Chinesische Studierende erzählen, wie das Corona-Virus ihr Leben in Deutschland verändert.

Wenn sich Yumeng J. mit Freunden und Bekannten trifft, hat sie seit einigen Tagen ein neues Ritual. Noch bevor die Verabredung stattfindet, schreibt sie allen in einer Nachricht, dass es ihr gut gehe und sie gesund sei. "Ich möchte ihnen ihre Bedenken nehmen und sie beruhigen", sagt die chinesische Studentin, die in Merseburg bei Leipzig lebt. "Ich verstehe ihre Ängste."

Es sind jedoch nicht nur Ängste, mit denen Yumeng in den vergangenen Wochen konfrontiert wurde. Seitdem das Corona-Virus mit dem vorläufigen Namen 2019-nCoV zum ersten Mal in der chinesischen Millionenmetropole Wuhan auftrat, müssen sich viele Asiatinnen und Asiaten Bemerkungen anhören, auch in Deutschland. 

Mit mehr als 40.000 Studierenden sind junge Menschen aus China die größte Gruppe von "Bildungsausländern" an deutschen Hochschulen. 

Die Zahl steigt, seit Jahren pflegen deutsche Universitäten einen intensiver werdenden Austausch. Viele sind stolz auf die Kontakte ins bevölkerungsreichste Land der Erde. Doch neben Bildung und Wissen wurden auf dem Campus in den vergangenen Tagen auch zunehmend Angst und Vorurteile ausgetauscht. 

Im thüringischen Nordhausen stellte das Gesundheitsamt zwei chinesische Studienbewerber unter Quarantäne, die Erkältungssymptome zeigten. Keiner der beiden war zuvor in Wuhan oder hatte Kontakte mit Menschen von dort. In Sachsen-Anhalt fragte eine Zeitung, ob chinesische Studierende das Virus in den Saalekreis bringen könnten. Und in Passau verbreitete sich über die anonyme Chat-App Jodel eine gefälschte Zeitungsmeldung, in der es hieß, das Virus sei über Studierende auf den Campus gelangt. In beiden Fällen sind keinerlei Erkrankungen bekannt.

Das Corona-Virus musste in Deutschland gar nicht erst groß auftreten, um Vorurteile gegen Menschen aus Asien sichtbar zu machen. 

Auch Yi S. hat das erlebt. Die 28-jährige Studentin lebt seit drei Jahren in Greifswald, "von ganzem Herzen gerne" wie sie sagt. Doch in den vergangenen Tage war manches anders. "Ich wollte es nicht zugeben", sagt sie. "Aber in den vergangenen Tagen hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass mein Aussehen eine Rolle spielt." Wenn sie abends durch die Fußgängerzone geht, sagt Yi, habe sie jetzt oft das Gefühl, angeschaut zu werden. Fremde drehten sich um.

Seitdem sie mit ihren Freundinnen und ihrer Familie auf WeChat über das Corona-Virus schreibe, könne sie sich in der Universitätsbibliothek kaum noch auf die anstehenden Klausuren konzentrieren. "Ich schaue zur Zeit mindestens einmal pro Stunde aufs Handy."

Ihre Familie lebt in einer Nachbarregion von Wuhan, beide Eltern säßen wegen der Ausgangssperre seit Tagen in ihrer Wohnung, erzählt Yi. "Wenn sie Lebensmittel brauchen, werden sie ihnen vor die Tür gebracht. Erst wenn der Lieferant weg ist, gehen sie raus." Doch mindestens genauso viele Gedanken macht sich die Studentin um das, was Bekannte ihr berichten. Gerade passieren Dinge in Deutschland, die Yi bislang nicht kannte. 

Eine Freundin sei in Frankfurt in einer Apotheke gefragt worden, ob sie einen Mundschutz kaufen wolle. Das Personal hielt zu ihr Abstand. Eigentlich hatte die Freundin nur Kopfschmerzen. 

Ein Kommilitone habe ihr augenzwinkernd immer wieder Gespräche über eine Verschwörungstheorie aufgedrängt. Demnach stamme das Virus aus einem Geheimlabor und sei von dort auf einen Spezialitätenmarkt in Wuhan übergesprungen, erzählt die 28-Jährige. "Er hat es sicherlich nicht böse gemeint, aber solche Gespräche tun mir weh. Meine Familie ist davon betroffen, für sie ist es kein Spiel."

Ein Sechstel der Bevölkerung in Greifswald studiert. Doch von den mehr als 10.000 Studierenden kamen im vergangenen Wintersemester nur etwa 50 aus China.

(Bild: imago images / Hohlfeld)

Yi sagt, sie fühle sich gerade oft fremd, manchmal auch allein. In China hatte sie Auslandsgermanistik studiert, in Deutschland anschließend Sprach- und Kommunikationswissenschaften. Y spricht sehr gut Deutsch, sie hat einen guten Job neben der Universität, ihren Freundeskreis bezeichnet sie als gemischt. Sie rede gerne mit ihren Freunden über China. Viele ihrer deutschen Kommilitonen sind bereits durch Thailand gereist, durch Vietnam, Laos, China oder Japan. Doch wenn es in der Mensa um das Corona-Virus geht, zeigt sich aktuell, dass Reisen auch nicht unbedingt klüger macht.

Die sozialen Folgen der Epedemie beschreibt Yi wie ein Erdbeben. 

"Erst wurden die Menschen aus Wuhan ausgegrenzt, dann die aus den Nachbar-Provinzen, schließlich aus ganz China und Asien", sagt Yi. "Jetzt geht es hier weiter. Wohin soll das noch führen?"

