Bild: privat
Philipp Heilgenthal steht kurz vor dem Abschluss seines Studiums – und hat die Hoffnung auf eine Vollzeitstelle vorerst aufgegeben.

Sie hatten einen Plan für ihre Zukunft, dann kam Corona: Menschen zwischen 20 und 30 treffen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie härter als jede andere Altersgruppe, Jobs und Ausbildungsplätze brechen weg. In unserer Serie "Generation Corona" berichten einige von ihnen, was die Krise für sie bedeutet. In dieser Folge: Philipp Heilgenthal, 26, muss nur noch seine Masterarbeit abgeben, dann ist er fertig mit dem Politikstudium. Doch nach Jobs suchte er in den vergangenen Wochen vergeblich.

Generation Corona

Im Alter zwischen 20 und 30 sortiert sich für viele Menschen das Leben: Ausbildungen werden abgeschlossen, erste und zweite Jobs ausprobiert, man investiert Geld in Wohnungen, Autos oder Aktien, findet Freunde oder Partner fürs Leben. Was bedeutet es für eine Generation, wenn dieser Prozess dramatisch verlangsamt wird – weil Corona das Leben lahmlegt? 

In unserer Serie "Generation Corona" beschäftigen wir uns mit dieser Frage. Wir lassen Betroffene zu Wort kommen, sprechen mit Expertinnen und analysieren politische Entscheidungen. Du hast einen Hinweis? Dann schreib uns an redaktion@bento.de.

"Corona hat mein Leben völlig auf den Kopf gestellt – ohne dass ich überhaupt direkten Kontakt mit der Krankheit hatte: In meinem Umfeld gibt es keine bestätigten Infektionsfälle. Ich finde es paradox, dass wir Jungen vom Virus an sich so wenig betroffen sind, indirekt aber mit am härtesten darunter leiden.

Ich bin kurz davor, mein Studium in Political and Social Sciences an der Uni Würzburg zu beenden, nur die Masterarbeit muss ich noch abgeben. Mein Zeugnis wird sehr gut sein – das steht jetzt schon fest. Ich dachte, dass ich den Master erst Ende Juli abschließen würde. Da man aber in den vergangenen Wochen nichts unternehmen konnte, habe ich die Zeit genutzt, um die Arbeit fertig zu schreiben. Bei der Jobsuche hilft mir das allerdings nicht.

Gerade habe ich das Gefühl, es ist unmöglich, einen Arbeitsplatz zu finden. Die FH Würzburg-Schweinfurt hatte im März eine Stelle als Erasmus-Koordinator ausgeschrieben, das wäre mein Traumjob gewesen. Meine Freunde und meine Familie sagten, es gäbe dafür niemand Geeigneteren als mich. Ich habe während des Studiums ehrenamtlich das Erasmus-Referat meiner Uni als Vorstand geleitet, habe selbst zwei Auslandssemester gemacht und ein Praktikum in Brasilien absolviert. Aber ich wurde nicht mal zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Ich kann mir das nur mir der derzeitigen Ausnahmesituation erklären.

„Irgendwie muss ich mein Leben finanzieren.“
Masterabsolvent Philipp Heilgenthal

Zu Beginn der Krise bewarb ich mich auch noch für Vollzeitstellen in der Medien- und PR-Branche, aber oft bekam ich nicht mal eine Rückmeldung. Ich denke, die Unternehmen haben wirtschaftlich zu kämpfen und beobachten die Lage – da wird gerade niemand eingestellt. Hoffentlich ändert sich das im Sommer wieder. Irgendwie muss ich mein Leben finanzieren.

Seit Februar bekomme ich kein Bafög mehr, weil ich die Regelstudienzeit überschritten habe. Wegen meines ehrenamtlichen Engagements im Erasmus-Referat hatte mir das Bafög-Amt eigentlich Hoffnungen gemacht, dass ich in diesem Semester nochmal einen Zuschuss erhalten würde. Doch ich bekam eine Absage, ohne weitere Begründung. Mir wurde lediglich angeboten, einen Studienabschlusskredit aufzunehmen. Das werde ich nicht tun. Ich werde nach dem Studium ohnehin Schulden haben, weil ich mein Bafög zurückzahlen muss – ich möchte nicht noch weitere Kredite aufnehmen.

