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Junge Unternehmerinnen und Unternehmer erzählen, wie sie den Weg aus der Krise planen.

Restaurants, Bars, Cafés – die Gastronomie trifft die Coronakrise besonders hart. Im April 2020 wurden im deutschen Gastgewerbe im Vergleich zum Vorjahresmonat 208 Prozent mehr neue Arbeitslose gemeldet. Das ist die höchste Steigerung aller Branchen der deutschen Wirtschaft. Der Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) Guido Zöllick spricht von "schockierenden Arbeitsmarktzahlen" und sagt: "Das Gastgewerbe liegt am Boden." Im März und April wurde für 1.025.512 Angestellte Kurzarbeit beantragt. Mehr als 95 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Gastgewerbe sind damit betroffen. (DEHOGA)

Am vergangenen Mittwoch hat Angela Merkel gemeinsam mit den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten beschlossen, dass die Lockerung der Corona-Maßnahmen jetzt größtenteils Ländersache ist (SPIEGEL). Branchenvertreterinnen und -vertreter des Hotel- und Gastronomiegewerbes freut das, sie forderten im Vorfeld bereits einen Rettungsfonds, ohne den viele Betriebe die Coronakrise nicht überleben könnten. Die Politik hat reagiert: Die Mehrwertsteuer für die Gastronomie soll ab Juli für ein Jahr von 19 auf sieben Prozent gesenkt werden. Die Regelung gilt für Speisen in Restaurants und Cafés, nicht für Getränke (SPIEGEL).

Beschäftigte in der Gastrobranche mussten in den letzten Wochen kreativ werden, um überhaupt etwas zu tun zu haben

Wann man wieder in Restaurants essen kann, handhaben die Bundesländer unterschiedlich. In Bayern beispielsweise dürfen Biergärten ab dem 18. Mai öffnen, auch in Berlin und Brandenburg könnten erste Gaststätten mit Außenbereichen ab Mitte Mai wieder aufmachen. In Hamburg und Bremen bleiben Restaurants und Kneipen vorerst geschlossen (SPIEGEL).

Normalerweise arbeiten Alex (30) und seine Kollegen Bennet (33), Charles (26) und Conor (27) in Bars, die wegen des Coronavirus in den letzten Wochen geschlossen bleiben mussten. Gemeinsam haben die Hamburger Anfang April einen Lieferdienst für Cocktails gegründet. Gegen die Langeweile und um sich trotz der Gehaltsausfälle über Wasser halten zu können, haben die vier "ONEFORTHEROAD" gestartet. Mittlerweile haben sie noch drei weitere Kollegen dazu geholt – das Team ist also zu siebt.

Corona-Ideen

Wegen der Coronakrise verlieren viele Menschen ihren Job, müssen in Kurzarbeit gehen und geraten in Geldnot. Oft bleibt ihnen nichts anderes übrig, als einfach zu Hause zu sitzen. Bei allen Schwierigkeiten zeigt sich dabei: Not macht erfinderisch. Wir wollen einige Corona-Ideen vorstellen. Junge Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich originelle Wege aus der Krise überlegt haben, erzählen uns, wie sie gerade mit der Situation umgehen – und die Pandemie bewältigen wollen.

Drei Fragen an: Alex, Mitgründer eines Cocktail-Lieferdienstes

(Bild: ONEFORTHEROAD)

bento: Bei euch kann man frisch gemixte Cocktails für daheim bestellen. Wie kommen die Drinks zu mir nach Hause?

Alex: Du bestellst auf unserer Website und bezahlst per Paypal. Die Cocktails kosten um die zehn Euro, normale Hamburger Barpreise. Wir mixen den Drink in einer Bar auf dem Hamburger Schulterblatt. Anschließend liefern wir den Cocktail per Elektroroller mit Kühlboxen und Lieferrucksäcken zu dir nach Hause. Wir klingeln unten, du machst auf, wir stellen dir den Drink vor deine Fußmatte und sind wieder weg. Auf Trinkgeld verzichten wir aus Hygienegründen. Du bekommst zwei verschlossene Einmachgläser von uns, eins mit dem fertig gemixten Drink und eins mit Eiswürfeln, damit der Drink nicht auf dem Weg verwässert. Du musst nur ein Glas in das andere kippen und 15 Sekunden schütteln beziehungsweise rühren. Dann ist der Cocktail fertig.

