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2128

2128 – so viele Soldaten der Bundeswehr waren bei Dienstantritt im vergangenen Jahr noch minderjährig. Ein neuer Rekord. Und rund drei mal mehr als noch 2011.  

Die Bundeswehr wirbt gezielt um junge Menschen, weil sie dringend Nachwuchs braucht. Derzeit sind rund 179.000 Soldaten und Soldatinnen bei der Bundeswehr aktiv (bundeswehr.de) – weniger, als sich das Verteidigungsministerium wünscht. Seit der Wehrdienst abgeschafft wurde, ist es schwieriger, Nachwuchs zu finden. 

Bei der Suche wird verstärkt auf Social Media gesetzt. Es gibt aufwendig produzierte Web-Serien wie "Mali", und "Die Rekruten". Wir haben die Serie mit einem ehemaligen Soldaten geschaut. Sein Urteil: Vieles wirkt inszeniert und verharmlosend. (bento)

Das Verteidigungsministerium argumentiert, dass es völlig selbstverständlich sei, auch Minderjährige anzusprechen. Der Großteil der Schulabgänger sei unter 18.

Die Zahl von 2128 minderjährigen Rekruten löste aber eine hitzige Debatte aus: Ist eine Ausbildung beim Bund wirklich wie jede andere? Und sollten Minderjährige dem entsprechend aufgenommen werden, als wäre Soldat ein Beruf wie jeder andere?

Ist man mit 17 reif genug, sich für eine Ausbildung zu entscheiden, bei der auch das gezielte Töten von Menschen Teil des angestrebten Berufes sein kann?

"Minderjährige in der Bundeswehr, das muss die Ausnahme sein", fand sogar der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Hans-Peter Bartels. Und die Linken-Politikerin, die die Zahlen angefragt hat, Evrim Sommer, meint: "Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat offenbar keine Skrupel, die Nachwuchsgewinnung immer weiter vorzuverlegen." (RP Online) Auch Friedensinitiativen der Kirche kritisieren die Entwicklung.

Die Bundeswehr sieht hingegen kein Problem. "Diese Ausbildung steht vollständig im Einklang mit den internationalen Abkommen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen", so die nüchterne Auskunft einer Sprecherin auf bento-Anfrage. 

Sind minderjährige Soldaten Kindersoldaten?

Das wäre eine strenge Interpretation des Wortes "Kindersoldat": Im vergangenem Jahr waren 96 Prozent der Frauen und Männer, die mit 17 zu Soldaten ausgebildet wurden, am Ende der Ausbildung bereits volljährig. (Tagesschau)

So steht Wort gegen Wort, Meinung gegen Meinung – aber wie sehen es eigentlich die minderjährigen Soldaten? Sind sie so naiv, wie ihnen von manchen vorgeworfen wird? Was erhoffen sie sich beim Bund?

Warum entscheiden sie sich für den Wehrdienst? 
Wir haben drei junge Menschen gefragt:

1.

Peter, 20, war mit 17 beim Bund und macht jetzt eine Ausbildung: 

Mein Vater hat den Wehrdienst verweigert, meine Mutter war skeptisch und mein Opa total dagegen. Als ich dann den Wehrdienst gemacht habe, wollte mein Großvater immer wissen, was los ist und ich glaube, er hat es dann besser verstanden. Auch heute sind meine Eltern noch skeptisch, vor allem wegen der Auslandseinsätze. 

Als ich meinen freiwilligen Wehrdienst angefangen habe, hatte ich noch zehn Monate Zeit bis zur Ausbildung und wollte einfach etwas fürs Leben lernen. Und draußen sein, biwaken, das fand ich einfach interessant. Die meisten meiner Freunde kennen das nicht, vielen ist das Militärische eher fremd. 

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Mit 17 wurde ich beim Bund ernster genommen als außerhalb.
Peter, 20

Ich finde, die richtige Reife man kann nicht so am Alter festmachen. Wichtig ist vor allem, dass die Leute wissen, worauf sie sich einlassen, dass sie nicht nur Ballern wollen. Das ist immer wichtig, egal, wie alt man ist. Mit 17 wurde ich beim Bund ernster genommen als außerhalb. Im Alltag war ich immer 'erst 17' und wurde belächelt. Bei der Bundeswehr ist man einfach Soldat, auch wenn es manchmal natürlich krass ist. 

In unserer Kompanie waren drei oder vier 17-Jährige. Am Anfang gab es extra eine Einweisung für alle, an das Zigarettenverbot haben wir uns aber trotzdem nicht gehalten. Offensichtlich wollte das auch niemand kontrollieren. Ansonsten war die Ausbildung fast wie bei allen – meine Eltern mussten nur oft noch was unterschreiben. Auch wenn ich grundsätzlich für Auslandseinsätze bin, war ich schon froh, dass das noch keine Frage für mich war. 


Dürfen minderjährige Soldaten das Gleiche wie 18-Jährige?

Nein, sie unterliegen einem "besonderen Schutz", wie eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums erklärt. Sie werden weder für den Wachdienst eingeteilt, noch dürfen sie an Auslandseinsätzen teilnehmen. Auch Waffen dürfen sie nur zu Ausbildungszwecken benutzen. Außerdem werden sie besonders beaufsichtigt, wenn sie mit technischen Geräten hantieren. Weiteres Beispiel: Wenn der Truppenarzt die jungen Soldaten impfen soll, braucht es eine Genehmigung der Eltern. 

