Bild: Jasmin Arensmeier
Wie funktioniert "Marie Kondo" für Gedanken?

Während des Studiums sammelten sie sich auf meinem Schreibtisch, in meinen Taschen und meinem Rucksack: vollgeschriebene Notizzettel. Auf ihnen standen Buchtitel, Lebensmittel, die ich später noch einkaufen wollte, die Namen von Freunden, die ich dringend zurückrufen wollte, Dinge, die ich verliehen hatte und Artzttermine. Informationen, die ich während der Seminare hektisch mitschrieb, verstand ich eine Woche später manchmal selbst nicht mehr.

Meine Notizen funktionierten nicht so, wie ich es gerne gehabt hätte. Das wollte ich ändern. 

Ich stieß im Internet auf die "Bullet Journal Methode" und somit auch auf unzählige Menschen auf Instagram und Youtube, die ihr Leben mit dieser Technik offenbar problemlos im Griff hatten. Mit der Methode soll man durch sinnvolle und minimalistische Notizen schnell Ordnung im Kopf und Ordung am Arbeitsplatz schaffen können. Keine vergessenen Termine, alle wichtigen To-Dos im Kopf und vor allem: nicht überall einzelne Notizzettel oder rätselhafte Mitschriebe. 

"Dieser Lifehack ist KonMari für Ihre rasenden Gedanken", schreibt die Vogue über die Methode. Also Marie Kondo für den Kopf? Alles weg, was nicht wirklich wichtig ist oder Freude macht? 

Was genau ist die "Bullet Journal Methode"?

Die Idee stammt von Ryder Carroll. Er hatte sie schon in der Grundschule: Wegen einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung konnte er sich im Unterricht nur schlecht konzentrieren und suchte nach einer Möglichkeit, seine Gedanken, Aufgaben und Entscheidungen, die er treffen musste, zu ordnen. Er schaffte das durch eine ganz einfache Methode für die man nur zwei Dinge braucht: ein beliebiges Notizbuch und einen Stift (Tedx Talks). Heute ist Carrol 37, Digital Product Designer und lebt in New York (Rowohlt). 

(Bild: Ryder Carroll (Bullet Journal))

Wie funktioniert die Methode konkret?

Für die Notizen gibt es einen "Schlüssel", der festhält, wie das "Bullet Journal" verwendet wird. Der Schlüssel kann, je nach Person und Verwendung des Journals, individualisiert werden, erfüllt aber durch die verschiedene Symbole grundsätzlich folgende Funktionen:

  • "•" steht für eine Aufgabe, die noch zu erledigen ist,
  • "X" zeigt an, dass die Aufgabe erledigt ist,
  • ">" und "<" weisen darauf hin, dass die Aufgabe auf den nächsten Tag, die nächste Woche oder einen anderen Zeitpunkt in der Zukunft verschoben wurden,
  • "–" steht für eine Notiz,
  • "O" für ein Event oder einen Termin,
  • und ein "*" zeigt an, dass eine Aufgabe oder ein Termin besonders wichtig ist.
  • Wurde eine Aufgabe nicht beendet, ist aber auch nicht mehr relevant, streicht man sie einfach durch.

So sieht das dann zum Beispiel aus:

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Klingt kompliziert? Hier erklärt der Autor und Erfinder der Methode selbst, wie einfach sie funktioniert:

"Das 'Bullet Journal' hilft uns dabei, offline zu gehen", erklärt Ryder Carroll bento in einer E-Mail. In einem Notizbuch gäbe es keine digitalen Ablenkungen, die uns davon abhielten, sich mit uns selbst zu beschäftigen. Neben seinem "Bullet Journal" helfen Carroll aber auch andere Dinge, sich zu organisieren:

Ein Zeitplan, Routine und Reflexion. Über etwas zu reflektieren hilft mir, darüber klar zu werden, was ich tue und was mich motiviert.
Ryder Carroll

Aus Minimalismus wird Kunst. 

Eine, die Carrols Methode schon seit ein paar Jahren selbst erfolgreich nutzt, ist Jasmin Arensmeier. Die 32-jährige Bloggerin und Autorin hat 2016 angefangen, ihren Alltag mit der "Bullet Journal Methode" zu organisieren. Mittlerweile hat sie nicht nur neun Notizbücher gefüllt, sondern auch zwei eigene Bücher zum Thema "Bullet Journal" veröffentlicht.

Mich faszinierten ihre künstlerischen und oftmals aufwändig wirkenden Layouts, und brachten mich dazu, mir selbst ein eigenes "Bullet Journal" zuzulegen. Ihr Stil unterscheidet sich auf den ersten Blick deutlich von der ursprünglich minimalistischen Idee des "Bullet Journalings". Geht es ihr um Ordnung im Kopf – oder Likes auf Instagram? bento hat mit ihr gesprochen. 

(Bild: Jasmin Arensmeier)

bento: Wie viel Zeit steckst du in deine Notizbücher?

Jasmin Arensmeier: Im Alltag plane ich etwa 15 Minuten ein, in denen ich die To-Dos für den nächsten Tag plane, Gedanken aufschreibe und die Seiten ausfülle, in denen ich meine Gewohnheiten festhalte. Man sollte sich aber nicht zu viel auf einmal vornehmen, denn genau daran scheitern viele. Das Tolle ist ja, dass man das System flexibel an sich anpassen kann.

bento: Machst du die illustrierten Layouts nur für dich selbst – oder auch für Instagram?   

