Bild: LMU München
Vier Doktoranden über ihre Forschungsarbeit in der Coronakrise, Generationenkonflikte und Jobs in der Wissenschaft.

Wenn vier junge Forscherinnen und Forscher in München um ein Telefon im Lautsprecher-Modus sitzen und mit einem Reporter in Hamburg telefonieren, anstatt sich persönlich zu treffen, dann ist Coronakrise. Die vier Doktorandinnen und Doktoranden Alina, 28, Liangliang, 26, Jan Hendrik, 28, und Leonard, 26, sind die jüngsten Mitglieder eines Teams um den Virologen Gerd Sutter, das an der Ludwig-Maximilians-Universität in München an einem Corona-Impfstoff forscht. 

Die Zeit bei der Suche nach einem Impfstoff rennt, die Erwartungen der Gesellschaft an die Wissenschaft sind groß. Vor einigen Wochen wurden in den USA potenzielle Corona-Impfstoffe sogar schon an Menschen getestet. Dass dies ausnahmsweise in einem so frühen Forschungsstadium möglich ist, hat die Weltgesundheitsorganisation WHO Mitte Februar beschlossen (SPIEGEL, €). Auch in Deutschland wurde nun erstmals eine Zulassung für die klinische Prüfung von Corona-Impfstoffen erteilt. Bis feststeht, ob eine Impfung wirklich hilft, wird es Monate dauern (SPIEGEL).

In München tüftelt das Team um die vier jungen Forschenden an einem vektorbasierten Impfstoff gegen das Coronavirus. Dafür wird Viruserbmaterial mithilfe eines anderen Virus in menschliche Zellen eingeschleust. Die Wissenschaftler wollen einen Pocken-Impfstoff als Transportvehikel für Erbmaterial des neuartigen Coronavirus nutzen. Diese Methode haben sie bereits gegen das verwandte Mers-Virus in einer kleineren Studie getestet. (SPIEGEL, €)

Vor Corona gab es kaum öffentliche Aufmerksamkeit für die Virologie. Jetzt, auf der Suche nach einem Impfstoff, steht das Fach plötzlich im Blickpunkt. Wie fühlt sich das für junge Forschende wie Alina, Liangliang, Jan Hendrik und Leonard an? Wir haben mit ihnen über die Arbeit im Labor, Generationenkonflikte und Chancen für die Wissenschaft gesprochen.

Die jungen Forschenden

Alina Tscherne, 28, hat ihren Bachelor in Molekularbiologie an der Karl-Franzens-Universität in Graz absolviert und danach im Master Humanbiologie mit Schwerpunkt Zellbiologie an der Philipps-Universität in Marburg studiert. Anschließend war sie Technische Assistentin am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München. Seit 2018 schreibt sie an der LMU ihre Doktorarbeit.

Liangliang Nan, 26, hat im Bachelor Tiermedizin an der Henan University of Science & Technology in Luoyang, China, studiert und ein Masterstudium der Tiermedizin an der Northwest Agriculture & Forestry University in Xianyang, China, angeschlossen. Seit 2018 arbeitet sie an der LMU an ihrer Doktorarbeit.

Jan Hendrik Schwarz, 28, hat sechs Jahre Tiermedizin an der LMU studiert. 2017 erhielt er die Approbation zum Tierarzt. Seit 2017 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand an der LMU.

Leonard Limpinsel, 26, hat ebenfalls sechs Jahre lang Tiermedizin an der LMU studiert, mit Abschluss und Approbation. Seit 2019 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand an der LMU.

von links: Jan Hendrik, Alina, Leonard und Liangliang.

(Bild: LMU München)

bento: Rettet ihr gerade die Menschheit?

Leonard: Wir versuchen unser Möglichstes, als Team irgendwie einen Beitrag zur Bekämpfung des Virus zu leisten. Wir sind eines von vielen Instituten weltweit, die damit beschäftigt sind, einen Impfstoff herzustellen oder Grundlagenexperimente und Studien durchzuführen. Unser aller Ziel ist es, das Virus besser zu verstehen. Alle Erkenntnisse tragen am Ende zur Lösung der Krise bei.

bento: Vier Impfstoffe eines Mainzer Unternehmens werden ab jetzt an Menschen getestet. Wieso sind weitere Forschungsprojekte, wie eures, trotzdem sinnvoll?

Alina: In der Wissenschaft ist es sinnvoll und auch immer nötig, verschiedene Strategien zu verfolgen. Momentan werden genauso bei der Impfstoffentwicklung unterschiedliche Plattformen genutzt, mit einem gemeinsamen Ziel. Welche am Ende am effektivsten und wirkungsvollsten ist, wird sich noch zeigen und deswegen ist es jetzt wichtig, möglichst viele Ansätze zu verfolgen.

bento: Bei aller Dramatik der aktuellen Lage, ist die derzeitige Situation vielleicht auch eine Chance für junge Forschende, sich gerade jetzt zu profilieren?

