Maria, Moritz und Inga sind in der Coronakrise nicht nur Mitbewohner, sondern auch Arbeitskollegen.

Maria, Moritz, Inga, Max und die französische Bulldogge Mira sind als WG ein eingespieltes Team: Seit mehr als zwei Jahren teilen sie sich eine Fünfzimmerwohnung in Hamburg. Wegen des Coronavirus wohnen drei von ihnen jetzt nicht nur zusammen, sondern arbeiten auch Tür an Tür.

Inga, 30, ist Schauspielerin und Yogalehrerin, Moritz, 34, entwickelt als Produktdesigner zum Beispiel Zelte und Rucksäcke, Maria, 29, studiert Kultur der Metropole und arbeitet gerade in Vollzeit bei einer TV- und Filmproduktionsfirma. Eigentlich wohnt noch Max, 26, in der WG, aber er ist momentan in Düsseldorf bei einem Freund. Schon bevor es die ersten Einschränkungen wegen des Coronavirus gab, fuhr er dorthin und will nun nicht zurück nach Hamburg – er fürchtet, sich und die anderen anzustecken.

Maria, Moritz und Inga verlassen ihre Wohnung derweil nur, um frische Luft zu schnappen oder einkaufen zu gehen. Seit mehr als einer Woche sind die drei Mitbewohner gemeinsam im Homeoffice.

Wir haben via Skype mit ihnen über ihre neuen Arbeitsroutinen, den gestiegenen Kaffeeverbrauch und böse Geister gesprochen.

Drei Menschen, drei Jobs: Maria, Moritz und Inga (von links nach rechts) sind zusammen im Homeoffice.

(Bild: Privat)

bento: Wegen des Coronavirus arbeitet ihr alle erst mal auf unbestimmte Zeit von zu Hause. Wie organisiert ihr das?

Moritz: Ich konnte schon früher ab und zu Homeoffice machen und habe einen großen Schreibtisch in meinem Zimmer, an dem ich arbeite.

Maria: Ich habe einen super kleinen Schreibtisch und noch nie von zu Hause gearbeitet. Zum Lernen oder um Hausarbeiten zu schreiben, bin ich immer in die Bib gefahren, weil ich mich da besser konzentrieren kann. Jetzt versuche ich, in meinem Zimmer den Arbeitsplatz vom Schlafbereich zu trennen: In der Ecke neben meinem Schreibtisch steht eine Lampe, die ich ausmache, wenn ich Feierabend habe – dann mache ich die Lampe am Bett an.

Inga: Ich habe gar keinen Schreibtisch, weil ich den bisher nicht gebraucht habe. Jetzt ist das auf einmal anders, denn ich stehe nicht mehr am Set oder gebe Yogastunden im Studio. Gerade darf ich den Schreibtisch von Max nutzen. Wenn er zurückkommt, muss ich mal gucken. Vielleicht arbeite ich dann am Küchentisch, wenn die anderen in ihren Zimmern sind und es sie nicht nervt. Da habe ich mich sonst auch manchmal hingesetzt, wenn ich etwas am Computer machen musste, wie E-Mails schreiben oder die Buchhaltung.

bento: Inga, du bist Schauspielerin und Yogalehrerin. Was kann man da von zu Hause machen?

Inga: Im Moment versuche ich, Online-Yogaklassen zu organisieren. Ich betreue den Social-Media-Kanal eines Studios, das jetzt darauf umstellt. Und ich baue meine eigene Homepage auf. Außerdem muss man als Selbstständige gerade sehr viele Formulare ausfüllen, um Geld für den Verdienstausfall zu erhalten. Mit der Schauspielerei ist es schwieriger: Da pflege ich auch meine Homepage oder bearbeite mein Demoband, mit dem ich mich dann bei Casting-Agenturen oder später für Filmprojekte bewerben kann. Aber alle Drehs, für die ich Anfragen hatte, sind erst einmal aufgeschoben.

„Dass die anderen jetzt hier sind, finde ich schön. Ich glaube, in dieser Situation allein zu sein, ist nicht leicht.“
Inga

bento: Wie geht es euch gemeinsam im Homeoffice? Ihr verbringt jetzt ja nicht nur die Freizeit zusammen, sondern seht euch auch während der Arbeitszeit.

Inga: Ich bin es gewöhnt, auch mal tagsüber zu Hause zu sein und war dabei sonst fast immer allein. Dass die anderen jetzt hier sind, finde ich schön. Ich glaube, in dieser Situation allein zu sein, ist nicht leicht.

Moritz: Bezogen auf unser WG-Leben habe ich gar keine Bedenken oder finde irgendwas blöd. Aber bei der Arbeit merke ich, dass Dinge, die an sich schon kompliziert sind, aus der Ferne noch mehr Zeit in Anspruch nehmen – zum Beispiel Entscheidungen über Details wie Farben. Das kann einem irgendwann auf die Nerven gehen.

bento: Ihr habt ja sehr unterschiedliche Jobs. Versteht ihr denn jetzt mehr, was die anderen den ganzen Tag machen? Könnt ihr euch vielleicht sogar gegenseitig inspirieren oder helfen?

