In der Nacht zum 16. März war Marcel so sauer, dass er Jens Spahn eine E-Mail schrieb. Um zwei Uhr morgens sendete er sie ab. Er liebe seinen Beruf, schrieb Marcel, aber gerade sei er "perplex", "erschüttert", "traurig und verzweifelt". Darüber, dass der Bundesgesundheitsminister zwar qualifiziertes Pflegepersonal fordere, Marcel und seine Kolleginnen und Kollegen nun aber einfach aus der Schule geholt und auf Station geschickt würden – ohne genauen Plan, wie sich das in ihre Ausbildung einfügen soll.

Marcel ist 21 Jahre alt und angehender Krankenpfleger, vor Kurzem hat sein drittes Ausbildungsjahr begonnen. Seine Mitschüler und er gehören zu jenen, die in der Coronakrise als Heldinnen gefeiert werden. Zugleich leiden sie besonders unter der aktuellen Situation: Wie Ärztinnen und examinierte, also fertig ausgebildete, Pflegekräfte arbeiten auch Pflegeschüler unter großer Anspannung, mit oft unzureichender Ausrüstung. Dazu kommt die Angst um ihre persönliche Zukunft: Wie andere Azubis fragen auch sie sich, was nun aus ihrem Unterricht, aus ihren Prüfungen wird. Kann Ausbildung im Ausnahmezustand überhaupt noch funktionieren?

Drei Jahre dauert die Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger. Mindestens 2.100 Stunden Theorie und 2.500 Stunden Praxis müssen die Azubis am Ende vorweisen, um zum Examen antreten zu dürfen. Wann eine Klasse Berufsschule hat, wann Urlaub, wer wann auf welcher Station den Krankenhausalltag kennenlernt, folgt einem komplexen, lange im Voraus festgelegten Plan. Den hat Corona nun durcheinandergeworfen.

Überall wird improvisiert

Als Mitte März gemeinsam mit anderen Ausbildungseinrichtungen auch die Pflegeschulen geschlossen wurden, habe seine Klasse gerade in einem Theorieblock gesteckt, erzählt Marcel am Telefon. Der hätte noch zwei Wochen dauern sollen, dann war eine Woche Urlaub geplant und im Anschluss der nächste Praxisblock. Doch dann schickte die Schule eine E-Mail: Der Unterricht werde eingestellt, die Schüler müssten schon ab dem kommenden Montag auf ihre nächste Station, sie sollten sofort dort anrufen und ihre Dienste klären.

Marcel heißt wie alle Auszubildenden in diesem Text in Wirklichkeit anders, sie haben ohne Wissen ihrer Arbeitgeber mit bento gesprochen und fürchten berufliche Konsequenzen. Die Azubis, die hier zu Wort kommen, arbeiten in Kliniken in Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Nicht alle ihre Angaben lassen sich überprüfen, bento liegen aber Nachweise vor, dass sie in den jeweiligen Einrichtungen angestellt sind.

Ihre Situation ist beispielhaft für die von tausenden Pflegeschülern in Deutschland. Seit die Pflegeschulen geschlossen sind, wird überall improvisiert – wie, das unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland, von Schule zu Schule, von Krankenhaus zu Krankenhaus. Es gibt Azubis, die mit den improvisierten Lösungen zufrieden sind; es gibt aber auch viel Ärger und Unsicherheit.

„Wir müssen alle einfach nur funktionieren.“
Alina

Marcel arbeitet gerade auf einer Station für Innere Medizin. Weil viele Behandlungen verschoben wurden, sei nicht einmal die Hälfte der Betten belegt, erzählt er. Und weil die examinierten Pflegekräfte Minusstunden aufbauen sollen für den Fall, dass die große Corona-Welle noch kommt, seien deutlich weniger von ihnen da als sonst. Dafür stünden die Schülerinnen einander quasi auf den Zehen herum, weil alle gleichzeitig in den Einsatz geschickt worden seien. Wo sonst auf jeden Auszubildenden ungefähr drei Fachkräfte kämen, sei das Verhältnis nun eher eins zu eins: "Wir Schüler streiten uns um jeden klingelnden Patienten, weil wir sonst nichts zu tun haben", sagt Marcel. Und: "Wir sind auf uns allein gestellt. Wir aus dem dritten Jahr zeigen denen im ersten Jahr, wie man einen Verband wickelt oder Insulin spritzt."

