Eigentlich sollten sie vom 15. bis zum 17. April ihr zweites Staatsexamen schreiben. Doch dann kam die Corona-Pandemie – und das Chaos begann. Tausende Medizinstudierende in Deutschland fragten sich in den vergangenen Wochen: Kann das Examen wie geplant stattfinden? Oder wird es abgesagt? Und was bedeutet das für mich und meine Ausbildung?

Am Montag änderte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn schließlich die Approbationsordnung für Ärzte: Mit der Verordnung werden die Prüfungen grundsätzlich um ein Jahr verschoben, die Studierenden sollen vorzeitig ins Praktische Jahr (PJ) starten, um die Kliniken beim Kampf gegen die Pandemie zu unterstützen. Gleichzeitig erlaubte Spahn den Bundesländern, von dieser Regelung abzuweichen und das Examen doch schon jetzt abzuhalten.

Für die Studierenden bedeutet das zusätzliche Verunsicherung: Manche Länder haben mehrere Tage nach Inkrafttreten der Verordnung noch immer nicht entschieden, ob das Examen stattfindet oder nicht. Andere, Niedersachsen und Schleswig-Holstein zum Beispiel, halten am geplanten Prüfungstermin fest. Baden-Württemberg und Bayern dagegen führen das sogenannte Hammerexamen ein: Dort wird das zweite Staatsexamen erst nach Ende des PJ stattfinden, unmittelbar vor dem dritten Staatsexamen. So bleibe viel zu wenig Zeit zum Lernen, kritisiert die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland – und warnt vor schweren psychischen Belastungen.

Wir haben mit drei Medizinstudierenden gesprochen: über die Ungewissheit der vergangenen Wochen, den Frust über das Hammerexamen und die Frage, welche Lösung sie am gerechtesten gefunden hätten.

Helene von Hertell, 25, Ludwig-Maximilians-Universität München

(Bild: Privat)

"Ich verstehe nicht, wieso unser Examen verschoben werden muss. Wir hätten die Prüfung in einer großen Turnhalle schreiben können, mit ausreichend Abstand und Atemschutzmasken. Wenn wir jetzt ins PJ starten, ist das Infektionsrisiko viel größer als bei einer solchen Prüfung. In der Klinik sind wir mit Hunderten Corona-Infizierten in Kontakt und haben nicht einmal ausreichend Schutzausrüstung.

Am meisten ärgere ich mich über die Ungewissheit. Lange gab es keine offizielle Aussage vom Prüfungsamt, ob das Examen stattfindet. Unter den Studierenden kursierten deshalb viele Gerüchte, zum Beispiel, dass das PJ schon kommende Woche beginnen soll. Irgendwann hörte ich auf, durch Facebook zu scrollen, um die ganzen Spekulationen nicht zu sehen. Stattdessen schaute ich bestimmt zwanzig Mal pro Tag auf die Internetseite des Prüfungsamts.

In den vergangenen Wochen konnte ich mich kaum mehr zum Lernen motivieren, es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren. Es fühlte sich an, als würde ich einen Marathon laufen, aber nicht wissen, wann der letzte Kilometer kommt. Am Montag habe ich komplett aufgehört zu lernen.

Dass wir so schnell wie möglich ins PJ starten sollen, verstehe ich ja. Es ist unsere Pflicht als Medizinstudierende, beim Kampf gegen die Corona-Pandemie zu helfen. Aber zusätzlich zur 40-Stunden-Woche im stressigen Klinikalltag auf das zweite und dritte Examen zu lernen – das wird psychisch sehr belastend."

Janika Mangels, 25, Uni Kiel

(Bild: Privat)

"Ich war mit zwei Freundinnen zum Lernen verabredet, da sahen wir plötzlich Meldungen bei Facebook, dass das Examen nicht stattfindet. Wir saßen da, schauten uns an und kämpften mit den Tränen. Wir hatten seit Oktober gelernt, mit nur einem freien Tag pro Woche.

Zwei Wochen lang wusste niemand, ob die Prüfung stattfindet oder nicht. Wir hingen in der Luft, während andere über uns entschieden. Ich wollte den Lernstoff in der Zeit eigentlich nochmal wiederholen: Innere Medizin, Pädiatrie, Gynäkologie und Neurologie. Davon habe ich nur ein Viertel geschafft. Ich konnte mich einfach nicht konzentrieren. Um nicht allein zu sein, trafen wir uns nachmittags trotzdem in unserer Lerngruppe. Und ich versuchte, mich mit Sport abzulenken: Ich ging Laufen und sprang Seil.

Einen Tag nach Änderung der Approbationsordnung saß ich morgens am Schreibtisch, da kam eine E-Mail vom Dekanat: Das Examen in Schleswig-Holstein findet doch statt! Ich schrieb sofort allen meinen Kommilitonen und freute mich wahnsinnig, dass wir zu den Glücklichen gehören. Ich bin so erleichtert, dass wir kein Hammerexamen schreiben müssen. Und dass wir jetzt dieses ganze Wissen loswerden dürfen.

Angst durchzufallen habe ich nicht. Vielleicht schneide ich ein bisschen schlechter ab als unter normalen Umständen. Aber das ist egal. Hauptsache, wir dürfen schreiben."

Sebastian Reiß, 30, Uni Tübingen

(Bild: Privat)

"Ich hatte seit Mitte Dezember für das Examen gelernt, pro Tag im Schnitt acht bis zehn Stunden. In drei Monaten gönnte ich mir nur sechs freie Tage. Abends hatte ich nicht einmal mehr die Energie zu lesen, eigentlich mein großes Hobby. Wenn nachts mein kleiner Sohn schrie, kümmerte sich meine Freundin um ihn, sie hielt mir den Rücken fürs Lernen frei. Ich war motiviert, das Examen war das große Ziel in diesem Semester. Das alles ist jetzt wie weggeblasen.

Es hätte eine deutschlandweite Lösung geben müssen, und zwar: das Examen ersatzlos zu streichen. Indem das Gesundheitsministerium die Entscheidung jetzt an die Länder abgegeben hat, hat es sich aus der Affäre gezogen. Wieso zum Beispiel findet die Prüfung in NRW statt und wird in Baden-Württemberg abgesagt? Es kann doch nicht sein, dass NRW das organisatorisch hinbekommt und Baden-Württemberg nicht.

Das Hammerexamen wird jetzt ein Jahr lang über allem schweben. Wenn ich im PJ im Krankenhaus bin, werde ich die Prüfung oft im Hinterkopf haben. Wie soll man da nach der Arbeit abschalten?

Ich will die Entscheidung nicht hinnehmen und weiter für eine gerechte Lösung kämpfen. Ich wünsche mir, dass wir im PJ einen Tag pro Woche zum Lernen freibekommen. Und dass diejenigen Studierenden aus Baden-Württemberg, die das Examen jetzt schreiben wollen, die Möglichkeit dazu bekommen. Dafür müssen wir Druck aufbauen, zum Beispiel über die Medien.

Unter alledem dürfen aber die Patienten nicht leiden. Am 20. April beginnt mein PJ, dann werde ich in die Klinik gehen und bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie helfen. Das heißt: Infusionen anlegen, Medikamente verabreichen, Patienten füttern, Lungenfunktionen messen. Wir werden jetzt gebraucht."


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