lokale könnte eine mögliche Folge sein – es könnte alles wieder viel regionaler werden. Die Themen Renaturalisierung, Lebensmitteltechnik, Vertical Farming und Logistik auf der letzten Meile wären dann zum Beispiel noch gefragter.

Grundsätzlich sind Themen wie Digitalisierung, Mobilität, Urbanisierung, Ökologie, Kreislaufwirtschaft, Materialdesign, Globalisierung und Gesundheit zukunftsfähig. Diese Megatrends kann man auch auf kleine Unternehmen runterbrechen. Wenn man beispielsweise in seiner Firma für Nachhaltigkeit zuständig ist, arbeitet man mit am übergeordneten Gesellschaftsziel Klimaschutz.

bento: Die Branche zu wechseln widerspricht natürlich dem Gedanken vom Traumjob. Müssen wir einsehen, dass es den einfach nicht gibt?

Florian: Es gibt den Traumjob, den man finden oder sich selbst schaffen kann. Aber wie der aussieht, ändert sich im Laufe des Arbeitslebens. Wenn man gerade anfängt zu arbeiten, kann man das meist noch nicht antizipieren. Man sollte immer verschiedene Bereiche ausprobieren. Vergleichen wir es mit einer Reise: Wie will ich wissen, an welchem Ort es mir besonders gefällt, wenn ich jedes Jahr an den Gardasee fahre?


Gerechtigkeit

Leben im DHL-Transporter: Warum Philipp keine Wohnung will
Eine Geschichte über Freiheitsliebe und den verrückten Mietmarkt.

Der Weg in die Freiheit rumpelt. Wir sitzen in Philipps DHL-Transporter, huckeln eine Kopfsteinpflasterstraße hinunter. Ein Wackeldackel auf dem Armaturenbrett hüpft mit, bis vor uns die Wasserkante auftaucht.

Philipp parkt so nah am Wasser, dass die Wellen der Warnow fast bis zum Vorderrad plätschern. Er schiebt die Seitentür auf, packt zwei Regiestühle aus und wir setzen uns mit Tee und Kaffee darauf, schauen den Kindern am Wasser zu, wie sie den Möwen ein paar Brotkrumen hinwerfen. 

Jeden Tag woanders aufwachen

So in der Art verläuft Philipps Alltag, seit er vor einem Jahr seine Wohnung gegen einen DHL-Transporter getauscht hat. Alles, was er besaß, hat er verschenkt, verkauft oder bei seinem Vater eingelagert. Philipp ist 30, Sozialarbeiter, knapp zwei Meter groß, er trägt einen fuchsroten Vollbart und ein Piercing in der Lippe.

Er sagt: "Was mich am meisten reizt, ist, die Tür aufzumachen und etwas völlig anderes zu sehen als am Tag zuvor. Ich genieße es, jeden Abend, woanders und manchmal im Dunkeln anzukommen und erst am nächsten Morgen zu sehen, wo ich gestrandet bin. Und nicht jeden Abend zur selben Adresse zurückzufahren."

Philipp arbeitet in einer Wohngruppe mit psychisch kranken Erwachsenen. "Da muss ich einen Cut machen und abschalten. Das fängt an, wenn ich mich ins Auto setze und den Motor anmache, dann steige ich nicht mehr aus."