Wir haben mit Miguel Góngora, dem ehemaligen Landesschülersprecher Berlins, über seine neue Initiative gesprochen.

Studierende, die zu Hause auf Bildschirme starren, statt mit ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen Im Hörsaal zu sitzen. Niemanden kennenlernen in der Mensa, keine Lerngruppen, die sich treffen müssen – und die dann zu Freunden werden. Studieren bedeutet gerade, viel Zeit mit sich selbst zu verbringen. Das aktuelle Sommersemester an deutschen Universitäten und Hochschulen findet wegen des Coronavirus digital statt. Ob auch das Wintersemester so laufen wird, ist noch unklar – aber es könnte gut sein. 

Schwer ist das für alle. Aber besonders Erstsemester sind betroffen: Sie leben auf einmal in Städten, in denen sie kaum ein soziales Umfeld aufbauen können und sollen an einer Uni lernen, von der sie weder Gepflogenheiten noch Regeln kennen.

Erstsemester fordern Präsenzveranstaltungen

Eine Berliner Initiative, bestehend aus Abiturienten und Studierenden, fordert deshalb, dass Seminare und Tutorien an Berliner Hochschulen im Wintersemester wieder in Präsenzform stattfinden sollen.

Was sich die Initiative davon erhofft, wie sie die Präsenzveranstaltungen durchführen wollen und welchen Herausforderungen sich Studienanfänger und -anfängerinnen nun stellen müssen, haben wir Miguel Góngora gefragt. Der 18-Jährige war bis zum Ende des vergangenen Schuljahres Landesschülersprecher und damit Vertreter für mehr als 350.000 Schülerinnen und Schüler. Miguel hat das Konzept zur Wiederaufnahme der Präsenzlehre gemeinsam mit Student Max Vaid, 19, erarbeitet.

Miguel Góngora, 18, ehemaliger Landesschülersprecher Berlins.

(Bild: privat)

bento: Was fordert eure Initiative? 

Miguel: Wir möchten für Abiturientinnen und Abiturienten sowie Studierende im ersten Semester eine Möglichkeit schaffen, Anbindung an die Universität zu bekommen. Dazu fordern wir vom Berliner Senat eine Verordnung zur Präsenzlehre im Wintersemester. Die Studierenden sollen ganz normal in ihr Unileben starten können.

bento: Warum haben Abiturientinnen und Abiturienten Angst vor einem Digitalsemester zum Unistart? 

Miguel: Die Gespräche, die ich geführt habe, machen eines besonders deutlich: Viele haben Angst davor, benachteiligt zu werden. 

Wenn Einführungsveranstaltungen wegfallen, weiß man nicht, wo man hinmuss, wenn man Fragen hat, oder wie die Bibliotheksausleihe funktioniert. Viele haben zu Hause keine stabile Internetverbindung. Sie befürchten, dem Stoff nicht folgen zu können und letztendlich das digitale Semester nicht zu schaffen. 

bento: Wie sieht euer Konzept für den Präsenzunterricht aus? 

Miguel: Es gibt einige Kernpunkte, die besonders wichtig sind. Es geht uns vorrangig um Tutorien und Seminare, da dort der Austausch mit den Dozierenden besonders wichtig ist. Außerdem sind die Gruppen deutlich kleiner. Wir fordern keine Vorlesungen mit hunderten von Leuten, sondern die Durchführung der Kurse, bei denen die Studierenden direkten persönlichen Kontakt zu den Lehrenden haben. 

Dafür schlagen wir vor, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in zwei Gruppen aufzuteilen, die wöchentlich wechselnd entweder per Livestream von zu Hause aus mitarbeiten oder im Seminarraum sitzen. So hat jeder die Möglichkeit, vor Ort Fragen zu stellen. Außerdem fordern wir, allen die nötigen technischen Mittel zum Lernen bereitzustellen, also Laptops oder Tablets mit bereits eingerichteten Internetzugängen.

bento: Kostenlose Laptops für alle? 

Miguel: Ja, jeder, der sich keinen Laptop leisten kann, soll einen erhalten. Egal ob am Anfang oder am Ende des Studiums. Alle sollen die gleiche Anbindung haben. 

bento: Das dürfte teuer werden. Habt ihr einen Vorschlag für die Umsetzung? 

Miguel: Der Berliner Senat muss dafür eine Regelung erarbeiten. Sie müssen Bedarfsnachweise von Studierenden einholen und auf deren Grundlage bewerten. Wer wirklich bedürftig ist, soll dann ein Gerät erhalten. Auch Leihmodelle für die Zeit des Studiums wären möglich. Die Umsetzung unseres Konzepts wird zwar Geld kosten, aber niemand wird dadurch benachteiligt. Alle können fair und unter gleichen Voraussetzungen studieren. Ich denke also nicht, dass sich Studierende deswegen beschweren werden. 