(Bild: ONEFORTHEROAD)

bento: Wie wird euer Lieferservice angenommen?

Alex: Bis jetzt sehr gut. Viele Kunden – Gäste sagen wir nicht mehr, weil ja niemand bei uns zu Gast ist –, die bei uns bestellt haben, wollten ein paar Tage später gleich nochmal etwas ordern. Dadurch, dass man sich nicht besuchen darf, Freunde sich aber trotzdem kleine Geschenke machen wollen, nutzen viele Hamburger unseren Service genau dafür. Drinks als Geschenkidee hatten wir im Vorfeld gar nicht auf dem Schirm. 

Die leeren Gläser dürfen die Kunden anschließend behalten. Eine Bekannte von uns trinkt morgens ihren Kaffee daraus, eine andere hat in einer Shotflasche – Kurze kommen nämlich nicht im Glas – eine Blume gepflanzt. Man kann die Gläser aber auch über ein Pfandsystem bei uns zurückgeben. Wir spülen sie dann bei mindestens 60 Grad, damit auch alle potenziellen Viren abgetötet werden.

bento: In Bars ist es deutlich schwieriger, den Mindestabstand einzuhalten als in Restaurants. Gerade volle Kneipen sind ja eigentlich ein Qualitätsmerkmal. Vor welchen Problemen steht die Nachtgastronomie gerade?

Alex: Die Stimmung in der Branche ist düster. Ich kenne einige Läden, die an der Krise bereits zugrunde gegangen sind – sie konnten die Umsatzausfälle der letzten Wochen nicht mehr kompensieren. Warum auch immer werden geschlossene Bars und Kneipen von der Politik nicht als Problem gesehen. Uns fehlt die Rückendeckung. Das tut allen weh, egal ob Inhaberin oder Kellner. In der Gastronomie spielt das Trinkgeld eine wichtige Rolle. Das wird aber beim Kurzarbeitergeld nicht berücksichtigt. Deswegen sind Angestellte in unserer Branche von Gehaltskürzungen noch einmal mehr betroffen. Unser Lieferservice bietet uns gerade eine Perspektive und bringt tatsächlich auch etwas Geld. Trotzdem wünsche ich mir, dass Bars in den nächsten Wochen wieder aufmachen dürfen – rechne aber ehrlich gesagt nicht damit.


Fühlen

Warum ausgerechnet Deutschrap uns helfen könnte, mehr Geschlechter-Gerechtigkeit zu erreichen
Wer im Hip-Hop gehört wird, wird auch gesellschaftlich wahrgenommen

Ich muss zehn gewesen sein, als mir mein Cousin Aiman auf dem Handy einen richtig versauten Song vorspielte. Der Refrain brannte sich schnell in meinen Kopf ein: "Baby, bitte, bitte zeig mir deine Titten. Sei nicht immer gierig, mach es mir nicht schwierig!". Mein Cousin war etwas älter als ich. Er zeigte mir das Lied von DJ Tomekk heimlich und kichernd, während unsere Mütter im Wohnzimmer bei Tee über Rabatt-Aktionen bei Penny redeten.

Hip-Hop zeigte mir, dass meine Fantasien okay sind

Wir kommen aus einer konservativen christlich-arabischen Familie. Unseren Eltern hätte der Text sicherlich nicht gefallen. Doch ich fühlte mich rebellisch, wenn ich von da an die Melodie summte. Der Song zeigte mir: Es ist okay, an nackte Körper zu denken oder sexuelle Fantasien zu haben.

Heute weiß ich, dass der Song von DJ Tomekk leider einer von vielen frauenfeindlichen im Rap ist. Die Kampagne #UnHateWoman ließ einige Frauen kürzlich besonders sexistische Songtexte vorlesen. Ohne Beat und Drumherum wurde plötzlich offensichtlich, dass etwas nicht stimmt, wenn beispielsweise Fler rappt: "Ich will keine Frauen, ich will Hoes. Sie müssen blasen wie Pros". Als ich das Video sah, wurde ich nachdenklich. Als Halbstarker war mir der Sexismus solcher Lieder einfach nie aufgefallen.