Auch Ding Y. fühlt sich oft missverstanden. Der 26-Jährige belegt in Jena einen Master-Studiengang in Fernwärmetechnik und Optotechnologie. In China ist die Universität dafür bekannt, dass Karl Marx hier promovierte. Bis heute habe sein Name Prestige, erzählt der Pressesprecher der Hochschule stolz. "Die chinesischen Studierenden besuchen fast alle sein Denkmal."

Ding, 26, aus Jena: "Wir produzieren keine Viren und schicken sie wie iPhones um die Welt."

(Bild: privat)

Die Deutschen sind Ding in den vergangenen Wochen jedoch zunehmend fremd geworden. Auf dem Campus hörte er immer wieder stereotype Witze über das Virus. Dings Deutsch ist nicht gut genug, um die Pointen wiederzugeben, doch die Stichworte "Gelb" und "Chinesen" reichen aus, um sie sich in etwa vorzustellen. Von den deutschen Medien ist Ding enttäuscht, auch vom SPIEGEL. "Der Spiegel ist eine Zeitschrift, die mir oft empfohlen wurde", erzählt er. "Man sagte uns immer, lest den 'Spiegel', sie berichten genau. So versteht ihr die Deutschen."

Doch das jüngste Titelbild mit der Aufschrift "Made in China" will Ding nicht verstehen. "Was soll das bedeuten? Wir produzieren keine Viren und schicken sie wie iPhones um die Welt. Viren haben keinen Ausweis." Ding ist nicht der einzige junge Chinese, den die Berichterstattung in Deutschland verletzt hat. Fast alle, mit denen man spricht, berichten früher oder später über Stereotype in den Medien. 

Auch Caeba T. aus Nürnberg geht es so. "Die vergangene Woche war ich nur noch zu Hause", erzählt er. Es sei alles ein bisschen zu viel gewesen. Der 24-Jährige ist seit zehn Jahren in Deutschland, seine Eltern leben in Wuhan. Seit Tagen befinden sie sich in Quarantäne. Die Stadt, in der das Virus ausbrach, ist immer noch vollständig abgeriegelt. Caeba schreibt mehrmals täglich mit seinen Eltern, trotz der Klausurenphase. 

Caeba, 24, aus Nürnberg: "Wir konnten nicht mehr husten, ohne angeschaut zu werden."

(Bild: privat)

Vergangene Woche besuchte ihn ein Freund aus China, der Husten und Schnupfen mitbrachte. Als in Deutschland vermehrt über das Corona-Virus berichtet wurde, gingen sie ins nächste Krankenhaus. Dass es keine gefährliche Lungenentzündung sein konnte, wusste Caeba schon durch sein Grundstudium in Medizin, sagt er. "Die Bauchatmung wäre dann ganz anders." Tatsächlich war es nur ein stärkerer grippaler Infekt.

Doch anstatt ihm zu helfen, hätten die Krankenschwestern den ganzen Abend lang körperlich möglichst viel Abstand gehalten. Hinter ihrem Rücken hätten sie über die beiden Männer getuschelt, erzählt Caeba. 

„Wir konnten nicht mehr husten, ohne angeschaut zu werden.“
Caeba Tian, 24, studiert in Nürnberg

Dass die deutschen Ärzte und Krankenschwestern so mit ihm und seinem Besuch umgingen, findet der 24-jährige Student nicht unbedingt rassistisch. Sondern einfach unprofessionell.

Anmerkung: Die Nachnamen sind der Redaktion bekannt. Sie wurden auf Wunsch der Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner abgekürzt.


Uni und Arbeit

Meine eigene Chefin: Wie bekomme ich Aufträge?
Ein neuer Teil zu unserer Serie über Selbstständigkeit.

Wer diese Kolumne schon länger verfolgt, weiß vielleicht, dass ich mittlerweile seit einem knappen Jahr als freie Journalistin arbeite. Glücklicherweise ist es mir in dieser Zeit gelungen, mit einigen Kunden eine regelmäßige Zusammenarbeit aufzubauen, andere wiederum bediene ich nur punktuell. 

Meine Selbstständigkeit verläuft in einer Art Wellenform. Ich arbeite offene Aufträge nacheinander ab, um anschließend wieder neue Projekte zu generieren. So entstehen gelegentlich unnötige Leerläufe, die ich in den nächsten Monaten eindämmen möchte. Dafür muss ich mich wohl oder übel noch stärker mit kontinuierlicher Kundenakquise beschäftigen.   

Für Selbstständige ist Akquise häufig ein unangenehmes Thema. Aber: Fehlen die passenden Kunden, ist die Gefahr groß, in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten – egal, wie fabelhaft das Produkt ist.

Es erfordert Überwindung und Durchhaltevermögen, denn eines ist sicher: nicht jeder Werbeversuch ist erfolgreich. Ich schreibe manchmal etliche Mails und führe mehrere Telefonate, damit daraus am Ende eine Handvoll neuer Aufträge entsteht. Oft habe ich das Gefühl, mich anbiedern zu müssen, wobei ich meine Energie lieber in meine Kernkompetenzen stecken würde. Das ist völlig normal und gehört leider dazu. Erst wer länger in der Branche aktiv ist und sich am Markt einen Namen gemacht hat, kann damit rechnen, dass Auftraggeber selbst auf einen zukommen. Bis dahin hilft es nur, Eigeninitiative zu zeigen.