Auch auf Janines Station liegen derzeit weniger Patientinnen als sonst. Trotzdem sei ihre Arbeitsbelastung hoch, sagt die 21-Jährige, die im Sommer ihren Abschluss machen soll. Weil das examinierte Personal in Vorbereitung auf eine mögliche Corona-Welle gerade Überstunden abbauen müsse, sei sie mit einer statt wie sonst mit zwei Kolleginnen für zwölf Patienten zuständig. "Wir brauchen also morgens sehr lange, um alle zu versorgen. Und wenn tagsüber drei Leute gleichzeitig klingeln, müssen wir rennen. Vielleicht müssen sie zur Toilette, und das muss schnell gehen."

Alina sagt, ihre Station sei immer unterbesetzt. Normalerweise sei das nicht so schlimm, weil die meisten Patienten dort wenig Unterstützung bräuchten. "Jetzt wurde aber eine andere Station geschlossen, weil viele ausländische Pflegekräfte wegen der Coronakrise weggeblieben sind, und viele schwere Pflegefälle wurden zu uns verlegt." Alina ist 25, sie soll nächstes Jahr ihr Examen machen. Zuletzt habe sie täglich Überstunden gemacht, sagt sie Anfang April am Telefon, nun sei sie für Zwölf-Stunden-Schichten eingeteilt – das Arbeitsministerium hat das in der Coronakrise erlaubt. Mit ihren Aufgaben komme sie zwar zurecht, "aber im Nachtdienst sind wir zu zweit für zwei Stockwerke zuständig, da habe ich schon Bammel, dass es einen Notfall gibt und die Schwester gerade in einem anderen Zimmer beschäftigt ist."

Keine Zeit zum Üben

Auch in der Pandemie dürften Auszubildende nicht überfordert werden, mahnen Interessensvertretungen wie der Deutsche Pflegerat und der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe. Sie dürften nur dann auf Station eingesetzt werden, wenn die Praxisanleitung sichergestellt sei: In mindestens zehn Prozent der Praxisstunden sollen die Azubis mit einer dafür ausgebildeten Pflegekraft üben, so sieht es die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung vor.

Alina und Marcel zufolge ist das in ihren Einrichtungen gerade nicht der Fall. Niemand habe mehr Zeit, ihr neue Dinge beizubringen, sagt Alina: "Wir müssen alle einfach nur funktionieren." Und Marcel vermutet, dass in nächster Zeit viele Praxisanleitungen in die offiziellen Formulare eingetragen werden, die niemals stattgefunden haben. "Am Ende der Ausbildung wird man sich fragen, warum wir das nicht können", sagt er, "wenn doch auf dem Zettel steht, dass die Anleitung durchgeführt wurde."

„Die Ausbildung war von Anfang an bis zum Examen durchgeplant.“
Marcel

Und nicht nur die Unterstützung in der Praxis fehlt: Alina, Janine und Marcel haben auch Unterrichtszeit verloren, alle sagen, bei ihnen seien ein bis zwei Wochen Schule ausgefallen. Dass als Ausgleich irgendwann ein Praxisblock gestrichen und der verpasste Unterricht nachgeholt wird, glaubt niemand von ihnen. "Unser Studienplan gibt das nicht her, die Ausbildung war von Anfang an bis zum Examen durchgeplant", sagt Marcel. Lernen müssen sie die Inhalte trotzdem – zuhause, am Abend oder am Wochenende, zwischen ihren Schichten auf der Station.

Janine erzählt, ihre Klasse habe eine lange Liste an Hausaufgaben zum Thema Covid-19 bekommen. "Mit den Inhalten der eigentlichen Ausbildung haben die wenig zu tun." Die Azubis sollen zum Beispiel ein Corona-Tagebuch führen, in dem sie sich mit den aktuellen Fallzahlen und der Medienberichterstattung auseinandersetzen und ihre Gefühle reflektieren. "Neben der Arbeit auf der Station und der Vorbereitung auf unsere Abschlussprüfungen ist das ein zusätzlicher Faktor, der ganz schön stresst", sagt sie. Zumal der Klasse auch noch der zweiwöchige Urlaub im Mai gestrichen worden sei, in dem Janine für die Prüfungen im Sommer lernen wollte.

Wird es überhaupt Prüfungen geben?

Noch wissen Janine und ihre Mitschülerinnen nicht einmal, wann und wie ihre Abschlussprüfungen stattfinden werden. Auch die Schulen wissen das oft noch nicht. Ulrich Wirth etwa, der Leiter des Schulzentrums am Universitätsklinikum des Saarlands, überlegt derzeit: Haben wir Räume, die groß genug sind, damit die Auszubildenden bei den schriftlichen Prüfungen mit zwei Metern Abstand sitzen können? Können wir die praktischen Prüfungen als letzte durchführen, im Spätsommer? Wird sich die Lage bis dahin ausreichend normalisiert haben, dass sich Schüler, Prüferinnen und Patienten in einem Zimmer aufhalten können? Wenn nicht, können wir die praktischen Prüfungen an Puppen durchführen?

