Bild: Imago/Schöning
Wie es ist, bei einer arbeitslosen Mutter aufzuwachsen

Mein bester Freund Philipp und ich warteten im Wohnzimmer auf unsere Strafe. Keine Ahnung, was wir damals wieder ausgefressen hatten, aber an eines erinnere ich mich noch sehr gut: Philipps Mutter gab sofort mir die Schuld. 

Ich hätte Philipp mal wieder auf dumme Ideen gebracht, warf sie mir vor. Was sie eigentlich meinte: Das verzogene Arbeitslosenkind von gegenüber hat einen schlechten Einfluss auf ihren Jungen. Ein Stempel, den ich auch 20 Jahre später noch nicht losgeworden bin.

Die Union und die SPD haben sich in ihren Koalitionsverhandlungen gerade auf ein Bildungspaket geeinigt. Geplant sind zwei Milliarden Euro für den Ausbau von Ganztagsschulen und bessere Betreuungsangebote, eine Milliarde für eine Bafög-Reform. 

Der SPD-Politiker Hubertus Heil verkauft es als "großen Durchbruch für gerechte Bildungschancen in Deutschland". Die Wahrheit ist: Das ist ein Witz. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer, ja, fast schon unmöglich es ist, in Deutschland nur mit der eigenen Leistung aufzusteigen.

Viele Schüler schaffen es nicht nach oben, weil ihre Eltern nicht studiert haben – oder weil sie arbeitslos sind.

Auch Untersuchungen wie die PISA-Studie rügen regelmäßig Deutschlands ungerechtes Bildungssystem. Lehrer und Behörden sortieren immer wieder Schüler aus, weil deren Eltern vielleicht schlecht Deutsch sprechen, weil sie in kleinen Mietwohnungen leben ohne Bücherregal, Zeitungsabo und Theater-Dauerkarte. Viele Schüler schaffen es nicht nach oben, weil ihre Eltern nicht studiert haben – oder weil sie arbeitslos sind.

Ich bin bei meiner arbeitslosen und alleinerziehenden Mutter aufgewachsen. Zu meinem Vater hatte ich keinen Kontakt. Politiker würden das "sozial benachteiligt" nennen. Ich nenne es arm und ausgegrenzt.

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Geld war bei uns zu Hause immer knapp. Egal ob Spielzeug, Kleidung oder Schulsachen – jede noch so kleine Anschaffung mussten wir zusammenkratzen. Einmal brauchten wir im Matheunterricht einen Zirkel, rund 12 Euro hat er gekostet. Meine Mutter konnte ihn mir in dem Moment nicht kaufen, ein Freund lieh mir seinen.

In der Schule erlebte ich auch meinen ersten großen Urlaub: Es war unsere Abschlussfahrt nach Ungarn. Vom Amt bekam ich dafür einen kleinen Zuschuss, doch war der so knapp, dass ich für jede Pizza, jedes Bier in der Bar dreimal kalkulieren musste, ob mein Budget reicht. Ein demütigendes Gefühl.

Dieses Gefühl der Ausgrenzung geht weit über das Finanzielle hinaus. Die meisten bemitleideten entweder das arme Kind in mir oder verachteten mich als Balg der Arbeitslosen. Nur wenige sahen mich als Menschen. Eine Erfahrung, die mich bis heute prägt. Noch immer versuche ich aus Gewohnheit, jedem Stärke zu beweisen, um Mitleid und Verachtung vorzubeugen.

Die meisten bemitleideten entweder das arme Kind in mir oder verachteten mich als Balg der Arbeitslosen.

Viele Politiker sprechen von den großen Aufstiegschancen, wenn man sich nur genügend anstrengt. Vermutlich ahnen sie nicht, wie viel Anstrengung wirklich dahintersteckt. Sonst würde ihnen das nicht so leicht über die Lippen gehen. 

Wie sollte mir meine Mutter als gelernte Krankenschwester bei Vektorrechnung und lateinischem Konjunktiv weiterhelfen? Woher sollte ich Geld für Nachhilfe nehmen? Um mir insgesamt mehr leisten zu können, trug ich irgendwann Zeitungen aus. Ein Teil meines Verdienstes wurde aber meiner Mutter vom Hartz IV wieder abgezogen. 

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Leistung lohnt sich eben nicht für jeden. 

Mir ist trotzdem gelungen, woran viele Arbeiterkinder in Deutschland immer noch scheitern: Ich habe es an die Uni geschafft. Und ja, natürlich hat mir das Bafög im Studium geholfen. Auch wenn darin viele Kosten nicht berücksichtigt sind, eine Mietkaution zum Beispiel.

Ein Freund sagte mir mal, wie stolz er sei, dass er sich für sein Studium nicht verschulden muss. Mich macht das wütend. Liegt es doch nicht an seinem Fleiß, sondern am Geldbeutel seiner Eltern. Kein Grund sich zu schämen, aber wer darauf stolz ist, hat keine Ahnung, was Ungleichheit bedeutet

Das Verhältnis zu meiner Mutter war schwierig. Finanziell versuchte sie mich immer zu unterstützen – so gut sie es eben konnte. Sie hat dafür auch selbst oft zurückgesteckt. Doch die Arbeitslosigkeit hat meine Mutter apathisch werden lassen. Keine gemeinsamen Ausflüge oder Aktivitäten. Auch emotional ließ sie mich allein. Das machte es nicht leichter.

Ich habe es nicht nur an die Uni geschafft, sondern mein Studium inzwischen beendet. Mit der Abschlussnote 1,5. Das lag sicher auch an meinem Willen aufzusteigen, aber ich hatte auch Glück. Ein paar wenige Menschen in meinem Umfeld haben mich gefördert und unterstützt. Mein Tante zum Beispiel, indem sie mir viele Bücher vorlas. Oder mein Onkel, der mit mir viel über Geschichte und Politik sprach.

Was ist mit all den Kindern, die kein Glück haben?

Ein paar Euro aus einem Bildungspaket von Union und SPD werden ihnen nicht helfen. Es braucht große Reformen, aber auch ein gesellschaftliches Umdenken. Denn solange es Menschen gibt wie die Mutter meines damaligen besten Freundes – Menschen, die mich als asozial abstempeln und ausgrenzen, nur weil ich arm bin – solange werden es diese Kinder nicht allein nach oben schaffen. 


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