Was für ein solches Nichtsemester spricht, erklären sie im Interview.

Wegen der Coronakrise haben viele Hochschulen den Start des Sommersemesters bereits nach hinten verschoben. Jetzt fordern drei Professorinnen in einem offenen Brief, es zu einem "Nichtsemester" zu machen. 

Die Lehre solle zwar wo möglich stattfinden, aber das Sommersemester dürfe nicht wie sonst gezählt werden, schreiben Paula-Irene Villa Braslavsky von der Ludwig-Maximilians-Universität München, Andrea Geier von der Universität Trier und Ruth Mayer von der Leibniz Universität in Hannover. Für Studierende, die wegen der Coronakrise keine Studienleistungen erbringen könnten, dürften keine Nachteile entstehen. Und auch Forschende und Lehrende sollten nicht unter der aktuellen Situation leiden. Das bald beginnende Semester sei durch die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen schließlich kein "business as usual". 

So sehen es auch Hunderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Universitäten und Hochschulen in Deutschland. Bis jetzt wurde der Brief von weit mehr als 1000 Menschen unterzeichnet, sagen die Initiatorinnen. Am Montag haben sie ihn unter anderem an die Kultusministerkonferenz und die Hochschulrektorenkonferenz geschickt.

Wir haben via Skype mit ihnen gesprochen.

Andrea Geier lehrt Germanistik und Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Trier, Ruth Mayer unterrichtet amerikanische Literatur und Kultur an der Leibniz Universität in Hannover und Paula-Irene Villa Braslavsky ist Professorin am Institut für Soziologie und Gender-Studies der LMU München (von links nach rechts).

(Bild: Privat)

bento: Warum ist es aus Ihrer Sicht sinnvoll, das diesjährige Sommersemester nicht zu werten?

Ruth Mayer: Die Unis versuchen gerade, möglichst schnell den Status Quo wiederherzustellen. Studierende sollen weiter studieren und Lehrende weiter unterrichten können. Uns zumindest ist aber klar: Das geht so nicht, da bleiben einige auf der Strecke. Das Unisystem kann diesen Sommer nicht einfach wie gewohnt weiterlaufen. Denn: Die Bedingungen haben sich radikal verändert.

Andrea Geier: Wir wissen nicht, was noch auf das Land zukommt. Wir können nicht planen. Institutionen wie Unis müssen aber Planungssicherheit geben. Deshalb ist das Beste für alle ein Nichtsemester  – also ein Semester, das nicht zählt. Es geht nicht darum, Leute auszubremsen. Diejenigen, die problemlos weiterarbeiten können, sollen das tun. Aber von jemandem, der plötzlich ein Familienmitglied pflegen muss oder selbst krank wird, kann man nicht erwarten, nahtlos weiterzumachen. Die Coronakrise darf nicht zu Lasten der Forschenden, Lehrenden oder Studierenden gehen.

Paula-Irene Villa Braslavsky: Gerade diejenigen, die an den Unis arbeiten, können Probleme bekommen. Viele der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Lehre und Forschung stehen unter einem enormen Druck, weil ihre Verträge befristet sind. Sie haben Kinder oder sind sogar alleinerziehend, müssen Lehre und Kinderbetreuung jetzt also gleichzeitig hinbekommen. Auch da muss gelten: 2020 ist kein reguläres Semester. Befristete Verträge zum Beispiel müssen möglicherweise um ein Semester verlängert werden, und das muss auch bei den rechtlichen Bedingungen entsprechend berücksichtigt werden. 

Geier: Einige Kolleginnen und Kollegen werden ihre Forschungen vielleicht nicht vorantreiben können, weil die Bibliotheken geschlossen haben. Das trifft insbesondere Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler auf Qualifikationsstellen. Wir fordern auch deshalb eine Verlängerung für alle befristet Beschäftigten, eine Pause.

bento: Was hat Sie dazu bewegt, diese Forderung in einem Brief öffentlich zu machen? 

Geier: Wir haben schnell gemerkt, dass sowohl der Umgang mit der Corona-Pandemie als auch die Kommunikation darüber an den Unis sehr unterschiedlich ist. Die Idee des Briefes ist also auch: Wir wollen das gut hinkriegen – und zwar für möglichst viele. Wir sollten von den Menschen ausgehen, denen bestimmte Ressourcen fehlen. Nicht alle können vom Wohnzimmer aus studieren und arbeiten.

Mayer: Ich denke vor allem auch an die internationalen Studierenden. Eine meiner Studentinnen zum Beispiel kommt aus der Türkei. Als ich kürzlich versuchte, mit ihr in Kontakt zu treten, erfuhr ich, dass sie zu Hause keinen Computer oder WLAN hatte. Also musste sie zu einer Freundin, damit wir über WhatsApp telefonieren konnten. Andere haben ähnliche Probleme: Sie haben keinen Zugriff mehr auf die universitäre Infrastruktur, die Bibliotheken sind geschlossen, die Computer nicht mehr verfügbar. Unter diesen Bedingungen ist Onlinelehre vollkommen abwegig.

