Die vierte Folge unserer Serie "Mein erstes Jahr im Job"

Luisa*, 28, arbeitet als Projektreferentin bei einem Verein, der sich gegen Diskriminierung einsetzt. Ihr Job bedeutet ihr so viel, dass sie sich schon im ersten Jahr übernahm. Und ein Burn-out bekam.

Mein erstes Jahr im Job

Der Einstieg ins Berufsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. Man weiß noch nicht, wie eine Gehaltsverhandlung abläuft, ist überfordert von den vielen Aufgaben und neuen Menschen – oder im Gegenteil: langweilt sich schon nach den ersten Wochen. In der Serie "Mein erstes Jahr im Job" sprechen wir mit Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern über ihren Start ins Arbeitsleben. Du hast auch etwas zu erzählen? Dann schreib uns an uniundarbeit@bento.de.

"Als ich einmal schon morgens nach dem Aufwachen weinte, ohne zu wissen, warum, merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Das war im August 2019, seit etwas mehr als einem Jahr arbeitete ich in meinem ersten Job. Ich bin Projektreferentin bei einem Verein, der sich für benachteiligte Personen und Minderheiten einsetzt. Das können Menschen mit Migrationshintergrund sein oder auch Frauen. Als Referentin kümmere mich um Öffentlichkeitsarbeit, organisiere Fachtagungen und halte Vorträge.

Schon in meinem Studium der Erziehungswissenschaften spezialisierte ich mich auf Diskriminierung. Das Thema liegt mir am Herzen, auch weil ich selbst einen Migrationshintergrund habe. Als ich nach dem Master die Stelle bei dem Verein bekam, war ich überglücklich. Ich durfte einen Job machen, der mir etwas bedeutet. Dazu wurde ich gut bezahlt, schon das Einstiegsgehalt lag bei 3200 Euro brutto pro Monat – und das bei einer 35-Stunden-Woche. Die Arbeit wurde schnell zu meinem Lebensmittelpunkt. Das hatte Folgen. 

Im ersten Berufsjahr verausgabte ich mich so, dass ich ein Burn-out bekam, dahinter steckte eine Depression. Lange bemerkte das niemand, weil ich weiter zur Arbeit ging, Sport machte und Freunde traf. Viele denken, depressive Menschen könnten nicht mehr aufstehen, würden tagsüber im Bett liegen, nicht mehr duschen und den Haushalt vernachlässigen. Ich dagegen konnte nicht mehr abschalten.

Schwierig wurde es, als ich eingearbeitet war. Ich hatte das Gefühl, plötzlich alles können zu müssen und verspürte extremen Druck. Damals organisierte ich mehrere Tagungen, es ging um viel Geld. Ich wollte keine Fehler machen, niemanden enttäuschen. In dieser Zeit stieg ich die Stresstreppe immer weiter hoch: Ich arbeitete mehr, bekam gutes Feedback und arbeitete noch mehr. Immer wollte ich es besser machen als zuvor, ich war nie zufrieden mit mir.

„Der Leistungsdruck übertrug sich auf mein Privatleben.“
Luisa

Ab Mai 2019 bemerkte ich auch in meinem Alltag kleine Veränderungen. Bei unwichtigen Kleinigkeiten brach ich sofort in Tränen aus, etwa, wenn mir eine Schüssel in der Küche runterfiel. Zu Hause ließ ich rund um die Uhr Netflix laufen und hörte Podcasts, bis ich einschlief. Es war, als wollte ich nicht mit mir und meinen Gedanken allein sein. Am Wochenende machte ich mehrmals täglich Sport: morgens ein Workout in der Wohnung, mittags eine Kanutour, abends mit dem Rad durch die Stadt. Der Leistungsdruck übertrug sich auf mein Privatleben. Ich unternahm viel, verabredete mich noch öfter mit Freundinnen. Nur konnte ich mich nicht auf die Gespräche konzentrieren, sondern war im Kopf immer bei meinen beruflichen Projekten.

