Eigentlich wohnt sie mit 90 jungen Frauen zusammen. Doch wegen der Coronakrise sind fast alle weg.

Chiaras* Zimmer liegt im fünften Stock des katholischen Studentinnenwohnheims am Anger, fünf Gehminuten vom Münchner Marienplatz entfernt. Die 26-Jährige ist vor sechs Jahren von Pisa nach München gezogen, um an der Ludwig-Maximilians-Universität Medizin zu studieren. Seit knapp zwei Jahren wohnt sie am Anger. Normalerweise teilt sie sich dort ein Stockwerk mit 18 anderen Studentinnen, insgesamt beherbergt das Wohnheim knapp 90 junge Frauen, verteilt auf zwei Häuser. Doch seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie ist Chiara allein auf ihrer Etage. 15 weitere Medizinstudentinnen sind noch irgendwo in dem alten Klostergebäude verstreut. Der Rest ist weg.  

"Unser Heim ist ziemlich verwaist. Bis auf die ausländischen Studentinnen, die festsitzen, und die Medizinerinnen, die arbeiten müssen, sind alle nach Hause geflüchtet", sagt die Wohnheimleiterin Schwester Elfriede. In der Onlinebroschüre wird das WG-Leben als lustig und familiär beschrieben, aber jetzt bleiben die Gänge, Gemeinschaftsräume und die große Dachterrasse leer. Zur Aufmunterung hat Schwester Elfriede den Übriggebliebenen Blumen auf den Küchentisch gestellt.

Wie ist es, plötzlich allein im Wohnheim zu leben? Das hat Chiara uns am Telefon erzählt.

Chiara, 26, studiert Medizin an der LMU – und hat auf einmal keine Mitbewohnerinnen mehr.

(Bild: Privat)

"Seit zwei Wochen gehe ich abends nicht mehr in die Küche oder ins Bad. Das ist nämlich ziemlich gruselig: Die Flure im Wohnheim sind breit und dunkel, das Klostergebäude alt – und außer mir ist kaum noch jemand hier. Die wenigen übrig gebliebenen Studentinnen sehe ich kaum. Nur die Putzfrau treffe ich manchmal, wenn sie das Bad auf der Etage sauber macht.

Eine meiner Mitbewohnerinnen erzählte mir über WhatsApp als Erste von den Ausgangsbeschränkungen. Kurz darauf fuhren alle anderen Bewohnerinnen meines Stockwerks zu ihren Familien, viele kommen aus dem Münchner Umland. Innerhalb von 24 Stunden war das Wohnheim wie leergefegt. Eigentlich wollte ich nach der Examensprüfung am 10. März nach Hause fliegen, nach Italien. Da waren die Einreisebestimmungen aber schon verschärft und ich kam nicht mehr ins Land. Die anderen aus dem Wohnheim machten sich deshalb Sorgen um mich, einige boten sogar an, dass ich mit zu ihnen kommen könnte. Auch meine Mutter sagte, ich solle doch zu meinem Onkel gehen, der in München lebt. Doch das wollte ich nicht, erst mal. 

Meine Eltern wohnen in Pisa, dort bin ich aufgewachsen. Mit Anfang 20 zog ich nach München, um Ärztin zu werden. Die Uni hier ist sehr renommiert und trotzdem nicht zu weit weg von zu Hause. Am Anfang war es schlimm für mich, meine Familie nicht zu sehen. Wir haben ein enges Verhältnis, besonders meine jüngere Schwester vermisse ich sehr. In den ersten Monaten war ich deshalb ständig unterwegs, habe viele Restaurants und Cafés ausprobiert oder Museen besucht. Die Ablenkung hat geholfen.

Auch Medizin ist ein einsames Studium. Man sitzt oft allein in der Bibliothek und paukt den Stoff fürs Staatsexamen. Dazu wird einem viel abverlangt. In den Prüfungsphasen bin ich oft gestresst und schlafe schlecht. In solchen Wochen vermisse ich meine Familie und Freunde in Italien noch mehr als sonst. Dann telefonieren wir meist stundenlang. Ich bin es gewohnt, sie höchstes digital im Videochat zu sehen. 

„Alleinsein gehört irgendwie zu meinem Alltag.“

Alleinsein gehört also irgendwie zu meinem Alltag, es ist eine Art Lebensstil geworden. Trotzdem leide ich gerade unter der Kontaktsperre. Ich habe viele Freundinnen und Freunde in München, die ich jetzt nicht mehr treffen darf. Neulich habe ich mich mit einem Kumpel im Supermarkt zum Einkaufen verabredet. Dabei trage ich übrigens Handschuhe und Mundschutz, ich bin ein Hygiene-Freak und desinfiziere immer gleich alles.

Damit ich im Wohnheim nicht verrückt werde, versuche ich, trotz Ferien einen Rhythmus beizubehalten: Meist schlafe ich bis mittags, trinke einen Kaffee und beginne den Tag mit meiner Hautpflegeroutine: Cleansing Gel, Tonic, Creme. Dann telefoniere ich mit Familie und Freunden, lese ein Buch, und manchmal schaue ich mir sogar freiwillig Onlineseminare für die Uni an. Erst gestern habe ich einen Kurs zum Coronavirus belegt. Nachmittags mache ich ein Fitnessworkout in meinem Zimmer. Weil das 24 Quadratmeter groß ist, wird es mir darin auch nicht so schnell zu eng. Danach koche ich und schaue bis spät in die Nacht Serien und Dokus auf Netflix. Eigentlich ist ab 22 Uhr Nachtruhe, die Wände hier sind dünn – aber momentan störe ich ja niemanden.

Weil ich gerade erst mit den Examensprüfungen durch bin, genieße ich die Ruhe sogar ein bisschen. In der vergangenen Woche war ich vier Tage am Stück nicht draußen. Ich verkneife mir sogar meinen Lieblingskaffee bei Starbucks, weil ich die älteren Nonnen im Kloster nicht anstecken möchte. Am Wochenende sehe ich sie öfter, wenn ich den Türdienst an der Klosterpforte übernehme. Momentan kommen zwar keine Besucher, aber ich nehme noch Pakete an. 

Wenn mir doch mal die Decke auf den Kopf fällt, spaziere ich abends durch die leere Fußgängerzone. Bald möchte ich auch wieder im Krankenhaus aushelfen. Bis in den Februar hinein arbeitete ich als OP-Springerin in der Neurochirurgie, aber dann musste ich fürs Examen lernen.

Komisch ist: Was mir sonst manchmal zu viel wird, vermisse ich durch die Isolation plötzlich. Die vielen Touristen in der Münchener Innenstadt zum Beispiel, oder auch das WG-Leben mit 18 Leuten. Morgens treffen wir normalerweise schon auf dem Weg ins Bad aufeinander. Abends hantieren wir alle parallel in der Küche. Ein Gewusel. Jetzt kocht außer mir niemand mehr. 

Ich weiß nicht, wann meine Mitbewohnerinnen zurückkehren. Manche können das Semester wohl komplett online machen und kommen womöglich erst in ein paar Monaten wieder. Ich glaube nicht, dass ich es ewig hier drinnen aushalte. Vielleicht werde ich doch für ein paar Tage bei einer Freundin oder meinem Onkel unterkommen. Vielleicht bleibe ich aber auch einfach im Wohnheim. Allein sein, das kann ich ja."

* Chiara ist Privatsphäre sehr wichtig, daher möchte sie im Netz nicht unter ihrem richtigen Namen gefunden werden. Ihr voller Name ist der Redaktion aber bekannt.


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