Villa Braslavsky: Mir ist noch ein anderer Punkt wichtig: Auf Social Media und besonders Twitter haben Dozierende aus der ganzen Welt in den vergangenen Tagen viele Listen, Dokumente und Open-Source-Tools geteilt. Aber ich weiß gar nicht, was man davon in Deutschland nutzen darf. Was ist allein rechtlich erlaubt? Es kann nicht sein, dass wir nun mit irgendwelchen zufälligen Links von Twitter unterrichten. Wir drei sind technikaffin, aber die Onlinelehre muss auf eine rechtlich verlässliche, strukturierte und sinnvolle Weise geschehen, die alle miteinbezieht.

bento: Manche Studierende fürchten, dass sich ihr Studium durch die Coronakrise verzögert und dadurch ihr Anspruch auf Bafög erlischt. Was sagen Sie ihnen?

Mayer: Ich denke, die Regelstudienzeit wird verlängert und auch Bafög wird angepasst werden. Das ist bereits umfassend thematisiert worden, unter anderem durch den Vizepräsidenten der Hochschulrektorenkonferenz, Ulrich Radtke (Deutschlandfunk Kultur). Wir wollen mit unserem Brief eher auf weitere Probleme aufmerksam machen. Aber klar: Gerade Studierende trifft die Krise besonders, weil viele nicht mehr arbeiten gehen können und kein Geld verdienen (bento). Wenn sie nun in Supermärkten oder bei der Ernte aushelfen, können sie womöglich nicht wie bisher weiterstudieren – auch deshalb ist gut, wenn das Sommersemester nicht gewertet wird.

Geier: Kurz nach der Veröffentlichung bekamen wir erste Reaktionen auf den Brief. Manche Studierende haben Angst, ihre Prüfungsleistungen nicht erbringen zu dürfen. Wir fordern aber ja nicht, dass das Semester stillsteht und niemand sein Studium weiterführen darf. Nur sollen es eben die leichter haben, die das unter den aktuellen Umständen nicht können. Der Brief soll ein Impuls sein, wir sind ja nicht die Entscheiderinnen. Aber wir hoffen, eine Debatte anzuregen, die möglichst viele Perspektiven einschließt.

bento: Welche Rückmeldungen haben Sie sonst bekommen?

Villa Braslavsky: Die meisten Reaktionen waren positiv. Tausende haben anerkennende Kommentare hinterlassen oder Anregungen gegeben. Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner kommen aus ganz Deutschland, sie vertreten unterschiedliche Fachbereiche und Altersgruppen.

Geier: Es gibt allerdings noch ein leichtes Ungleichgewicht bei den Fächern, die Geistes- und Sozialwissenschaften sind häufiger vertreten. Das liegt daran, dass wir in diesen Kreisen gut vernetzt sind. Jetzt, wo wir eine eigene Website haben, werden hoffentlich noch mehr Fächer auf die Aktion aufmerksam.

Mayer: Interessant ist, dass unter den Erstunterzeichnerinnen und Erstunterzeichnern viele Leute sind, deren Schwerpunkt im Bereich E-Learning und Digitalisierung liegt. Die wissen ganz offenbar, wie schwer es ist, das in kurzer Zeit aufzubauen.

bento: Hätten Sie gedacht, dass so viele mitmachen? 

Villa Braslavsky: Ich fühle mich wie ein Popstar, wenn ich das sage, aber: Ich habe nicht damit gerechnet – und es ist überwältigend. Wir haben ein Wochenende durchgearbeitet, das hat sich gelohnt. Corona bremst ja auch uns Professorinnen in unserem Arbeitsalltag aus. Am Montag hätte ich einen Vortrag an der Uni in Graz halten sollen, und in Bayern dürfen wir ja kaum noch raus. Es tut gut, in einen aktiven Modus zu kommen und die Situation mitzugestalten. 

Geier: Und zur Mitgestaltung gehört auch, dass wir gerade alle gemeinsam überlegen, wie wir die Onlinelehre konkret hinbekommen. Wir müssen uns fragen, unter welchen Bedingungen wir digitale Lehre machen können. Wie funktioniert das für alle? Wir müssen in die Breite denken. Onlinelehre ist aufwendig – und sie kann die Präsenzlehre auch nicht vollständig ersetzen. 

bento: Und was ist, wenn das Sommersemester 2020 doch wie gewohnt zählt? 

Mayer: Das glaube ich nicht.

Villa Braslavsky: Ich auch nicht. Uns geht im Moment sehr viel Zeit verloren. Ein reguläres Semester ist schon jetzt unmöglich, denn allein die Klausuren aus dem vergangenen Wintersemester können aktuell nicht nachgeschrieben werden. Eventuell würde man es irgendwie schaffen, aber das sind alles improvisierte Lösungen. Ich bin aber sicher, dass wir das gemeinsam gut hinkriegen werden, für die Lehrenden und Studierenden. Andere müssen viel gravierendere Probleme stemmen, das sollten wir nicht vergessen. 

Geier: Viele werden doppelt belastet sein und hohen Aufwand betreiben müssen. Daher muss man schon im Vorhinein versuchen, den Druck rauszunehmen.


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