Alles ist gerade eine finanzielle Frage. Vor Corona hatte ich die Zusage, in meinem letzten Semester als Tutor an der Uni arbeiten zu können. Das hätte mir aktuell etwa 200 Euro im Monat gebracht. Ich hatte zu Beginn der Krise mehrmals nachgefragt, wie wir das im Sommersemester, begleitend zur Online-Vorlesung, handhaben würden. Eine Woche vor Vorlesungsbeginn bekam ich Bescheid, dass in diesem Semester keine Tutoren in meinem Fachbereich eingestellt werden. In meiner Situation ist das ein Hammer. Hätte ich das früher gewusst, hätte ich mir einen anderen Nebenjob gesucht. Ich habe mir das Semester extra freigehalten.

Ich lebe zurzeit von dem Geld, das ich für die Bafög-Rückzahlung zur Seite gelegt habe. Davon muss ich auch meine Miete und die Krankenkassenbeiträge bezahlen. Da noch keine feste Stelle in Sicht ist, habe ich mich nun für Teilzeitjobs beworben. Doch auch das klappt nicht: Bei drei Supermärkten sagten sie mir, es hätten sich so viele Menschen als Regalauffüller beworben, dass sie völlig überfordert seien. Würzburg ist eine Studentenstadt – viele haben schon vor Wochen ihre Nebenjobs verloren und mussten sich etwas Neues suchen.

Ich habe nicht sechseinhalb Jahre studiert, mir drei Fremdsprachen beigebracht, in der Bibliothek gesessen, gelernt und Hausarbeiten geschrieben, um mich jetzt als Pizzalieferant zu bewerben.

Auch meine ehrenamtliche Arbeit im Erasmus-Referat der Uni ruht gerade, wir können uns nicht mit den Studentinnen und Studenten treffen. Ich bin in Gedanken oft bei den Erasmus-Studierenden, die erst im März in Deutschland angekommen sind und nun keine Leute kennenlernen können. Sie waren in den ersten Wochen in einem fremden Land in Quarantäne – und wir konnten ihnen nicht helfen. Wir haben uns zwar ein Instagram-Spiel für sie überlegt, sie sollten in Bildern zeigen, wie sie die Quarantäne verbringen – aber das kann persönliche Treffen natürlich nicht ersetzen. Auch ihr Leben hat Corona auf den Kopf gestellt."


Gerechtigkeit

Rezo zerstört die Presse: Vertrauen junge Menschen nicht mehr "den Medien"?
Wir haben eine Expertin gefragt

Rezo war wieder in Zerstörungslaune. Diesmal hat er sich die Presse vorgenommen. In einem einstündigen Video exerziert der 27 Jahre alte YouTuber einmal durch, warum es ihn nicht überrascht, dass Verschwörungsmythen immer mehr Zulauf aus der Bevölkerung bekommen, dass Videos mit kruden Thesen zu Weltverschwörungen millionenfach geklickt werden. Er zeigt, dass einige Medien fahrlässig mit dem Vertrauen ihrer Nutzerinnen und Nutzer umgehen: Durch hetzerische Zeilen, Falschbehauptungen, durch Mangel an Belegen für ihre Aussagen und unsaubere Recherchen.

Vor allem junge Menschen, so scheint es, wenden sich zunehmend von den etablierten Medien ab und beziehen ihre Informationen auf Social Media und von YouTubern oder Influencerinnen ihres Vertrauens. Eine Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI), das dem Bayerischen Rundfunk untersteht, zeigt, dass 42 Prozent der Frauen und 47 Prozent der Männer zwischen 14 und 24 Jahren die sozialen Netzwerke nutzen, um über das aktuelle Geschehen und Nachrichten auf dem Laufenden zu bleiben. Aber bedeutet das auch, dass sie das Vertrauen in die etablierten Medien verlieren?