Bild: Sema Kalayci / baldaja - eine Marke der Expert Travel GmbH
Berufe so erklärt, dass auch deine Eltern sie verstehen

Berufe so erklärt, dass auch deine Eltern sie verstehen

Als wir klein waren, fragten unsere Eltern, was wir werden wollen. Feuerwehrmann vielleicht? Oder Lehrerin? Traditionsberufe, unter denen sich jeder etwas vorstellen kann. Nun haben wir Berufe mit Namen wie Data Scientist oder Junior SEO Analyst. Und unsere Eltern fragen ratlos: Was machst du eigentlich? In dieser Reihe erklären wir es ihnen.

Thomas Schäfer, 27, ist Chief Digital Officer bei einem Unternehmen, das Geschäftsreisen organisiert.

bento: Thomas, wie haben deine Eltern reagiert, als du gesagt hast, dass du Chief Digital Officer wirst?

Thomas Schäfer: Gleich nachdem ich die Zusage bekommen hatte, rief ich meine Eltern an und erzählte ihnen von meinem neuen Job. Wie der heißt, erwähnte ich aber gar nicht. Für meine Mutter ist alles, was mit Digitalisierung zu tun hat, schlicht irgendwas mit Computern. Sie sagt, sie sei stolz auf ihren Sohn, aber was er beruflich mache, verstehe sie nicht. Das ist schon irgendwie verrückt: Ich unterstütze Unternehmen dabei, digitaler zu arbeiten. Aber ich schaffe es nicht, meiner Mutter zu erklären, was Digitalisierung ist.

bento: Was machst du als Chief Digital Officer genau?

Thomas: Ich beobachte digitale Trends und Entwicklungen und helfe Firmen dabei, darauf zu reagieren und Veränderungen auf dem Markt nicht zu verschlafen. Gerade arbeite ich für ein Unternehmen, das Geschäftsreisen organisiert. Die sind häufig komplizierter als Urlaubsreisen: Oft werden mehrere Ziele nacheinander besucht, manchmal nur für wenige Stunden. Es gibt ein vorgegebenes Budget, die Anschriften auf den Hotelrechnungen müssen stimmen und die Abrechnungen über die Firmenkreditkarte laufen. Das alles in einen komplett digitalen Buchungsprozess zu integrieren und so zu optimieren, dass der User – also der Kunde, Partner oder Mitarbeitende – im Fokus steht, ist meine Aufgabe. 

bento: Das gab es vorher noch nicht? 

Thomas: Mein Arbeitgeber ist ein mittelständisches Unternehmen. Bevor ich dort angefangen habe, lief viel über externe Anbieter, dadurch waren auch die Kundendaten überall verteilt. In Zukunft sollen Online-Buchungen komplett bei uns stattfinden, alles in einer Software. Eines meiner aktuellen Projekte ist, die Daten und Kooperationspartner dafür zu beschaffen. Zurzeit habe ich sehr viele Termine mit Fluggesellschaften, der Bahn und Hotelketten.

bento: Warum ist dein Job wichtig?

Thomas: Durch die Digitalisierung verändern sich Wirtschaft und Arbeitswelt – und es wird immer wichtiger, da mitzukommen. Gerade mittelständische Unternehmen können sich aber nicht leisten, bei allem mitzumachen. Deshalb brauchen sie Unterstützung und eine professionelle Einschätzung, was sich für sie lohnt und was nicht.

bento: Corona bestimmt gerade alles, Geschäftsreisen sind eigentlich nicht mehr möglich. Inwiefern beeinflusst das deine Arbeit?

Thomas: Die Entwicklungen rund um Corona betreffen uns alle und stellen uns vor nie dagewesene Herausforderungen. Zurzeit befinden sich alle unsere Mitarbeitenden im Homeoffice – auch meine Reisen und Vor-Ort-Termine sind abgesagt. Wir versuchen jetzt, unser Geschäftsmodell zu erweitern und eine Art Connecting-Business-Tool für virtuelle Veranstaltungen zu entwickeln, um unseren Kunden trotz weltweitem Reiseverbot einen Mehrwert zu bieten. Aber mehr kann ich an dieser Stelle noch nicht verraten.

bento: Abseits von Corona – wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus?

Thomas: Mein Arbeitgeber sitzt in Oberhausen, ich wohne in Berlin. Darum arbeite ich sehr viel im Homeoffice und bin nur etwa alle zwei Wochen im Betrieb. Wenn ich zu Hause bin, recherchiere ich morgens als erstes, was es auf dem Digitalmarkt Neues gibt – denn da auf dem Laufenden zu bleiben, ist eine meiner wichtigsten Aufgaben. Ich schaue mir zum Beispiel spezialisierte YouTube-Videos an. Oder ich treffe mich zum Frühstück mit Experten, zum Beispiel mit Spezialisten für digitale Reiseplattformen, Softwareentwicklerinnen, Daten-Analysten oder Forscherinnen. Sollten wir aus Nachhaltigkeitsgründen eher auf Zugreisen setzen? Finden Geschäftstermine bald in der virtuellen Realität statt? Was bedeutet das für uns als Unternehmen? Solche Fragen versuche ich zu klären.

bento: Und danach? Wie geht dein Tag weiter?

