Was machen Studierende, die ihren Nebenjob wegen Corona verloren haben?

Clubs, Bars, Restaurants, Schwimmbäder, Spiel- und Sporthallen, Messen und Theater: Geschäfte und Freizeiteinrichtungen, die nicht für die Grundversorgung notwendig sind, machen gerade wegen des Coronavirus dicht. Das soll die Ausbreitung des Virus eindämmen (SPIEGEL). An vielen der jetzt geschlossenen Orte arbeiten Studentinnen und Studenten in Aushilfs- oder Nebenjobs und als Werkstudierende. Sie müssen jetzt zu Hause bleiben – und verdienen kein Geld.

Etwa zwei Drittel der Studierenden in Deutschland gehen neben dem Studium einer Erwerbstätigkeit nach (bento). Wer keine Unterstützung von den Eltern bekommt und nur wenig oder gar kein Bafög erhält, ist häufig auf einen Nebenjob angewiesen.

Wie gehen Studentinnen und Studenten mit dem Verlust ihrer Nebenjobs und dem fehlenden Geld um?

Drei Betroffene erzählen.

Ann-Kathrin, 30, aus Bremen arbeitet neben dem Jurastudium als Messehostess

(Bild: Kezban Sahin)

"Innerhalb kürzester Zeit sind alle meine Nebenjobs im Messe- und Veranstaltungsbereich weggebrochen – ich habe insgesamt sechs. Als Hostess stehe ich zum Beispiel oft im Stadion von Werder Bremen. Ich habe mir in den vergangenen Jahren ein festes Einkommen durch mehrere Aushilfsjobs aufgebaut, die fallen nun alle weg. Das bringt mich in enorme finanzielle Schwierigkeiten. Mich kosten die abgesagten Veranstaltungen meine Existenz.

Ich denke ernsthaft darüber nach, ob ich mir die Uni weiterhin leisten kann. Ein Professor sagte mal zu mir, dass ein Jurastudium generell nicht gut mit einem Job vereinbar sei. Und dass Langzeitstudierende wie ich nicht gern gesehen sind. Ich habe aber keine Wahl, ich werde länger als die Regelstudienzeit brauchen, weil ich nebenher arbeiten muss, um mir die Ausbildung leisten zu können. Zuhause kann mich niemand unterstützen und ich bekomme kein Bafög. Das Jurastudium ist teuer, ich muss zum Beispiel jeden Monat einen Examenskurs für knapp 150 Euro belegen, ohne den ich wegen meiner vielen Jobs nicht mitkommen würde.

Ich konnte gerade noch einen Härtefallantrag stellen und bin nun im Urlaubssemester, so konnte ich mir 500 Euro Studiengebühren sparen. Trotzdem muss ich meine Miete zahlen, mir den Lebensunterhalt verdienen und mich auf das Staatsexamen vorbereiten. Ich habe mich sogar bei verschiedenen Supermärkten in der Umgebung als Aushilfe angeboten, aber die bekommen derzeit viele Anfragen und haben keinen so hohen Bedarf. Viel Erspartes oder Geldanlagen, die ich nun verkaufen könnte, habe ich nicht. Ich fühle mich allein und der Situation ausgeliefert.

Zudem bedeutet Arbeiten für mich auch soziale Kontakte und Freundschaften pflegen. Ich habe meine beste Freundin auf einer Messe kennengelernt, als wir uns dort in kurzen Kleidern, mit roten Fingernägeln und stark geschminkt durchschlagen mussten. Das fällt jetzt alles weg."

Lutz, 27, aus Koblenz arbeitet neben seinem Bio-Geo-Wissenschaftsstudium in einer Kletterhalle

(Bild: privat)

"Ich arbeite seit einem halben Jahr in einer Boulderhalle und übernehme dort auf 450-Euro-Basis den Thekendienst. Das heißt, die Gäste bezahlen bei mir den Eintritt und ich verkaufe Getränke, Kaffee und Snacks. Die Halle ist bis auf Weiteres geschlossen. Im Sommer arbeite ich außerdem in einem Kletterwald, der ist jetzt auch dicht.

Unsere Chefs hatten uns in den vergangenen zwei Wochen freigestellt, ob wir zur Arbeit kommen wollen oder nicht. Da ich eine leichte Erkältung hatte, bin ich zu Hause geblieben. Dass wir schließen müssen, war eigentlich vor vier Wochen schon absehbar. Die Kletterer berühren die Griffe mit ihren Händen und Füßen. Sollte jemand infiziert sein und sich nur einmal nicht die Hände waschen, wäre das Virus überall.

Ich habe zum Glück noch genug Rücklagen für die nächsten Monate. Die Planung meines Sommers wird sich aber sicher ändern. Zum einen wegen des Virus, zum anderen, weil ich einfach weniger Geld zur Verfügung habe.

