Zehntausende Menschen übertreten jeden Tag die Grenze von Nordirland nach Irland – und kehren wieder zurück (House of Commons). Auf dem Weg zur Arbeit, zur Schule oder um ihre Freunde und Familie zu besuchen.

Noch ist die Grenze unsichtbar, es gibt keine Mauern, Zäune oder Kontrollpunkte, die den Übergang erschweren. 

Das könnte sich bald ändern, wenn Großbritannien – voraussichtlich Ende März 2019 – aus der Europäischen Union austritt und Nordirland als Teil des Vereinigten Königreichs mitnimmt

Ob es zu einer "harten Grenze" zwischen Irland und Nordirland – mit sichtbaren Kontrollen – kommen wird, oder ob sich die Brexit-Verhandlerinnen und Verhandler für eine "weiche Grenze" entscheiden werden, ist noch ungewiss. 

Eines ist jedoch klar: Zwischen Irland und Nordirland endet bald die Europäische Union. 

(Bild: SPIEGEL ONLINE)

Was denken junge Nordiren über ihre Zukunft außerhalb der EU? Wie trifft der Brexit sie persönlich? Befürchten sie eine harte Grenze? 

Wir haben mit vier jungen Nordirinnen und -iren gesprochen.

Nordirland-Konflikt

Die Aussicht auf eine "harte" Grenze ruft bei vielen Irinnen und Iren schmerzhafte Erinnerungen an den Nordirland-Konflikt hervor. Von 1968 bis 1998 tobte in Nordirland ein blutiger Kampf, zwischen militanten protestantischen und katholischen Gruppen. Auch die britische Armee wurde Teil der Auseinandersetzung. Es gab Attentate und Straßenkämpfe, 3600 Menschen verloren ihr Leben (Sutton Index of Deaths).

In dem Konflikt ging es kaum um Religion, die Unterscheidung in katholisch und protestantisch war schlicht das einfachste Mittel, nationale Zugehörigkeiten zuzuschreiben. Während katholische irischstämmige Gruppen eine Vereinigung mit der Republik Irland forderten, wollten britischstämmige protestantische Gruppen eine Union mit Großbritannien. 

Das Karfreitagsabkommen brachte den Kompromiss, Nordirland als Teil des Vereinigten Königreichs anzuerkennen, solange die Mehrheit der Menschen dies will und eine Wiedervereinigung mit der Republik Irland als Zukunftsoption bleibt.

Matthew Robinson, 17, aus einem Vorort bei Belfast

Meine Generation der unter 20-Jährigen hat die Gewalt nie selbst erlebt. Wir sehen Vielseitigkeit nicht als Gefahr, sondern als Chance. Die Europäische Union hat dazu beigetragen, Unterschiede zu überbrücken. Für uns als Post-Konflikt-Generation sind Religionszugehörigkeit und nationale Identität nicht so wichtig. Ich selbst habe mich immer gleichzeitig britisch und irisch gefühlt. Oder einfach europäisch, damit konnte ich beides sein. Durch den Brexit wird mir meine europäische Identität genommen.

Obwohl wir am längsten vom Brexit betroffen sein werden, hatten wir als Post-Konflikt-Generation beim Brexit-Referendum kein Mitspracherecht – wir waren noch zu jung, um zu wählen. Spätestens jetzt sollten uns die Politikerinnen und Politiker aber ernst nehmen. Jugendlichen wird oft zu wenig zugetraut. Dabei haben wir einen wichtigen Beitrag zur Diskussion zu leisten und verdienen es, gehört zu werden. 

In einer  Konferenz habe ich mich mit anderen jungen Leuten deshalb zum Beispiel für den Schutz von Kindern mit Migrationshintergrund eingesetzt, weil wir befürchten, dass sie nach dem EU-Austritt mit mehr Diskriminierung zu kämpfen haben. Außerdem haben wir für den Erhalt des Erasmus-Austauschprogramms plädiert und uns dafür ausgesprochen, dass nach dem Austritt keine Roaming-Gebühren für Anrufe nach Irland und andere EU-Länder anfallen. 

Jugendliche in Nordirland Irland sollten sich zusammentun. Nur so haben wir bessere Chancen, etwas zu verändern.

Doire Finn, 23, aus einem Grenzort bei Newry

Wenn ich Freunde besuche, die ein paar Dörfer weiter in der Republik Irland wohnen, bemerke ich bislang nur an veränderten Verkehrsschildern, dass ich eine Grenze überschreite und mich in einem anderen Land befinde. Für mich war die Grenze zwischen Irland und Nordirland immer unsichtbar.

Seit dem Brexit habe ich Angst, dass die Gewalt an der Grenze wieder aufflammt, dass es wieder Zustände wie zu Zeiten des Nordirlandkonflikts gibt, dass Menschen erschossen werden.

Nordirland hat in den vergangenen zwanzig Jahren so viel erreicht. Wenn ich meine kleinen Nichten und Neffen ansehe, ist meine größte Angst, dass sich die Situation wieder verschlechtert.