Thomas: Danach bespreche ich mit der Geschäftsführung, wie wir meiner Meinung nach fortfahren sollten, was meine Ideen und Vorschläge sind und wie ich meine Projekte priorisiere. Ich bin auch mit den Mitarbeitenden in Kontakt und unterstütze vor allem das Entwicklerteam. Und zuletzt bereite ich das vor, was ich Digital Fitness nenne: Wenn ich vor Ort im Betrieb bin, gebe ich Workshops zu Themen wie virtueller Realität oder künstlicher Intelligenz. Oder berate Mitarbeitende einzeln, wenn sie das wünschen – sie sollen ja weitergebildet werden und digital fit bleiben.

bento: Dein alltäglicher Job klingt so, als wäre er eher projektgebunden: Wenn die Firma digitalisiert ist und alle fit sind, zieht der CDO weiter. Ist das so?

Thomas: Man kann sich ein Projekt vornehmen und dann weiterziehen, ja. Gerade wenn man für Unternehmensberatungen arbeitet, läuft das so. Dann ist man aber kein CDO, sondern Unternehmensberater mit entsprechender Spezialisierung. Die Digitalisierung eines Unternehmens ist nie ganz abgeschlossen, weil es immer neue Entwicklungen gibt. Da muss man am Ball bleiben – und dafür gibt es festangestellte CDOs.

bento: Arbeiten die denn in allen Unternehmen gleich?

Thomas: Wie ein CDO arbeitet, kommt ganz darauf an, was sich das Unternehmen wünscht, welche Ziele es hat und wie groß es ist. Es gibt bei der Digitalisierung zwei Herangehensweisen. Ich bin für Transformation. Das heißt: Ich versuche, die Mitarbeitenden weiterzubilden und die Digitalisierung des Unternehmens mit ihnen gemeinsam zu gestalten. Andere CDOs halten davon nicht viel, weil es häufig schwer ist, alte Denkmuster zu verändern, und weil es oft auch organisatorische Probleme gibt, etwa alte Kundenverträge oder überholte IT-Systeme. Sie versuchen eher, die Digitalabteilung auszugründen und alles neu aufzubauen – also auch neue Mitarbeitende einzustellen, die schon digital fit sind.

bento: Was hast du gelernt, um Chief Digital Officer zu werden? 

Thomas: Ich habe Wirtschaftsinformatik studiert. Nach meinem Bachelor arbeitete ich erst als festangestellter Berater und Entwickler für Cloud-Technologien, nebenberuflich gründete ich ein Start-up – in Zusammenarbeit mit meinem heutigen Arbeitgeber. Wir wollten es ermöglichen, Geschäftsreisen über Facebook Messenger oder WhatsApp zu buchen. Nach zwei Jahren wechselte ich in eine mittelständische IT-Beratung, weitere zwei Jahre später in die strategische Beratung. Dabei blieb ich in Kontakt mit meinem heutigen Arbeitgeber, im vergangenen Jahr boten mir die beiden Geschäftsführer dann die Position als CDO an.

bento: Welche besonderen Fähigkeiten brauchst du in deinem jetzigen Job?

Thomas: Gerade wer wie ich für Transformation ist, braucht Einfühlungsvermögen: Man kommt von außen in ein Unternehmen und sieht, was alles verändert werden kann. Man darf aber nicht vergessen, dass das Unternehmen über Jahre von Menschen aufgebaut wurde – und dass sie sich etwas dabei gedacht haben. Wertschätzung, Rücksicht und Respekt für das, was bisher war, ist sehr wichtig. Außerdem sollte man motiviert sein, denn nur so kann man andere von seinen Ideen überzeugen. Und natürlich ist analytisches Denken wichtig: Man muss die Situation im Unternehmen erfassen können, strukturieren und planen.

bento: Wie viel verdient man als CDO etwa?

Thomas: Ab 60.000 Euro brutto im Jahr ist alles möglich. In Konzernen ist die Stelle im hohen Management angesiedelt, da kann man mit der entsprechenden Berufserfahrung Millionen verdienen. 

bento: Welchen Aspekt deines Jobs magst du am liebsten?

Thomas: Das Vertrauen der Mitarbeitenden und der Geschäftsführung. Ich verändere so viel an dem, was sie jeden Tag tun – und sie nehmen meine Vorschläge an und gehen den Weg der Transformation mit. Das ist eine große Ehre.


Gerechtigkeit

Doppelt ausgesperrt: Wie Geflohene an den EU-Außengrenzen überleben
Wir haben mit Menschen auf dem Balkan und in Nordafrika über ihre Lage gesprochen.

Zied Abdellaoui kann die Europäische Union (EU) sehen. Er sei gerade im "letzten muslimischen Örtchen des Balkans", schreibt er bento auf Facebook. Der Ort heißt Velika Kladuša und liegt im Nordosten von Bosnien-Herzegowina. Er grenzt direkt an Kroatien, und damit direkt an die EU. 

Von der Moschee im Stadtzentrum sind es genau 930 Meter bis zur Grenze – und doch bleiben diese 930 Meter für Zied unüberwindbar. Eine Grenzpolizei hält jeden zurück, der hinüber will.

Kroatien ist EU-Mitglied, Bosnien-Herzegowina jedoch nicht. Zied kommt aus Tunesien und will in einem EU-Land Asyl beantragen, seine Aussichten: schlecht. Denn seit Europa sich wegen der Corona-Pandemie abschottet, sind gleich zwei Dinge schwieriger geworden: 

  1. Nach Europa zu kommen
  2. An der Außengrenze zu überleben