Den Azubis solle durch die Coronakrise kein Nachteil entstehen, sagt auch Mandy Dietel, die Ausbildungskoordinatorin des Klinikkonzerns Helios. "Wir tun alles, damit unsere Auszubildenden ganz regulär ihre Prüfungen machen können und im August oder September ihren Abschluss haben. Wenn jemandem Theoriestunden oder Praxisanleitungen fehlen, werden wir Möglichkeiten finden, sie nachzuholen, damit alle ihre Ausbildung ohne Verzögerung abschließen können."

Marcel sorgt sich, dass genau das bei ihm und seinen Kolleginnen womöglich nicht klappt. "Manche aus meinem Kurs wurden von ihrer Station abgezogen, um in einem Altenheim auszuhelfen", sagt er, "aber wenn sie ihre Pflichtstunden nicht erreichen, werden sie nicht zum Examen zugelassen."

Eine Online-Petition warnt, angesichts der aktuellen Situation von Pflegeschülern sei "eine faire Prüfung in diesem Jahr nicht möglich". Sie fordert, die Abschlussprüfungen ganz ausfallen zu lassen und die Examensnoten stattdessen aus den Noten des letzten Schuljahres zu berechnen. Knapp 3.500 Menschen haben bislang unterschrieben.

Ob das etwas bringt? Marcel glaubt nicht daran. Aber er stimmt der Forderung der Petition zu. Die Auszubildenden würden ohnehin oft als volle Kraft gezählt, trügen viel Verantwortung, sagt er, ein Examen sage wenig darüber aus, ob jemand eine gute Pflegekraft sei. Dass seine Kollegen und er ständig einspringen müssten, auf ihre Freizeit verzichteten, sich nicht einmal trauten, sich krank zu melden, das beklagte Marcel auch in seiner E-Mail an Gesundheitsminister Spahn.

Einige Tage nach dem ersten Gespräch mit bento meldet sich Alina noch einmal: Ihr Arbeitgeber habe ihr gekündigt. Im Kündigungsschreiben, das bento vorliegt, ist kein Grund genannt – Alina war noch in der Probezeit, in der keine Begründung nötig ist. Alina sagt, sie habe die Kündigung kurz nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus erhalten. Mehrere Tage habe sie mit hohem Fieber und Atemproblemen dort gelegen, die Diagnose, so Alina: Covid-19.


Gerechtigkeit

Krankenversicherung und Arbeitslosengeld: Warum Portugal Ausländern jetzt Bürgerrechte gibt

Vor einem Virus wie Corona seien alle gleich, heißt es, es mache keinen Unterschied zwischen arm und reich, zwischen schwarz und weiß. Das stimmt natürlich nur bedingt, da auch diese Krise diejenigen am härtesten trifft, die schon vorher um ihre Existenz kämpfen mussten; wie Obdachlose, Geflüchtete in zu engen Unterkünften in Deutschland oder in Elendslagern auf Lesbos.

Ein europäisches Land hat daher Maßnahmen beschlossen, um besonders gefährdeten Menschen zu helfen, nämlich denen ohne dauerhaften Aufenthaltstitel:

In Portugal bekommen alle Ausländerinnen und Ausländer, die vor dem 18. März eine Aufenthaltsgenehmigung oder Asyl beantragt haben, diese vorübergehend erteilt. Damit genießen diese Menschen zunächst bis zum 1. Juli volle Bürgerrechte, inklusive Krankenversicherung und Anrecht auf Arbeitslosengeld. (SPIEGEL)

Dokumente, die den Eingang eines entsprechenden Antrags bestätigen, sollen genügen, um eine Krankenversicherungsnummer zu erhalten. Auch Menschen, deren Visum nach dem 25. Februar verfallen ist, dürfen ohne Verlängerung bis mindestens 30. Juni in Portugal bleiben. (Publico)

Zuvor hatten sich mehr als zwanzig Immigrantenverbände und NGOs in einem offenen Brief an die Staatssekretärin für Migration und Integration, Cláudia Pereira, gewandt. Darin äußerten sie sich besorgt über die Situation von Menschen mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus.

"Die Maßnahmen der Regierung waren eine große Überraschung für uns", sagt Inês. "Eine großartige Entscheidung, die vielen Menschen sehr hilft." Die 26-jährige engagiert sich bei der Associação Olho Vivo, die zu den Verfassern des offenen Briefs gehört.