Jasmin Arensmeier: Für mich. Ich bin mir auch nicht sicher, ob Illustrationen auf Instagram und Co. überhaupt besser ankommen. Ich glaube, viele schätzen es sehr, wenn sie etwas super Einfaches sehen. Aber natürlich freut es mich, wenn ich andere damit inspirieren kann. Wenn man lästige Aufgaben niederschreibt oder zum Beispiel die Periode oder eine chronische Krankheit damit trackt, kann man es damit vielleicht ein bisschen angenehmer machen.

Braucht man diese aufwendigen Layouts überhaupt – geht es bei der "Bullet Journal Methode" nicht um etwas anderes?

Jasmin Arensmeier: Ich glaube nicht, dass es sich widerspricht, denn der Kern der Methode ist die Individualität – gestalterisch und inhaltlich. Es geht darum, durch den persönlichen Schlüssel, Informationen schnell und so gut wie möglich zu verarbeiten. Aber weil es so persönlich ist, hat einfach jeder seinen ganz eigenen individuellen Zugang. Und der ist bei manchen eben super kreativ

Aufgaben planen, Gewohnheiten tracken oder Zeitfresser erkennen – so sehen Jasmins Layouts zum Beispiel aus:

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Hat die Methode etwas in deinem Leben verändert? 

Jasmin Arensmeier: Auf jeden Fall. Für mich ist die Methode nicht nur eine Technik für mehr Produktivität, sondern auch ein Werkzeug, um achtsamer zu sein. Natürlich bin ich deswegen auch besser organisiert, aber es hilft mir besonders dabei, mir Zeit für mich zu nehmen. Das ist mein Weg zu mehr Kreativität und Entspannung.

Bist du denn jetzt immer top organisiert?

Jasmin Arensmeier: Ich würde gerne sagen: Ja. Aber ich denke, ich bin auf einem guten Weg. Von außen wirkt es wahrscheinlich sehr organisiert – denn man bekommt ja nicht mit, wenn doch mal was schiefläuft. Und das passiert natürlich manchmal.

Benutzt du nur noch das "Bullet Journal" – oder auch einen digitalen Kalender?

Jasmin Arensmeier: Ich habe zusätzlich noch einen digitalen Kalender in meinem Handy, den ich immer dann nutze, wenn ich ganz wichtige Termine oder Deadlines habe, die mit meiner Arbeit zu tun haben. Leider kann mein Notizbuch bis heute noch nicht klingeln und mich an etwas erinnern. Aber wenn ich meine "Bullet Journals" im Regal sehe, ist das ein tolles Gefühl.

Ich testete die Methode – aber mir wurde der Aufwand irgendwann zu viel.

Obwohl ich, wie Jasmin, zunächst viel Spaß an meinem "Bullet Journal" hatte, verlor ich bald die Lust. Ich nahm mir zu schnell zu viel vor. Mein erster Versuch, ein "Bullet Journal" zu führen, dauerte deshalb auch nur ein halbes Jahr. Während des Alltags schaffte ich es nicht mehr, die Layouts sauber vorzuzeichnen oder vergaß abends, dass ich noch meine Gewohnheiten eintragen wollte. Verschrieb ich mich oder zeichnete eine Linie falsch ein, war ich genervt. Die Folge: Frustation. Denn natürlich wollte ich, dass mein "Bullet Journal" genau so schön war wie alle anderen auf Instagram.

Hätte ich den Fokus mehr auf den Inhalt und nicht auf die Gestaltung gelegt, so wie es auch Jasmin für stressige Phasen empfiehlt, hätte ich das Journal vielleicht weitergeführt. Aber obwohl ich aufhörte, kleine Icons auf gepunktete Seiten zu malen und Wochentage in schönstem Handlettering aufs Papier zu schreiben, behielt ich Carrolls Methode doch bei. Seit ich die "Bullet Journal Methode" kennengelernt habe, verfasse ich meine Aufgaben, Notizen und Terminübersichten ausschließlich so. Zu Beginn habe ich es nicht einmal gemerkt, aber meine Prioritäten und To-Dos auf diese Weise zu ordnen, wurde zur praktischen Gewohnheit. 

In meinem Planer nutze ich die Methode mittlerweile so, wie es für mich am besten passt – minimalistisch –, für die Arbeit halte ich Gedanken und Informationen mit Punkten, Strichen und anderen Symbolen in einem extra Notizbuch fest. Heute sind diese Notizen viel übersichtlicher und besser verständlich als früher. 

Ist der Kopf jetzt aufgeräumt und alle Gedanken sortiert?

Trotz Planer und Notizbuch verwende ich ab und zu immer noch Notizzettel. Aber auch die funktionieren mit der "Bullet Journal Methode" besser als früher. Wenn ich am Wochenende am Frühstückstisch sitze und den Kopf einfach nicht freikriege, schreibe ich alles mit Punkten und Symbolen auf. So kommt Ruhe in kreisende Gedanken, ohne dass ich befürchten muss, etwas zu vergessen. Später nehme ich mir dann einen Moment Zeit und übertrage die Dinge, die wirklich wichtig sind, in meinen Kalender. 

Und das ist tatsächlich ein wenig so, als hätte Marie Kondo persönlich gerade etwas Ordnung in meinem Kopf geschaffen. 

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