In Therapie

Im August riet mir eine Freundin schließlich zu einer Psychotherapie. Erst zweifelte ich, ob es mir schlecht genug ging. Ich dachte, ich würde das selbst in den Griff bekommen. Meine Freundin blieb dran und überredete mich, Mails an einige Praxen zu schreiben. Einen Monat später bekam ich einen Termin bei einer Psychotherapeutin, sie diagnostizierte eine mittelschwere Depression. Ich hätte nicht gedacht, dass es bereits so schlimm war. 

Erst nahm ich mir nur eine Woche Urlaub. Ich glaubte wirklich, dass es danach besser sein würde. Natürlich war es das nicht.

Nach nur vier Wochen Wartezeit bekam ich einen Therapieplatz, das war im September vergangenen Jahres. Jeden Donnerstag ging ich zu meiner Psychotherapeutin, wir redeten, analysierten mein Verhalten und meine Gefühle. Dabei musste ich mir eingestehen, dass meine Anforderungen an mich selbst extrem waren. Ich litt unter meinem Perfektionismus und dem Stress, den ich mir selbst auferlegte – beruflich und privat. 

„Ich konnte die Arbeit nur schwer liegen lassen.“
Luisa

Meine Kolleginnen wussten von Anfang an von der Therapie. Ich kommunizierte offen, dass ich ein Burn-out hatte, die Diagnose empfand ich als erleichternd – wie eine Legitimation, mich schlecht fühlen zu dürfen. Die Termine mit meiner Therapeutin trug ich in unseren Kalender ein. 

Trotz Therapie war der Anspruch an mich selbst noch immer hoch, ich konnte die Arbeit nur schwer liegen lassen. Also bat ich im Büro um Hilfe: Ich wusste, dass ich keine Aufgaben ausschlagen oder abgeben würde, also sollten die anderen etwas auf mich achten. Und das taten sie: Meine Kolleginnen unterstützten mich, erkundigten sich ab und an nach meinem Arbeitspensum. Von da an machte ich nur noch selten Überstunden. 

Auch wenn es mir schlecht ging, dachte ich nie daran, zu kündigen. Das Problem sah ich eher bei mir, nicht bei dem Job. 

Gruppentherapie mit den Kollegen

Seit ich bei dem Verein arbeite, habe ich dort ein paar Dinge verändert und neue Arbeitsstrukturen geschaffen, die auch mir helfen. Zum Beispiel habe ich ein wöchentliches Meeting eingeführt, damit wir uns regelmäßig absprechen. Ich mag Zeitpläne, Struktur und definierte Aufgabenbereiche. Daran mussten sich die anderen im Team erst gewöhnen, einige arbeiteten doch eher chaotisch.

Außerdem engagierte ich für sechs Monate eine Unternehmensberaterin, die mit uns einmal in der Woche über unsere Arbeit sprach. Noch eine Therapie, aber diesmal eben im Kollegenkreis. Wir analysierten, wie jeder gut arbeiten kann und wir trotzdem als Team funktionieren. Dabei habe ich gelernt, dass ich besser ganze Projektbereiche abgeben sollte als nur einzelne Zwischenschritte. Es macht mich sonst nur nervös, ständig nachfragen zu müssen. Dafür musste ich meinen Perfektionismus ablegen und akzeptieren, dass ich und auch die anderen nicht immer Bestleistungen erbringen können.

Heute kann ich mich viel besser von meinem Beruf abgrenzen und bin entspannter im Alltag. Die Therapie geht langsam zu Ende. Ich glaube, ich habe das Schlimmste überwunden."

*Damit unsere Protagonistinnen und Protagonisten offen von ihrem Berufseinstieg erzählen können, ohne Nachteile fürchten zu müssen, bleiben sie hier anonym. Ihre Namen sind der Redaktion bekannt.


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