Moritz: Wir standen uns schon davor nah und haben viel über die Arbeit der anderen gesprochen, sodass jetzt durch das Homeoffice keine neuen Perspektiven dazukamen.

„Ich habe das Gefühl, dass wir davor mehr über die Arbeit geredet haben.“
Maria

Maria: Ich habe sogar eher das Gefühl, dass wir davor mehr über die Arbeit geredet haben. Man ist im Büro in Kontakt mit anderen Menschen und kommt dann nach Hause und wird gefragt: Wie war dein Tag? Jetzt tauschen wir uns nur zwischendurch kurz aus.

Inga: Inhaltlich bei der Arbeit helfen ist schwierig, eben weil unsere Jobs so unterschiedlich sind. Aber ich hatte heute eine Situation, in der es cool war, dass ich mit Maria reden konnte. Es macht mich wahnsinnig, womit man bei der Arbeit am Computer manchmal seine Zeit verbringt. Etwas funktioniert nicht und man sucht 45 Minuten lang nach dem Fehler. Zum Beispiel beim Programmieren einer Homepage oder beim Verknüpfen verschiedener Apps und Systeme. Maria kennt das Phänomen, dass kleine Tücken manchmal mehr Zeit in Anspruch nehmen, als einem lieb ist. Es tat gut, mit ihr darüber zu sprechen.

bento: Das heißt, ihr helft euch, indem ihr euch auch mal sagt, was euch gerade nervt?

Maria: Ich bin heute aus meinem Zimmer raus und zu Moritz rüber, weil ich mich über eine E-Mail geärgert hatte. Ich habe ihm genau das gesagt, was ich normalerweise meiner Kollegin an der Kaffeemaschine erzählt hätte. Ich wollte kurz Dampf ablassen.

Moritz: Ich habe verstanden, worum es ging, aber missverstanden, dass sie nicht wirklich darüber reden wollte. Stattdessen fing ich an darauf einzugehen, wollte ein Gespräch beginnen, was aber gar nicht gefragt war. Ich war für sie nur kurz der Kollege an der Kaffeemaschine.

bento: Unter Homeoffice stellt man sich Menschen in Jogginghose vor, die auf dem Bett lümmeln. Wie sieht die Realität in eurer WG aus?

Inga: Maria und ich haben uns vor ein paar Tagen über die Joggingbutz unterhalten. Wir waren uns einig, dass es in so einer Zeit total wichtig ist, sich weiterhin richtig anzuziehen und fertigzumachen, um nicht in ein Lotterleben zu verfallen.

Moritz: Und die Routinen aufrecht zu erhalten, die einen an den Arbeit-Freizeit-Rhythmus erinnern. Morgens die gleiche Abfolge von Duschen, Kaffee, mit dem Hund eine Runde raus. Das klappt mal besser und mal schlechter.

bento: Ihr habt also gemeinsam beschlossen, euren Alltag weiter so zu gestalten, als würdet ihr zur Arbeit gehen und dafür das Haus verlassen?

Maria: Genau. Ich versuche, jeden Tag zur gleichen Uhrzeit aufzustehen und mich ein bisschen zu schminken. Dann mache ich mir eine Kanne Tee, wie ich es im Büro auch machen würde, setze mich damit an den Schreibtisch und fange gegen neun Uhr an zu arbeiten. Abends zünde ich in meinem Zimmer Räucherstäbchen an und lüfte einmal. Das hört sich jetzt sehr esoterisch an...

Moritz: Willst du die bösen Geister vertreiben?

Maria: Ja, so einmal die ganzen Gedanken raus – und dann mache ich das mit dem Licht.

„Unser Kaffeeverbrauch ist heftig angestiegen.“
Moritz

bento: Das klingt alles sehr nett bei euch. Gibt es denn auch Probleme?

Maria: Mir fehlt mein Bürostuhl. Ich habe stärkere Nackenschmerzen als sonst.

Moritz: Unser Kaffeeverbrauch ist heftig angestiegen, weil wir ja sonst den ganzen Kaffee im Büro trinken.

bento: Und Klopapier?

Moritz: Klopapier brauchen wir sicher auch mehr, aber nicht in dem Maße wie Kaffee.

bento: Hat sich in eurem WG-Alltag sonst etwas verändert durch das Homeoffice?

Maria: Ja, wir essen viel häufiger mittags und abends zusammen.

Inga: Das ist sonst fast nie passiert, weil ich eigentlich abends Yogastunden gebe.

bento: Habt ihr noch einen Tipp, wie Homeoffice in der WG gut funktioniert?

Maria: Wir haben den Vorteil, dass jeder sein eigenes Zimmer hat, in das er sich zurückziehen kann. Und wir haben alle ein ähnliches Verständnis von Privatsphäre.

Inga: Wir klopfen immer an und kommen erst rein, wenn der andere ein Zeichen gibt. So platzen wir auch nicht in berufliche Telefonate.

Moritz: Je anstrengender und ungewöhnlicher die Situation ist, desto mehr muss man miteinander sprechen: Wer macht was und geht wohin? Wir fragen zum Beispiel beim Einkaufen einmal mehr die anderen, ob sie auch etwas brauchen – und zeigen so, dass wir aneinander denken.


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