Gerade bewerbe ich mich wieder beim Bund. Nach meiner Ausbildung in einem Industriebetrieb möchte ich gerne Offizier werden. Wenn alles klappt, bin ich in wenigen Monaten wieder bei der Luftwaffe – dann für voraussichtlich 12 oder 16 Jahre.

2.

Jessica, 17, macht seit kurzem ihre Grundausbildung:

Bislang werden wir von den Vorgesetzten kaum ernstgenommen. Das ist allerdings bei allen Rekruten in der Grundausbildung gleich. Man ist eben erst einmal noch das unterste Glied, egal ob man 17, 20 oder gar 30 ist. Man fängt eben noch einmal bei Null an.

Schon meine Oma und mein Vater waren bei der Bundeswehr, deshalb hat es mich gereizt, das auch zu machen. Meine Eltern sind ziemlich stolz, dass ich jetzt in ihre Fußstapfen trete. Meine Freunde finden das auch gut. Klar sind sie traurig, dass ich jetzt nicht mehr so viel Zeit habe. Aber da ich am Wochenende nach Hause kann, sehen wir uns immer noch regelmäßig.

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Ich würde für keine Beziehung meinen Job bei der Bundeswehr hinschmeißen.
Jessica, 17

Mein Freund hat mich allerdings verlassen, als er gemerkt hat, dass ich das wirklich ernst meine. Klar war ich deshalb traurig. Aber ich würde für keine Beziehung meinen Job bei der Bundeswehr hinschmeißen. 

Wenn man mit 17 fertig mit der Schule ist und noch nicht weiß, wohin man will, kann der freiwillige Wehrdienst eine gute Lösung sein. Selbst wenn man vier Jahre bleibt, kann man mit 21 immer noch einen anderen Weg einschlagen. Außerdem zahlt die Bundeswehr sehr gut. Das Geld reicht, um in den Urlaub zu fliegen oder den Führerschein zu machen.

Angst vor Auslandseinsätzen habe ich nicht. 

Klar ist man aufgeregt, wenn es irgendwann so weit sein sollte. Aber ich bekomme ja eine gute Ausbildung und bin bis dahin gut vorbereitet. Niemand will schießen, aber manchmal gehört es eben auch dazu.

Die andere Seite: Wie es sich anfühlt, wenn die eigene Schwester Soldatin wird

3.

Jonas, 16, bewirbt sich gerade bei der Bundeswehr:

Eigentlich wollte ich Polizist werden. Dann hat es mit der Aufnahmeprüfung nicht geklappt. Jetzt will ich erst einmal zum Bund. Ich hätte ich gerne eine strenge Person in meinem Leben, die mich auch ernst nimmt. Bei der Bundeswehr klappt das vielleicht besser, da kann man nicht mehr auf dem Sofa rumhängen.

Mit meiner Mutter bespreche ich das kaum. Wir leben zu zweit und haben kein gutes Verhältnis. Sie unterschreibt aber alles, was ich ihr mitbringe und legt mir keine Steine in den Weg. Ich will auch zum Bund, damit ich zu Hause endlich wegkomme und mal Distanz kriege.

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Spätestens mit 30 will ich aber nicht mehr beim Bund sein. Mit Mitte 50 findet man ja heute kaum noch was.
Jonas, 16

Natürlich habe ich auch darüber nachgedacht, was es bedeutet, Soldat zu werden. So hart es klingt, aber ich wäre auf jeden Fall bereit, eine Waffe einzusetzen. Allerdings nicht immer. Wenn man zum Beispiel schon weiß, dass es sicher Schüsse und Opfer bei einer Mission gibt, könnte ich nicht mitmachen. Wenn man aber angegriffen wird und sich verteidigt, finde ich das okay. 

Ich will nicht abgeknallt werden. 

Aber Auslandseinsätze gehören eben dazu und ich habe tatsächlich auch Lust darauf. Wenn man nur in der Kaserne bleibt, ist es ja auch langweilig. Ich habe neulich die Youtube-Serie der Bundeswehr gesehen, Mali.

Ich fand das sehr spannend zu sehen, wie die Soldaten in Mali durch die Dörfer fahren und von den Einheimischen begrüßt wurden. Allgemein fand ich, dass die Serie meistens gut gemacht war. Das ist bei uns realistischer als in den USA, man weiß danach mehr. Vor einer Weile gab es dann aber auch so ein Sex-Heft für junge Soldaten, das war mir dann auch zu viel (bento). Die Bundeswehr ist immer noch eine Armee. 

Ich hoffe, dass ich bald anfangen kann und dann schau ich einfach mal. Spätestens mit 30 will ich aber nicht mehr beim Bund sein, sonst wird es schwierig, wenn ich irgendwann meine Dienstzeit beendet habe. Mit Mitte 50 findet man ja heute kaum noch was.


Gerechtigkeit

Irland könnte sein strenges Abtreibungsverbot bald lockern

Im Mai sollen die Iren über eine Reform des bestehenden Abtreibungsverbots abstimmen. Das hat das irische Kabinett am Montag beschlossen.

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