Ich schreibe gerade meine Masterarbeit, konnte sie aber noch nicht anmelden, da es im Prüfungssekretariat meiner Uni einen bestätigten Coronafall gab und deswegen erstmal niemand dort ist. Es soll aber später die Möglichkeit geben, das digital nachzuholen. Bis zur Abgabe sind es noch ein paar Monate. Ich werde die Zeit ohne Nebenjob nutzen, um mal eine Radtour an einen menschenleeren Ort zu machen.

Im Sommer werde ich nach einem festen Job suchen. Sollte ich in der Region bleiben, will ich auch weiterhin am Wochenende in der Kletterhalle arbeiten. Es geht mir nicht ums Geld, ich mag auch den Kontakt zu anderen Menschen."

Valentina, 24, aus Hamburg studiert Modedesign und arbeitet als Aushilfe in der Elbphilharmonie

(Bild: privat)

"Am liebsten stehe ich hinter der Bar. Dort passiert am meisten, man hat viel Kontakt zu den Gästen und es wird nicht so schnell langweilig. Manchmal muss ich auch am Eingang stehen und den Besuchern die Sitzplätze zuweisen.

Neulich habe ich beim James-Blunt-Konzert gearbeitet – es war das letzte in der Elbphilharmonie. Als später die Mail kam, dass alle Konzerte bis Ende April ausfallen, musste ich schlucken – es wurde uns aber zugesichert, dass wir als Aushilfen nicht gekündigt werden. Gerade fallen noch kleine Arbeiten an, wie Getränke aus der Kühlung zu räumen oder den Besuchern vor der Elbphilharmonie zu sagen, dass der Betrieb erstmal stillsteht.

In ein paar Wochen wird es keine Schichten mehr geben. Das macht mir etwas Angst. Gerade am Anfang des Semesters arbeite ich mehr, um die Materialien für mein Modestudium bezahlen zu können. Aus finanzieller Sicht ist es also gut, dass das Semester erstmal pausiert, dadurch fallen viele Kosten weg.

Auch neben dem Studium mache ich mir Gedanken, wie ich mein Leben finanzieren soll. Zum Glück habe ich keinen Urlaub gebucht oder andere größere Ausgaben. Ich weiß, dass ich mit wenig Geld auskomme, ich muss dann eben Abstriche beim Einkauf machen. Ich habe sogar schon überlegt, bei meiner Tante unterzukommen, sie bei der Kinderbetreuung zu unterstützen und so auch weniger Ausgaben für Lebensmittel zu haben.

Mir fehlt die Arbeit in der Gastronomie nicht nur aus finanzieller Sicht, ich vermisse auch das Gefühl, gebraucht zu werden, dafür zu sorgen, dass die Gäste einen guten Abend haben. So spontan finde ich keinen neuen Job. 

Ich hatte geplant, im nächsten Jahr ein Auslandssemester zu absolvieren. Da jetzt keiner wegfahren kann, holen die Studierenden das wohl später nach. Ein Semester im Ausland kommt für mich dann wahrscheinlich nicht mehr infrage. Das Coronavirus hat langfristig mehr Auswirkungen, als man denkt."


Gerechtigkeit

Coronavirus auf Lesbos: Wie junge Geflüchtete gegen die Krise kämpfen

Das neuartige Coronavirus hat Europa fest im Griff. Homeoffice, Ausgangssperren, Grenzschließungen, Hamsterkäufe. Einige Regionen bereiten sich noch auf die Pandemie vor, andere stecken bereits mittendrin.

Wie aber bereitet man sich an einem Ort auf das Virus vor, an dem schon im Normalzustand kaum ein menschenwürdiges Leben möglich ist?

Etwa 20.000 Menschen leben im Camp Moria auf Lesbos. Das Lager für Geflüchtete ist überfüllt, die hygienischen Bedingungen sind katastrophal. Immer wieder kommt es zu Bränden, erst am Montag starb dabei mindestens ein Kind.

Spätestens seit es auf Lesbos den ersten bestätigten Corona-Fall gibt, wächst die Sorge darüber, was passiert, wenn das Virus das Lager erreicht. Das Krankenhaus im nahegelegenen Mytilini wäre mit einem Ausbruch komplett überfordert. Wegen in letzter Zeit aufgetretener Angriffe von Rechtsradikalen haben Hilfsorganisationen im Camp ihre Arbeit reduziert (bento). "Gesundheitsversorgung existiert nicht in Moria", sagte Apostolos Veizis von "Ärzte ohne Grenzen" kürzlich dem SPIEGEL.

"Vor allem Informationen verbreiten"

Eine Gruppe junger Geflüchteter will dabei nicht tatenlos zusehen. Mit Unterstützung der Hilfsorganisation "Stand by me Lesvos" haben sie das "Moria Corona Awareness Team" gegründet und versuchen, mit den ihnen zu Verfügung stehenden Mitteln die Menschen im Lager über das Virus aufzuklären. Mit dabei sind Vertreterinnen und Vertreter verschiedenster Nationalitäten, die in Moria leben.