Leonard: Es ist leichter, mit Daten hervorzustechen als es vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt der Fall wäre. Aber: Unser Ziel ist es natürlich überhaupt erstmal einen Beitrag zu leisten, der persönliche Vorteil spielt dabei keine Rolle.

bento: Was wären denn Situationen, in denen junge Forscherinnen und Forscher besonders herausstechen könnten?

Leonard: Für junge Forschende sind es immer bedeutende Momente, wenn sie ihre Erkenntnisse mit der wissenschaftlichen Community teilen können – sei es als Veröffentlichung oder bei einem Vortrag vor den Koryphäen des jeweiligen Bereichs.

bento: Drei von euch haben Tiermedizin studiert. Der Impfstoff soll ja aber für den Menschen sein. Warum seid ihr trotzdem qualifiziert?

Hendrik: Das Forschungsfeld der Virologie ist kein abgegrenztes Fach. Vielmehr ist die Bekämpfung von Virusinfektionen ein multidisziplinäres Feld, bei dem sich einzelne Fächer wie Humanmedizin, Tiermedizin und Biochemie zu einem Puzzle zusammenfügen. Bei SARS-CoV-2 handelt es sich um eine Zoonose, also eine Infektionskrankheit, die vom Tier zum Mensch übertragen wurde. Ein bedeutender Anteil veterinärmedizinscher Arbeiten beschäftigt sich mit Infektionskrankheiten. Daher ist es nur logisch, dass auch wir bei dieser Zoonose unsere Expertise einbringen müssen. 

bento: Was könnt ihr zu Projekten beitragen, das ältere Kolleginnen und Kollegen nicht mitbringen?

Liangliang: Wir sind essenziell für Forschungsprojekte. Oft sind junge Wissenschaftler die treibenden Kräfte bei der Laborarbeit und somit auch bei der Generierung von Daten für wissenschaftliche Veröffentlichungen entscheidend. Die ältere Generation hat einen riesigen Beitrag für die Gesellschaft geleistet, das ist unstrittig. Ältere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können Sachverhalte sehr gut und schnell bewerten. Unter ihrer Anleitung können junge Forschende neue Ideen einbringen, das alles trägt zum Erfolg eines Projekts bei.

bento: Welche Rolle spielt Erfahrung?

Liangliang: Davon haben wir zwar weniger, aber wir haben trotzdem ehrgeizige Ziele, die wir erreichen wollen. Und junge Forschende haben nicht so viel Angst, etwas falsch zu machen. Wenn Probleme auftreten, denken sie sehr flexibel.

bento: Was müsste passieren, damit sich mehr junge Menschen für die Wissenschaft begeistern? Gerade gibt es ja viel öffentliche Wertschätzung für den Beruf. Hilft das?

Leonard: Ich denke, auch jetzt gibt es schon viele junge Menschen, die sich für die Wissenschaft begeistern. Natürlich helfen öffentliche Wertschätzung und mehr Transparenz dabei und tun dem Berufsfeld gut. Wenn dann noch die entsprechende Finanzierung der Institute gewährleistet ist, sehe ich gute Chancen für die Wissenschaft.

bento: Apropos Finanzen: Gerade Menschen in unserem Alter sind in der Wissenschaft oft prekär angestellt. Habt ihr manchmal Zukunftssorgen?

Alina: Es stimmt, sichere Jobs in der Forschung sind leider selten. Viele Stellen sind projektgebunden, für die ist man nur zwei oder drei Jahre angestellt. Danach muss man schauen, wie es weitergeht. Auf der anderen Seite hat man dadurch aber auch die Möglichkeit, mal den Forschungsbereich zu wechseln. Es ist nicht wie bei anderen Jobs, in denen man 30 Jahre das Gleiche macht.

bento: Seht ihr neben den aktuellen Herausforderungen auch Chancen für die Wissenschaft, für euren eigenen beruflichen Weg?

Hendrik: Die Coronakrise zeigt, wie wichtig und von grundlegender Bedeutung die Wissenschaft für unser gesamtes Gesellschaftssystem ist – nicht nur national, auch weltweit. Wir hoffen, dass Forschende aus allen Ländern die Chance nutzen, in Zukunft noch enger zusammenzuarbeiten. Andererseits hoffen wir auch, dass die derzeitige Situation aufzeigt, dass viele Sachverhalte und somit Wissenschaften global zusammenhängen. Es wäre wünschenswert, wenn ein Bewusstsein in der weltweiten Gesellschaft dafür wächst, dass beispielsweise auch unser Konsumverhalten solche Pandemien mitverursacht. 


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