Der Berliner Senat muss beim nächsten Nachtragshaushalt freigewordene Gelder für die Hochschulen bereitstellen. In Berlin sollen über den Sommer Tablets an sozial bedürftige Schüler verteilt werden. Wenn das an Schulen klappt, sollte sowas doch auch an der Uni funktionieren. 

bento: Sollten die Beschränkungen in der Pandemie wieder verschärft werden, dürften wahrscheinlich auch keine Veranstaltungen an den Unis stattfinden. Was macht ihr, wenn ein Präsenzsemester nicht durchführbar ist? 

Miguel: In Berlin soll der Schulbetrieb nach den Sommerferien wieder normal anlaufen. Ich hoffe, dass das auch für Universitäten gelten wird. Wichtig ist, dass bis dahin genug Ressourcen an den Unis vorhanden sind – das heißt, genug internetfähige Geräte für die Lernenden und ausreichend Hygieneartikel vor Ort. Sollte das Wintersemester wirklich unter keinen Umständen in Präsenz durchführbar sein, müssten wir die Lage neu beurteilen.

bento: Du willst im Wintersemester selbst mit dem Studium beginnen. Machst du die Wahl der Uni von der Präsenzlehre abhängig? 

Miguel: Ich habe mehrere Studiengänge im Blick. PR-Management, öffentliches Verwaltungsrecht und Politikwissenschaft wären Felder, die mich interessieren. Ich würde gern in Berlin bleiben, muss also die Daumen drücken, dass es hier klappt. Sollte es nicht hinhauen, müsste ich mich eben in einer anderen Stadt einschreiben. Die Entscheidung fällt nicht nur wegen der Präsenzlehre.

bento: Ihr befasst euch vor allem mit der Berliner Hochschulpolitik. Seid ihr auch mit Schüler- und Studierendenvertretern aus anderen Bundesländern in Kontakt? 

Miguel: Da die Bildungspolitik Ländersache ist, setze ich mich in meinem Amt als scheidender Landesschülersprecher erstmal für die Schülerinnen und Schüler hier vor Ort ein. Wir versuchen aber auch, das Netz langsam bundesweit zu spannen. Ich spreche mit Vertretern aus anderen Bundesländern, meine niedersächsischen Sprecherkollegen finden das Konzept zum Beispiel auch sehr gut. Wenn wir andere bei der Umsetzung unterstützen können, machen wir das gerne. Am besten gelingt das natürlich, wenn wir ein funktionierendes Berliner Modellkonzept einbringen und andere Organisatorinnen und Organisatoren beraten können. 


Gerechtigkeit

Friedrich Merz kann mächtig werden, Luisa Neubauer ist es schon
Wenn er Kanzler werden will, sollte er sich der neuen Realität bald stellen

59 Minuten lang nickt Friedrich Merz bei "Markus Lanz" am Dienstagabend im ZDF meist professionell zuhörend. Nur der zuckende Mundwinkel verrät immer wieder, dass es ihm wohl nicht leichtfällt, Luisa Neubauer von "Fridays for Future" ruhig zu folgen. Sie, die Klimaschutz-Aktivistin, kritisiert ihn, den Vielleicht-nochmal-Kanzler, hart. 

Nach einer Stunde reicht es ihm. "Frau Neubauer, da hab ich einen konkreten Vorschlag", ruft er, "kandidieren Sie im nächsten Jahr für den Bundestag und kämpfen Sie in Deutschland für Mehrheiten!" Wumms. 

Es ist einer der Sätze, bei denen unter normalen Umständen wohl das Studio-Publikum gejohlt hätte. Denn Merz sagte, was viele Menschen gerne sagen: Beweis dich erstmal irgendwo. Stell dich hinten an und warte, bis du dran bist. Quatsch nicht dumm rum, sondern mach mal. 

Doch es applaudierte niemand. Das Studio war Corona-bedingt leer. Und Friedrich Merz offenbarte mit seinem Blick in diese Stille, dass er wohl nicht mehr ganz versteht, wie Politik im Jahr 2020 funktioniert. Denn Luisa Neubauer "kämpft" längst für Mehrheiten. Sie macht längst Politik – und das durchaus mit Erfolg. 