Der Brexit wird wahrscheinlich die größte politische Entscheidung unseres Lebens, da müssen wir mitbestimmen. Auch die Menschen in Nordirland haben eine Stimme. Und besonders die jungen Menschen. Deshalb habe ich die Bewegung "Our Future, our Choice" mitgegründet. Wir wollen entscheiden können, ob der von Theresa May ausgehandelte Deal gut genug für unser Land ist und setzen uns für ein neues Referendum ein, um über den finalen Brexit-Deal abstimmen zu können. 

Jamie Pow, 26, aus Lisburn, lebt in Belfast

Nordirland hatte schon immer eine gespaltene Gesellschaft: Die, die sich britisch fühlen und jene, die sich irisch fühlen.

Die Frage, ob Nordirland weiterhin zu Großbritannien oder der Republik Irland gehören soll, verlor nach dem Karfreitagsabkommen an Bedeutung. Frieden und Stabilität war lange wichtiger. Jetzt steht diese Option aber wieder zur Diskussion.

Vor dem Brexit haben viele Nordiren wirtschaftliche Vorteile in der Union mit Großbritannien gesehen. Nach dem Austritt aus der EU könnte sich die wirtschaftliche Situation Großbritanniens aber verschlechtern, weshalb immer mehr Menschen offen für die Idee eines vereinten Irlands sind.

Niemand weiß, was der Brexit bringen wird. Es wäre falsch, Mutmaßungen anzustellen. Auch vor Beginn des Nordirlandkonflikts hat kaum jemand erwartet, dass die Situation in Gewalt umschlagen würde. Gewaltakteure nutzten die Situation aus. Wir brauchen jetzt vor allem Politiker, die Stabilität fördern – damit Paramilitärs die Situation nicht erneut ausnutzen. 

Andrew Nowell, 21, Jura-Student aus Belfast

Inzwischen ermüdet mich das ganze Gerede um den Brexit. Es weiß einfach noch niemand, was auf uns zukommen wird. Ich habe für den Brexit gestimmt. Im EU-Austritt sah ich die Chance, dass Großbritannien wieder unabhängig vom Einfluss der anderen Mitgliedstaaten wird. Mittlerweile glaube ich nicht mehr daran, dass der Brexit ein Erfolg wird. Die Politikerinnen und Politiker haben diese Chance vertan.

Durch den EU-Austritt wird sich nicht viel ändern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es zu einer harten Grenze kommt. Das wäre weder im Interesse von Großbritannien noch im Interesse der EU.

Es gibt viel Panikmache. Auf irisch-republikanischer Seite wird die Sorge verbreitet, dass die Katholiken in Nordirland durch den Brexit von der Republik Irland abgeschnitten werden. Auf protestantisch-unionistischer Seite wird die Angst verbreitet, dass eine harte Grenze zu einer Abstimmung um die Angliederung Nordirlands an Irland führen wird.

Die größte Gefahr ist, dass Menschen aus Angst wählen. Aber ehrlich gesagt haben wir in Nordirland wichtigere Probleme als den Brexit: Seit bald zwei Jahren haben wir keine Regierung. Wegen eines Streits zwischen den beiden Regierungspartnern, der protestantischen, probritischen DUP (Democratic Unionist Party) und der katholischen, nationalistischen Sinn Féin ist die Regierung zerbrochen, seitdem hat das Kabinett nicht mehr getagt – das ist wesentlich dringender.

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Gerechtigkeit

"Irgendwann hab ich angefangen zu heulen": Jerome Boateng über Rassismus in Deutschland
"Es gibt Orte, an die ich meine Töchter auf keinen Fall lassen würde."


Er wurde in seiner Karriere rassistisch beschimpft, beleidigt und bespuckt. Als Kind, aber auch heute hat er noch darunter zu leiden. Das erzählt der deutsche Fußball-Nationalspieler Jérôme Boateng in dem nach ihm benannten Magazin "Boa", das am Samstag zum ersten Mal erscheint. (SPIEGEL ONLINE)

"Wenn ich mich am Rand des Spielfelds warm mache, höre ich öfter, wie Zuschauer Affenlaute von der Tribüne brüllen, obwohl ich für Deutschland so viele Spiele bestritten habe", sagt Boateng in dem Doppelinterview, in dem der 30-Jährige gemeinsam mit Herbert Grönemeyer vor allem Fragen zur gesellschaftlichen Stimmung in Deutschland beantwortet.

Wie entwickle sich der Rassismus gerade in Deutschland?

Das Land ringe mit sich, sagt Boateng dazu. Die Flüchtlingskrise in Europa werde in seinem Freundes- und Kollegenkreis nach wie vor viel diskutiert. "Immer wieder kommen wir auf das gleiche Thema: Was machen wir mit den vielen Menschen, die zu uns kommen? Und welche Folgen ergeben sich daraus?"