Gut möglich, dass die 24-Jährige, die auch Mitglied bei den Grünen ist, im kommenden Bundestag sitzt. Doch es wäre nicht der Anfang ihres Engagements, sondern nur eine Bestätigung dafür, dass sie längst wahrgenommen wird. Schon jetzt haben die Proteste des vergangenen Jahres grundlegend verändert, wie über die Klimakrise diskutiert wird. Das Thema spielt in Umfragen und Diskussionen eine zentrale Rolle. Hunderttausende Menschen gingen für wirksamere Gesetze auf die Straße. Monatelang und bundesweit. 

Es ist ein Erfolg, den Schülerinnen, Schüler und Studierende ohne Mandate erreichten. Oder vielleicht sogar deshalb. Auch in vielen anderen Bereichen lief es in den vergangenen Jahren so. Erst vor wenigen Wochen protestierten Hunderttausende gegen Rassismus, sogar trotz Corona. Im vergangenen Jahr mobilisierten die "Seebrücken"-Bewegung, das linke "Unteilbar"-Bündnis und weitere Initiativen zahlreiche Menschen. Parteien schlossen sich teilweise an, Initiatoren waren sie aber nirgendwo.

Dass Friedrich Merz das bislang wohl nicht realisiert hat, zeigt, wie wenig ihn die Diskussionen offenbar interessierten. Eigentlich wollte er um diese Zeit schon im Kanzleramt sein. Dass er das Jahr 2020, wie viele Menschen, eigentlich anders geplant hatte, kann er auch bei Markus Lanz kaum verbergen. 

Statt im zweiten Versuch CDU-Chef zu werden, Angela Merkel abzulösen und im Regierungsairbus durch die Welt zu jetten, muss Merz jetzt vom Standort Deutschland aus weiter Schlagzeilen produzieren. In der vergangenen Woche empfing er den SPIEGEL im waldgrünen Anzug, um für Schwarz-Grün und sich zu werben. 

Doch das Politikverständnis, das er bei Markus Lanz offenbarte, könnte ihm dabei noch zum Verhängnis werden. Luisa Neubauer, der immer wieder Beliebigkeit nachgesagt wurde, machte von Beginn an klar, dass sie Merz an dem messen will, was er aktuell bewirken kann – und nicht daran, was er vor zwei Jahrzehnten oder in einem Jahr einmal erreicht haben könnte.

"Niemand kann Ihnen Klimafreundlichkeit attestieren – außer den blanken Zahlen", sagte sie irgendwann zu Merz' schwarz-grünen Regierungsplänen. Schon davor hatte sie ihm vernichtend attestiert, "mandatspolitisch gesehen" zurzeit ja in Wahrheit "absolut gar nichts" zu sein. Es war ein brutaler Satz, der aber vielleicht vor allem deshalb aufrüttelte, weil er, anders als viele andere Sätze bei "Markus Lanz", im Kern stimmt. 

"Für die Grünen, für die SPD, für die CDU – ist mir völlig wurscht!", rief er ihr hinterher, als es später darum ging, für welche Partei sie denn ein Bundestagsmandat anstreben sollte. Es klang, als habe sie ihr Studium noch nicht abgeschlossen und müsse noch einmal von Null anfangen, bevor sie zu Hause etwas vorweisen könne. Doch auch das ist nicht richtig. 

Tatsächlich ist es so, dass die Klimaschutz-Proteste in den vergangenen 12 Monaten wohl mehr Einfluss auf die Bundesregierung hatten als der ehemalige Unionfraktionschef in den vergangenen 12 Jahren. Friedrich Merz kann vielleicht noch einmal mächtig werden, Luisa Neubauer ist es schon.

Die junge Protestbewegung hat längst eine Dynamik entwickelt, die alle Parteien auf den Prüfstand stellt. Selbst die Grünen mussten im vergangenen Jahr plötzlich aufpassen, dass sie beim Klimaschutz nicht von der öffentlichen Stimmung überholt werden. Wenn sie im kommenden Jahr mit Merz eine Regierung bilden sollten, dürfen sie ihm und seinem waldgrünen Anzug nicht näherstehen als den Hunderttausenden, die für grüne Kernthemen auf der Straße waren.

Klassische Politkarrieren gibt es selbstverständlich immer noch. Doch junge Politiker wie Kevin Kühnert profitieren vor allem dann, wenn sie die gesellschaftlichen Stimmungen ehrlich benennen können. Wenn Friedrich Merz im kommenden Jahr CDU-Chef und erster schwarz-grüner Kanzler werden will, sollte er sich dieser neuen Wirklichkeit bald stellen. Vielleicht kann er ja auch mal eine Demo anmelden.